Nordstadtblogger

Nordstadtblogger ist reif fürs Museum – und ab sofort in der DASA zu sehen – Ausstellung „Neue Medien“ eröffnet

Die Ausstellung „Im Wettlauf der neuesten Nachrichten“ erreicht endlich das Internetzeitalter. Fotos: Alex Völkel

Die Ausstellung „Im Wettlauf der neuesten Nachrichten“ erreicht endlich das Internetzeitalter. Fotos: Alex Völkel

Von Alexander Völkel

Ich muss Ihnen etwas gestehen: Ich hasse Geschichten, die aus der „Ich“-Perspektive geschrieben sind. Und dennoch schreibe ich – ausnahmsweise – eine. Denn diese Geschichte berührt mich ganz persönlich – auf unterschiedlichen Ebenen. Der Grund: Ich komme ins Museum. Nicht als Besucher, sondern als Exponat. Zum Glück nicht wegen meines Alters, sondern meines Engagements. Als „Nordstadtblogger“ bin ich ab sofort in der DASA – der Deutschen Arbeitsschutz-Ausstellung – zu sehen. Dort widmet man sich (endlich) auch den neuen Medien – und unser lokales Medienprojekt ist Teil dieser multimedialen Geschichte.

Medieneinfalt statt Medienvielfalt in Dortmund nach der WR-Schließung

Das Besondere: Nordstadtblogger ist entstanden, weil die WAZ-Mediengruppe – (heute Funke) – auf den Tag genau vor sieben Jahren den Beschäftigten der Westfälischen Rundschau verkündet hat, dass sie alle Redaktionen schließen und alle Mitarbeiter*innen entlassen werden. Die Zeitung selbst gibt es noch heute. Sie ist die erste deutsche „Zombie-Zeitung“, eine leere Hülle. 

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Gruppenfoto der Nordstadtblogger bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des Projekts.

Gruppenfoto der Nordstadtblogger bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des Projekts.

Der Mantel kommt von der Funke-Zentralredaktion, der Lokalteil – zumindest in Dortmund – von den Ruhr Nachrichten. Gleiches gilt auch für die WAZ – der Lokalteil ist ebenfalls „von den Blauen“.

Damit war das Schicksal besiegelt: Aus der Medienvielfalt wurde Medieneinfalt. Statt drei gab es nur noch eine Tageszeitungsredaktion in Dortmund. Meine Kolleg*innen und ich wurden arbeitslos.

Damit wollten wir uns nicht abfinden: Ich hatte die Idee zu Nordstadtblogger und viele ehemalige Kolleg*innen mach(t)en ehrenamtlich mit. Anfang April feiern wir siebenjähriges Bestehen. Viele tausend Beiträge sind über Dortmund im Allgemeinen und die Nordstadt im Speziellen bei uns erschienen. Unser Engagement hat viel Beachtung gefunden. Als Ehrenamtsprojekt innerhalb der Stadt haben wir mehrfach Preise bekommen. Aber auch deutschlandweit bekommen wir als Medienprojekt viel Aufmerksamkeit.

Schüler*innen von heute betrachten die Technik der 90er Jahre zu Recht als steinzeitlich

Nach der „Verewigung“ bei Wikipedia ist Nordstadtblogger nun auch im Museum vertreten – als Teil des „Neulands“ bzw. der „Neuen Medien“. Obwohl Online-Journalismus auch schon mehr als 20 Jahre alt ist, war das in der bisherigen Ausstellung nicht abzulesen. 

Die Westfälische Rundschau ist schon lange im Museum - nun auch das Dortmunder Ehrenamtsprojekt „Nordstadtblogger“.

Die WR ist schon lange im Museum – nun auch das Dortmunder Ehrenamtsprojekt „Nordstadtblogger“.

Bisher ging es in der DASA-Ausstellung „Im Wettlauf der neuesten Nachrichten“ um die Arbeit in Medienberufen von den Anfängen im 15. Jahrhundert bis in die 1990er Jahre. Die letzte technische Innovation war hier der Kopierer.

Gerade für Schüler*innen – die Hauptzielgruppe der Ausstellung – nicht etwas aus dem 20. Jahrhundert, sondern eher aus der Steinzeit.

Für jemanden wie mich, der zwar „erst“ 44 ist, ist es direkt erschreckend, wenn man durch den alten Teil der Ausstellung geht. Viele Exponate erkenne ich wieder. Wie zur Mahnung liegen hier auch Bände mit Ausgaben der gedruckten Westfälischen Rundschau. Ich sagte – die Ausstellung berührt mich immer wieder auch persönlich. 

