SERIE »Stadt-Bauten-Ruhr« (9): Audioguide als Werkzeug für Wissenschaftskommunikation und kulturelle Teilhabe

»ZukunftsSPUREN. Ein Audioguide zu Stadtbauten der Metropole Ruhr«. Judith Klein, TU Dortmund, 2020.

In unserer Serie »Stadt-Bauten-Ruhr« beschäftigen wir uns mit prägnanter Nachkriegsarchitektur im öffentlichen Raum des Ruhrgebiets, schwerpunktmäßig in Dortmund. Es geht um Kirchen, Rathäuser, Museen, Theater, Universitäten u.a., die einer ansonsten von Schwerindustrie geprägten Region urbane, ja fast mondäne Gesichter verleihen sollten. Mit einem überraschenden Resultat: Geformt im 20. und 21. Jahrhundert, ist heute der Landstrich zwischen Rhein und Ruhr der mit den meisten Kulturbauten in der Bundesrepublik wie in Europa, wahrscheinlich sogar weltweit. So zumindest die Herausgeber*innen eines fast 400 Seiten starken Konvoluts, 2020 erschienen im Dortmunder Verlag Kettler, welches die Grundlage unserer mehrteiligen Beitragsreihe bildet.


Zukunftsspuren. Ein Audioguide als Werkzeug für Wissenschaftskommunikation und kulturelle Teilhabe

Ein Buchbeitrag von Judith Klein

»Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.«(1) Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Forschungsprojekte und Forschungsergebnisse können auf sehr unterschiedliche Weise einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Als Artikel in einer Fachzeitschrift, als Vortrag oder Podcast – oder in Form einer Ausstellung und einer Publikation. Um die Forschungen des Projekts »Stadt Bauten Ruhr. Die Bedeutung architektonischer Objekte (Medien) für die Bewertung moderner Architektur« sichtbar beziehungsweise hörbar zu machen, bietet sich eine weitere, mittlerweile weit verbreitete Form der Kommunikation an: ein Audioguide. Entwickelt wurde der kunstwissenschaftlich basierte Audioguide ZukunftsSPUREN.(2)

Die akustischen Führungen haben das Ziel, den Hörerinnen und Hörern aktuelle Forschungen aus dem Projekt vorzustellen. Zugleich geht es um Teilhabe an der Baukultur der Region Ruhr unter den Vorzeichen von Diversität und Multiperspektivität im Sinne der »Rahmenkonvention des Europarates über den Wert des kulturellen Erbes für die Gesellschaft«, kurz Konvention von Faro.(3) Die Konvention von Faro bezieht sich mit ihren Forderungen auf den Artikel 27 der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948, in dem jedem Menschen Teilhabe an Kultur, Kunst und Wissenschaft zugesprochen wird.(4) ___STEADY_PAYWALL___

ZukunftsSPUREN greift dabei die Idee des »shared heritage« auf, des gemeinsam geteilten Erbes, und ermöglicht den Rezipientinnen und den Rezipienten vor Ort, ihre eigene Geschichte im Dialog mit derjenigen der Architektur zu verhandeln. Damit geht das Vorhaben über das Themenfeld Architektur und deren Vermittlung hinaus und ist gleichzeitig wichtiges Werkzeug kultureller Teilhabe. Besonders in einer Zeit der Migrationsbewegungen, zunehmender Globalisierung und fortschreitender Digitalisierung ist es ebenso anspruchsvoll wie notwendig, einen möglichen kulturellen Denkmal-Kanon zu diskutieren, der dieser heterogenen Gesellschaft entspricht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können hier mit ihrem Fachwissen einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis über den Wert des Kulturerbes und der Teilhabe daran leisten.

Ihre Forschungen können Kulturgüter in den Fokus der Öffentlichkeit rücken und dadurch Interesse auf einer breiteren zivilgesellschaftlichen Ebene wecken. Auf diese Weise können sich auch neue Erbengemeinschaften bilden. Unterschiedliche Narrative und diverse kulturelle Vorstellungen können dabei diesen Erbschaften neue, generationenübergreifende Bedeutungen zuschreiben.

