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Aufsuchende Sozialarbeit mit Bedacht: GrünBau-Projekte in Dortmund reichen entwurzelten Jugendlichen eine Hand

Nicht mehr verbunden – und dann? Hier thematisiert von der bundesweiten Wanderausstellung „Entkoppelt“, die bald in Aachen zu Ende gehen wird.  Fotos: Thomas Engel

Hilfe für junge Leute, die vielleicht keine Hilfe benötigen? Heranwachsende, die irgendwo/irgendwie leben, vielleicht auch auf der Straße. Die niemand wirklich kennt, weil sie niemand mehr kennen wollen? Denen vermutlich früh das Leben übel mitspielte und sie nun darin entwurzelt treiben. – Soll das nicht alles gewesen sein: drei offiziell vorgestellte Projekte beim gemeinnützigen Dortmunder Träger „GrünBau“ reichen eine Hand.

Ins Leben geworfen – dann auf die Straße: und im Hier-und-Jetzt keine Wurzeln

Junge Menschen im Abseits: sie haben es sich in der Regel am allerwenigsten ausgesucht.

Durch niederschwellige Hilfen für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich vom System und seinen Institutionen entfernt haben. Der Gedanke dahinter: bei aller Freiheit eines Menschen, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und es zu gestalten – die Voraussetzung dessen ist, dazu überhaupt in der Lage zu sein.

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Dies ist nicht immer der Fall. Zumal bei Heranwachsenden aus schwierigen Verhältnissen, deren Entwicklungsmöglichkeiten früh eingeschränkt waren.

Junge Menschen, die der Gesellschaft Adieu sagten, weil alles besser war als dort, wo sie hätten geschützt werden sollen: in einer Familie, vom Freundeskreis, durch Verständnis. Das es in ihrer Lebenswelt vermutlich nie wirklich gab; stattdessen Angst, Liebesentzug, oft Gewalt, Missbrauch, sicher große Einsamkeit. – Sie mussten einfach raus, weg, irgendwohin, egal.

Existenz in Zwischenwelten: wo Lichter scheinen, ist für die jungen Menschen eigentlich Dunkelheit

Das ist einerseits die große Freiheit. Endlich keine Zwänge mehr, die so unerträglich waren. Endlich öffnet die Welt ihre Arme und tausend Lichter scheinen! – Andererseits enden auf manchen Abwegen in dunklen Gassen auch Unterstützungsangebote, die ein Sozialstaat alternativ noch hätte unterbreiten können.

Keine Wurzeln mehr, kein Band –  frei?

Hilfen zur Existenzsicherung, eine Wohnung, Einkommen; Chancen auf eine Ausbildung, auf Bildung überhaupt, für soziale Teilhabe: in einem Sozialleben, in dem sich Persönlichkeit entfalten kann.

Stattdessen leben sie gewissermaßen in Zwischenwelten, neben, unter uns – und doch ganz woanders. Wir sehen sie, gehen an ihnen vorüber. Aber, wenn wir ihnen vielleicht zulächeln oder sie ignorieren – da ist kein gewöhnliches Band mehr, das miteinander verbindet.

Wo BürgerInnen selbstverständliche Institutionen teilen: Ämterzugänge, Rentenversicherungsnummern, Weihnachtsfeiern, Meldebescheinigungen, Wahlbenachrichtigungen und so fort – da sind sie raus.

Wohlwollende Angebote des Sozialstaates für ein „normales“ Leben: friss oder stirb?

In drei Projekten versucht sich Grünbau gGmbH aus dem Dortmunder Norden als (mit-)verantwortlicher Träger dem Problem anzunehmen.

Eigentlich besteht dessen Kern nicht in der Existenzweise der Zielgruppe entwurzelter Heranwachsender, denn schließlich sollten in einer freien Gesellschaft alle ihrem Lebensentwurf soweit folgen dürfen und können, wo einer freien Entfaltung von Mitmenschen nichts entgegensteht.

Sondern die tatsächliche Herausforderung liegt darin, die dumpfe Eindimensionalität eines strukturfreien Schmalspuralltags aufzulösen, der so endet wie er beginnt: in Hoffnungs-, weil Alternativlosigkeit. Darin, den Gestrandeten andere Wege zu vermitteln, die sie wählen könnten, wenn sie wollten, als diesen einen. Den sie bisher – häufig aus großer Not – einschlagen mussten.

Zweifelsohne: es gibt weitergehende Interessen: sie mögen doch bitteschön produktiv werden, ihre Arbeitskraft zu Markte tragen, an der Erwirtschaftung von Reichtum mitwirken. Das verlangt selbstverständlich Einordnung, Selbstdisziplin, Verlässlichkeit, Verzicht. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Dabei bleibt es allerdings in den allermeisten Fällen: beim Blick zu „denen, da oben“.

Aufsuchende Sozialarbeit: Kommst Du nicht zu uns, kommen wir freundlich zu Dir!

Doch für die eingeforderte Leistungsbereitschaft winken Wirtschaft und Gesellschaft zunächst mit einem Belohnungssystem, wonach es sich auszahlt, der Systemlogik zu dienen. Ob das nicht nur naiv-neoliberalistische Ideologie ist, sondern sich etwas von dem verwirklicht, wovon die „Entkoppelten“ heute vielleicht träumen – das weiß niemand, keiner kann etwas versprechen.

