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Serie „Lokaljournalismus“ (1): Bedeutung, Verantwortung und Gefährdungen kommunaler Pressearbeit in der Gegenwart

Klassischer Lokaljournalismus und gähnende Leere: Schicksal?

Dortmunder Tagespresse: das wahre Grauen hat im Inneren der Postillen statt –  dort, wo sich Lokalteile inhaltlich wie ein Ei dem anderen gleichen. Was bedeutet das für eine Demokratie? Fotos (4): Alex Völkel

Der klassische Lokaljournalismus hat ein Problem: er ist dabei, den Löffel abzugeben. Zumindest in der Weise, wie er bislang sich zeigte – als gedruckte Zeitung mit tagesaktueller Berichterstattung über das Geschehen vor Ort. Die an keinem guten Frühstückstisch fehlen durfte, auch wenn sie gern als Papierwand zum Schweigen missbraucht wurde. Das Format befindet sich in Auflösung, genervte Leser*innen stellen fest: gleich welcher Farbe oder Aufmachung das Titelblatt ist, im Inneren kommt es zu verdächtigen Konvergenzen. In Dortmund sind die Lokalteile der Ruhr Nachrichten, der Westfälischen Rundschau und der WAZ identisch, Punkt. – Dieses unliebsame Faktum hat komplexe Ursachen. Wie die zukünftige Entwicklung verlaufen wird, ist seriös nur bedingt abschätzbar. In der besinnlichen Zeit zum Jahresausklang wollen wir das Phänomen in einigen Anläufen und aus verschiedenen Perspektiven etwas genauer beleuchten.

Seriöser Lokaljournalismus ist immer Pressearbeit unter etwas anderen Voraussetzungen

Angesichts der an jedem Frühstückstisch leicht feststellbaren Tendenz zur Vereinheitlichung örtlicher Berichterstattung ist seit längerem von einer „Krise des Lokaljournalismus“ die Rede. Wird sie beklagt (was nicht zwingend ist), wirft dies Fragen nach seiner Bedeutung und Funktion auf. Die wiederum hängen mit den besonderen Bedingungen zusammen, unter denen er agieren muss.

Im Dortmunder Stadtrat: Berichterstattung über Themen, die alle Menschen in der Stadt etwas angehen.

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Schreibe, spreche, fotografiere – berichte ich über und kommentiere das örtliche Geschehen für die ansässige Bevölkerung, zu der ich gleichermaßen gehöre, dann steht diese Tätigkeit nämlich unter einem besonderen Stern.

Weil – anders als bei überregionaler Reichweite – das Wirkungsgebiet meiner journalistischen Arbeit mit den äußeren Bedingungen ihres Entstehens nahezu deckungsgleich ist.

In diesem Spannungsraum bewegt sich eine lokale Presselandschaft, die sich nicht in Blau- und Rotlicht-Berichterstattung begibt, sondern kritisch bleibt. Deshalb ist sie nicht nur Teil jener Öffentlichkeit, die sie entscheidend mitkonstituiert, sondern sie steht zugleich unter dem „Feedback“ der dort vorhandenen Kräftefelder. Sowohl seitens der öffentlichen Bürgerschaft wie der politischen Kommune.

Verantwortung zur journalistischen Sorgfalt – um Verlässlichkeit und Vertrauen zu stiften

Mit einer App auf dem Mobiltelefon bargeldlos Parkgebühren bezahlen. mit dem Dortmunder Pilotprojekt soll das System getestet werden. Fotos: Thomas Engel

Mit einer App auf dem Mobiltelefon bargeldlos Parkgebühren bezahlen. Wenn was schief läuft, ist die Berichterstattung eine von mehreren zuverlässigen Fehlerquellen. Fotos (3): Thomas Engel

Ein einfaches Beispiel: Wird etwa ein neues Bezahlsystem an innerstädtischen Parkuhren eingeführt, müssen Bürger*innen darauf vertrauen können, dass die lokale Berichterstattung präzise ist, wenn es um dessen Funktionsweise geht – statt später im ruhenden Verkehr wegen unklarer Angaben womöglich mit Knöllchen bestraft zu werden.

Keine Nachbarschaft, keine Kleinstadtbäckerei möchte sich falsch verstanden wissen, noch den eigenen Straßennamen im Lokalblatt falsch geschrieben sehen. Es wird hier berechtigterweise eine gewisse Verlässlichkeit erwartet, der wiederum eine Sorgfaltspflicht aufseiten der schreibenden Zunft entspricht. Kommt sie ihr in der Wahrnehmung der Leser*innen nach, generiert das Einfluss.