Audioguide: Eine Stimme für den baulichen Kulturbestand des Ruhrgebiets und seiner Aufarbeitung

Die akustischen Führungen unter dem Titel ZukunftsSPUREN geben ausgewählten Bauten wie auch dem Forschungsprojekt und seinen wissenschaftlichen Impulsen eine Stimme. Sie lenken den Blick der Hörerin und des Hörers und machen durch zusätzliche Informationen die Bauwerke, einzelne Baudetails oder ihre Disposition in der Stadt ausgehend von konkreten Beobachtungen lesbar und damit auch erfahrbar. Die Architektur wird auch in ihrer Dimension als historische Quelle begriffen und kann zum Anlass werden, um über gesellschaftlich relevante Themen zu sprechen beziehungsweise nachzudenken.(5)

Vom konkreten, materiellen Objekt ausgehend, werden der urbane Raum, Kultur und Gesellschaft thematisiert. Ein imaginäres Gespräch zwischen Flaneur und Bauwerk entsteht; es kann als Anregung für ein erneutes Aushandeln der eigenen Position dienen. ZukunftsSPUREN orientiert sich dabei an dem am Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft der Technischen Universität Dortmund etablierten Projekten StadtSPÄHER und GartenSPÄHER (#Essay StadtSPÄHER im Lockdown).

Bei den Vor-Ort-Terminen dieser Projekte steht zu Beginn der Veranstaltungen immer eine Einführung aus Sicht der Kunstgeschichte, bei der Grunddaten sowie kulturhistorische Bedeutungen aufgezeigt werden.(6) Der Ort, beziehungsweise der Bau oder Garten, werden als kultureller Erinnerungsort begriffen und aktiviert(7); Diskurse über kulturelles Erbe und Denkmalpflege werden auf einer breiteren, zivilgesellschaftlichen Ebene ermöglicht. ZukunftsSPUREN beschäftigt sich dabei nicht nur mit den formalen architektonischen Parametern, sondern auch mit den Objektbiografien der Gebäude. Der Diskurs »Objektbiografie« verbindet Artefakte, Personen und Orte miteinander und ist daher besonders geeignet, »gesamtgesellschaftliche Perspektiven der Teilhabe am kulturellen Erbe zu eröffnen«.(8)

Das Angebot zum Hörbaren spiegelt den Trend zur Besucherorientierung in musealen Kontexten

Seit gut einem halben Jahrhundert rückte die Besucherorientierung verstärkt in den Fokus der Museumsarbeit und ist mittlerweile eines ihrer erklärten Leitziele geworden. In diesem Zuge haben sich Audioguides als fester Bestandteil der Museumspädagogik etabliert. Sie bieten der Besucherin und dem Besucher zusätzliche Informationen zu den ausgestellten Objekten und gleichzeitig die Möglichkeit, sich individuell in der Sammlung oder der Ausstellung zu bewegen. Dabei werden die Informationen auditiv aufgenommen und die Besucherinnen und Besucher können ihren Sehsinn ganz den ausgestellten Objekten widmen.

Schon in den 1970er Jahren bot das British Museum in London akustische Touren mit tragbareren Kassettenrecordern an. Diese Touren waren aufgrund der vorhandenen Technik noch linear strukturiert, doch in den frühen 2000er Jahren erlaubten dann die Digitaltechnik und speziell das mp3-Format für Audioaufnahmen flexiblere und individuellere Nutzungsmöglichkeiten für die Museumsbesucherinnen und -besucher.(9)

Dieser Audioguide geht jedoch noch einen Schritt weiter: ZukunftsSPUREN verlässt die Institution Museum. Es handelt sich dabei jedoch nicht einfach um eine akustische Stadtführung, wie sie im letzten Jahrzehnt zunehmend zu »Sehenswürdigkeiten« angeboten werden. Vielmehr bringt ZukunftsSPUREN die in Museen eingeübte Choreographie der Objektanalyse im Wechselspiel zwischen Nahsicht und Kontext in den öffentlichen Stadtraum.

