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Winternothilfe am Dortmunder U: 200 Ehrenamtliche füllen Frühstücksbeutel und teilen Abendessen aus

Sieben Tage die Woche kümmern sich Ehrenamtliche um die Versorgung von Obdachlosen. Fotos: Alex Völkel

Sieben Tage die Woche kümmern sich Ehrenamtliche um die Versorgung von Obdachlosen. Fotos: Alex Völkel

Von Susanne Schulte

Die Hälfte der Freiwilligen steht ein wenig verloren herum, die anderen gehen zielgerichtet zu den Spinden, hängen ihre Jacken auf und stellen sich zu den Neuen: Es ist Schichtbeginn an diesem Freitag im Zelt der Winternothilfe neben dem U. Kathi Busch kommt mit einer Kiste FFP2-Masken, jede*r nimmt sich eine, tauscht die Alltagsmaske gegen die medizinische. Dann wird bei allen Fieber gemessen. Niemand scheint krank zu sein. Bernd Büscher fragt die etwa 15 Männer und Frauen, wer was machen möchte: Suppe auffüllen oder Getränke ausschenken, Eingangskontrolle vornehmen oder die Gäste zählen, Tische desinfizieren oder im Gasthaus gleich gegenüber die Kannen mit dem Kaffee und dem heißen Wasser holen. Keine zwei Minuten später ist alles organisiert. Eine knappe Stunde Zeit ist noch, bis die Tür für die Gäste aufgeht. „Reicht die Zeit?“, fragen die neuen Helfer*innen. „Meist sind wir viel früher startklar“, antworten die erfahrenen.

Der Ablauf ist derart gut organisiert, dass alle Neuen in Nullkommanichts wissen, was sie zu tun haben 

Teambesprechung - die Aufgaben werden verteilt und Neue eingewiesen.

Teambesprechung – die Aufgaben werden verteilt und Neue eingewiesen.

So gut organisiert wie jede Schicht ist, so gut organisiert ist auch die Zusammenarbeit von Kana, Gast-Haus, Wärmebus, bodo und Stadt. In dem beheizten Zelt haben 70 Personen an den Einzeltischen Platz, vor dem Zelt stehen Toilettenanlagen, Ein- und Ausgang liegen in entgegengesetzten Richtungen, das fließende Wasser kommt aus Kanistern.

Seit Anfang November servieren jeden Tag in der Woche Ehrenamtliche in diesem Zelt kostenlos Frühstück und Abendessen. Wegen der Infektionsgefahr verlegten Vereine und Einrichtungen der Obdachlosenhilfe im Sommer ihre Angebote ins Freie. Da aber niemand im Winter bei Temperaturen um die null Grad die warme Mahlzeit draußen verzehren soll, fand man gemeinsam die Lösung mit dem Zelt.

Fürs Frühstück ist an allen sieben Tagen das Gast-Haus zuständig, für Freitag und Samstag kocht Kana den Eintopf und leitet das nachmittägliche Helfer*innenteam, an den anderen Tagen sind die Frauen und Männer vom Wärmebus (organisiert wird er ehrenamtlich vom Malteser Hilfsdienst, der Katholischen Stadtkirche und der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft) im Einsatz. Bodo hat während der Zeit die komplette Teamleitung im Hygienezentrum an der Leuthardstraße übernommen.

Die Gründe für den Einsatz der Freiwilligen sind so vielseitig wie es auch die Arbeit ist 

Zwei Schichten pro Tag mit 15 Freiwilligen, das macht 210 Personen. „Auf unseren ersten Aufruf hin haben sich 200 Menschen gemeldet“, sagt Bernd Büscher von Kana. „Ja, das hat uns angenehm überrascht.“

Manche kommen einmal in der Woche zum Helfen, manche alle vierzehn Tage. „Wir sind beide in Rente und können ja zurzeit nicht wegfahren“, erzählt eine Frau und zeigt auf ihren Mann, der ebenfalls hilft. „Deshalb wollten wir etwas Sinnvolles tun.“

Einige freuen sich, nach Tagen im Heimbüro einmal unter Menschen zu kommen, andere ersetzen den freitäglichen Stammtisch mit dem Einsatz von Tisch zu Tisch im Zelt. Und dann gibt es die, die so wieso schon immer ehrenamtlich bei Kana gearbeitet haben.

Ein besonderes Ereignis: Geburtstag im Kreis von 15 – maskierten – Gratulant*innen

Olaf ist zum wiederholten Male freitags dabei, puzzelt die Plastikteller auseinander, setzt sie erneut ineinander, aber diesmal mit versetzten Henkeln. „Dann hat man sie später schneller in der Hand.“

Auch das eine Erfahrung, die man machen musste. Olaf hat zwei Neue unter seine Fittiche genommen, man plaudert entspannt bei der Arbeit.  Später schöpft er die Suppe in den Teller.

Vorher nimmt er Glückwünsche entgegen. Er hat Geburtstag, die ganze Truppe singt hinter den Masken und Olaf wird später sagen können, er habe im Kreis von mindestens 15 Leuten Geburtstag gefeiert – und das zu Zeiten der Kontaktbeschränkung.