Die Erinnerungen kommen hoch, als ich – obwohl zu Hause mit einem Computer ausgestattet – in der Redaktion auf einer mechanischen Schreibmaschine schreiben musste. Es gab nur ein elektronisches Texterfassungsgerät für die ganze Redaktion. Zugegebenermaßen – damals war ich im Siegerland bei der WR. 

Ausstellung „Im Wettlauf der neuesten Nachrichten“ erreicht endlich das Internetzeitalter

Zeitung auf Papier? Ein Auslaufmodell.

Zeitung auf Papier? Ein Auslaufmodell.

Selbst als Mitte der 90er Jahre Computer Einzug hielten, konnte ich meine Texte nicht per E-Mail schicken. Ich war zwar schon drin (das war der AOL-Werbeslogan), doch die Redaktion war noch offline.

Ich musste die Ausdrucke oder Disketten hinfahren. Die Texte wurden dann per Hand redigiert und gefaxt, der Schreibpool tippte sie dann wieder ab. Irgendwie doch Steinzeit. Die Kids von heute haben so Recht.

Nun wird das Thema der DASA-Ausstellung bis an unsere Gegenwart herangeführt. Die neue, von Holzer Kobler Architekturen gestaltete Ausstellung spielt mit der schönen neuen Datenwelt, konfrontiert die Besucher*innen mit längst zum Alltag gewordenen Sehgewohnheiten und Verhaltensmustern und hinterfragt das Arbeiten mit und in den Medien. 

Sie nutzt dazu sinnliche Raum-Erfahrungen, Hands-Ons, Kunstwerke und ein crossmediales Angebot von Text, Bild, Video und Ton. Der ab sofort zugängliche Bereich thematisiert die Weiterentwicklung unserer Medienlandschaft durch die großen Zeitströmungen „Digitalisierung“ und „Globalisierung.“ 

„Leistungsverdichtung“ hat massiv zugenommen – und viele Berufe sind verschwunden

Wie ändern sich klassische Medienberufe und welche neuen Beanspruchungen sind damit verbunden? Die schon immer hohe „Leistungsverdichtung“ hat in den letzten 20 Jahren noch einmal einen gehörigen Zahn zugelegt.

Viele Berufe sind verschwunden – neue sind entstanden. Denn die sogenannten neuen Medien eröffnen jedermann (und frau) die Möglichkeit, selbst zum Nachrichtensender zu werden.

Der Ausstellungsbereich der „Neuen Medien” ist als Parcours konzipiert. Die Besucher*innen begeben sich auf eine Reise, auf der sie ihr Wissen an zahlreichen Stationen spielerisch testen und erweitern können und neue, unerwartete Erkenntnisse gewinnen.

Die fast unvorstellbare „Nachrichten-Vielfalt“ erschließt uns das Internet und: erschlägt uns zugleich. „Senden und empfangen“, das ist heute so leicht wie nie, nicht zuletzt durch die Echtzeit-Taktung der sozialen Netzwerke. Dadurch verbreiten sich nicht nur Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch, sondern auch Lügen, Fake-News und im schlimmsten Fall Hasstiraden bis hin zum „Cyber-Mobbing“. 

„Fakenews“ und Filterblasen entdecken, erleben und auch ausnahmsweise erstellen

Ein Wandbild visualisiert perfekt die Wirkung von Filterblasen - je nachdem, durch welche Filter ich auf dasselbe Bild blicke.

Das Bild (o.li.) visualisiert die Wirkung von Filterblasen – je nachdem, durch welche Filter ich darauf blicke.

Die Art und Weise der Kommunikation verändert sich ins Bildhafte, „Emojis“ zieren fast alle Digitalnachrichten. Wie solche Aussagen wirken, wenn man die Bildsymbole in eine „echte Rede“ überträgt, können die Ausstellungsgäste zum Beispiel sehr plastisch ausprobieren.

Die Frage von „Wahrheit und Fälschung“ stellt sich noch viel massiver als in den ‚klassischen‘ Medien.

Die Besucher*innen sind daher aufgerufen, einmal selbst eine gefälschte Nachricht zu produzieren und zu publizieren – im begrenzten Rahmen der Ausstellung versteht sich. Ich habe mich auch mit einem „Fake“ beteiligt und mich in einem Foto auf den Mond „gebeamt“ – veröffentlichen werde ich die Fälschung hier nicht.

„Fakenews“ – ein Thema, mit denen sich fast fast alle Journalist*innen und Medienkonsument*innen heute im Alltag beschäftigen müssen.

Ebenfalls wichtig: Die Gefahr, die Welt durch die eigene Filterblase zu sehen, ist höher denn je. Obwohl eine alte und absolut analoge Technik, visualisiert ein Wandbild perfekt die Wirkung von Filterblasen und die damit verzerrte Wahrnehmung der medialen Wirklichkeit. 