Für die technische Realisierung greift das Vorhaben dafür auf bereits bestehende Infrastrukturen in Hardware und Software zurück. Ausgehend von der Annahme, dass der Nutzerin oder dem Nutzer ein Smartdevice mit mobilem Internetzugang und Kopfhörer zur Verfügung stehen, werden die produzierten Hörstücke auf eine Webseite hochgeladen. Dort sind sie dann jederzeit ohne vorherige Registrierung und unverbindlich abrufbar (www.zukunftsspuren.info). Um auf diese Internetseite zu gelangen, müssen die Nutzerinnen und Nutzer lediglich einen QR-Code mit der Kamera ihres Smartdevice scannen. Danach kann das Hörstück vor Ort gestartet werden. Der QR-Code ist nicht am Bauwerk angebracht. Vielmehr gehört zu den ZukunftsSPUREN ein Faltblatt, gedruckt auf hochwertigem Papier: ein analoges, haptisch transportables Objekt, das die verschiedenen Orte auf einer Landkarte als thematisches Netzwerk erfahrbar macht.

Intention: Von der qua App angebotenen Tonspur zum eigentlichen Objekt des Interesses

Die Texte des Audioguides sind nicht als Ekphrasis – also das Evozieren von Bildern durch Sprache – zu begreifen (#Essay Lehre). Zwar sollen sie anregend wirken, aber nicht, wie beispielsweise ein ortsunabhängiger Radiobeitrag, Podcast oder ein Hörbuch, eigene Bilder erzeugen. Vielmehr gilt es, sie als Tonspur zum eigentlichen Objekt zu begreifen,(10) die helfen, die visuellen Eindrücke vor Ort zu unterstützen und zu verstärken sowie den Blick zu lenken.(11)

Als Leitfaden kann die Vorstellung gelten, mit einer oder einem guten Bekannten das Gespräch zu suchen, zu erzählen, am eigenen Wissen teilhaben zu lassen, vor allem aber gemeinsam zu entdecken.(12) Wichtiges Gestaltungsmittel ist eine ergänzende Klanggestaltung, die der Hörerin und dem Hörer eine auditive Einbettung der Erzählung oder einen auditiven Deutungshinweis liefern kann. Mehrere Erzählstimmen im Wechsel, der Einsatz von Interviews oder O-Tönen können verschiedene Textebenen für die Zuhörerinnen und Zuhörer nachvollziehbar machen. Der Führungsablauf kann linear einer Route folgend oder punktuell und individuell gestaltbar sein.

Wichtig ist es, dass die einzelnen Hörstücke nicht zu lang sind und in Abschnitte von wenigen Minuten unterteilt werden. Insgesamt sollte die Länge des Aufenthalts nicht überstrapaziert werden. Kurz zusammengefasst: Das akustisch gestaltete Vermittlungsprogramm sollte wie ein guter, freundlicher Bekannter das Gespräch mit der Hörerin oder dem Hörer suchen, wobei das Gespräch dabei nicht zu weit vom Objekt wegführen sollte. Die Hörtexte sollten professionell produziert und in Einheiten von wenigen Minuten Länge unterteilt sein. Auditiv eingebettet werden die Hörtexte durch Geräusche und Musik.

Für den Audioguide ZukunftsSPUREN wurden ein eigenes musikalisches Thema und ein Jingle komponiert und produziert. Der Jingle eröffnet die Hörtexte. Diese musikalischen Beiträge sollen anregend auf Hörerin und Hörer wirken und geben diesen gleichzeitig die benötigte Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Eine gut strukturierte Choreografie soll die Hörenden zielsicher und barrierefrei navigieren, wobei Herausforderungen des öffentlichen Raums wie beispielsweise Umgebungsgeräusche oder Straßenverkehr bedacht werden müssen. Auf dem Faltblatt wird angeregt, bei der Wahl der Kopfhörer und Lautstärke darauf zu achten, dass nicht alle Raumgeräusche ausgeblendet werden. Einerseits sind Umgebungsgeräusche, der Sound des Ortes, wichtiger Bestandteil der Erkundung des Ortes. Andererseits dient dies auch der Sicherheit der Hörerin und des Hörers im öffentlichen Raum.

