Nordstadtblogger

Serie „Lokaljournalismus“ (2): Medienkonzentration, Abschied der Zeitung, Krise – droht Nivellierung lokaler Pressearbeit?

Mit Kranzniederlegung und Trauermarsch zur Redaktion der Ruhr Nachrichten gedachten Redakteur*innen und Leser*innen der Westfälischen Rundschau am 2. Februar 2013 der Schließung der WR. Fotos (2): Franz Luthe

Eine von der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW veröffentlichte Studie zur Medienkonzentration zog bereits 2015 eine erschreckende Schlussfolgerung: flächendeckend entstünde eine einheitliche Berichterstattung, diagnostizierte der renommierte Zeitungsforscher Horst Röper mit Blick auf die Presselandschaft in NRW. Warum? Weil durch digitale Medien Printauflagen wie Einnahmen sinken. Qualifizierten Journalismus zu (re-)finanzieren, erweist sich als immer schwieriger; seine Darstellbarkeit ist dem ökonomischen Druck immer weniger gewachsen. Wie überall bei Gütern, wo durch politische Intervention keine kompensatorische Allokation von Mitteln gewollt ist und Marktregeln unvermittelt greifen können. Und das gerade dort, wo das Herz der Menschen schlägt: dort, wo sie leben – im Lokalen.

Lokalteil einer Tageszeitung ist für Ortsansässige von identifikationsstiftender Bedeutung

Nicht zufällig ist für viele gerade der Teil ihrer Zeitung interessant, der sich mit dem Geschehen am eigenen Wohnort befasst; für mehr als die Hälfte aller Leser*innen stehen im Lokalteil die wichtigsten Informationen. Es sind die Berichte über und für Leute in gewohnter Umgebung, Geschichten und Ereignisse von nebenan als Segment der eigenen Lebenswelt. Wo alle prinzipiell teilhaben und Wirkungsmacht entfalten können.

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Foto (2): Alexander Völkel

Diese fundamentale Bezogenheit zur materiell-sozialen Umgebung ist für Wesen aus Fleisch und Blut zunächst unhintergehbar. Daher wird die Berichterstattung, werden die Analysen und Meinungen über den Ort, wo sich Menschen zu Hause fühlen, immer eine herausgehobene Stellung einnehmen. – Dann aber kann es nur beunruhigen, wenn etwa in NRW – und analog einer bundesweiten Tendenz – die Auflagenzahlen von Tageszeitungen zwischen 2002 und 2014 um etwa 30 Prozent zurückgingen.

Dortmund und die Region erlebten am 1. Februar 2013 einen schmerzhaften Umbruch der Medienlandschaft. Die WAZ-Mediengruppe (später Funke Mediengruppe) löste 15 von insgesamt 17 Lokalredaktionen der zu ihr gehörenden Westfälischen Rundschau (WR) auf, einschließlich der Dortmunder. Auch die „Reste“ der WAZ-Dortmund wurden geschlossen. Insgesamt erhielten 120 WR-Redakteur*innen die Kündigung bzw. wurden freigestellt – mit empfindlichen Folgen.

Schließung der WR-Lokalredaktionen und drohende Nivellierung auf regionalem Zeitungsmarkt

Mit dem Wegfall der lokalen Berichterstattung durch WR und WAZ verblieb in der Stadt 2013 lediglich eine einzige unabhängige Vollredaktion. Dies bedeutete nicht mehr und nicht weniger, dass zu jenem Zeitpunkt die minimale Vielfalt professionell betriebener Pressearbeit in Gefahr war. Denn schon vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei. Doch die Entwicklung auf dem Zeitungsmarkt ist kein Wunschkonzert; die Realität sieht anders aus.

Den entfallenden Lokalteil für Dortmund, Lünen und Schwerte liefert seither ein alter Mitwettbewerber, die Ruhr Nachrichten (RN) von Lensing-Wolff. Die WR, einmal der Sozialdemokratie nahestehend, segelt nun als Tageszeitung quasi unter falscher Flagge. Aufgemacht wie eh und je, steht hinter den Lokalteilen ihrer Printausgaben in den betroffenen Einzugsgebieten keine eigene Redaktion mehr; es handelt sich schlicht um eine Mogelpackung.

Die Gewerkschaften sprachen seinerzeit gar von einer „Zombie-Zeitung“. – Ob in Dortmund oder andernorts, die Vorgänge sind vergleichbar: die Lokalberichterstattung der WR in Unna und Kamen stammt vom „Hellweger Anzeiger“ (Verlag Rubens); der Märkische Kreis wird weitgehend von der Ippen-Gruppe (u.a. „Lüdenscheider Nachrichten“) versorgt; Arnsberg und Hagen übernimmt die dem WAZ-Verlag hauseigene „Westfalenpost“, und so weiter und so fort.

Faktisches Monopol der Ruhr Nachrichten unter tagesaktuellen Lokalausgaben im Print

Einer drohenden Nivellierung lokaler Pressearbeit entgegenzuwirken, war denn auch das Schlüsselmotiv im Kreis geschasster WR-Redakteure, das „Nordstadtblogger“-Projekt ins Leben zu rufen. Weil der Lokaljournalismus – will er seinem gesellschaftlichen Auftrag gerecht werden – eben „Vielfalt statt Einfalt“ braucht, so der griffig formulierte Leitgedanke, mit dem die Blogger seither nicht von ungefähr ihre Gründungsmotivation beschreiben.

Denn wegen der Redaktionsschließungen bei der WR resultiert für die Dortmunder Lokalberichterstattung eine faktische Monopolstellung der Ruhr Nachrichten unter den tagesaktuellen Printausgaben. Das kommt gleichwohl nicht überall an. So gilt Dortmund in dem Wissenschaftlichen Gutachten zum aktuellen Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung nicht als eine sogenannte „Einzeitungsgroßstadt“ – von denen es offiziell immerhin bereits 32 gibt.

Vielmehr gehört Dortmund dem Gutachten zufolge zu den glücklichen fünf Großstädten „mit drei Abonnementzeitungen, darunter zwei der gleichen Verlagsgruppe“. Die Leser*innen können sich gleich aus drei Druckerzeugnissen über das tagesaktuelle Geschehen informieren: zweimal in Rot (WR und WAZ von Funke), einmal in Blau (RN von Lensing) aufgemacht.

Identische Inhalte in je anderer Verpackung: die Lokalteile im tagesaktuellen Print von den RN, WR und WAZ

Was deren Unterschiede betrifft, war’s das für die kommunale Berichterstattung allerdings auch schon: die Inhalte ihrer Lokalteile sind vollständig identisch. Woran sich beispielhaft zeigt, wie sinnentleert eine Begriffskonstruktion wie „Einzeitungsgroßstadt“ (oder „Einzeitungskreis“) unter ihren definitorischen Voraussetzungen ist – wenn damit keine faktischen Print-Monopolstellungen greifbar gemacht werden können.

Im Oktober 2017 schließlich wurde ebenfalls die Mantelredaktion der RN aufgelöst; überregionale und internationale Inhalte werden jetzt vom RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) der Madsack Mediengruppe produziert. Nach eigenen Angaben versorgt das Netzwerk mittlerweile mehr als 50 Tageszeitungen mit entsprechenden Beiträgen, die eine Gesamtauflage von über 2,3 Millionen Exemplaren erreichen.

Doch damit werden landes-, bundes- und weltpolitische Inhalte jetzt lediglich über eine Gemeinschaftsredaktion thematisiert. Die aber kann kein individuelles politisches Profil darstellen, wie dies früher für eine Tageszeitung vor Ort in Auseinandersetzung mit den großen Fragen der Zeit üblich war, indem sie – über den örtlichen Tellerrand hinausblickend – Stellung bezog.

Medienkonzentration beinhaltet eine deutliche Tendenz zur Entwicklung von Monopolstellungen

Präziser als die Analyseeinheit „Einzeitungsgroßstadt“ ist die sog. „Zeitungsdichte“ als Kennziffer für Medienkonzentration. Damit wird in der Pressestatistik unter anderem die Anzahl unterschiedlicher (gedruckter) Lokalzeitungen (beziehungsweise von Tageszeitungen mit Lokalteil) mit einer unabhängigen Vollredaktion für eine Gebietskörperschaft angegeben.

Dunkle Zeiten des Dortmunder „Journalismus“: in der mittlerweile von den Nazis gleichgeschalteten Presse (Repro) wurde die Bücherverbrennung auf dem Hansaplatz gefeiert.

Analysiert von der LfM NRW für das Jahr 2016 auf der Ebene der insgesamt 396 Gemeinden und kreisfreien Städte im Bundesland, ist eine deutliche Tendenz in Richtung Monopolisierung erkennbar. Fanden hier 1992 gerade einmal 1,5 Millionen aller Einwohner*innen (= 9 Prozent) in 47 Gemeinden lediglich eine lokale Tageszeitung vor, konnten 2012 schon gut 28 Prozent (in 140 Gemeinden, entsprechend etwa 5 Millionen) nicht mehr zwischen Alternativen wählen.

2016 waren es bereits an die 43 Prozent oder 7,6 Millionen (in 177 Gemeinden). Am stärksten betroffen ist übrigens unser Regierungsbezirk Arnsberg. Hier mussten 2016 fast 85 Prozent aller Ansässigen mit nur einer Zeitung auskommen.

Erschwerend kommt hinzu: die Schließung einer lokalen Tageszeitung ist offenbar ein medienpolitisches Ereignis, das – empirisch – unumkehrbar und daher in seinen Konsequenzen umso fataler ist. „Die Schließung einer Lokalausgabe ist ein endgültiger, offensichtlich irreversibler Schritt. Aus den letzten Jahrzehnten ist kein Fall einer Rückkehr einer Zeitung in zuvor aufgegebene Gebiete bekannt“, heißt es in der LfM-Studie (2016, S. 88).

