Reges Interesse am „Bürgerforum Nord trifft Süd“ in Präsenzform

Wie sich die Zivilgesellschaft in Dortmund erfolgreich gegen Rechtsextremismus engagiert

Das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechtsextremismus in Dortmund ist vielseitig und breit gefächert. Im Rahmen des Forums wurden die Arbeit der Quartiersdemokraten, des Fanprojekt Dortmund e.V. und des BlockaDo-Bündnis näher beleuchtet.
Das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechtsextremismus in Dortmund ist vielseitig und breit gefächert. Im Rahmen des Forums wurden die Arbeit der Quartiersdemokraten, des Fanprojekt Dortmund e.V. und des BlockaDO-Bündnis näher beleuchtet. Collage: Sascha Fijneman für Nordstadtblogger.de

Die Auslandsgesellschaft und der Planerladen hatten in den  Großen Saal in der Auslandsgesellschaft eingeladen, um den Aktiven gegen Rechts in Dortmunder Stadtteilen die Möglichkeit zu geben, von ihrem Engagement zu berichten. Von der FAP und der Borussenfront in den 1980er Jahren über den Nationalen Widerstand bis hin zu deren Nachfolgeorganisation, der Partei Die Rechte heute – Dortmund weist eine unrühmliche Geschichte rechtsextremer Aktivitäten auf. Hiervon zeugen insbesondere die mittlerweile sechs tödlichen Opfer rechtsextremer Gewalt seit dem Jahr 2000. Das letzte Opfer heißt İbrahim Demir. Er wurde vor zwei Jahren von einem Anhänger der rechtsextremen türkischen Organisation „Graue Wölfe“ ermordet.

Forum bietet den Engagierten eine Bühne, um sich und ihre Arbeit vorzustellen

Rund 50 Gäste nahmen an der Veranstaltung teil.
Rund 50 Gäste nahmen an der Veranstaltung teil. Foto: Planerladen e.V.

Entsprechend oft wurde medial über Dortmunds rechte Szene berichtet. Bedeutender als diese Berichterstattung ist jedoch, dass es in der Stadt eine aktive Zivilgesellschaft gibt, die sich auf verschiedenste und kreative Weise sehr erfolgreich gegen rechte Aktivitäten engagiert.

Im Rahmen des Bürgerforums wurde einigen von ihnen eine Bühne geboten, um sich vorzustellen, mit dem Publikum und anderen Gästen ins Gespräch zukommen und über ihr Engagement zu berichten.

Moderator Kay Bandermann begrüßte – erstmals seit zwei Jahren wieder in Präsenz –  ca. 50 Teilnehmende und moderierte in drei Gesprächskreisen die Berichte der Gruppen über ihre hochinteressanten Aktivitäten und Erfahrungen.

Gastronom:innen gehen den Rechten mit der Aktion „CookieCourage“ auf den Keks

Marek Paul Kirschniok und Selvi Esra Aksünger Caphur stellten mit Unterstützung von Kermit e.V. die Aktion auf die Beine.
Marek Paul Kirschniok und Selvi Esra Aksünger Caphur stellten mit Unterstützung von Kermit e.V. die Aktion „CookieCourage“ auf die Beine. Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

In der ersten Gesprächsrunde saßen Selvi Aksünger von der Initiative „CookieCourage“, Thilo Danielsmeyer vom „Fanprojekt Dortmund“ und Janina Fuhr vom „BVB-Lernzentrum“ auf dem Podium.

Selvi Aksünger betreibt das „Café Rot“ im Kaiserstraßenviertel. Dieses wurde innerhalb kurzer Zeit mit der Zahl 28 – dem rechten Code für das Neonazinetzwerk „Blood and Honour“ – beschmiert. Als sie auf dessen Bedeutung aufmerksam gemacht wurde, entwickelte sie zusammen mit dem Verein Kermit e.V. die Aktion „CookieCourage“ (siehe angehängten Artikel).

Hierfür wurde eigens eine Website erstellt, welche nun über in der rechtsextremen Szene verbreitete Codes und deren Bedeutung aufklärt. Um auf diese Website hinzuweisen, wurden ungefähr 6.000 Kekse gebacken und an über 100 Gastronomiebetriebe verteilt, die diese an ihre Kund:innen verschenkten.

