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Can Dündar: „Es gibt eine Türkei jenseits von Erdoğan“ – Geflüchteter Journalist im Exil zu Gast in Dortmund

Moderator Kay Bandermann (2.v.r.) begrüßt Can Dündar (2.v.l.) und Christian Mihr (re.) von „Reporter ohne Grenzen“. Fotos: Leopold Achilles

Moderator Kay Bandermann (2.v.r.) begrüßt Can Dündar (2.v.l.) und Christian Mihr (re.). Fotos: Leopold Achilles

Von Marian Thöne

Wie stellt man sich einen Menschen vor, der im Exil lebt? Der – zumindest momentan – nicht in seine Heimat kann, weil er dort Gefängnis und vielleicht noch Schlimmeres fürchtet? Der sogar im Ausland unter Polizeischutz steht, weil man jederzeit mit Attacken auf ihn rechnet? Man würde wohl erwarten, dass er wütend ist. Rachsüchtig. Und, dass er voller Zorn über jene spricht, die seine Verfolgung zumindest billigen, vielleicht sogar gutheißen. 

Das Theaterstück „Verräter“ erzählt Teile vom Leben Can Dündars nach

Das Stück „Verräter“ des Westfälischen Landestheaters erzählt Teile vom Leben Can Dündars nach.

Das Stück „Verräter“ des Westfälischen Landestheaters erzählt Teile vom Leben Can Dündars nach.

Im Falle von Can Dündar täuscht diese Erwartung, der Eindruck ist ein anderer. Im Gespräch wirkt er weder aggressiv, noch hasserfüllt. Eher nachdenklich, manchmal sarkastisch oder verächtlich, teilweise sogar entspannt, ab und an humorvoll. Aber der Reihe nach.

Die Dortmunder Auslandsgesellschaft hat den türkischen Journalisten und Buchautoren Can Dündar ins Dortmunder Rathaus eingeladen. Im Rahmen eines Podiumsgesprächs soll es um seine Geschichte gehen, aber um noch viel mehr: die politische Situation in der Türkei, Pressefreiheit, die Erdoğan-Regierung, deren Anhänger*innen, Demokratie undundund…

Vor rund 160 Gästen werden zunächst Teile eines Stücks vom Westfälischen Landestheater aufgeführt, das letztes Jahr Premiere feierte: „Verräter“ erzählt Teile vom Leben Can Dündars nach. Wie er sich in der Türkei immer wieder regierungskritisch äußerte.

Eine Veranstaltung mit Anmeldung – wegen Sicherheitsbedenken

Wie das Ganze eskalierte, als er 2015 in der Cumhuriyet berichtete, die Erdoğan-Regierung habe Waffen an islamistische Milizen in Syrien geliefert. Dass er damit zum Whistleblower wurde und wie die Erdogan-Regierung u. a. im folgenden Prozess den Richter austauschte, weil er Dündar zu wohlgesonnen war.

Wie es sich anfühlt, stets auf gepackten Koffern zu sitzen. Sich nie wirklich sicher zu fühlen. Denn „Einsamkeit kann man nicht teilen – wird sie geteilt, ist sie keine Einsamkeit mehr.“ „Verräter“ wird am Freitag- und Samstagabend (10./11. Januar) jeweils im Castrop-Rauxel Studio aufgeführt.

Bürgermeisterin Birgit Jörder merkt an, dass „dieses Rathaus selten so geschützt wird wie heute. Ich bedaure sehr, dass das nötig ist“. Außerdem erinnert sie an Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Meinungs- und Informationsfreiheit. „Wer dies nicht akzeptiert, ist ein Feind der Demokratie.“ Laut der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ stehe die Türkei in puncto Pressefreiheit auf Platz 157 von 180 Nationen, nach Ländern wie Russland oder dem Irak. Wahrlich kein Ruhmesblatt.

Wolfgang Kuschke, Vizepräsident der Auslandsgesellschaft, betont, dass die Menschen aus der Türkei und Deutschland trotz aller Vorbehalte und politischen Differenzen immer noch zusammenkommen wollen: „Darum braucht es z. B. mehr Partnerschaften zwischen deutschen und türkischen Städten.“ Und trotz allen Kalküls der Erdoğan-Regierung sei die Leistung der türkischen Gesellschaft, drei Millionen syrische Geflüchtete aufzunehmen, anzuerkennen. Dazu später mehr.

Kay Bandermann befragt Can Dündar und Christian Mihr von „Reporter ohne Grenzen“

Dann beginnt das eigentliche Gespräch. Moderator ist Kay Bandermann vom Deutschen Journalisten-Verband. Neben Can Dündar ist auch Christian Mihr Teil der Runde, als Mitglied von „Reporter ohne Grenzen“ ein Experte für Pressefreiheit auf internationaler Ebene.

Dündar beantwortet die Fragen auf Türkisch, es wird übersetzt. Das tut dem Gesprächsfluss keinen Abbruch. Richtig Deutsch zu lernen, hat sich Dündar für die nähere Zukunft vorgenommen, so sagt er später mit einem Augenzwinkern.

Dündar hat das Buch geschrieben, auf dem das erwähnte Theaterstück basiert, es heißt ebenfalls „Verräter“. Auch hierbei geht es um das Gefühl, gebrandmarkt zu sein und den Ort, den man als seine Heimat empfindet, verlassen zu müssen.