ZukunftsSPUREN: lesbare Fährten des Wandels, einschließlich ihres utopischen Überschusses

Der Audioguide ZukunftsSPUREN greift auf die Forschungen des Stadt Bauten Ruhr-Projekts zurück. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt widmet sich ausgehend von den Beständen des Baukunstarchivs NRW der Frage nach der Bedeutung architektonischer Medien für die Bewertung von Nachkriegsarchitektur. Untersucht wird auf dieser Folie, in welcher Weise bestimmte Bauten der Nachkriegsmoderne die Metropole Ruhr prägen und zur Identität der Städte beitragen.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Frage, wie sich »gerade im Ruhrgebiet die baukulturelle Überlieferung und die Identitätsdiskurse für die heterogenen gesellschaftlichen Gruppen – und in besonderer Weise auch für Zuwanderer – erschließen und weiterentwickeln«(13) lassen. Bearbeitet werden dafür eine Auswahl der Bestände des Baukunstarchivs NRW und die entsprechenden Bauten, kategorisiert in Kulturbauten, Sakralbauten und Bildungsbauten.

Erst während der Arbeit mit den historischen Quellen – im Archiv und an den real existierenden Bauten – werden die individuellen Biografien der Objekte nach und nach lesbar. Immer wieder lassen sich gezielte Veränderungen der ursprünglichen geplanten und ausgeführten Architektur erkennen. Gebäude werden wiederaufgebaut, umgebaut, neu genutzt, sie erhalten Anbauten.

Teilweise wurden die Bauten versehrt und anschließend wiederaufgebaut, anderen wurde ihre ursprüngliche Nutzung entzogen und schließlich durch bauliche Maßnahmen eine neue und zeitgemäße Umnutzung ermöglicht (#Miniatur Dortmunder U). Wieder andere – wie das Museum Folkwang (#Miniatur Museum Folkwang) – wurden schlicht erweitert, beziehungsweise vergrößert, um weiterhin ihren Zweck erfüllen zu können. All diese Baumaßnahmen sind Zeichen des Wandels der Stadt und ihrer Gesellschaft. Die mit dem Wandel verknüpften Ideen und Visionen für den Bau und die Stadt lassen sich als Spuren unmittelbar am Objekt ablesen.

Und genau diese lesbaren Spuren des Wandels bilden den Fokus, mit dem die ersten Objekte für ZukunftsSPUREN ausgewählt wurden. Jeder der Bauten ist Beispiel für unterschiedliche Strategien einer möglichen Zukunftsfähigkeit. Die damit verbundenen Planungen und Diskurse sind direkt am Objekt lesbar. Die Auswahl beinhaltet Wiederaufbau, Konversion, Erweiterung durch Anbau, Umnutzung, aber auch eine visionäre Baukonzeption, die neue Standards setzte (#Essay Weiterbauen). Weiter sollten es Bauten sein, die ihre Stadt prägen – ob als Teil einer markanten Stadtkrone oder als stadtgesellschaftlich genutzter öffentlicher Ort. Schließlich fiel die Wahl auf Bauten in vier unterschiedlichen Ruhrgebietsstädten, womit der Polyzentrismus der Metropole Ruhr betont wird.

Die getroffene Auswahl von Gebäuden zum Thema Zukunftsfähigkeit und Wandel versteht sich als eine von vielen möglichen Geschichten, die mit Hilfe der Bestände des Baukunstarchivs NRW erzählt werden könnten. In den Nachlässen der Architekten und Bauingenieure finden sich Informationen zu vielen weiteren die Metropole Ruhr prägenden Bauten (#Essay Bewahren, Erforschen, Ausstellen). Eine Erweiterung dieses Audioguides oder weitere Erzählungen mit neuen Schwerpunkten könnten auch andere Bauten im wahrsten Sinne des Wortes zum Sprechen bringen, gleichzeitig auf den kognitiven Karten(14) der Bürgerinnen und Bürger aktivieren, um sie als Räume des »doing culture«(15) in Besitz zu nehmen.

