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Obdachlosigkeit in Dortmund: Die Notschlafstelle für Frauen der Diakonie ist überfüllt – eine Alternative gibt’s noch nicht

Anja Butschkau mit Ilda Kolenda, Leiterin der Frauenübernachtungsstelle Dortmund. Fotos: Alex Völkel

Von Carmen Körner

24 Betten, 24 Stunden geöffnet – jede Frau ab 18 Jahren, mit oder ohne Kinder, wird hier in der Frauenübernachtungsstelle der Diakonie in Dortmund aufgenommen. Doch die Einrichtung platzt aus allen Nähten: über eine größere Alternative wird seit nunmehr zwei Jahren gestritten – ein Objekt wurde bislang nicht gefunden. Wahrscheinlich im Dezember 2018 will die Stadtverwaltung einen Vorschlag für eine Neuausschreibung in die Gremien geben. Das Besondere: die zukünftigen Betreiber müssen die passende Immobilie mitbringen, um den Auftrag zu bekommen.

Wegen veränderter Voraussetzungen: von niederschwelliger Notschlafstelle zu längerfristigen Angeboten

Ilda Kolenda erklärt Arbeitsweise und Probleme des Hauses.

Ob dies noch die Diakonie sein wird, ist völlig offen. Klar ist nur, dass die Zeit drängt. Denn Ende Juni nächsten Jahres läuft der zwischenzeitlich schon verlängerte Vertrag der Diakonie aus. Fest steht allerdings: an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße wird es mit der Frauennotschlafstelle nicht weitergehen.

Der Grund: das ehemalige ver.di-Gebäude ist zu klein. Zudem ist die Notschlafstelle nicht einzige Mieterin. Auch das Bodelschwingh-Haus – ebenfalls eine diakonische Einrichtung – ist hier angesiedelt. Wie es dann dort weiter geht, ist offen.

Die Notschlafstelle für Frauen soll nicht nur größer, sondern auch neu aufgestellt werden. Damals stand die Idee im Mittelpunkt, eine niederschwellige Frauenübernachtungsstelle einzurichten, wo Frauen nur eine Nacht bleiben können und dann woanders unterkommen – analog zur Einrichtung für Männer in der Union- bzw. Adlerstraße.

Inzwischen ist klar, dass diese Planung realitätsfern und nicht mehr umsetzbar ist. In den letzten Jahren ist nicht nur die Gewalt in Familien gestiegen, sondern auch der gesellschaftliche Druck, sodass multipsychische Beeinträchtigungen und Suchterkrankungen die Folgen sind. Daraus resultiert, dass immer mehr Frauen geholfen werden muss – und das auch langfristiger.

Für jede Frau, neben der notwendigen psychosozialen Betreuung: materielle Notversorgung

Ilda Kolenda zeigt Anja Butschkau die Notschlafstelle für Frauen in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße.

„Mehr Plätze, mehr Personal und doppelt besetzte Schichten“, so formuliert Ilda Kolenda, kommissarische Leiterin der Frauenübernachtungsstelle, ihre Wünsche für die Zukunft der Einrichtung.

Kommt eine hilfesuchende Frau in der Frauenübernachtungsstelle an, gibt es zunächst ein Erstgespräch zwischen den MitarbeiterInnen und den Klientinnen. Dabei werden grundlegende Fragen der Existenzsicherung geklärt und Möglichkeiten vorhandener Hilfesysteme aufgezeigt.

Neben der Unterstützung durch Aufklärung und einem offenen Ohr für Nöte und Fragen, erhält jede Frau eine Notversorgung an Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Bekleidung. Durchschnittlich sind die Bewohnerinnen zwischen 35 und 45 Jahre alt. Eine Besonderheit der Einrichtung: die Frauen dürfen sich auch tagsüber hier aufhalten.

Es gibt eine Küche und Waschmöglichkeiten, sodass Bewohnerinnen sich selbst versorgen können. Die Zimmer enthalten zwei bis vier Betten, einen abschließbaren Schrank, je einen Nachttisch sowie ein Regal. Es gibt auch ein Einzelzimmer, das nur in Ausnahmefällen genutzt wird.

Hohe Auslastung der Übernachtungsstelle auch mangels freier Sozialwohnungen in Dortmund

Planmäßig gibt es maximal 24 Notschlafplätze für Frauen – benötigt werden aber 50.

Als die Frauenübernachtungsstelle Mitte der 1990er-Jahre in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße entstand, hat die Nachbarschaft gut reagiert. Bis heute gibt es mit den Nachbarn keinerlei Probleme.

Die Einrichtung schafft es immer wieder, trotz der zu geringen Schlafplätze, alle ankommenden Frauen und ihre Kinder zu versorgen. Die Diakonie hat aufgrund der hohen Zahlen Außenstellen angemietet. Denn eigentlich liegt der Bedarf bei mindestens 50 Betten.

Der aktuell hohe Belegungsstand liegt unter anderem auch am Fehlen von Sozialwohnungen in Dortmund und der größer gewordenen Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. Vor allem bei Frauen mit Kindern wird schnell versucht, die Familie in eigene vier Wände und geordnetere Verhältnisse zu bringen.

Gedacht ist die Übernachtungsstelle eigentlich für Frauen aus Dortmund und näherer Umgebung. Trotzdem passiert es manchmal, dass Klientinnen von auswärts Hilfe brauchen und hier stranden. In solchen Fällen planen die MitarbeiterInnen auch, wo die Frauen unterkommen können, sowie die Anreise dorthin. Hier arbeiten die Bahnhofsmission und die Frauenübernachtungsstelle zusammen.

Die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion macht sich vor Ort ein Bild

„Wichtig für die Frauenübernachtungsstelle sind zudem mehr Plätze und mehr Personal zu einem tariflichen Stundenlohn“, betont Anja Butschkau.

Dies alles führt die Frauenübernachtungsstelle mit zwei halben, von der Stadt Dortmund finanzierten SozialarbeiterInnenstellen und eine durch die Diakonie finanzierte Leiterin durch. Unterstützt werden sie zusätzlich von pädagogischen Hilfskräften.

Anja Butschkau, die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und Dortmunder Landtagsabgeordnete, hörte interessiert zu und hakte nach. „Ich spreche lieber mit, als über die Menschen“, erklärt Anja Butschkau ihr Interesse. Deshalb fährt sie auf ihrer Herbsttour zu verschiedenen sozialen Einrichtungen, um sich ein eigenes Bild zu machen.

„Dieses niederschwellige Angebot ist für Dortmund und die betroffenen Frauen wichtig und Vorbild für andere Kommunen. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt muss dringend über den sozialen Wohnungsbau entspannt und verbessert werden“, betont Anja Butschkau. „Wir brauchen einfach mehr bezahlbaren Wohnraum. Wichtig für die Frauenübernachtungsstelle sind zudem mehr Plätze und mehr Personal zu einem tariflichen Stundenlohn.“

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