Das Buch, also seine Autobiographie, hat Dündar geschrieben, obwohl er erst 58 Jahre alt ist. „Möglichst schnell und so lange ich noch kann – Journalisten in der Türkei werden in der Regel nicht besonders alt.“ Nicht das einzige Mal, dass er einige Gäste mit seinem trockenen, bisweilen sarkastischen Humor zum Lachen bringt.

Die Heimat lieben heißt nicht gleich den Präsidenten lieben – Dündar zur Türkei jenseits von Erdoğan

Can Dündar. Foto: Leopold Achilles

Can Dündar. Foto: Leopold Achilles

„Ich empfinde mich als Teil der großen Familie der Journalisten im Exil“ erklärt Dündar und verweist auf berühmte Autor*innen wie Cervantes oder Dostojewski, die ebenfalls hätten flüchten müssen. Auch einige der größten türkischen Künstler seien im Exil gestorben.

Er denke jedoch sehr oft an die Türkei: „Man wird aus der Heimat geschmissen, aber man bleibt trotzdem dort. Das Exil verstärkt sogar die Bindung zur Heimat.“ Liebe zur Türkei und Liebe zu Erdoğan, das wird deutlich, sind für Dündar nicht ein und dasselbe. 

„Das Wissen über die Türkei ist in Deutschland sehr ausgeprägt, es leben viele türkischstämmige Menschen in Deutschland.“ Das merkt man auch am gemischten Publikum. Manchmal lachen Gäste noch bevor Dündars Aussagen ins Deutsche übersetzt werden. „In Europa ist das anders. Ich betrachte es als meine Aufgabe, mehr Wissen über die Türkei nach Europa zu tragen. Leider entfremden sich die beiden immer weiter.“

Ein Problem ist laut Dündar, dass viele Menschen die Türkei mit Erdoğan gleichsetzen würden. „Doch es gibt noch eine Türkei jenseits von Erdoğan, die für Demokratie kämpft!“ Und Erdoğan würde unpopulärer, von ehemals 70 Prozent Zustimmung sei er auf 40 Prozent gefallen. Auch die jüngst verlorenen Wahlen in Istanbul, wo Erdoğan einst seine politische Karriere begann, seien ein Zeichen dafür. Außerdem löse sich seine Partei, die AKP, gerade auf und es würden sich zwei neue Parteien bilden. 

Wie steht Deutschland zur Türkei? Es gibt Solidarität, aber Waffenlieferungen müssen aufhören

Christian Mihr von „Reporter ohne Grenzen“.

Christian Mihr von „Reporter ohne Grenzen“.

Dennoch, so berichtet Dündar, habe er kaum noch Kontakt zu seinen ehemaligen Kolleg*innen von Cumhuriyet. Das Risiko, dass sie abgehört würden, sei zu groß. Überhaupt herrsche bei vielen türkischen Medien ein Klima der Angst, für einen Artikel oder Tweet könne man verhaftet werden.

Christian Mihr von „Reporter ohne Grenzen“ weiß zu berichten, dass seit dem Putschversuch 2016 ein Drittel aller Staatsanwälte und Richter ausgetauscht wurde. „Die Justiz ist also abhängig von der Politik.“

Und wie gehe die Bundesregierung mit dieser Situation um? Einerseits gebe es eine große Hilfs- und Aufnahmebereitschaft gegenüber verfolgten türkischen Journalist*innen, betont Mihr. Andererseits würde man auf politischer Ebene zwar wieder miteinander sprechen – man sei in Zukunftsfragen aber ratlos. Zumal das umstrittene Flüchtlingsabkommen der Erdoğan-Regierung eine mächtige Position verschaffe. So würden Millionen Menschen Mittel zum Zweck.

Was würde sich Dündar also von der Merkel-Regierung wünschen? „Dass sie aufhören, Waffen an die Türkei zu liefern. Die werden dort nämlich gegen Menschen eingesetzt, die sich für Demokratie engagieren.“

Publikum zeigt sich solidarisch mit Dündar – kein Groll gegenüber Erdoğans Sympathisant*innen 

Die Stimmung im Publikum scheint den Podiumsgästen gegenüber ausnahmslos solidarisch. Weder die kritischen Töne gegenüber der türkischen, noch gegenüber der deutschen Regierung werden mit Unmutsäußerungen, Grummeln oder Protest quittiert.

Eine Kollegin von den Nordstadtbloggern fragt nach: wie gehe Dündar denn hierzulande mit Erdoğan-Sympathisant*innen um? „Ich bin gegen Erdoğan, nicht gegen sie“ antwortet Dündar. „Ich kann diese Menschen nicht dafür verurteilen, dass sie sich beeinflussen lassen – ich kann nur meine eigene Stimme umso lauter erheben. Ich glaube, dass wir alle eigentlich ähnliche Ziele haben. Nur sind sie einer Propaganda unterzogen worden. Aber sie sind nicht meine Feinde.“ Beachtlich für jemanden, der im Exil leben muss.

In Zukunft plant Dündar, neben dem Deutschlernen, weiter produktiv zu sein. Für ihn verschwimme die Grenze zwischen der Rolle als Journalist und Aktivist. Bei solchen Veranstaltungen habe er früher die Fragen gestellt, nun säße er dort als Interviewgast. Aber irgendwann möchte er wieder auf dem Moderationsstuhl Platz nehmen.

Schlussendlich kann man Dündar – ob man ihn nun mag oder nicht – eines kaum absprechen: Mut und tatsächlichen Willen zur Wahrheit.

 

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