Anders als durch Fotografie: Mimesis des Hörens und Verstehens durch gesprochene Sprache

Berühmte oder ikonische Gebäude werden häufig nur in Fotografien rezipiert. Dabei besteht die Gefahr, dass diese »stärker wirken als das real existierende Bauwerk«(16). Um die kulturelle Praxis zu durchbrechen, digitale Bilder auf dem Smartdevice zu rezipieren, verzichtet dieser Audioguide auf zusätzliches Bildmaterial. Die Vermittlung geschieht vielmehr ausschließlich durch Sprache. Diese Entscheidung bewirkt allerdings, dass die Hörtexte durch ausführliche Wegbeschreibungen länger werden.

Andererseits sind die Audioguide-Benutzerinnen und Benutzer eingeladen, ihre Augenarbeit zu erhöhen und den Bau als dreidimensionales Objekt im Stadtgefüge und nicht als freigestelltes zweidimensionales Bild oder Solitär wahrzunehmen. Auch sind fachspezifische Grafiken, beispielsweise Architekturgrundrisse, auf denen ein Treffpunkt markiert ist, nicht unbedingt von jeder Hörerin und jedem Hörer lesbar, fordert das Lesen vieler Fachgrafiken doch eine fachspezifische Bildkompetenz.

Das Erzählgerüst sollte so flexibel sein, dass es sich für die heterogene Auswahl an Bauten eignet und genügend Raum für die besonderen Eigenarten der einzelnen Objekte bietet. Die Komplexität der Texte, genauer ihre Syntax, wurde so gestaltet, dass sie sich hörend nachvollziehen lassen. Damit ist ausdrücklich keine Reduktion des zu vermittelnden Inhalts gemeint.

Im Gegenteil: ZukunftsSPUREN versteht sich ausdrücklich als Werkzeug der kulturellen Teilhabe und damit auch an Teilhabe an potentiell komplexen Themen.(17) Auch Fachtermini müssen dabei immer mit Hilfe des vorhandenen Objekts nachvollziehbar sein, da ein Nachfragen von Seiten der Hörerin oder des Hörers nicht möglich ist und ein Nachschlagen – beispielsweise im Internet – die Konzentration auf den Text stören würde.

Insgesamt ist aber nicht nur der Inhalt der Texte wichtig, sondern auch der kommunikative Teil des Sprechens. Angestrebt wird ein imaginäres, freundliches Gespräch mit der Hörerin und dem Hörer, das durch sparsam eingesetzten Sprecherwechsel, beispielsweise für Zitate, und Soundschnipsel, anregend produziert ist. In den Zitaten kommen die Architekten des Bauwerks, Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker sowie Architekturkritiker zu Wort. Kurze Exkurse führen immer wieder zu Themen wie Stadt, Stadtgesellschaft, zu architektonischen und stadtplanerischen Theorien der Moderne und Nachkriegsmoderne, kehren aber dann immer wieder zum Objekt zurück. Auch wegweisende Architekten dieser Zeit werden vorgestellt.

Aus diesen Überlegungen ergab sich eine Aufteilung der für die Rezipientinnen und Rezipienten benötigten Informationen in vier Kategorien: erstens, wichtige Basisdaten und der nötige QR-Code, die schriftlich fixiert in Form eines gedruckten und in der Materialwahl wertigem Faltblattes vorliegen sollten; zweitens, pro Objekt ein Hörtext von annähernd fünfzehn Minuten Länge, gesplittet in kleinere Teile, und drittens, weitere, kürzere Texte, die bestimmte Teilaspekte des Baus und seiner Geschichte vertiefen, und schließlich viertens, Informationen, die nicht noch einmal zusammengetragen werden, da sie schnell über das Internet abrufbar sind. Darunter fallen beispielsweise die Öffnungszeiten der Gebäude oder Möglichkeiten der Anreise.