Erst recht die StreetworkerInnen nicht, die Kontakt zu ihnen suchen. Die dorthin gehen, wo die Jugendlichen in Dortmund sich aufhalten. Vorbeischauen, gekonnt zufällig oder explizit, und einfach „Hallo“ sagen; ein kurzes Gespräch: bis dann! Verbindungen aufbauen, Vertrauen gewinnen. – Es geht einzig und allein darum, sie ins Unterstützungssystem zurückzuholen, damit sie eine Wahl haben, ob sie darin bleiben wollen.

Vier SozialarbeiterInnen sind es, die dergestalt über ganz Dortmund verteilt im Rahmen von „Dock 16“ seit September letzten Jahres die Stadt gewissermaßen zunächst nur erkunden – auf jene Orte hin, wo sich die jungen Menschen von irgendwo in der Öffentlichkeit treffen. In Parks, auf Spielplätzen, dem Bahnhofvorplatz. Im Sommer sind hier häufig ihre Lebensmittelpunkte, die den aufsuchenden Hilfen aber im Einzelnen viel zu wenig bekannt sind, um möglichst viele anzutreffen.

Ein staatliches Unterstützungssystem für „schwere Fälle“ in jungen Jahren: SGB II, §16h

Daniela Pollei (Koordinatorin der Projekte Dock 16/Inside und Pick-Up) mit AktivistInnen

Das zeigt an, dass noch vieles in den Kinderschuhen steckt. Viermal in der Woche ginge es raus, von 15 bis 21 Uhr liefen sie „durch die Gegend“, erklärt Daniela Pollei, Projektleiterin für Aufsuchende Sozialarbeit beim Träger GrünBau. Das kann in Dortmund-Hörde sein oder an anderen potentiellen Spots.

Konzipiert nach dem gleichnamigen Paragraphen des zweiten Sozialgesetzbuches (§16h SGB II: Förderung schwer zu erreichender junger Menschen) sollen mit „Dock 16“ genau jene Jugendliche und junge Erwachsene bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres erreicht und gefördert werden, die keinen Zugang zu staatlichen Unterstützungssystem mehr haben.

„Dock 16“ ist wohl das niederschwelligste der drei vom gemeinnützigen Träger mitverantworteten Projekte. Aufgefangen werden sollen hier auch etwaig vollständig Dislozierte, die vielleicht alle Kontakte zu ihrer Herkunft abgebrochen haben und nur zwischen den Fangmaschen des Systemnetzes in eigenen Zusammenhängen leben.

Tagesstruktur und kleine Verdienstmöglichkeiten: nur Anfänge, denn die Narben sitzen tief

Das Ziel von „Dock 16“ (wie das seines Pendants für die Quartiere der Innenstadt-Nord – „Inside“) soll sein, ein „Andocken“ an die Lebenswelt der Zielgruppe, mittel- bis langfristig eine Wiedereingliederung in das Regelsystem des SGB II zu bewirken. Das ist bei Wohnungslosigkeit, persönlichen Problemen wie Sucht oder biographischen Traumatisierungen zuweilen ein sehr weiter Weg.

Pick-Up bei GrünBau in der Nordstadt, Mallinckrodtstr. 138

Ein großer Erfolg dann, wenn sie, die von der Straße unter diesen Voraussetzungen jene vor allem über Inside angebotenen, offenen, aber tagesstrukturierenden Beschäftigungen annehmen, die einen anderen Halt im Leben vermitteln können, als sie bis heute kannten. Und wo ihre Narben möglicherweise nicht heilen können.

Zu „Pick-Up“, einem in Kooperation mit dem Jugendamt aktuell durchgeführten Pilotprojekt, kämen die Leute überwiegend durch Inside, sagt Daniela Pollei. Hier gibt es Zuverdienstmöglichkeiten von bis zu 450 Euro im Monat – ohne dass bei einer Bewerbung Deutschkenntnisse erforderlich wären. In Kleingruppen von bis zu 15 ArbeiterInnen werden dann Parks und Grünflächen von Müll gesäubert.

Durch eine Teilnahme an diesen Angeboten kann aber nicht eine Finanzierung des Lebensunterhalts gewährleistet werden. „Aufgrund ihrer prekären Lebenslage benötigt die Zielgruppe eine grundlegende Existenzsicherung, um sich für weiterführende Integrationsangebote öffnen zu können,“ heißt es in einer kommunizierten Beschreibung des Projekts unmissverständlich dazu.

Weitere Informationen:

  • Für Dortmund: Dschungel Buch IV. Informationen für obdachlose junge Menschen in Dortmund mit dem Projekt „INSIDE“ und „Dock 16“ (S. 14) sowie „Pick Up“ (S. 31) und vielem mehr; hier:
  • Homepage GrünBau gGmbH; hier:
  • Die Wanderausstellung „Entkoppelt“ befindet sich augenblicklich noch in Mannheim (17. – 26. April) und abschließend in Aachen (29. April – 8. Mai)

 

 

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