Drei Getränkewagen sollen heute – zumindest am Anfang – durch die Gänge geschoben werden, überlegt Kathi Busch, die für Kana die Teamleitung übernommen hat. Am Freitag zuvor waren zwei zu wenig, da innerhalb von einer guten Stunde 180 Gäste kamen, aßen und gingen.

Wer Fieber hat, muss draußen bleiben – Das gilt auch für die Helfer*innen

Fiebermessen gehört in Pandemie-Zeiten dazu.

Fiebermessen gehört in Pandemie-Zeiten dazu.

70 Personen können zur selben Zeit Platz nehmen. Niemand wird gedrängt zu gehen. Und die, die draußen noch warten müssen, stehen wie Engländer*innen in einer korrekten Schlange, immer 1,50 Meter von dem Vordermann, der Vorderfrau entfernt.

Kaum stehen und liegen auf den Getränkewagen Wasser und Saft, Becher und Milch, Servietten, Zucker, Löffelchen, Teebeutel und Kuchen, auf den Essenwagens Löffel, Brot und Maggiflaschen, kommt schon die Truppe aus dem Gasthaus mit den gefüllten Thermoskannen.

Die Wagen sind startklar, die Zweierteams auch. Nachdem die Suppe in den Wärmebehältern angeliefert und ausgeladen wurde, kann es losgehen. Kurz vor halb fünf dürfen die Gäste ins Zelt. Wer keine Maske trägt, erhält keinen Eintritt, bekommt aber Suppe und Kaffee nach draußen gebracht.

Wer Maske trägt, kommt hinein, muss bei sich, durch ein Loch in einer Plexiglasplatte, Fieber messen lassen und sich anschließend die Hände am Spender desinfizieren. Wer Fieber hat, bleibt vor dem Zelt. Da gibt es keine Ausnahme.

Alles wird am Tisch serviert: Getränke und Suppe genauso wie das Wasser für den Hund

Am Tisch dann wählen die Gäste ihre Getränke vom Getränkewagen aus, bekommen den Eintopf serviert, nehmen gerne den Kuchen, fragen ab und zu nach fleischlosen Suppen, die häufig ebenfalls im Angebot sind. 

Ein Nachschlag ist immer drin, und wer eine Portion mit nach Hause nehmen möchte, bekommt diese ebenfalls an den Tisch gebracht. Auch der Hund wird nicht übersehen. Zumindest eine Suppenschale Wasser ist selbstverständlich.

Besucher*innen, die sich kennen, aber nun ja nicht zusammensitzen dürfen, versuchen zumindest Tische nebeneinander auf einer Höhe zu ergattern. Oft klappt das, häufig aber nicht – je nachdem wie voll es gerade ist.

Alle Gäste räumen nach dem Essen ihren Tisch selbst ab und werfen das Einweggeschirr in den Müll

Hält die Gäste nichts mehr im Zelt, räumen sie ihren Abfall beim Gehen in die Mülltüten am Ausgang. Nun beginnt der Einsatz der Helfer*innen mit dem Desinfektionsmittel. Tisch besprühen, Stuhl umdrehen, Stuhl besprühen, eine Minute warten, alles trockenwischen und Stuhl wieder umdrehen und mit der Lehne an den Tisch kippen. Jeder Gast weiß: Hier ist jetzt ein desinfizierter freier Platz.

An diesem Freitag ist wenig Betrieb. Anfang des Monats reicht das Geld noch bei vielen. „Letzte Woche hatten wir 60 Personen mehr in der ersten Stunde“, sagen die Frauen am Eingang, die Fieber messen und zählen.

Die Getränkewagen-Truppen haben nach dem ersten Schwung von Gästen wenig zu tun. Ein Wagen kann abgeräumt werden. Wer sich jetzt überflüssig fühlt, geht schon mal ins Gast-Haus zum Spülen.

Bis halb acht können die Gäste kommen. Dann wird aufgeräumt, der Bereich hinter dem Tresen saubergemacht. Stühle müssen ab sofort nicht mehr hochgestellt werden. Das macht ein professioneller Reinigungstrupp, den die Stadt bezahlt.

Wer mithelfen will, meldet sich unter der zentralen Mailadresse der Winternothilfe

Bevor die Helfer*innen die Schicht beenden, fragt Andrea Goodall von Kana alle ab: „Willst du wiederkommen? Jeden Freitag! Wenn du nicht kannst, schickst du mir eine SMS.“ Die einen kommen in zwei Wochen wieder, die anderen schon am nächsten Tag.

Das Zelt wird bis Ende März 2021 neben dem U stehen. Das sind noch dreieinhalb Monate – eine lange Zeit. Helfer*innen sind immer willkommen. Die Anmeldungen der Freiwilligen werden unter der zentralen Email-Adresse mitmachen@winternothilfeamu.org angenommen. Die Frühschichten beginnen um 7 Uhr und enden um 12 Uhr. Die Nachmittagsschichten beginnen um 15.30 Uhr und dauern bis 20 Uhr.

