Nordstadtblogger

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (1): Markante Gebäude prägen das urbane Gesicht des Ruhrgebiets im öffentlichen Raum

Ansicht der Union-Brauerei vom Gelände des Hauptbahnhofs. Foto: Archiv Gerber Architekten, ca. 1990

In unserer neuen Serie »Stadt-Bauten-Ruhr« beschäftigen wir uns mit prägnanter Nachkriegsarchitektur im öffentlichen Raum des Ruhrgebiets, schwerpunktmäßig in Dortmund. Es geht um Kirchen, Rathäuser, Museen, Theater, Universitäten u.a., die einer ansonsten von Schwerindustrie geprägten Region urbane, ja fast mondäne Gesichter verleihen sollten. Mit einem überraschenden Resultat: Geformt im 20. und 21. Jahrhundert, ist heute der Landstrich zwischen Rhein und Ruhr der mit den meisten Kulturbauten in der Bundesrepublik wie in Europa, wahrscheinlich sogar weltweit. So zumindest die Herausgeber*innen eines fast 400 Seiten starken Konvoluts, welches die Grundlage unserer mehrteiligen Beitragsreihe bildet.

»Und so etwas steht in Gelsenkirchen…« – Kultur@Stadt_Bauten_Ruhr

Der Band aus dem Dortmunder Verlag Kettler mit dem Titel »Und so etwas steht in Gelsenkirchen…« ist Zwischenresultat von »Stadt-Bauten-Ruhr«. Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und seit September 2020 als Ausstellung im Essener Museum Folkwang präsentiert, geht es in dem Projekt um Spannungsverhältnisse: Was mag es in „Gelsenkirchen“ (als Symbol einer vom Arbeitermilieu geprägten Kultur) eigentlich noch geben?! – Nix!, lautet die oberflächliche Antwort. ___STEADY_PAYWALL___

Doch nun hat Verwunderung statt: über so viele bedeutende Stadtbauten zwischen Rhein und Ruhr. »Baukultur und Bild der Ruhrgebietsstädte scheinen nicht recht zueinander zu passen«, heißt es in dem Band. Es ist diese Diskrepanz zwischen Faktizität und Wahrnehmung, welche den Ausgangspunkt des BMBF- Forschungsprojekts bildeten. Realisiert seit 2018 durch eine Kooperationsgemeinschaft der Technischen Universität Dortmund, dem Baukunstarchiv NRW sowie dem Museum Folkwang.

Die jeweiligen Texte aus dem mit zahlreichen Bildern aus Archivbeständen des Baukunstarchivs NRW illustrierten Band übernehmen wir – leicht gekürzt […] und zum Zwecke besserer Lesbarkeit teils mit eingefügten Zwischenüberschriften versehen – ansonsten wörtlich.

Sie vermitteln beispielhaft Geschichte und Funktion herausragender Bauten inmitten von Stätten der Industriegesellschaft, die eigentlich immer irgendwie rußgeschwärzt sein müssten. Und siehe da: das stimmt so nicht. Die Rede ist nicht nur von Orten, »an denen unterschiedliche Gruppen der Stadtgesellschaft zusammenkommen; sie stiften als Orte der Gemeinschaft oft über Generationen hinweg sozialen Zusammenhalt und lokale Identität«. Sondern es eröffnet sich der Blick auf eine exeptionelle Schaffenskraft inmitten jener Zentren, in denen Stahl und Kohle genauso wie viele Entbehrungen individuelle Lebenswelten formten.


Das Ruhrgebiet besteht nicht nur aus privaten Bauten der Industrie oder Arbeiterwohnsiedlungen

Ein Buchbeitrag von Manfred Bayer, Ernst Uhing, Peter Gorschlüter

Das Stadtbild und mit ihm die Identität eines Ortes werden ganz wesentlich durch öffentliche Bauten geprägt: Kirchen, Rathäuser, Museen, Theater, Markthallen, Schulbauten oder Universitäten sind Orte, an denen unterschiedliche Gruppen der Stadtgesellschaft zusammenkommen; sie stiften als Orte der Gemeinschaft oft über Generationen hinweg sozialen Zusammenhalt und lokale Identität.

Mit dem Ruhrgebiet werden dagegen zumeist die privaten Bauten der Industrie oder Arbeiterwohnsiedlungen verbunden. Übersehen wird bei dieser Fokussierung leicht, dass hier auch und gerade während der Zeit der Industrialisierung die Kernstädte nicht nur rapide anwuchsen, sondern sich mit anspruchsvollen Bauprogrammen zu Großstädten entwickelten. Neue Kirchen, neue Rathäuser, neue Theater und Museen sollten den Städten auch im Ruhrgebiet lebendige Zentren und Projektionsorte der Stadtgesellschaft bieten.

Gemeinsam bearbeiten die Technische Universität Dortmund (Professur für Geschichte und Theorie der Architektur und die Professur für Kunstgeschichte), das Baukunstarchiv NRW und das Museum Folkwang in einem großen Forschungs- und Vermittlungsprojekt seit 2018 Stadtbauten der Moderne im Ruhrgebiet. Umfangreich finanziert wird dieses Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Projektziel: Archivbestände mit Objekten in der Region Ruhr und ihrer Geschichte zu spiegeln

Baukunstarchiv NRW, Dortmund, Foto: Detlef Podehl, 2020.