Gleiches gilt erst recht für die Berichterstattung über politische Entwicklungen. Was vor der eigenen Haustür passiert, darüber wird von einer sehr übersichtlichen Anzahl an Autor*innen berichtet. Dass es, soweit professionell betrieben, immer weniger werden, mit der daraus folgenden Tendenz zu einheitlichem Lokalkolorit – das ist nur das eine. Denn solche Stimmen haben andererseits auf der lokalen Ebene Gewicht.

Gefährdungen lokaler Berichterstattung und die besondere Schutzwürdigkeit der Pressearbeit

Entsprechend dünn aber ist auch das Eis, auf dem sich Lokaljournalist*innen bewegen. Was sie tun, worüber sie schreiben oder nicht schreiben, berichten, Wissen über Zusammenhänge konstruieren und vermitteln, schließlich: was sie meinen, wie sie werten – all das hat unter Umständen empfindliche Konsequenzen. Zuallererst für sie selbst: für ihre zukünftigen Arbeitsbedingungen, im Extremfall für ihr wirtschaftliches Wohlergehen und das ihrer Familie.

Den Finger in die Wunde legen: Ausstellung World Press Photo 2019 im Kulturort Depot der Dortmunder Nordstadt

Demokratietheoretisch ist eine solche Situation wenig vorgesehen. Idealtypisch wirkt hier ungehinderte Pressearbeit als Korrektiv, indem sie jene Öffentlichkeit herstellt, die eine liberale Gesellschaft braucht, um Menschen zu informieren, Meinungsbildungsprozesse zu fördern, soziale Teilhabe und politische Partizipation zu ermöglichen.

Die Presse legt in den konkreten Lebenswelten gegebenenfalls den Finger in die Wunde, wo es Missstände gibt, und erzeugt somit Druck auf politische Entscheidungsträger, sie zu korrigieren; ansonsten könnte es die Quittungen bei der nächsten Wahl geben.

Eine „Schere im Kopf“ der schreibenden Zunft dürfte es insofern gar nicht geben. Weshalb der journalistische Beruf besonders geschützt ist, um dem gesellschaftlichen und letztlich vom Grundgesetz gesicherten Auftrag (Artikel 5: Meinungs-, hier insbesondere Pressefreiheit) uneingeschränkt nachkommen zu können.

Zwiespalt zwischen Erwartungshaltung zur „Hofberichterstattung“ und professioneller Qualitätssicherung

Lokaljournalist*innen können aber, auch wenn dies im Extremfall legitim erscheint,  nicht dauerhaft gegen die Stadtoberen anschreiben, ohne sie nachhaltig zu vergrätzen. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis Einladungen zu Pressekonferenzen und erst recht zu Hintergrundgesprächen ausblieben. Bei denen als Gegenleistung – verständlicherweise – ein gewisses Wohlverhalten erwartet wird, weil Informationen über Zusammenhänge kommuniziert werden, die so nicht in der Öffentlichkeit landen sollen.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau 2014 bei der Wahlparty im Dortmunder Rathaus – „umzingelt“ von Kameras.

Aus diesem Grund bewegt sich die lokale Presse in einem chronischen Zwiespalt zwischen einer Erwartungshaltung zur „Hofberichterstattung“ und professioneller Qualitätssicherung. Das Licht, in dem sich kommunale Akteure – nachvollziehbar – dargestellt wissen wollen, konfligiert potentiell immer wieder mit den berufsethischen Ansprüchen der Publizierenden.

Doch es ist auch dieser Spannungsbogen, der Demokratie lebendig erhält. – Ein Kollege sagte einmal, gerichtet an die Adresse einer Reihe anwesender Politiker*innen, sinngemäß: „Wir sind nicht dafür da, Sie glücklich zu machen!“ Und er wurde durchaus verstanden. Wobei hinzuzufügen wäre: die Adressat*innen entstammten allesamt demokratischen Parteien.

Demokratische Öffentlichkeit schafft und reproduziert sich durch kommunikatives Handeln

Lokale Presselandschaften konstituieren einen öffentlichen Raum, der die Lebenswelten von Bürger*innen miteinander verbindet. „Die Öffentlichkeit lässt sich am ehesten als ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen beschreiben“, schrieb Jürgen Habermas 1992 (S. 436).

Sie ist demnach nichts Vorgefundenes, sondern das Resultat von geistiger Arbeit: sie muss durch ein interessiertes Publikum, durch kommunikativ handelnde Teilnehmer*innen erst hergestellt werden. In diesem Sinne fördern lokale Journalist*innen als Vermittlungsinstanz örtlicher Ereignisse und Problemstellungen in einer freien Gesellschaft idealtypisch demokratisches Verhalten: sie fordern Stellungnahmen, ermöglichen Debatten, Diskurse.