Wo die Geschichte beginnt – in einem Dokument jener Zeit, da es Wirklichkeit wurde

Den Startpunkt der Erkundungen entnehmen die Nutzerinnen und Nutzer jeweils dem Faltblatt. Er befindet sich in der Regel in einiger Entfernung zum Bauwerk, so dass sich die Hörerinnen und Hörer einen Überblick über das Gebäude verschaffen können. Für die akustische Führung zum Gebäudeensemble des Folkwang Museums ist dieser Ort beispielsweise die Folkwangbrücke. Sie ist Teil des Essener Kulturpfades, der sich vom Hauptbahnhof bis zum Museum erstreckt und bietet sich als Ausgangspunkt besonders gut an: Die Hörerinnen und Hörer stehen dort erhöht und können den Neubau des Museums und auch Teile des Altbaus überblicken.

Die Geschichte des Objekts wird nicht linear von der Planung des Baus bis heute ausgeführt. Stattdessen beginnt die Erzählung in ZukunftsSPUREN mit einer Rezitation einer Zeitungsmeldung zu einem besonderen Ereignis in seiner Biografie oder einer Aussage eines Architekturkritikers oder Kunsthistorikers, die sich auf das Objekt übertragen lässt. Die Zitate stimmen die Hörerschaft auf den Bau sowie die Stadt ein und geben zunächst wichtige Zeit, eigenständig und aus angemessener Entfernung den Blick schweifen zu lassen und sich zu orientieren. Nach der Einstimmung folgt eine Beschreibung der Architektur vom Startpunkt aus. Wichtige Grunddaten – Architekt, Erbauungsdatum, Bausubstanz, Nutzung etc. – sind in die Beschreibung eingewoben. Durchgängig wird das Bauwerk in seiner Beziehung zur Stadt und seiner Bedeutung für den Stadtraum verhandelt. Die sichtbaren Spuren des Wandels, des Fortschritts und der Zukunftsfähigkeit werden sichtbar.

ZukunftsSPUREN: Work in Progress – so wie die städtische Wirklichkeit nunmal is’

Im nächsten Abschnitt werden Hörerin und Hörer – unterstrichen durch den Einsatz von Geräuschen, wie beispielsweise Schritte oder Straßengeräusche – eingeladen, sich dem Bau zu nähern und ihn, wenn möglich, zu umrunden. Während dieser Erkundung pausiert der Audioguide. Er setzt erst wieder an einem neuen, zuvor verabredeten Treffpunkt am oder im Objekt ein.

Hier folgt nach einem kurzen Resümee zur Umrundung beziehungsweise Annäherung an den Bau, ein weiterer gemeinsamer Blick auf die Architektur inklusive weiterer Grunddaten. Dieser Ablauf kann, je nach Größe oder Komplexität des Baus, um weitere Stationen ergänzt werden. Nach einem Hinweis auf weitere Audiotracks, die ausgewählte Themen vertiefen und bei Bedarf Hintergrundinformationen liefern, endet der Haupttext zum Objekt.

Nun besteht die Option, diese vertiefenden Tracks zu hören. Jedes der ausgewählten Objekte birgt eine Vielzahl an möglichen Themen, an die weitere Texte anknüpfen könnten. Daher ist ZukunftsSPUREN als Work in Progress zu begreifen. Ebenso wie sich Stadt, Stadtgesellschaft und auch die zu erforschenden Bauten und die Forschungen zu ihnen ändern können, kann sich dieser Audioguide verändern und wachsen.


Anmerkungen:

(Die jeweiligen Texte aus dem mit zahlreichen Bildern aus Archivbeständen des Baukunstarchivs NRW illustrierten Band übernehmen wir – leicht gekürzt […] und zum Zwecke besserer Lesbarkeit teils mit eingefügten Zwischenüberschriften versehen – ansonsten wörtlich.)

(1) Art. 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948, deutsche Übersetzung: https://www.un.org/depts/german/ menschenrechte/aemr.pdf (29.6.2020).

(2) Der im Rahmen des Projektes entwickelte Audioguide ZukunftsSPUREN basiert auf der Masterarbeit (TU Dortmund, 2020) »Zukunftsspuren. Audioguides als Werkzeug kultureller Teilhabe« von Judith Klein. Die bereits produzierten akustischen Führungen sind hier abrufbar: www.zukunftsspuren.info.