Ziel ist es, Archivbestände des Baukunstarchivs NRW mit Bauten in der Region Ruhr zu spiegeln, die Planungsprozesse der Bauten und ihre Geschichte zu erforschen und in Ausstellungen vorzustellen. Nach zwei Jahren werden nun die ersten Ergebnisse präsentiert: in einer Ausstellung im Museum Folkwang in Essen »Und so etwas steht in Gelsenkirchen… Kulturbauten im Ruhrgebiet nach 1950« (September 2020 bis Januar 2021) und in einer Satellitenpräsentation »UmBAUkultur. Gerber Architekten und die Transformation des Dortmunder U« (August bis September 2020) auf dem Campus Stadt der Technischen Universität Dortmund im Dortmunder U.

Damit sind zugleich zwei große Kulturbauten in den Blick genommen, die zur Kulturhauptstadt RUHR.2010 einen bedeutenden Neu- bzw. Umbau erhalten haben, der sich nun zum zehnten Mal jährt.

Museum Folkwang, Essen. Foto: Detlef Podehl, 2020.

Wir freuen uns, dass auch die erste Publikation dieses Projekts den Kulturbauten im Ruhrgebiet gewidmet ist. Ebenso sind alle drei Institutionen mit »ihren« Kulturbauten in dieses Spektrum miteinbezogen: das Museum Folkwang, das Baukunstarchiv NRW sowie die Technische Universität Dortmund mit ihrem Campus Stadt im Dortmunder U.

Als Besonderheit des Projekts »Stadt Bauten Ruhr« kann herausgestellt werden, dass nicht nur Forschende involviert sind, sondern kontinuierlich mit Studierenden an den Beständen des Baukunstarchivs NRW gearbeitet wird, gemeinsame Exkursionen zu den Stadtbauten im Ruhrgebiet stattfinden und die Präsentationsmöglichkeiten und -anforderungen des Museums diskutiert werden. Auch die Zivilgesellschaft ist nicht zuletzt über die öffentlichen Ausstellungen zum Dialog eingeladen. […]

TU Dortmund, Ensemble mit H-Bahn-Station, Mathe-Tower und Mensa am Campus Nord, ausgezeichnet im Rahmen der Kampagne »Big Beautiful Buildungs« der StadtBauKultur NRW zum Europäischen Kulturerbejahr. Foto: Detlef Podehl, 2018.

Das Projekt »Stadt Bauten Ruhr« zeigt auf beeindruckende Weise, welche Erkenntnisse für das Selbstverständnis der Region und den Blick von außen auf das Ruhrgebiet durch die Kooperation der beteiligten Akteure entstehen: Sichtbar wird ein Labor der Nachkriegsdemokratie, das an die Impulse der Großstadtwerdung im Zeitalter der Industrialisierung anknüpft. Gebaut wurden bemerkenswerte und immer wieder auch richtungsweisende Kulturbauten: ein Erbe, das – wie nicht zuletzt die Bauten des Museum Folkwang, des Baukunstarchivs und des Dortmunder U beweisen – bis in die Gegenwart und Zukunft weiterentwickelt wird. Es wäre nicht das geringste Verdienst des Projekts, dieses Wissen in die Debatten um den zweiten Strukturwandel einzubringen.


Thematische Einführung: Spannungsverhältnisse zwischen Wahrnehmung und architektonischer Faktizität

Ein Buchbeitrag von Hans-Jürgen Lechtreck, Wolfgang Sonne, Barbara Welzel

»Und so etwas steht in Gelsenkirchen…« Der Titel für die erste Präsentation aus dem Projekt »Stadt Bauten Ruhr« fängt prägnant ein Spannungsverhältnis ein, das als typisch für die Wahrnehmung der Städte des Ruhrgebiets bezeichnet werden kann: auf der einen Seite bedeutende Stadtbauten, auf der anderen Seite die Verwunderung darüber.

Arbeit am Objekt, Lehre mit Studierenden der TU Dortmund im Rahmen des Forschungsprojekts »Stadt Bauten Ruhr«. Fotos: Christin Ruppio, 2018-20.

Baukultur und Bild der Ruhrgebietsstädte scheinen nicht recht zueinander zu passen. Diese Diskrepanz bildet den Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt »Stadt Bauten Ruhr«, das die Technische Universität Dortmund, das Baukunstarchiv NRW sowie das Museum Folkwang seit 2018 gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung miteinander realisieren.