Indem sie Leser*innen informieren, ihnen gegenüber kontextualisieren und kommentieren, sind sie notwendige Bedingung der Möglichkeit, politische Macht zu kontrollieren. Weshalb eine freie Presse manchmal auch als Vierte Gewalt – neben Legislative, Exekutive und Judikative – bezeichnet wird. Ob dies nun berechtigt ist oder nicht: ohne sie ist ein demokratisches Gemeinwesen schlechterdings nicht vorstellbar.

Verlust von Informationsprivilegien durch neue Öffentlichkeiten in Sozialen Netzwerken

Journalistischer Tätigkeit ist es darum bestellt, Informationen von öffentlichem Interesse wahrhaftig, verlässlich und in verständlicher Sprache in Prozesse demokratischer Meinungsbildung einzubringen. Weitergehende Kontextdarstellungen oder wertende Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart sind ohne die Sicherung entsprechender Qualitätsstandards, die mit transparenten Methoden Fakten von Fiktion scheiden, nicht mit dem Berufsethos vereinbar.

Doch mit der Digitalisierung verschiebt sich einiges. Bekanntlich verbringen heutzutage viele ihre Zeit in den neuen Öffentlichkeiten des Internets – als einem immer engmaschigeren virtuellen Kommunikationsnetzwerk, in dem die an Konsum und Produktion gebundenen Rollen sich in Prosument*innen und in Räumen ohne Koordinaten quasi zeitlos durchdringen.

Schon die Art der Informationsvermittlung in kleineren sozio-geographischen Einheiten bleibt davon nicht unberührt.

Der klassische Lokaljournalismus verliert in den Kommunen sein Informations- bzw. Vermittlungsmonopol. Online-Portale unterrichten parallel, stellen dar, verlautbaren, äußern Meinungen; es bilden sich unzählige themenspezifische Foren in und außerhalb von globalen Netzwerken. Es geht um alles und um nichts im Land der ungeahnten Möglichkeiten.

Die Ausdruckstechniken schaffen zwar neue Formen von und mehr Vielfalt an bunten Öffentlichkeiten, doch liegt dort zugleich ein Grab, in dessen Stein „politische Auseinandersetzung“ eingemeißelt ist. Beerdigt in den Neuen Sozialen Medien durch die mittlerweile notorischen „Blasen“ – quasi geschlossene Gruppen, in denen sich Mitglieder in ihren Einstellungen und Weltbildern fleißig gegenseitig bestätigen können.

Fragile Vielfalt lokaler Presse als Lebenselixier für ein basales Funktionieren von Demokratie

Deren relative Hermetik ist einem Diskurs mit Andersdenkenden zu gesellschaftspolitischen Fragen wenig förderlich, weil Störenfriede mit einem Mausklick schnell entfernbar sind. Auf diese Weise – ermöglicht durch strukturelle Abschottung – können sich weitgehend ungehindert Binnendynamiken hin zu kollektiven Tunnelblick-Modi entwickeln. Eine für die Pflege von Debattenkulturen fatale Tendenz. Die sich beispielsweise darin äußert, dass ein „Streit“ hierzulande zunehmend als etwas gilt, das tunlichst zu vermeiden sei.

Ob sich die Blätter in Dortmund blau oder rot präsentieren: im Lokalteil steht dasselbe; hier: blau.

Umso dringender scheint es geboten, dass mit Professionalität betriebene lokale Presselandschaften nicht zu Monolithen erstarren. Auf dem Spiel stehen Weisen demokratischen Zusammenlebens. Vielfalt und Toleranz an der Basis einer heterogenen Gemeinschaft können sich nur in Berichterstattung und Kommentaren spiegeln, die mehr als eine Stimme aus und über relevante Vorgänge in der Kommune produzieren.

Gerade weil dem „Echo des Heimischen“ – anders als dem Journalismus großer Themen – wegen seiner sozialräumlichen Spezialisierung ein Alleinstellungsmerkmal zukommt, ist der Erhalt medialer Vielfalt in den Lebenswelten von immenser Bedeutung, aber eben auch besonders gefährdet. Und genau das scheint sich zu bestätigen – mit Blick auf die Entwicklung lokaler Berichterstattung der letzten Jahre, nicht nur in Dortmund. Soweit das Auge reicht: die Medienkonzentration bei den Lokalausgaben im tagesaktuellen Print schreitet überall voran.

Weitere Informationen:

  • Habermas, Jürgen: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt 1992

 

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