Eine „Guugle“-Maschine aus Holz und Metall symbolisiert die Mechanismen einer Suchmaschine

Die in den DASA-Werkstätten gefertigte „Guugle“-Maschine aus Holz und Metall macht die hintergründigen Mechanismen auf noch nie gesehene Weise anschaulich. „Daten als Ware“ sind die Basis vieler Internet-Unternehmen.

Die in den DASA-Werkstätten gefertigte „Guugle“-Maschine aus Holz und Metall macht die hintergründigen Mechanismen auf noch nie gesehene Weise anschaulich „Daten als Ware“ sind die Basis vieler Internet-Unternehmen.

Die in den DASA-Werkstätten gefertigte „Guugle“-Maschine aus Holz und Metall macht die hintergründigen Mechanismen einer Suchmaschine anschaulich.

„Guugelst du, oder was?“ Die riesige Informationsfülle im Internet zwingt dazu, mittels Suchmaschinen eine (möglichst) „kluge Auswahl“ zu treffen. Allerdings ist oft unklar, nach welchen Regeln „Google und Co.“ arbeiten und wer im Hintergrund alles die Strippen zieht. 

Die Installation der Medienkünstler Alex Wenger und Max-Gerd Retzlaff führt vor Augen, welche Daten Nutzer*innen schon dann von sich preisgeben, wenn ihr Smartphone lediglich auf WLAN-Empfang geschaltet ist.

Den Abschluss bildet eine eindrucksvolle Medieninstallation von Bernd Lintermann, ZKM Karlsruhe. Sie spielt mit den Abbildern der Menschen und ihrer Digitalisierung. Wirft der Spiegel noch ganz analog die Lichtstrahlen zurück, verändern und verfremden digitale Verfahren das Bild in unterschiedlicher Weise. Das Spiel mit den Welten endet in einer Entdeckungsreise zu sich selbst.

Neue Medienmacher und Geschäftsmodelle im Internetzeitalter

Alexander Völkel, Gründer und Redaktionsleiter der Nordstadtblogger, vor seinem Video in der DASA. Foto: Michael Hermes

Alex Völkel, Gründer der Nordstadtblogger, vor seinem Video in der DASA. Foto: Michael Hermes

Im „Neue Medien“-Teil kommen auch diejenigen zu Wort, die mit dem Internet ihr Geld verdienen.

Zeitungsverlage und Fernsehsender beschäftigen Journalist*innen, um auch „online“ Nachrichten anbieten zu können. Hier heißt es, ständig aufmerksam und aktiv zu sein, um „im Wettlauf der neuesten Nachrichten“ nicht zurück zu fallen. 

Wer auf Werbung verzichtet, ist auf Spenden und Online-Abos angewiesen. Neue Geschäfts- und Arbeitsmodelle sind die Folge.

Einen ganz anderen Weg gehen viele „Influencer“, deren Video-Beiträge im Internet nicht selten reichlich Wellen schlagen. In kurzen Interviews erzählen solche „Medienproduzent*innen“ von ihrem Berufsalltag und ihren Einnahmequellen. 

Neun Medienmacher*innen berichten über ihre Arbeit und ihren Werdegang.

Neun Medienmacher*innen berichten über ihre Arbeit und ihren Werdegang.

Hier bin auch ich zu finden. In illustrer Gesellschaft von drei Frauen und fünf Männern, berichte ich ausschnittsweise über meinen Werdegang und den unseres Nordstadtblogger-Projekts.

Neben mir berichten die Kolleg*innen von „übermedien“, „correctiv.ruhr“ und „funk“, um nur drei Beispiele zu nennen.

Schon komisch, sich selbst darin zu sehen. Noch komischer, wenn Menschen in der Ausstellung mit dem Finger auf dich zeigen und tuscheln, dass sie „den da“ doch auch eben auf dem Bildschirm gesehen haben.

Vielleicht bekommen sie dann ein besseres Verständnis dafür, dass wir unser Projekt mit viel Leidenschaft, aber auch Zeit und Geld-Einsatz machen. Denn auch Ehrenamt braucht und kostet Geld. Wenn Sie uns also unterstützten wollen – sehr gerne. Man sieht und liest sich – in der DASA, auf der Straße oder eben im Netz. 

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Mehr Informationen:

  • Die Ausstellung ist Teil der DASA Arbeitswelt Ausstellung und zu den Öffnungszeiten zu besichtigen: Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, Wochenende und Feiertage, 10-18 Uhr. Der Standard-Eintritt beträgt 8 EUR.
  • DASA Arbeitswelt Ausstellung, Friedrich-Henkel-Weg 1-25, 44149 Dortmund
  • www.dasa-dortmund.de

 

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