(3) In der »Rahmenkonvention des Europarates über den Wert des kulturellen Erbes für die Gesellschaft«, kurz Konvention von Faro, ein multilateraler Vertrag des Europarates, wird der Schutz des kulturellen Erbes und das Recht der Bürgerinnen und Bürger auf Zugang zu diesem verhandelt. Deutschland hat ihn noch nicht ratifiziert. Siehe: https://www.bak. admin.ch/bak/de/home/ kulturerbe/europaeisches-jahr-des-kulturerbes-2018/konventionen-zum-kulturerbe.html (Deutschsprachige Übersetzung der Schweiz, original Französisch und Englisch) (23.6.2020).

(4) https://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf (29.6.2020).

(5) Vgl. Hiram Kümper, Frisches Denken an der frischen Luft. Historisch-politische Bildung in einem Gartenkunstwerk der Aufklärungszeit, in: Christopher Kreutchen/Barbara Welzel (Hg.), GartenSPÄHER in Schwetzingen, Oberhausen 2019, S. 51–60.

(6) Vgl. Barbara Welzel, Stadtspäher vor Ort, in: Klaus-Peter Busse/Barbara Welzel et al., Stadtspäher in Hagen. Baukultur in Schule und Universität, hg. von der Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg 2011, S. 15–17, S. 15.

(7) Zu Erinnerungsorten siehe: Pierre Nora (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005; Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 2018; Barbara Welzel, Die Stadtkirche St. Reinoldi. Erinnerungsort Dortmunds, in: Wolfgang Sonne/Barbara Welzel (Hg.), St. Reinoldi in Dortmund. Forschen – Lehren – Partizipieren. Mit einem Findbuch zu den Wiederaufbauplänen von Herwarth Schulte im Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) der Technischen Universität Dortmund, Oberhausen 2016, S. 31–36.

(8) Katharina Schüppel/Barbara Welzel, Kultur erben. Objekte – Wege – Akteure. In: Katharina Schüppel/Barbara Welzel (Hg.), Kultur erben. Objekte – Wege – Akteure, Berlin 2020, S. 7–14, S. 8.

(9) Vgl. https://www.sueddeutsche.de/kultur/ audioguides-in-museen-weltenerklaerer-imtaschenformat-1.1244273 (23.6.2020).

(10) Max Ackermann, Wer hat Angst vor Sound? Zur akustischen Umsetzung von Inhalten, in: Hannelore Kunz-Ott (Hg.), Mit den Ohren sehen. Audioguides und Hörstationen in Museen und Ausstellungen, Berlin 2012. S. 55–58, S. 57.

(11) Marion Glück-Levi, Warum »Mit den Ohren« sehen? Anmerkungen zum Zuhören, in: KunzOtt, Mit den Ohren sehen, S. 15.

(12) Die im Folgenden angeführten Qualitätsmerkmale von akustischen Führungen basieren auf: Hanna Buhl/Holger Schulz, Eine Ausstellung hören? Über Notwendigkeit und Qualität von Audioguides, in: Kunz-Ott, Mit den Ohren sehen, S. 27–32.

(13) Siehe Pressemitteilung zum Projekt: https://www.tu-dortmund.de/storages/ tu_website/Referat_1/Pressemitteilungen_2018/2018_135_Kunsthistorie.pdf (23.06.2020).

(14) Vgl. Roger M. Downs/David Stea, Kognitive Karten. Die Welt in unseren Köpfen, hg. von Robert Geipel, New York 1982.

(15) Sarah Hübscher, Gärten als Räume des »doing culture«, in: Kreutchen/Welzel, GartenSPÄHER in Schwetzingen, S. 74–75.

(16) Norbert Huse, Geschichte der Architektur im 20. Jahrhundert, München 2008, S. 31f.

(17) Vgl. Holger Noltze, Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität, Hamburg 2010.

Weitere Informationen:

Link zur Veröffentlichung beim Verlag Kettler in Dortmund; hier:

 

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