Flächenbrand: Das Neuerwachen rechtsradikaler Kräfte und die „Dankbarkeitspartei“ SPD

Serie: Trelenberg liest Max von der Grün zum 100. Geburtstag

In diesem Teil unserer Serie widmet sich der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg dem Roman „Flächenbrand“. Sein Fazit: ein jung gebliebener Roman. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Von Thorsten Trelenberg

Autor:innen gelten oft als ein Frühwarnsystem, das politische Verwerfungen und gesellschaftliche  Brüche zu benennen weiß. Mit seinem Roman Flächenbrand, der in Dortmund spielt, hat Max von der Grün 1979 einen politischen Roman vorgelegt, der die vorherrschenden Strukturen einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung sichtbar macht.

„Warum haben andere Arbeit und ich nicht?“

Der Romans konzentriert sich auf drei Themen: eine demokratische Gesellschaft, die durch das Anwachsen des wieder aufflammenden Neonazismus gefährdet ist, drohende Wohnungsnot durch den Abriss einer Arbeitersiedlung, sowie die familiären Folgen, die durch Arbeitslosigkeit ausgelöst werden.

Die Stadtbibliothek heute – im Roman war die alte Bücherei der Arbeitsplatz von Helen. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Die Handlung. Trotz aller Bemühungen gelingt es dem arbeitslosen Maurer Lothar Steingruber seit mehreren Monaten nicht, in seinem alten Beruf wieder Fuß zu fassen. In dieser Situation sichert das Gehalt seiner Frau Helen, die als Bibliothekarin arbeitet, den Lebensunterhalt der Familie. Steingruber empfindet diesen Zustand als entwürdigend. Er hat seine Arbeitslosigkeit satt. „Warum haben andere Arbeit und ich nicht?“ ___STEADY_PAYWALL___

Über Beziehungen zur SPD und zur Stadtverwaltung kann Helen ihm einen neuen Job besorgen. Steingruber lehnt ab, da ihn die Partei in der Vergangenheit wegen angeblich parteischädigenden Verhaltens rausgeschmissen hat. „Nein, Helen, ich will nicht, dass meine Frau mich managt, schon gar nicht von deinen SPD-Genossen…“ 

Obwohl er von Balke, einem windigen und korrupten Fuhrunternehmer, angewidert ist, nimmt er gemeinsam mit seinem Freund Klaus dessen vielversprechendes Angebot an. Mit seinem Privatwagen sollen Kisten transportiert werden. Es winkt scheinbar leicht verdientes Geld. Zufällig entdecken die beiden den brisanten Inhalt der Kisten: Waffen! Steingruber ist entsetzt und kündigt sofort. Er wird Gärtner auf einem Friedhof, dessen Gräber bald mit Naziparolen beschmiert werden. 

Die sittliche und moralische Erneuerung Deutschlands

Claudia, die Sympathien für eine rechtsradikale „Gesellschaft zur sittlichen und moralischen Erneuerung Deutschlands“ hegt, bricht unerwartet den Kontakt zu ihren Eltern ab und verschwindet spurlos. Postkarten aus dem Ausland tauchen auf. Kurz darauf stellt sich jedoch heraus, dass sie noch in der Stadt ist. Ein Auftritt Claudias als Pianistin bei einer Veranstaltung der Neuen Braunen wird angekündigt. Warum hat sie sich radikalisiert?   

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Inspiration für den Autor: eine Gruft auf dem Ostfriedhof. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Steingruber beobachtet, wie eine Gruppe junger Rechter Kisten in einer Gruft versteckt. Diese Kisten kennt er. Zu seiner völligen Überraschung entdeckt er in jener Nacht auch Claudia zwischen den Gräbern. Dann überschlagen sich die Ereignisse. 

Claudia kann in Sicherheit gebracht werden, das Waffenlager wird heimlich mit Freunden geräumt. Die Waffen werden in einem grotesken Demonstrationszug auf einem offenen, mit Hakenkreuzfahnen ausstaffierten LKW, quer durch die Stadt zum Urheber und Drahtzieher der „Gesellschaft“ gefahren. Ein für alle sichtbares Zeichen wurde gesetzt, der Flächenbrand scheint gelöscht.

 

Max von der Grün, 1926 in Bayreuth geboren, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Auflagenhöhe von über vier Millionen verkauften Exemplaren. Eine Vielzahl seiner Bücher wurde verfilmt. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr erinnert der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg in Nordstadtblogger an einige der wichtigsten Werke von Max von der Grün.

Max von der Grün an seinem Schreibtisch Bodo Goeke

Bis zur letzten Seite Spannung

Die Bedeutung: Max von der Grün wuchs in einer Familie von strikten Gegnern des Nationalsozialismus auf. Als politischer Schriftsteller mit viel Gespür für gesellschaftliche Strömungen wies er schon früh auf das Neuerwachen rechtsradikaler Kräfte in der noch jungen Bundesrepublik hin. 

Leider aktuell: Max von der Grün wies früh auf das Neuerwachen rechtsradikaler Kräfte und die Notwendigkeit zum Widerstand hin. Helmut Sommer für Nordstadtblogger.de

Vor den damit verbundenen Gefahren hat er laut und deutlich gewarnt. Als Zeitgenosse, der politische Stimmungen und Verwerfungen wahrnahm und diese literarisch verarbeitete, gelang es ihm immer wieder ein aktuelles Abbild der Realität zu schaffen. 

Eine große Stärke dieses Romans ist die Verknüpfung von verschiedenen Themen auf unterschiedlichen Handlungsebenen. Dadurch behält Flächenbrand bis zur letzten Seite seine Spannung. Für mich ist diese fesselnde Lektüre eine Wiederentdeckung, die lange nachwirkt.

Dieser gut konstruierte Roman erschien 1979. Durch eine differenzierte Gesellschaftsschilderung gelingt es dem Autor, die schleichende Aushöhlung von Idealen sichtbar zu machen. Auch die politischen Umstände werden dabei nicht ausgelassen. 

Dortmunder SPD eine „Dankbarkeitspartei“

Mit der ihm eigenen Qualität des Erzählens verbindet Max von der Grün drei Aspekte: Arbeitslosigkeit, Abriss einer Arbeitersiedlung und Neofaschismus. Einer seiner härtesten Kritikpunkte im Buch ist die aus seiner persönlichen Sicht vollzogene Mutation der damaligen Dortmunder SPD zu einer „Dankbarkeitspartei“. Gut nachvollziehbar, dass ihm das als in Dortmund lebender Schriftsteller nicht nur Freunde gemacht hat. 

Eingebettet in die unterschiedlichen Handlungsstränge greift der Roman an vielen Stellen das Innenleben von Milieus auf, die von der Arbeiterschicht geprägt sind. Nicht nur die Folgen von Arbeitslosigkeit und deren Auswirkungen auf die betroffenen Familien werden mehrfach thematisiert. „…wenn man erst mal zwei Jahre arbeitslos ist, dann existiert man gar nicht mehr für seine Umwelt, dann wird man nur noch wahrgenommen, wie man einen streunenden Hund wahrnimmt.“ 

Flächenbrand, ein jung gebliebener und spannender Roman, den man in diesen Tagen unbedingt lesen sollte.

Zum Hintergrund

  • Max von der Grün, Flächenbrand, Pendragon Verlag, 470 Seiten, ISBN 978-3-86532-124-4
  • Thorsten Trelenberg ist Mitglied im PEN-Deutschland und im Verband deutscher Schriftsteller:innen in ver.di (VS.Verdi)
  • Projektseite: www.100jahremaxvondergruen.de

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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