Nordstadtblogger

Zweites „BLAUES RAUSCHEN“-Festival im Ruhrgebiet: Wie KünstlerInnen auf gesellschaftliche Umbrüche reagieren

Der Elektronikmusikproduzent Jan Jelinek tritt am 13. Oktober im Archiv für populäre Musik im Ruhrgebiet im Evinger Schloss auf. Er befasst sich mit dem musikalischen Erbe der Dortmunder Künstlerin Ursula Bogner. Foto: Ruth Medjber

Die Metropole Ruhr befindet sich im beständigen Prozess des Strukturwandels. 2018 wird mit der Schließung der letzten Zeche Prosper-Haniel in Bottrop das Ende des Steinkohlebergbaus in der Region markiert. Vereinzelte Industriedenkmäler bleiben erhalten, doch die Zeiten der charakteristisch qualmenden Schornsteine der Hochöfen sind endgültig vorbei, in Dortmund und der Region. Das Festival „BLAUES RAUSCHEN“ gibt Einblick in die Positionen unterschiedlichster Künstlerinnen und Künstler und zeigt auf vielfache Arten und Stile, wie Kunst durch gesellschaftliche Veränderungen beeinflusst und inspiriert wird.

Künstlerische Positionen und Perspektiven zwischen analog, digital und postdigital

Im Zuge des Strukturwandels gilt es, neue Herausforderungen in der Region zu meistern. Der technologische Fortschritt setzt die nötige Infrastruktur voraus, wodurch die Digitalisierung weiter vorangetrieben wird. 

Die Ballungszentren des Ruhrgebiets haben mit den Folgen des Bergbaus zu kämpfen und müssen sich mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen. Gesellschaftliche Fragen, die Politik und Wirtschaft aber auch die BürgerInnen beschäftigen. Wie erleben die Menschen die Veränderungen und was denken und fühlen sie dabei? 

BLAUES RAUSCHEN beschäftigt sich mit dem Wandel von der Ausbeutung von Natur und der Aneignung von Landschaft durch Industrialisierung hin zu Medialisierung, Digitalisierung und Virtualität. Es versucht künstlerische Antworten auf die Fragen zu finden, wie wir diese Veränderungen sinnvoll und nachhaltig in unsere Gesellschaft integrieren können, ohne dass Menschen ausgegrenzt und Ressourcen vernichtet werden.

Bereits im zweiten Jahr von drei auf fünf teilnehmende Städte gewachsen

„BLAUES RAUSCHEN untersucht im post-digitalen Klangraum, mit verschiedenen analogen und digitalen Mitteln, inwieweit sich gesellschaftliche Umbrüche, technische Neuerungen und künstlerische und politische Prozesse gegenseitig bedingen und beeinflussen können“, so die künstlerischen Leiter des Festivals Karl-Heinz Blomann und Eckart Waage.

Das Festival feierte im vergangenen Jahr seine Premiere. Und schon die zweite Ausgabe ist etwas gewachsen. Waren im ersten Jahr die Städte Dortmund, Essen und Herne dabei, gesellen sich nun Gelsenkirchen und Bochum dazu. Vom 10. bis zum 14. Oktober bringt BLAUES RAUSCHEN wieder elektronische Soundexperimente auf die Bühnen des Ruhrgebiets. 

Das Programm bietet eine internationale Mischung aus etablierten Namen und Neuentdeckungen aus insgesamt acht unterschiedlichen Ländern der Welt. Die musikalische Vielfalt spiegelt sich in der Fülle der Genre, die die MusikerInnen bedienen. Von Electronica über Post-Rock und Maschinen-Folk bis hin zu Field Recording (Tonaufnahmen außerhalb von Studiosituationen) ist alles dabei.

Ryoko Akama und das bewusste Versagen der Technik

Die japanische Künstlerin Ryoko Akama. Foto: Filmlove BSZ

In Dortmund stehen den KünstlerInnen wie bereits im vergangenen Jahr die Bühnen des Archivs für populäre Musik im Ruhrgebiet im pittoresken Evinger Schloss zur Verfügung. Am Abend des 13. Oktober treten hier vier Acts auf. Um 20 Uhr geht’s mit Ryoko Akama aus Japan los.

Bei ihren Failed Experiments lässt die japanische Künstlerin bewußt das Versagen der Technik zu. Ihre mechanischen Objektinstallationen zeigen zunächst die Richtung der gedachten Funktion, scheitern jedoch während des Vorgangs bisweilen sogar derart, dass die Apparatur sich dabei selbsttätig zerstört. Was jedoch als Ergebnis ihrer Intention entspricht, sind die dabei entstehenden Klänge, die sie mit Tonabnehmern und akustischer Verstärkung erlebbar macht.

Sie bezieht dabei den Raum derart mit ein, dass selbst kleinste Details von Oberflächen und Strukturen relevant werden. Dabei untersucht Akama die Substanz und Fragilität von Objekten und den Einfluss von Schwerkraft, Wind und magnetischen Kräften auf unterschiedliche Gegenstände.

Ebenfalls um 20 Uhr aber auf der Bühne im Großen Saal des Evinger Schlosses präsentieren die KünstlerInnen Barbara Lüneburg und Marko Ciciliani ihre „gamified audiovisual performance“. „Kilgore“ von Marko Ciciliani ist als Spielumgebung konzipiert, in der die DarstellerInnen mit verschiedenen Elementen interagieren, die verschiedene Klänge erzeugen. Hier wird nicht nur Musik zu hören sein. Eine 3D-Animation dient als visueller Ausgangspunkt des Geschehens. 

Mythos Ursula Bogner: Pionierin elektronischer Musik oder Kopfgeburt Jan Jelineks?

Die kolumbianische Musikerin Lucrecia Dalt ist fasziniert vom musikalischen Erbe Ursula Bogners. Foto: Regina de Miguel

Vorgegebene Missionen, die von den „Spielern“ erfüllt werden müssen, führen zu einer musikalischen Form, die mit jeder Aufführung in ihren Details variiert, aber in ihrer generellen Richtung konsistent bleibt. Die gesamte Umgebung dient als dynamische Partitur und erweitertes Instrumentendesign.

Die Auftritte des deutschen Elektronikmusikproduzenten Jan Jelinek und der Kolumbianerin Lucrecia Dalt befassen sich mit dem Erbe der Dortmunder KünstlerIn Ursula Bogner, um die sich in der Szene Mythen und Legenden ranken. 

1946 geboren, zog sie im Alter von 19 Jahren nach West-Berlin, um dort Pharmazie zu studieren. Privat entwickelte sie ein starkes Interesse an Musique concrète und elektronisch produzierter Musik und verfolgte die Aktivitäten des Studios für elektronische Musik in Köln. Ab Ende der 1960er Jahre begann sie mit der Produktion eigener Musikstücke, die sie auf Tonband aufnahm. Sie soll 1994 in Berlin verstorben sein.

Laut Aussage von Jan Jelineks Plattenlabel Faitiche soll Ursula Bogner eine real existierende Person gewesen sein. Von verschiedenen Musikjournalisten wurde Bogner hingegen als „Erfindung Jelineks“ bzw. ein „Pseudonym“ des Musikers bezeichnet. Lucrecia Dalts Performance wird um 20.45 Uhr beginnen. Jan Jelinek löst sie um 21.15 Uhr ab. Der Eintritt wird an diesem Abend 15 Euro, ermäßigt 11 Euro betragen.

Internationale KünstlerInnen auf verschiedenen Bühnen im Ruhrgebiet

Das Duo BLOORT mit Veranstalter Karl-Heinz Blomann (l.) und Richard Ortmann. Foto: Karl Ortmann

Bereits am 10. Oktober wird BLAUES RAUSCHEN im Kunstmuseum in Gelsenkirchen um 19 Uhr eröffnet. Anschließend erwarten die BesucherInnen zwei musikalische Acts mit BLOORT, die sich mit dem Wandel von der Materialität hin zur Virtualität befassen und so Vergangenheit und Zukunft von Analogem und Digitalem akustisch erfahrbar machen und den Homewreckers, die die ZuhörerInnen mit ihrer rhythmischen, komplexen und exzentrischen Kunst in die dunkleren,  obskuren Seiten des urbanen Lebens entführen.

Der Abend wird in entspannter Atmosphäre zu den Klängen von DJ Guy Demossessian ausklingen. Der Eintritt ist an diesem Abend frei, es gibt der ein Platzkontingent, weshalb die VeranstalterInnen um Platzreservierungen. Genaueres erfahren interessierte LeserInnen auf der Homepage des Festivals, welche im Anhang des Artikels verlinkt ist.

Weiter gehts am 11. Oktober dann im Goethebunker in Essen, wo ab 20 Uhr Mariska de Groot aus den Niederlanden, der Deutsche Kai Niggemann und Vetter_Huber aus Österreich auftreten werden. Auch hier gibt es anschließend eine DJ-Nacht zum Tanzen und Relaxen. Der Eintritt beträgt an diesem Abend 15 Euro, ermäßigt 11 Euro.

Workshop für Jugendliche zum Thema „Wasser in der Stadt“

Am 12. Oktober dann gastiert BLAUES RAUSCHEN in den Flottmann-Hallen in Herne. Ab 20 Uhr wird es hier musikalisches Bühnenprogramm mit Jenny Ocampo und Eric Wong, Graham Dünnung aus Großbritannien, Les Trucs aus Deutschland und dem Italiener Lorenzo Senna geben. Der Eintritt kostet an diesem Abend wieder 15 Euro, ermäßigt 11 Euro.

Am 13. Oktober startet dann das Programm in Dortmund. Auch der Eintritt im Evinger Schloss beträgt 15 Euro, ermäßigt 11 Euro. Gleiches gilt für das Anneliese Prost Musikforum Ruhr in Bochum, wo ab 20 Uhr Perforator aus den Niederlanden, Stefan Tiefengraber aus Österreich und Amnesie Scanner aus Finnland auf der Bühne stehen werden.

Neben den musikalischen Acts wird es auch wieder einen BLAUES RAUSCHEN-Workshop für Jugendliche geben, der sich mit dem Klang von Wasser im urbanen Umfeld befassen wird. Zwei Gesamtschulen aus Gelsenkirchen und Herne werden ihre Ergebnisse am 12. Oktober ab 19 Uhr in den Flottmannhallen präsentieren. Zu dieser Aufführung ist der Eintritt kostenlos. Ab 20 Uhr gelten die Preise, wie oben beschrieben.

Ausweitung auf insgesamt zehn Spielorte im Ruhrgebiet geplant

„BLAUES RAUSCHEN ist ein verbindendes Element in der polyzentralen Stadtregion des Ruhrgebiets. Das Festival stärkt die lokale Vernetzung der Kulturszene durch Kooperationen und setzt damit ein wichtiges Zeichen für eine überregionale Kulturpolitik“, so die VeranstalterInnen.

Wenn alles gut läuft, planen sie BLAUES RAUSCHEN in den kommenden Jahren auf insgesamt zehn Spielorte im Ruhrgebiet ausweiten.

Weitere Informationen:

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