Website klärt über Codes der rechtsextremen Szene auf

Foto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Das Besondere an den Keksen war, dass deren Verpackung mit einem QR-Code bedruckt ist, welcher direkt auf die Website verweist. Die bunten Kekse repräsentieren die Dortmunder Stadtgesellschaft.

Problematisch gestaltete sich jedoch nicht nur die Produktion mehrerer tausend Kekse, was letztlich eine Großbäckerei übernahm, sondern vereinzelt auch deren Verteilung. So berichtete die Protagonistin von einem schockierenden Gespräch mit einem Gastronom, der es ablehnte, die Kekse anzubieten, weil er befürchtete, dass er so „Kundschaft verlieren würde“.

Trotz Rückmeldungen dieser Art ließen sich die Beteiligten der Aktion „CookieCourage“ nicht entmutigen und waren schließlich sehr zufrieden mit ihren Ergebnissen.

„Fanprojekt Dortmund e.V.“ leistet im BVB-Lernzentrum wichtige Aufklärungsarbeit

Thilo Danielsmeyer vom „Fanprojekt Dortmund e.V.“ Archivfoto: Klaus Hartmann für Nordstadtblogger.

Das „Fanprojekt Dortmund e.V.“ existiert seit 1987 und wurde als Reaktion auf die im Westfalenstadion sich in einer Machtstellung befindliche Borussenfront und deren Aktivitäten gegründet. Eine der Aufgaben des Fanprojekts besteht in der Aufklärungs- und Präventionsarbeit zu Rechtsextremismus.

Schon früh war dies aufgrund der Gesinnung der Borussenfront ein Teil ihrer Arbeit, wovon beispielsweise vom Fanprojekt erstellte Flyer zeugen, auf denen, wie auf der Website von „CookieCourage“, über rechte Codes aufgeklärt wurde.

Ein überaus bekannt gewordenes Projekt ist das Straßenfußballturnier „Kick Racism Out“. Dieser Slogan, der eigentlich – wie Thilo Danielsmeyer anmerkte – grammatikalisch richtig „Kick Out Racism“ lauten müsste, ist eine klare Positionierung des Fanprojekts.

Ergänzendes Bildungsangebot wird von Schüler:innen und Lehrer:innen begrüßt

Foto: Web-Screenshot

Borussia Dortmund steckte Mitte der 2000er Jahre in einer tiefen Finanzkrise, wovon das Fanprojekt jedoch profitieren konnte, denn der Verein überließ ihm einen Raum unter der Südtribüne Westfalenstadion, der nun als „BVB-Lernzentrum“ genutzt wird.

Hier bietet das Team des Lernzentrums außerschulische politische Bildungsarbeit in Form von Workshops und Unterrichtseinheiten an, die über Rechtsextremismus aufklären. Das Thema einer der ersten Unterrichtseinheiten war der von kleinen Teilen der Fans gesungene antisemitische Fangesang „U-Bahnlied“.

Sowohl Schüler:innen als auch Lehrer:innen freuen sich über Angebote des sehr gut besuchten Lernzentrums, da dem Thema Rassismus und anderen Diskriminierungsformen im Schulunterricht letztlich doch nur beschränkt Platz gegeben werde.

Unermüdlicher Einsatz der „Quartiersdemokraten“ im selbsternannten „Nazi-Kiez“

Verärgert beobachteten und kommentierten die Neonazis die Aufstellung der Bänke auf dem Wilhelmplatz.
Verärgert beobachteten und kommentierten die Neonazis die Aufstellung der Bänke auf dem Wilhelmplatz. Archivfoto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Zur nachfolgenden Gesprächsrunde wurden Birgit Miemitz vom Verein „QUINDO e.V.“, der Träger des Projekts „Quartiersdemokraten“ in Dortmund-Dorstfeld ist, sowie ein Vertreter von „BlockaDO“ auf das Podium gebeten.

Birgit Miemitz betonte, dass Dorstfeld trotz der jahrelang andauernden aggressiven Strategie der rechtsextremen Szene zur Raumgewinnung kein rechter Stadtteil sei. Die Zivilgesellschaft dürfe sich trotzdem nicht im Stich gelassen fühlen, weswegen das Projekt Quartiersdemokraten das Ziel verfolge, die aktive und nicht-aktive demokratische Zivilgesellschaft zu unterstützen.