Die These des Projekts, dass sich die Städte im Ruhrgebiet im 20. Jahrhundert mit prägnanten öffentlichen Bauten ein urbanes Gesicht geben wollten, wird mit der Methode verfolgt, den Medien ihrer Produktion und Rezeption – den Plänen, Zeichnungen, Modellen, Fotografien, Publikationen etc. – eine eigene Wirkungssphäre zu gewähren und mit Hilfe dieser Medien die Bauten neu zu sehen und zu verstehen. Dazu werden Bestände aus dem Baukunstarchiv NRW und Bauten in den Städten des Ruhrgebiets ineinander gespiegelt. Im Dialog zwischen Archivieren, Erforschen und Präsentieren gilt es, ausgewählte Stadtbauten – namentlich Kulturbauten, Bildungsbauten, Sakralbauten und politische Bauten – zu erschließen, ihre Biografien zu recherchieren und zu erzählen.

Die vorliegende Publikation mit dem Untertitel »Kultur@Stadt_Bauten_Ruhr« widmet sich den Kulturbauten in den Ruhrgebietsstädten und stellt eine Gruppe von elf Bauten im Dialog mit der archivischen Überlieferung im Baukunstarchiv NRW vor. […] Faszinierend ist an diesen Beispielen zu verfolgen, mit welchen gestalterischen, kulturellen und gesellschaftlichen Ambitionen die Kommunen als Gemeinwesen geprägt sowie ihr Stadtbild geformt werden sollte.

Baukunstarchiv NRW in Dortmund: lang etablierter Diskursort für Architekturdebatten

Den »Miniaturen« wurden für das vorliegende Buch »Essays« an die Seite gestellt. Sie ergänzen diskursive Horizonte sowie weitere Facetten der archivischen und gebauten Überlieferung sowie Verortungen des Forschungsprojekts. Hier werden die Kulturbauten der Nachkriegszeit als Anknüpfungen an Traditionen der Großstadtwerdung im 19. und frühen 20. Jahrhundert erkennbar.

Diese Texte stellen das Baukunstarchiv NRW an Hand seiner Bestände vor und machen das ehemalige Museumsgebäude am Ostwall 7 als einen lange etablierten Diskursort für Architekturdebatten erkennbar. Verschiedene Lehrprojekte und ein Audioguide als ein Outreach-Format werden hier ebenfalls näher vorgestellt. […]

Vor der Buchpublikation fand die öffentliche Präsentation in einer gemeinsam erarbeiteten gleichnamigen Ausstellung im Museum Folkwang statt. Sie wurde ergänzt um die Studio-Ausstellung »UmBAUkultur. Gerber Architekten und die Transformation des Dortmunder U« auf dem Campus Stadt der Technischen Universität Dortmund im Dortmunder U. […]

Ruhrgebiet als Region mit den meisten Kulturbauten – mindestens in Europa

Die Essener Ausstellung leistete dabei in einem zweifachen Sinne eine Vermittlung von Architektur. Sie versammelte Präsentationsmaterial von Architekten, Wettbewerbsunterlagen, originale Skizzen, Modelle, Fotografien, handschriftliche Aufzeichnungen und Beispiele für das bauzeitliche Presseecho, die Einblicke in die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der ausgewählten Kulturbauten gaben und mit ihren verschiedenartigen Materialitäten und »Lesbarkeiten« sehr unterschiedliche Erscheinungsformen von Baukultur anschaulich machten.

Zugleich lenkte die Ausstellung den Blick der Besucherinnen und Besucher auf die Beschaffenheit der Räume, in denen sie gezeigt wurde, und auf das Museumsgebäude als Ganzes. Deren architektonische Wirkungsabsicht, die Auskunft gibt über das (historische) Selbstverständnis der Institution und zudem die Wahrnehmung ihrer kulturellen Angebote mitbestimmt, fungierte auf diese Weise ihrerseits als ein »Exponat«, das gemeinsam mit der ausgestellten archivischen Überlieferung von den realen Gebäuden, ihren »Lebenszyklen« und ihrem historischen Wandel erzählte. […]

»Und so etwas steht im Ruhrgebiet …« titelte eine Zeitung zur Eröffnung unserer Ausstellung im Museum Folkwang im September 2020. Eigentlich eine verwunderliche Verwunderung, ist das Ruhrgebiet im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts doch die Region mit den meisten Kulturbauten in Deutschland, in Europa, ja wahrscheinlich sogar weltweit geworden.

Weitere Informationen:

Link zur Veröffentlichung beim Verlag Kettler in Dortmund; hier:

Unterstütze uns auf Steady

 

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (2): Die Tradition der Kulturbauten in den Städten des Ruhrgebiets

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (3): Umbaukultur. Die Transformation des Dortmunder U

SERIE: »Stadt-Bauten-Ruhr« (4): Juwel des Nordens – Naturmuseum Dortmund

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (5): Kataloge von Avantgarden: Das Baukunstarchiv NRW im ehemaligen Oberbergamt

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (6): Im Revier der Transparenzen. Architekturdiskurse für eine Nachkriegsgesellschaft

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (7): Lehre

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (8): Verortung im ortlosen Semester. Stadtspäher im Lockdown

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (9): Audioguide als Werkzeug für Wissenschaftskommunikation und kulturelle Teilhabe

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (10): Ein Haus in der Straßenlandschaft – Fotografien vom Dortmunder U

SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (letzter Teil): Bewahren, Erforschen, Ausstellen. Das Baukunstarchiv NRW

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen