Der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg liest hier den Bergarbeiter-Roman „Männer in zweifacher Nacht“. Sein Urteil: ein grandioses Meisterwerk. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de
Von Thorsten Trelenberg
Rückwirkend betrachtet stellt dieser Roman den Beginn der neuen westdeutschen Industriedichtung nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Einzigartig ist dabei die nüchterne Darstellung der Bergmannsarbeit unter Tage aus der Perspektive der Kumpel. Als es zu einem Strebbruch mit Toten und Verschütteten kommt, verdichtet Max von der Grün die Handlung zu einem atemberaubenden Kammerspiel voller Dramatik und menschlicher Abgründe. Ein grandioses Meisterwerk!
Ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit
Die Handlung. „Soweit das Licht die Grubennacht durchpflügte, sah er fünfzehn, zwanzig Stempel am Hangenden in Bewegung. Sie alle drehten sich um die eigene Achse…“ Nach den Weihnachtsfeiertagen kommt es am ersten Arbeitstag zu einem schweren Grubenunglück. Ein Grollen, dann folgt die verheerende Katastrophe.
Aus dem Archiv: Beisetzung von 130 Bergleuten nach einem schweren Unglück auf der Zeche Minister Stein im Februar 1925. Bundesarchiv, Bild 102-01082 / CC-BY-SA 3.0
Drei Bergarbeiter überleben den Strebbruch mit zum Teil schweren Verletzungen. Die Verschütteten werden unter Tage eingeschlossen und können sich aus eigener Kraft nicht befreien. Bald schon herrscht völlige Dunkelheit. Ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit beginnt. Fünf qualvolle Tage und Nächte werden bis zu ihrer spektakulären Rettung vergehen. In dieser Zeit müssen Stacho und Hannes miterleben, wie ihr schwerverletzter Kumpel Josef stirbt. ___STEADY_PAYWALL___
Langsam gehen den beiden die Vorräte aus. Das Trinkwasser und die Atemluft werden knapp. „Die Luft macht mir Sorgen, nicht Hunger, nicht Durst. Wir sind auf die Luft angewiesen, die in der Strecke steht, und das ist verflucht wenig.“ Im Angesicht des Todes kommt es zwischen dem erfahrenen Hauer Stacho und dem ihm zugeteilten Werkstudenten Hannes, einem angehenden Theologen, zu existenziellen Konflikten.
Überlebenswille und die Frage nach der Schuld
Je länger sie verschüttet sind, desto mehr werden Stacho und Hannes von Zweifeln und Ängsten geplagt. Sie haben den Strebbruch überlebt, aber werden sie noch rechtzeitig gerettet? Oder werden die beiden Verzweifelten, den eigenen Tod vor Augen, ihren Verstand verlieren?
Wird der Überlebenswille des Einzelnen möglicherweise einen von ihnen zum Mörder machen? Wer trägt die Schuld an der Situation? Und wer von ihnen soll den letzten Rest Trinkwasser bekommen?
Zwischen den beiden kommt es zu einer wilden Prügelei, zu einem Kampf auf Leben und Tod. „Das war der fanatische Kampf zweier Männer gegeneinander, ein Kampf in der Hölle, in der es nur ein Miteinanderüberleben geben konnte.“ Doch plötzlich hören die beiden ein Geräusch…
Max von der Grün, 1926 in Bayreuth geboren, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Auflagenhöhe von über vier Millionen verkauften Exemplaren. Eine Vielzahl seiner Bücher wurde verfilmt. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr erinnert der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg in Nordstadtblogger an einige der wichtigsten Werke von Max von der Grün.
Max von der Grün an seinem Schreibtisch Bodo Goeke
In die Welt der Bergarbeiter eintauchen
Max von der Grün hat 1962 mit seinem Erstlingswerk ein von der ersten bis zur letzten Seite spannendes Buch vorgelegt. Dialoge und detailreichen Beschreibungen überzeugen. Ihm gelingt es durchgehend eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Schon nach wenigen Seiten tauchen Lesende in die Welt der Bergarbeiter ein.
Bergmann unter Tage (Archivbild): von der Grün beschreibt die schwere Arbeit realistisch und kritisiert soziale Zustände. Repro: Alexander Völkel für Nordstadtblogger.de
Mit wachem Blick beleuchtet Max von der Grün kritisch die sozialen Begleitumstände, die in den Malocherfamilien herrschen. Auch das macht dieses Buch so wichtig. Damals, wie heute. Mich hat dieses Buch so sehr gefesselt, dass ich es „in einem Rutsch“ und danach gleich noch einmal gelesen habe.
Der Autor, selbst von 1951 bis 1964 im Bergbau tätig, kannte die Schattenseiten der dort herrschenden Arbeitsverhältnisse. Anfang der 1960er Jahre wurde das Thema des Menschen in seiner industriellen Arbeitswelt vom etablierten Literaturbetrieb noch weitgehend ignoriert, das Thema Klassismus hatte noch nicht den Stellenwert wie heute.
Unfälle, Profitsucht und Sicherheitsvorschriften ruhig beschrieben
Aus meiner Sicht ist es ein großer Verdienst Max von der Grüns und anderer Schreibender (z. B. die Mitglieder der Dortmunder Gruppe 61), dass diese ihren Fokus auf jene Menschen gelegt haben, die durch gesellschaftliche Umstände ihr Leben lang im Käfig ihrer (Arbeiter-)Klasse gefangen waren.
Seine Kritik an der Lebens- und Arbeitssituation der Kumpel spart Max von der Grün in Männer in zweifacher Nacht nicht aus. Dazu bezieht er unmissverständlich Stellung. Akkord als Ursache für Unfälle, Profitsucht oder Verstöße gegen geltende Sicherheitsvorschriften benennt er in ruhigem Erzähltempo klar und deutlich.
Kein Wunder also, dass dieser Roman nicht nur bei seiner Betriebsleitung Aktivitäten auslöste, um ihn mundtot zu machen. Auch wenn die Welt der Zechen und Gruben im Ruhrpott längst eine vergangene ist, hat dieses Buch nach wie vor nichts von seiner Wirkkraft verloren.
Mit seinem dramatischen, aus der Perspektive der Bergleute geschriebenen Roman, vermittelt von der Grün einen realistischen Einblick in die Lebensverhältnisse und die Gefühlswelten der Bergleute und ihrer Familien.
„Wirtschaftswunder. – Käse. Arbeiter erleben keine Wunder, sie wundern sich nur über die Wunder der andern, und schließlich wird alles Wunder auf unseren Rücken ausgetragen.“
Zum Hintergrund
Max von der Grün, Männer in zweifacher Nacht, Pendragon Verlag, 248 Seiten, ISBN 978-3-86532-120-6
Thorsten Trelenberg ist Mitglied im PEN-Deutschland und imVerband deutscher Schriftsteller:innen in ver.di (VS.Verdi)
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