Ein Haus voller Geschichten rund um den Stahl schreibt wieder Geschichte

Stahlbungalow reist in der Nacht quer durch die Stadt an den neuen Standort am Hoesch-Museum

Die Reise beginnt: Der 1966 errichtete Stahl-Bungalow L141 wurde in zwei Teile geteilt und für den Transport ins Hoesch-Museum vorbereitet. Im Bild: der schwebende Wohnzimmertrakt. Dortmund-Agentur / Roland Gorecki

Isolde Parussel ist aufgeregt. Die Leiterin des Hoesch-Museums hat sich bereits eine Nacht um die Ohren geschlagen und einige Stunden in der Kälte gestanden. Sie kann eigentlich noch immer kaum glauben, was sie sieht. Ein Haus, genauer der Hoesch-Bungalow L141, wurde in Hombruch in zwei Teile zerlegt und hat sich auf die rund zehn Kilometer lange nächtliche Reise ins Museum gemacht. Ein Traum wird wahr.

Sechs Jahre Zeit, von der Planung bis zum Umzug

Barbara Woerner, geb. Hoff wird den Schlüssel zum Stahlbungalow ihres Vaters behalten. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Rund sechs Jahre sind vergangen, seit die Architekturhistorikerin Silke Happs das Museum auf dieses ganz besondere Haus aufmerksam gemacht hat. Ein Stahlbungalow. Von Hoesch. Der L141 – benannt nach seiner Form und der Quadratmeterzahl. Ein Prototyp und Vorbild seiner Zeit. Ein Stück Architekturgeschichte. Ein Stück Stahlgeschichte. Und ein Stück Familiengeschichte.

Errichtet wurde er von Hoesch 1966 in Löttringhausen und 35 Jahre lang liebevoll gepflegt von seinem letzten Bewohner Dr. Ing. Hans-Hubert Hoff. Hoeschianer, selbstverständlich, wie auch sein Vater. Die älteste Tochter Barbara Woerner, geb. Hoff, lebt heute in München, aber sie ist sich des Erbes bewußt. „Dass das Haus nun zum Museum gehört, hätte meinem Vater gefallen“, weiß sie. Sie hält die Schlüssel zum Haus noch in der Hand und sie wird sie auch behalten.

Die Trennung in zwei Hälften ermöglicht den Transport

Abtrennung des Wohnzimmertrakts aus der Vogelperspektive. Dortmund-Agentur / Roland Gorecki

Der Geist von Hoesch, er weht durch die gesamte Nachbarschaft. Isolde Parussel hat im Vorfeld allen Nachbar:innen einen Besuch abgestattet und sie über die Bauarbeiten informiert. Viele sind stolz und verstehen die Aktion als Wertschätzung der Arbeit von Hoesch insgesamt.

Isolde Parussel berichtet von einer 90 Jahre alten Witwe, die ihrem Mann am Grab vom Umzug des Hauses berichtet hat. Auch er Hoeschianer – natürlich. Das Verständnis für die umfangreichen Arbeiten und die damit verbundenen Einschränkungen in der Umgebung ist groß – mindestens so groß wie die Kräne und Transporter selbst, die nun vor Ort sind.

Gemeinsam versetzen diese Profis alles – außer Berge

Vorbereitung des Wohnzimmertrakts für den Transport zum Museum. Stadt Dortmund Roland Gorecki

Seit Mitte des Jahres bereitet die Firma JaKo Baudenkmalpflege GmbH die Umsetzung bereits vor. Sie musste das Gebäude in zwei Teile trennen, damit der Schwertransport erfolgen kann. JaKo sind Spezialisten auf dem Gebiet der sogenannten Translozierung – so der Fachbegriff für die Versetzung kompletter Gebäude.

Ihr Slogan „Wir versetzen alles. Außer Berge“. Partner für den Transport ist die Firma Alborn, seit 1891 in Dortmund. Die Profis müssen ein gut eingespieltes Team sein, wenn es darum geht, den Bungalow auf seiner großen Reise von Löttringhausen zur Westfalenhütte zu begleiten.

Die Reise durch die Nacht beginnt fast im Pyjama

Der Umzug des Stahlbungalows startet mitten in der Nacht. In der Zillestraße wird’s eng. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Der Transport der beiden Haushälften beginnt um Mitternacht in einem beschaulichen Wohngebiet. Die beiden Teile wiegen 13 und 16 Tonnen, sind bis zu acht Meter breit und werden auf den Spezialtiefladern platziert.

Ein Konvoi aus 15 Fahrzeugen begleitet die Transporter auf Fahrt über die Zille-Straße, die B236 zum Thyssenkrupp Steel-Werksgelände. Im Vorfeld wurde die gesamte Strecke geprüft: Sind Straßenlaternen im Weg, wenn es um die Ecke geht? Wie hoch sind die Brücken? Es wurden Straßenschilder entfernt und Parkverbotszonen ausgewiesen.

