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Ämterphobie und Obdachlosigkeit: Jobcenter Dortmund bietet den Betroffenen niederschwellige Hilfen an Ort und Stelle

Kundgebung für Schutz von Obdachlosen im Winter vor dem Dortmunder Rathaus

Wohnungslosigkeit, im Extremfall Obdachlosigkeit: ein fester Arbeitsplatz ist nahezu aussichtslos. Dadurch im Alltag fehlende Strukturen verstärken einen Teufelskreis, der sich häufig im Medium von Drogen abspielt und verfestigt. Auswege können Betroffene meist nicht mehr allein finden. Aufsuchende Hilfen des Jobcenters in Dortmund stellen niederschwellige Angebote bereit, um Arbeit, Wohnung und Strukturen zu vermitteln. MitarbeiterInnen sind mit dem Laptop unterwegs – und sie beißen nicht!

Kaum Chancen auf Arbeitsplatz und Krankenversicherung ohne feste Wohnung

Aufsuchende Hilfen richten sich mit niederschwelligen Angeboten an Menschen in prekären Lebensverhältnissen, die durch herkömmliche Institutionen nicht mehr erreicht werden können oder wollen. Dies geschieht zunehmend über verschiedene Rechtskreise hinweg, denn Biographien entwickeln sich nicht geordnet nach Zuständigkeiten einzelner Sozialgesetzbücher.

In Dortmund sitzt beispielsweise eine Fallmanagerin des Jugendberufshauses regelmäßig im Street-Work-Café des Jugendamtes an der Leopoldstraße: um mit jungen Menschen in Kontakt zu bleiben; oder, um einfach nur klar zu machen: Hey, ich will Dir nix – ich bin keine Gefahr! Für jene, die „irgendwie“ ausgestiegen, unerreichbar geworden sind, und eigentlich nur in Ruhe gelassen werden wollen. Ab und an vielleicht auf den Straßen mit roten Haaren und großen Hunden erscheinen – und ansonsten sind sie weg.

Im engeren Sinne ist es eigentlich nicht ihr Aufgabengebiet, sich um randständige Jugendliche zu kümmern, aber doch kein Zufall: Jugendsozialarbeit soll auf Passung zur Lebensweltorientierung bedürftiger junger Leute ausgerichtet werden. Genauso verhält es sich bei Hilfen für Obdachlose und Wohnungslose. Die einen haben gar kein Dach über dem Kopf, die anderen kein festes, unter dem sie eine Bleibe finden könnten.

Die missliche Lage hat mannigfaltige persönliche Gründe wie biographische Ursachen und mündet in ebenso unterschiedliche Bedürftigkeiten für konkrete Hilfen. Gemein ist der Zielgruppe von Menschen ohne eigene Wohnung meist nur zweierlei: die Betroffenen sind arbeitslos und nicht krankenversichert.

Prinzip mobiler medizinischer Grundversorgung in Dortmund als Modell für Jobcenter

Außenstelle des MMD an der Bornstraße

Der Dortmunder Mobile Medizinische Dienst (MMD) versucht in solchen Fällen, das Nötigste zu unternehmen, um zumindest eine basale medizinische Versorgung sicherzustellen. An zehn Brennpunkten im ganzen Stadtgebiet suchen die MitarbeiterInnen des MMD mittlerweile Menschen ohne eigene Wohnung bzw. Obdachlose auf. Die Anzahl der Behandlungskontakte stieg hier in den letzten Jahren stetig: von 1.893 Fällen 2013 auf 3.202 im Jahr 2017.

Der Zusammenhang: Obdachlosen bleibt häufig der Zugang zu normalen Regelleistungen des Gesundheitssystems verwehrt. Aus dem schlichten Grund, weil sie zumeist keiner sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen und zudem nicht beim Jobcenter als arbeitssuchend geführt werden, daher nicht anspruchsberechtigt für Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach SGB II sind.