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2 Gedanken über “Winternothilfe am Dortmunder U: 200 Ehrenamtliche füllen Frühstücksbeutel und teilen Abendessen aus

  1. HELLWEG unterstützt die Winternothilfe am U mit 20.000 Euro (Pressemitteilung bodo e.V.)

    HELLWEG unterstützt die Winternothilfe am U mit 20.000 Euro

    Wohnungslose Menschen sind durch die Corona-Pandemie stark betroffen. Die meist nur eingeschränkte Öffnung von Tagesaufenthalten oder Essensausgaben sorgt dafür, dass besonders im Winter vielerorts Angebote fehlen. In Dortmund schließt die Winternothilfe am U eine Versorgungslücke für Wohnungslose – und hat jetzt große Unterstützung durch HELLWEG erfahren. Bundesweit 100.000 Euro spendet das Bau- und Gartenmarktunternehmen an Organisationen zur Unterstützung von obdachlosen Menschen – 20.000 Euro davon kommen Dortmunder Einrichtungen zu Gute.

    In Dortmund ist rechtzeitig zur kalten Jahreszeit die „Winternothilfe am U“ an den Start gegangen. Ein 600 Quadratmeter großes Zelt am U-Turm ermöglicht es obdachlosen Menschen, unter Einhaltung von Corona-Schutzmaßnahmen, zweimal täglich eine Mahlzeit im Warmen zu sich zu nehmen. Saubere Toiletten stehen ebenfalls zur Verfügung.

    Bei dem Projekt handelt es sich um eine Kooperation der Organisationen bodo e.V., Gast-Haus Ökumenische Wohnungslosen-Initiative e.V., Kana – Dortmunder Suppenküche e.V., dem Dortmunder Wärmebus und der Stadt Dortmund.

    „Das Corona-Virus trifft gerade die Schwächsten in der Gesellschaft, wie Obdachlose, außergewöhnlich schwer. Als familiengeführtes Unternehmen sehen wir es als unsere Pflicht, Menschen zu unterstützten, die keine Chance haben, durch eine familiäre oder berufliche Gemeinschaft durch diese Krise zu kommen. HELLWEG liegt es daher besonders am Herzen, hier unmittelbare und schnelle Hilfe zu leisten“, so HELLWEG Sprecherin Catherina Tamler: „Unsere Dortmunder Spende in Höhe von 20.000 Euro fließt über die Kooperationspartner direkt in das Projekt – und kommt damit geradewegs dort an, wo es dringend benötigt wird.“

    Vor Ort am U-Turm fand jetzt die Übergabe des Spendenschecks durch die Marktleitungen der Dortmunder HELLWEG Märkte an Verantwortliche von bodo, Gast-Haus, Kana und dem Wärmebus statt, die sich über das große Engagement und die großzügige Spende sehr freuen.

  2. DIE NACHBARSCHAFTSHILFE AM DORTMUNDER U WIRD GROßGESCHRIEBEN - Gast-Haus dankt dem FZW-Team (PM Gast-Haus e.v.)

    DIE NACHBARSCHAFTSHILFE AM DORTMUNDER U WIRD GROßGESCHRIEBEN – Gast-Haus dankt dem FZW-Team

    Als der Winter in Dortmund einzog und die Minustemperaturen dauerhaft in den zweistelligen Bereich absackten, wurde die Hilfsbereitschaft im Quartier unter dem Dortmunder U großgeschrieben.

    Seit dem 16. November 2020 wird die „Winternothilfe am U“ zur Essensversorgung von Obdachlosen
    von den vier Vereinen/Organisationen Gast-Haus e.V., Bodo e.V., Kana Suppenküche e.V. und Team
    – Wärmebus sowie mit Hilfe von vielen ehrenamtlichen Helfer*innen durchgeführt. Die Stadt Dortmund stellt hierfür das Zelt und leistet finanzielle Unterstützung für den Toilettenwagen und den dafür nötigen Reinigungsdienst.

    Mit dem Wintereinzug vereisten die Wasserleitungen des Toilettenwagens so sehr, dass dieser
    unverzüglich geschlossen werden musste. Doch Hilfe kam prompt. Das nahegelegene FZW bot direkt
    seine Unterstützung in dieser Notlage an und stellte seine WC-Anlagen kostenlos für die Gäste des Zeltes zur Verfügung. „Diese spontane Solidarität im Quartier ist großartig. Wir danken dem FZW sehr für diese unmittelbare und unkomplizierte Unterstützung, die uns in unserer Notlage sehr geholfen hat“, so Henrich Bettenhausen, 1.Vorsitzender des Gast-Hauses.

    Auch die Stadt Dortmund hat an dieser Umstellung mitgewirkt und den Reinigungs- und Securitydienst umgeleitet. Heute werden die Frostschäden am WC-Wagen beseitigt, so dass die Gäste ab morgen die Toiletten vor Ort am Zelt wieder nutzen können. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie vor fast einem Jahr stehen „stille Orte“ den Obdachlosen kaum mehr zur Verfügung. Öffentlich zu benutzende WC-Anlagen sind seitdem geschlossen.

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