Reichweite der gedruckten Ruhr Nachrichten schrumpft in Dortmund immer weiter zusammen

Dennoch: es sieht in der Dortmunder Presselandschaft nicht ganz so düster aus, wie solche Zahlen auf den ersten Blick nahelegen könnten. Das hat zwei wesentliche Gründe. Der eine ist der, dass von einer Monopolstellung der RN bei der Lokalberichterstattung – aufs Ganze gesehen – keineswegs die Rede sein kann. Zwar stellen die RN im Print de facto die einzige tagesaktuelle Lokalzeitung, doch ihre Auflagenhöhe sinkt beständig. Die Reichweite der verkauften Druckauflage in Dortmund relativ zur Zahl der Einwohner*innen zeigt dies.

Foto: Thomas Engel

Laut der LfM-Studie für 2016 ist sie im Zeitraum von 2010 bis 2016 von gut 216.000 gedruckten Exemplaren auf 136.000 abgestürzt.

2018 betrug die verkaufte Auflage nach verlagseigenen Angaben für den Großraum Dortmund (einschließlich Schwerte, Lünen, Castrop Rauxel usf.) gut 90.000 Exemplare, davon etwa 8.000 als ePaper.

Im gleichen Jahr waren es in der Stadt Dortmund gerade einmal noch knapp 56.000 Tageszeitungen, einschließlich der 5.000 ePaper, mit denen (bzw. mit einer relativ harten Bezahlschranke dort) Lensing Media versucht, entstehende Einnahmeausfälle zu kompensieren.

Zu addieren sind die von den RN übernommenen Lokalausgaben der WR/WAZ mit einem Marktanteil von knapp einem Viertel, so dass das angebliche Monopol in all seinen bunten Aufmachungen auf insgesamt nicht einmal 75.000 innerstädtische Vertriebsexemplare kommt. Bei einer Bevölkerung von offiziell etwa 602.000 Menschen wird die RN, einschließlich WR und WAZ, damit nur an gut 12 Prozent beziehungsweise an jede*n achte*n Einwohner*in verkauft.

Rausgerechnet den Anteil von etwa 16 Prozent der unter 18-Jährigen, erreicht die gedruckte Lokalzeitungsausgabe des Lensing Media-Komplexes somit nur knapp jeden siebten Erwachsenen oder nicht einmal 15 Prozent aller volljährigen Dortmunder*innen.

Alternativangebote in der Lokalberichterstattung und Neue Medien der Informationsvermittlung

Der zweite Grund, weshalb die Annahme kaum haltbar ist, die RN nähmen so etwas wie eine Monopolstellung ein, ist ein durchaus positiver – und bezeichnet die Alternativangebote in der Lokalberichterstattung, die sich in den letzten Jahren in Dortmund entwickelt haben.

Mittlerweile gibt es neben den bekannten Lokalangeboten aus Funk und Fernsehen eine Reihe von Redaktionen in der Stadt, die sich mit lokalen Themen im weitesten Sinne und in verschiedener Weise auseinandersetzen: von seriös am Bildungsauftrag des Journalismus orientiert bis zu rein kommerziellen Angeboten.

Das ist allein schon deshalb bedeutsam, weil die Bezahlschranke bei den eExemplaren der RN, mit der die Dortmunder Traditionszeitung der ausweglosen Abwärtsspirale beim Print zu entkommen versucht, die weitgehende Exklusion von Einkommensschwachen nach sich zieht. Abgeschnitten von Berichten mit lokalen Bezügen, sind sie auf andere Informationsquellen angewiesen, als auf die im Nachkriegsdortmund immerhin seit 70 Jahren erscheinenden Ruhr Nachrichten zurückgreifen zu können.

Mit den Alternativpublikationen zur klassischen Lokalzeitung rückt zugleich das besondere Medium stärker in den Vordergrund, in und mit dem Nachrichten, Meinungen und andere Inhalte vermittelt werden. Denn dies verlagert sich immer weiter in den virtuellen Raum, wird zur „Internetzeitung“. Hier liegt die Zukunft – doch wie soll die eigentlich aussehen?

Weitere Informationen:

  • Landesanstalt für Medien (LfM) (Hg.): Bericht zur Medienkonzentration 2015, Dortmund 2016; hier:
  • Landesanstalt für Medien (LfM) (Hg.): Bericht zur Medienkonzentration 2016/17, Dortmund 2017; hier:
  • Zur Entwicklung der Medien in Deutschland zwischen 2013 und 2016. Wissenschaftliches Gutachten zum Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung 2018. In: Drucksache 19/6970 Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode, Anhang 1, S. 27-277; hier:

 

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