Die Strecke wurde für den Schwertransport vorbereitet, Straßenschilder teilweise entfernt. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Dennoch. Plötzlich steht ein Auto im Weg. Aber die Anwohnerin ist schnell ausfindig gemacht und setzt schuldbewußt – noch im Pyjama – den Wagen an die Seite. Es kann weitergehen.

Barbara Woerner, ihr Bruder Ernst Hoff und weitere Familienmitglieder sind in dieser Nacht ebenfalls vor Ort. „Es ist seltsam zu sehen, wie unser Elternhaus von hier abreist“, gibt Barbara Hoff zu. Ihr Vater habe das Haus geliebt und „er hat es übrigens nie Haus genannt, immer unsere Wohnung“, erinnert sie sich.

Und sie selbst? Hat sie gern darin gewohnt? Sie lacht: „Ehrlich gesagt, hätte ich damals lieber in einem richtigen Haus gewohnt – wir hatten ja nicht mal Tapeten.“

Bei der Einfahrt zum Werksgelände muss eine Brücke passiert werden. Karsten Wickern | Nordstadtblogger

Für die knapp 13 Kilometer bis zum Werksgelände sind vier Stunden geplant. Der Konvoi schafft die Strecke schließlich mit durchschnittlich Tempo 30 in drei Stunden und erreicht Tor 4 und seinen Zwischenstopp gegen drei Uhr morgens.

Die Verschnaufpause ist kurz, denn bereits mittags soll der Wiederaufbau des Bungalows hinter dem Hoesch-Museum beginnen.

Eine neues Leben auf neuen Fundamenten beginnt

Der erste Teil des Bungalows hat das Museum erreicht und wird vom Schwertransporter gehoben. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Am nächsten Morgen ist auch Isolde Parussel wieder auf den Beinen. Nieselregen, Medienrummel. Die Ehrenamtlichen kochen Kaffee und Tee, der Aufbau des Krans und der Traversen für die Umsetzung der beiden Bungalowteile beginnt. Gespanntes Warten.

Wann wird hier eigentlich alles fertig sein? Wolfgang Weick, stellvertretender Vorsitzender der „Freunde des Hoesch-Museums“, schätzt: ein Jahr. Das Haus sei zwar sehr gut gepflegt, fast im Originalzustand, aber  trotzdem seien Restaurierungsarbeiten nötig. Das Dach wird gedämmt, ein Anschluss ans Strom- und Wassernetz soll erfolgen.

Die Wohnräume werden dann eine Dauerausstellung beherbergen – zur Familie, zur Geschichte des Bungalows, aber auch zum Wohnen bei Hoesch an sich. Küche und Bad sind noch erhalten, ein paar Stahlregale, eine Sitzecke, Fotos – insgesamt ein toller Fundus aus dem sich etwas machen lässt. Das ehemalige Wohnzimmer wird einmal Veranstaltungsraum.

Milimeterarbeit: Platzierung des ersten Bauteils auf dem neuen Fundament. Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

Am frühen Nachmittag ist es dann soweit und der erste Schwertransporter biegt auf die Zielgerade. Ketten und Seile werden am Bungalow befestigt und immer wieder überprüft. „Das ist hier keine Sache von fünf Minuten, das ist Kunst“, kommentiert es ein Beobachter. Recht hat er. Irgendwann aber schwebt der Eingangsbereich des Bungalows in der Luft und senkt sich auf das neue Fundament. Passgenau.

Doch es wird langsam dunkel. Teil 2 des Gebäudes kann erst am nächsten Tag umgesetzt werden. Wenn er steht, und sei es wieder mitten in der Nacht, dann wird sich Isolde Parussel eine Flasche Sekt aufmachen.

Und dann? „Dann beginnt wieder der klassische Museumsalltag am Schreibtisch. Da stapeln sich sicher die Papierberge“, ahnt sie. Aber wie man (fast) Berge versetzt, das konnte sie ja nun beobachten.

Ein großes Dankeschön für diese Teamleistung

Glücklich: Isolde Parussel, Leiterin Hoesch-Museum dankt allen Beteiligten Daniela Berglehn | Nordstadtblogger

In den vergangenen drei Jahren haben viele Hände, Köpfe und Finanztöpfe das Vorhaben unterstützt, denen das Museum zu großem Dank verpflichtet ist. „Dieses Stück Architekturgeschichte war nur möglich, weil auch die Förderarchitektur stimmte”, erklärt Wolfgang Weick.

Auch der Verein „Freunde des Hoesch.Museums hat sich hier nicht nur ideell engagiert und ist als Förderer voran gegangen.

Außerdem wird das Projekt unterstützt durch das Förderprogramm „Heimat. Zukunft. Nordrhein-Westfalen“ des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW, die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die Gemeinwohl-Stiftung der Sparkasse Dortmund sowie durch Thyssenkrupp Steel Europe und die Stadt Dortmund.

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