Für Ballungsräume typische Phänomene, so Michael Schneider, Pressesprecher des Jobcenters Dortmund, illusionslos. Aber: da gab es mit den KollegInnen aus der Obdachlosenhilfe des Hauses die Idee mit der mobilen Beratung. Die funktioniert etwa so wie beim Mobilen Medizinischen Dienst, nämlich nach dem Motto: Kommt ihr nicht zu uns, dann wir zu Euch! – Allerdings, recht zwanglos und flexibel, was individuelle Voraussetzungen betrifft. Diese Herangehensweise hat Gründe.

Aufgebaute Zugangshemmnisse sollen durch Niederschwelligkeit überwunden werden

Es ginge darum, Leute aufzufangen, die aus verschiedenen Gründen eine Ämterphobie hätten, daher nur über niedrigschwellige Angebote zu erreichen seien, so Christian Kürpick vom Jobcenter Dortmund. Das funktioniert über Präsenz an solchen Orten, wo sich die Klientel zusammenfindet. Näherhin sind drei große Träger in der Stadt gemeint, die für Obdachlose wie Wohnungslose wichtige Hilfsangebote bereitstellen.

Dort sitzt Christian Kürpick einmal jeweils für drei Stunden wöchentlich zusammen mit seiner Kollegin von der Arbeitsvermittlung: im Gast-Haus, dem Café Flash der Dortmunder Drogenberatungsstelle (DROBS) und der Wohnungslosenhilfe der Diakonie. Auf diese Weise sei es gelungen, viele Leute zurück ins Hilfssystem zu holen, sagt der für Leistungsbezüge im Jobcenter zuständige Fachmann. Dies bedeute vor allem, dass die betreffenden jetzt Zugang zum Krankenversicherungssystem hätten.

Auf die Bedeutung dieses Effekts verweisen gleich mehrere ExpertInnen. Zwar gibt es in Dortmund seit nunmehr über zehn Jahren den Mobilen Medizinischen Dienst, dessen Angebote – wie kostenlose Sprechstunden – sich speziell an Wohnungslose richten. Allerdings: die mit vielen Ehrenamtlichen besetzte Einrichtung kann nicht viel mehr als eine freie medizinische Grundversorgung anbieten. Ist eine komplexere und teurere Behandlung erforderlich, führt kein Weg mehr an der Krankenversicherung vorbei.

Erreichbarkeitsadresse ist unabdingbare Voraussetzung für Hilfeleistungen

(v.l.:) Jenny Vesper, Katrin Lauterborn (vorne); Thomas Bohne, Christian Köhler, Christian Kürpick.

Dafür müssen Menschen ohne eigene Wohnung neben der Registrierung als arbeitssuchend zumindest eine postalische Anschrift haben. Die DROBS bietet gegenwärtig 145 KlientInnen, die Zentrale Beratungsstelle für wohnungslose Menschen der Diakonie 650 sog. Erreichbarkeitsadressen; vor ein paar Jahren seien es noch 300 gewesen, sagt deren Leiter, Thomas Bohne.

Und bestätigt damit die steigende Tendenz von Fallzahlen beim MMD: 1.800 KlientInnen habe man im letzten Jahr gehabt – das sei seit 2010 eine Steigerung von 60 Prozent der Fälle. Aber so könnten eben immer wieder Leute eingefangen, zurück ins System gebracht werden, die überhaupt keinen Kontakt mehr zu den Behörden hätten.

Es stehen Personengruppen zur Debatte, denen häufig ein strukturierter Tagesablauf fehlt. Den brauchen zwar nicht alle, doch Jenny Vesper vom Jobcenter kennt Leute, „die wollen eine Tagesstruktur, und denen muss ich individuelle Angebote machen“.

Die in der Obdachlosenbetreuung tätige Arbeitsvermittlerin bildet zusammen mit ihrem Kollegen Kürpick jenes Team, das seit Ende September letzten Jahres gemeinsam einmal wöchentlich Treffpunkte von Obdachlosen bei besagten Einrichtungen der Dortmunder Wohnungslosenhilfen aufsucht. Zudem besuchen die beiden zweimal jährlich eine JVA-Entlassungsvorbereitung, um zu vermeiden, dass Häftlinge später quasi ins Bodenlose fallen.

