
Ein Gastbeitrag von Driton Gashi
Warum wandern Menschen aus? Welche Ursachen zwingen sie, das vertraute Umfeld zu verlassen und in einem fremden Land das Glück zu suchen? Mit welchen Folgen werden Auswanderer und ihre Familien konfrontiert? All diesen Fragen geht der Schriftsteller Max von der Grün in seinem bewegenden, 1975 erschienenen Buch „Leben im gelobten Land. Ausländer in Deutschland“ auf den Grund.
Sechs „Gastarbeiter“ kommen selbst zu Wort
Es handelt sich um das erste Werk dieser Art in Deutschland, in dem sechs „Gastarbeiter“ selbst zu Wort kommen und nicht aus der äußeren Perspektive beschrieben werden, wie es so häufig damals der Fall war und immer noch ist.
Von der Grün betrachtet sie als Menschen und nicht als Arbeitskräfte. Er führte mit ihnen lange Interviews, fragte Angehörige und Freunde, die besser Deutsch sprachen, ob sie ihm dabei helfen konnten. Der Autor machte sich die Recherche für das Buch nicht sehr leicht. ___STEADY_PAYWALL___

Ihm reichten die rührenden Erzählungen des „Türken“, „Griechen“, „Jugoslawen“, der „Französin“, des „Italieners“ und des „Spaniers“ nicht aus. Deswegen fuhr er mit seinem Auto Tausende von Kilometern in die Heimatländer dieser jungen Männer und der jungen Frau, um sich selbst ein Bild von dem Land und der dort lebenden Menschen zu machen.
Von der Grün traf ihre Familien, die den Schriftsteller aus Deutschland mit großer Gastfreundschaft empfingen. Die Eindrücke aus den Reisen fließen in die Texte mit ein und bringen dem Leser mehr Verständnis und Hintergrundinformationen über die jeweilige politische und wirtschaftliche Lage der Länder näher.
Osman Gürlük und Christos Panoussopoulos
„Diese Kälte hier in Deutschland macht mich krank; ich habe immer noch Heimweh“, erzählt Osman Gürlük, der in Anatolien keine Arbeit fand und deswegen nach Dortmund kam. „Im Türkenviertel“ – dem Dortmunder Norden – wohnt er mit seiner Familie und arbeitet in einer Kranbaufirma.

von Marbod Fritsch (*1963 wohnhaft in Bregenz) MARBOD FRITSCH
Einen richtigen Zugang zu der Mehrheitsgesellschaft findet er nicht, trotz der vielen Versuche, die er unternimmt: „Wenn aber die Deutschen merken, daß man Türke ist, dann zucken sie mit Schultern und lassen einen stehe (…) In der Fabrik sagen sie manchmal Kümmeltürke oder Ali oder Mohammed; das ist nicht schön, aber was soll man machen; in der Fabrik sind sie die Stärkeren.“
Auch Christos Panoussopoulos verließ seine Heimat Griechenland wegen der großen Armut, die dort herrschte. Zwar kamen Touristen ins Land. „Die Armut in meiner Heimat aber sehen sie nicht, sie fahren an ihr vorbei, und es gibt sogar einige, die finden unsere Armut interessant; warum nicht; wer das ganze Jahr über Butter auf seinem Brot hat, für den ist trockenes Brot ein ungeheures Ferienerlebnis, von dem man noch nach Jahren spricht“, bemerkt Panoussopoulos kritisch.
Er erzählt von seinen Erfahrungen als Hilfskraft in griechischen Hotels, wo er für die getane Arbeit kein Geld, sondern nur Essen bekam. Dafür war er sehr dankbar, denn Armut und Hunger bestimmten sein Leben. In Deutschland fühlt er sich wohl. Die Sprache hat er gut gelernt und mit der deutschen Kultur ist er vertraut: „Ich mag die Deutschen, sie sind fleißig und haben Sinn für Ordnung, sie drücken sich nicht vor der Arbeit“.
Nicht immer ist es die Armut, die einen in die Ferne zieht
Nicht nur türkischen und griechischen Gastarbeitern erging es so in der Heimat. In allen Porträts stechen die Themen Hunger, extreme Armut und beengte Wohnverhältnisse heraus, die die Menschen zur Auswanderung getrieben haben. Auch der Jugoslawe Petrovic, der in Wirklichkeit Mazedonier ist, beschreibt die wirtschaftliche Situation im damaligen Jugoslawien als schwierig.

