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Hingehen statt Wegsehen: Jugendliche der youngcaritas besuchen mehrmals monatlich Obdachlose in Dortmund

An einem Adventssamstag waren Tamara, Esraa und Miriam mit dem Bollerwagen auf dem Hansaplatz unterwegs. Die youngcaritas-Gruppe unterhielt sich länger mit Oli (2. von links), der auf der Straße lebt. Fotos: youngcaritas

Mit einem Bollerwagen zieht die kleine Gruppe von youngcaritas durch die Innenstadt. Bei Daniel, der bettelnd in der Nähe eines Kaufhauses sitzt, halten sie an. Sehr blass wirkt er auf seine Besucherinnen, die ihn schon kennen. Einen Kaffee aus der Thermoskanne lässt er sich gern einschenken, mit viel Zucker. Auch Bananen, einen Schal und Unterwäsche nimmt er dankbar an, unterhält sich mit seinem Besuch. „Brauchst du sonst noch etwas?“, fragt Kristina Sobiech zum Schluss. „Nein, ich bin zufrieden.“ Dann ziehen die Freiwilligen um die Referentin der youngcaritas weiter – zum nächsten Bedürftigen.

Kaffee und menschliche Wärme: Seit drei Jahren engagieren sich die jungen Menschen

Mit dem Bollerwagen besuchen Gruppen der youngcaritas Obdachlose in der Dortmunder Innenstadt. Tamara hat sich hingehockt und spricht mit Daniel (verdeckt hinter der Ecke), der gern einen Kaffee mit viel Zucker nimmt.

Mehrmals im Monat besuchen zwei Gruppen der youngcaritas, einer Caritas-Initiative von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Wohnungslose in der Dortmunder Innenstadt. Rund 1.600 soll es allein in Dortmund geben. Um die 50 treffen die beiden Gruppen gewöhnlich auf ihrer rund dreistündigen Tour an.  ___STEADY_PAYWALL___

Unter dem Motto „Warm durch die Nacht“ geben sie mehr als Kaffee oder Brötchen aus: Vor allem menschliche Wärme ist gefragt – mit Maske und Abstand ist das allerdings nicht einfach. „Hingehen statt wegsehen“ lautet das Motto der Aktion, die Anfang 2018 gestartet wurde. „Wir schenken Aufmerksamkeit und haben Zeit für ein Gespräch“, erklärt Kristina Sobiech. Die meisten Obdachlosen, die sonst gewohnt sind, ignoriert zu werden, nehmen das dankbar an. 

„Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es ist wichtig, damit wir in unserer Gesellschaft ein Zeichen setzen“, ist sie überzeugt. Denn Armut könne jeden treffen, etwa durch den Verlust des Jobs, der Familie – vor allem aber durch den Verlust der Hoffnung. Diese Erkenntnis möchte sie auch ihren Freiwilligen mit auf den Weg geben und damit der zunehmenden „Selber-schuld-Mentalität“ entgegenwirken. „Wir möchten Klischees aufbrechen und soziales Engagement vorleben.“

Konfrontation mit traurigen Schicksalen kann zur Belastung werden

Symbolbild: Armut in Dortmund, Obdachlosigkeit, Wohnugslos

Die Jugendlichen werden oft mit traurigen Schicksalen konfrontiert. Foto: Klaus Hartmann / Archiv

Rund 80 Ehrenamtliche hat sie in ihrer Gruppe versammelt – Freiwillige im Alter zwischen 14 und 32 Jahren. Schüler und Studierende sind ebenso darunter wie junge Berufstätige. Wenn eine Tour ansteht, meldet sich, wer Zeit hat und mitgehen möchte. „Wir sind nie in der gleichen Besetzung unterwegs“, sagt Kristina Sobiech. Die Hilfsbereitschaft der jungen Leute sei groß. „Manchmal muss ich daran erinnern, dass wir keine Wohnung und keinen Job zu vergeben haben. Das müssen wir den Profis, den Sozialarbeitern, überlassen.“

Manchen überfordert aber auch die ungefilterte Konfrontation mit der Not der Bedürftigen. „Eine junge Frau brach nach der Tour in Tränen aus. Sie konnte mit dem, was die Obdachlosen erzählten, nicht umgehen und musste ihr Engagement abbrechen“, berichtet Kristina Sobiech. Manche Eindrücke gehen auch ihr nicht aus dem Kopf. Etwa der Wohnungslose, der eine Therapie gemacht hatte und auf einem guten Weg schien, jüngst aber wieder einen sehr schlechten Eindruck machte und sichtbar verfällt.

„Er wünscht sich verzweifelt menschliche Wärme, eine Familie – wie wir alle. Doch wie soll das in dieser Situation gehen?“ Trotz oder gerade wegen der traurigen Schicksale melden sich immer wieder auch neue Freiwillige, die sich für Bedürftige engagieren wollen. Wie etwa kürzlich ein junger Mann, der mit der Gruppe durch Dortmund zog und viele der Obdachlosen zu kennen schien. „Es stellte sich heraus, dass er selbst noch vor einigen Jahren auf der Straße geschlafen hat. Inzwischen lebt er ein normales Leben, hat eine Arbeitsstelle und ist stolzer Vater eines Sohns“, freut sich Kristina Sobiech. 

 

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