„Dadurch können Menschen erreicht werden, die vorher nie eine Chance hatten“, betont Katrin Lauterborn, Geschäftsführerin „Gasthaus statt Bank“. Die Vernetzung von Dortmunder Trägern sei etwas einmaliges. Gerade um jahrelange Ängste, auch vor Behörden abzubauen, sei Niedrigschwelligkeit sehr wichtig. Über den vertrauten Raum und den Kontakt etwa im Gast-Haus könnten Menschen sich dann vielleicht auch überwinden, zum Sozialamt in der Luisenstraße zu gehen.

Drogenproblematiken kein Ausschlusskriterium für Leistungsbezug beim Jobcenter

Obdachlosigkeit ist in Dortmund allgegenwärtig. Foto: Alex Völkel

Dies erfordere empathische Fähigkeiten der Beratenden wie einen individuellen Zuschnitt der Beratung selbst. Dies zeigt sich besonders, ist aus den Erfahrungen der ExpertInnen herauszuhören, wenn Drogenproblematiken eine Rolle spielen. Mitgebracht werden sodann häufig Effekte von Wechselwirkungen, die sich in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen niederschlagen – aus Sicht des Jobcenters auch als multiple Vermittlungshindernisse bekannt.

Komplexe Syndrome mit Bestandteilen aus Suchtphänomenen, Substitutionsfolgen, sozialen Problemen sowie psychischen oder physischen Erkrankungen. Für Christian Köhler, stellvertretender Einrichtungsleiter der DROBS, die neben klassischen Arbeitsfeldern der Suchtprävention und Beratung (etwa zur Vermittlung in Therapien) mit dem Café Flash ein niederschwelliges Angebot anbietet, geht es vor allem um Schadensminderung und Überlebenshilfen. Zielgruppe sind hier letztendlich Abhängige von illegalen Drogen.

Jenny Vesper macht klar: Sucht sei kein Ausschlussgrund für Leistungsbezug. Voraussetzung dafür ist Arbeitsfähigkeit und die Bereitschaft, sich einen Job zu suchen. Das war’s erst einmal. – Ansonsten, so die Arbeitsvermittlerin, müsse sie eben flexibel sein, um etwas anzubieten.

Dafür habe sie Spielraum durch individualisierte Eingliederungsvereinbarungen: etwa, pointiert ausgedrückt, statt des Nachweises von Bewerbungen, Auflagen zur Suchtbehandlung.

Keine Arbeitsgelegenheiten für Abhängige illegaler Drogen in Dortmund

Drogenkonsumraum

Dortmund mag vielleicht einmalig sein, wenn es sich um aufsuchende Hilfen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt und damit zumindest um wiederhergestellten Krankenversicherungsschutz handelt. Aber was die Hilfen für Konsumenten oder Substituierte illegaler Drogen betrifft, sind andere Kommunen wie die Nachbarstadt Bochum offenbar weiter.

Was es in Dortmund nämlich nicht gibt: AGH’s (Arbeitsgelegenheiten) für diese Zielgruppe. Denn: der Betreuungsumfang wäre höher, so Vesper. Was es bräuchte: einen Träger, der „Illegale“ betreut wie die DROBS.

Aber gerade Leute aus dem illegalen Konsumbereich seien froh, zum Rechtskreis SGB II, statt XII zu gehören, da sie dort nicht als erwerbsunfähig deklariert würden, was laut Christian Köhler für viele eine Entwertung darstelle. Denn: Arbeit ist sinnstiftend.

Weitere Informationen:

  • Krisenhilfe Bochum e.V.: deren Maßnahme „INSAT – Individuelle Schritte in Arbeit“ bietet in Kooperation mit dem Jobcenter Bochum suchtkranken Menschen Beschäftigung in verschiedenen Arbeitsfeldern sowie Qualifizierung und Betreuung; näheres, hier:

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