Die Geschichte der Französin Dominique könnte man als einen emanzipatorischen Werdegang und als Befreiung von patriarchalen Strukturen deuten. Sie kommt nach Deutschland der Liebe wegen.
Der Nordspanier Manuel Mendizabal flieht regelrecht aus seiner Heimat Asturien. Aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit und seiner Homosexualität wird er von seiner Familie und dem Umfeld massiv ausgegrenzt und drangsaliert. In Deutschland findet er seinen sicheren Hafen, wo er ein friedliches und selbstbestimmtes Leben führen kann.
Beide Beispiele verdeutlichen, dass es nicht immer die Armut ist, die die Menschen zur Auswanderung treibt. Auch persönliche Gründe, gesellschaftliche Konventionen und Freiheitsdrang können Kriterien für die Entscheidung sein, das Heimatland zu verlassen.
Selten zum Kaffee oder zum Grillen eingeladen
In diesem Zusammenhang sei kurz an das vorherrschende Narrativ der damaligen Zeit erinnert. Die Herkunft der Arbeiter habe keine Rolle gespielt, heißt es in vielen romantisierenden Berichten und Dokumentationen aus der Zeit. „Hauptsache, sie konnten zupacken und waren sich für keine Arbeit zu schade!“
Fakt ist: In den Zechen und Fabriken waren sie willkommen, weil Arbeitskräfte gebraucht wurden, aber die Kontakte beschränkten sich auf den Arbeitsalltag.
Sie wurden ganz selten oder nie zum Kaffee oder zum Grillen von deutschen Kollegen eingeladen, daher zogen sich die Gastarbeiter in die eigene ethnische Gruppe zurück. Seitdem entstand eine unsichtbare Grenze und eine gewisse Trennung, die bis heute nachwirkt.
Der Beginn des deutschen Fernwehs
Trotzdem muss die Gastarbeiter-Ära als eine deutsche Erfolgsgeschichte gesehen werden. Sie fiel auf eine Zeit, die für die hiesige Bevölkerung eine echte Herausforderung war. Der Zweite Weltkrieg, der so viel Leid, Hunger, Zerstörung, Flucht und Tod über das ganze Land gebracht hatte, war noch nicht lange her, ging mit einer großen Zahl an Geflüchteten aus den ehemaligen Ostgebieten einher.

Dann die Gastarbeiter. Es waren eben jene die 14 Millionen Gastarbeiter aus Spanien, Italien, der Türkei und der Türkei, die ihren deutschen Nachbarn und Kollegen sehnsuchtsvoll von ihrer Heimat erzählten. Es waren die Gastarbeiter, die in ihren Männerwohnheimen erstmalig neapolitanische Volkslieder sangen, türkischen Saz spielten und Flamenco tanzten. Es waren die Gastarbeiter, die den ersten Serrano-Schinken, Parmesankäse und Oliven nach Deutschland mitbrachten.
Jede Begegnung sorgt für mehr Toleranz und gegenseitige Akzeptanz. Heute scheint es für viele als selbstverständlich, aber es war ein langer und beschwerlicher Weg bis zu dieser Erkenntnis. Die Gastarbeiter haben ganz gewiss einen riesigen Beitrag zur Entstehung und Weiterentwicklung einer offeneren, progressiven, vielfältigen und toleranten deutschen Gesellschaft geleistet.
Driton Gashi ist Schulsozialarbeiter an der Abendrealschule Max-von-der-Grün-Weiterbildungskolleg der Stadt Dortmund.
Erstausgabe des Buchs: Max von der Grün: „Leben im gelobten Land Ausländer in Deutschland“, Deutscher Taschenbuch Verlag Darmstadt und Neuwied, 1975, 140 Seiten
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