Der von den Quartiersdemokraten in Dorstfeld betriebene Stadtteilladen „Wilma“.
Der von den Quartiersdemokraten in Dorstfeld betriebene Stadtteilladen „Wilma“. Archivfoto: Alexander Völkel für nordstadtblogger.de

Ein Beispiel hierfür sei unter anderem das Bank-Projekt, im Rahmen dessen auf dem zentral und unweit der Wohngemeinschaften führender Nazikader gelegenen Wilhelmplatz, die Bänke bunt gestrichen und mit antirassistischen Sprüchen versehen wurden, um ein deutliches Zeichen gegen Rechts zu setzen.

Der Stadtteilladen „Wilma“ am Wilhelmplatz ist ein neues Projekt der „Quartiersdemokraten“ und dient den Stadtteilbewohner:innen als Austausch- und Begegnungsraum. Sowohl das Ladenlokal wie auch die Bänke sind den Nazis ein besonderer Dorn im Auge, doch „wenn Nazis sich provoziert fühlen, hat man nicht alles falsch gemacht“, so Birgit Miemitz.

Bündnis „BlockaDO“ bietet den Neonazis seit Jahren die Stirn

Regelmäßig rief „BlockaDo“ zum Protest gegen den Thor-Steinar-Laden in der Innenstadt auf.
Regelmäßig rief „BlockaDO“ zum Protest gegen den Thor-Steinar-Laden in der Innenstadt auf. Foto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Das zivilgesellschaftliche Bündnis „BlockaDO“ verfolgt das Ziel, in Sicht- und Hörweite von Nazidemonstrationen zu protestieren. Wichtig ist es, im Vorfeld die Demo-Route zu wissen, um frühzeitig mobilisieren und Ortsbegehungen durchführen zu können.

Während der Coronapandemie versuchte die Dortmunder Naziszene zweimal im Stadtzentrum einen Thor Steinar-Laden zu eröffnen, wogegen „BlockaDO“ regelmäßig vor Ort protestierte, was letztlich mit Erfolg gekrönt war. Die Szene sei insgesamt ruhiger geworden, jedoch weiterhin aktiv und strukturiere sich momentan um, so die Einschätzung des „BlockaDO“-Vertreters.

Reporter Christof Voigt filmte für den WDR und wurde attackiert.
Reporter Christof Voigt filmte für den WDR und wurde auf einer Demo gegen die Coronamaßnahmen attackiert. Archivfoto: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de

Diese Meinung teilten die beiden freien Journalisten Alexander Völkel – Gründer der Nordstadtblogger – und David Peters. Trotz Rück- und Fortzügen führender Nazikader sei die Szene weiterhin aktiv, gefährlich und suche neue Aktionsformen. Dies sei z.B. bei den Querdenkerdemonstrationen der Fall gewesen, an welche sie jedoch nicht andocken konnten.

Das Querdenkermilieu selbst sei schwierig greifbar und vergifte die Gesellschaft, da mit den Anhänger:innen keine Diskussionen möglich seien. Insbesondere die Reaktionen der Demobesucher:innen sei unkalkulierbar. So seien Journalist:innen direkt beschimpft und attackiert worden, berichteten die beiden Autoren.

Weitere Veranstaltungen und Termin für das nächste „Bürgerforum Nord trifft Süd“

Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse beim Publikum und die Zeit reichte bei weitem nicht aus, um den Bedarf nach Austausch zu stillen.

Zum Abschluss der Veranstaltung und als weitere Möglichkeiten zur Begegnung und zum Austausch wurde auf den Stadtteilspaziergang des Planerladen-Projekts „Nordstadt to go“ mit dem Thema „Spuren der Gewalt. Rechte Gewalt, Opfer und Widerstand in der Nordstadt“ am 9. Juli, das Demokratiefest auf dem Wilhelmplatz in Dorstfeld am 26. August sowie auf die nächste Nord-trifft-Süd-Veranstaltung am 26. Oktober diesen Jahres hingewiesen.

Das Bürgerforum „Nord trifft Süd“ ist eine Veranstaltungsreihe der Planerladen gGmbH in Zusammenarbeit mit der Auslandsgesellschaft und mit freundlicher Unterstützung von MIA-DO Kommunales Integrationszentrum Dortmund. Das Projekt wird aus Mitteln des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der EU kofinanziert.

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