von der Grüns „Springflut“: Nur der hat das Sagen, der entweder die Macht oder das Geld hat

Serie: Trelenberg liest Max von der Grün zum 100. Geburtstag

Der Dortmunder Lyriker Thorstenn Trelenberg am Dortmunder Hafen mit dem Roman Springflut – eine Mischung aus Krimi und Gesellschaftskritik. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Von Thorsten Trelenberg

Realistisches Erzählen, gepaart mit Ironie und groteskem Humor, davon lebt der 1990 veröffentlichte Roman Springflut, der auch beweist, dass Max von der Grün diese Art von Kunst meisterlich beherrscht. Wie eine Schablone legt sich der Text in Teilen beinahe deckungsgleich über aktuelle gesellschaftliche und politische Diskussionen.

Die Aufklärung eines Mordfalls

Die Handlung. Plötzlich steht dem Journalisten Thomas Koch ein Unbekannter in seinem Garten gegenüber. In einem überkorrekten Deutsch, das den gebildeten Ausländer verrät, fordert dieser ihn auf: „Gehen Sie ins Haus und machen Sie mir Kaffee und zwei belegte Brote, am besten mit Wurst. Wenn Sie die nicht haben, bin ich auch mit Käse zufrieden. Ich warte hier auf Sie.“

Santa Monika II an den Bootshäusern auf dem Dortmund-Ems-Kanal – im Roman wird hier eine Leiche gefunden. Klaus Hartmann | Nordstadtblogger

Auf der Suche nach einer polnischen Frau hofft der Fremde auf Kochs Hilfe. Wie sich später herausstellt, ist dieses Aufeinandertreffen der Auftakt zu einem intelligent angelegten Handlungsstrang in dem es um die Aufklärung eines Mordfalls geht. ___STEADY_PAYWALL___

In der Bevölkerung sorgt die Ankündigung, dass in einer Hauptschule Aussiedler aus Polen untergebracht werden sollen, für helle Aufregung. Die bis dahin beschauliche Vorstadtidylle scheint in Gefahr zu sein. Widerstand formiert sich, schnell ist eine Unterschriftenliste im Umlauf. Bis auf die Kochs haben alle unterschrieben. 

„Das ist eine (tote) Frau“

Die Berichterstattung über einen möglichen Mord wird in den Zeitungen durch tagespolitische Ereignisse überlagert. Monika Deist, die Koch als Mitarbeiterin und zuverlässige Stütze sehr schätzt, erblickt auf ihrem Weg in die Redaktion plötzlich in der Auslage eines Fotoladens ein Farbfoto einer Frau. „Das ist die (tote) Frau“, flüsterte sie und steckte mich mit ihrer Erregung an. 

Koch soll einen aussiedlerfreundlichen Artikel schreiben, stößt jedoch bei seiner Recherche auf Vorurteile und unverhohlenen Ausländerhass. Dieser Auftrag zwingt ihn zu einer Auseinandersetzung mit seiner eigenen Haltung zu diesem Thema. 

Max von der Grün, 1926 in Bayreuth geboren, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Auflagenhöhe von über vier Millionen verkauften Exemplaren. Eine Vielzahl seiner Bücher wurde verfilmt. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr erinnert der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg in Nordstadtblogger an einige der wichtigsten Werke von Max von der Grün.

Max von der Grün an seinem Schreibtisch Bodo Goeke

Kritik verliert den Glauben an die politische Aufklärung

Anfang der 1990er Jahre, also zu Zeiten von Glasnost und Perestroika, entwickeln sich im Literaturbetrieb neue Strömungen. Nicht nur das Lesepublikum, auch die Kritik verliert den Glauben daran, dass gesellschaftskritische Romane im Sinne einer politischen Aufklärung noch etwas bewirken können. 

„Springflut“ erschien 1990 und ist der letzte Kriminalroman von Max von der Grün.

Gekonnt verwebt Max von der Grün in Springflut die Lebensumstände des etablierten Journalisten Koch mit einer durchaus spannenden Kriminalhandlung. Letztere droht, wie im echten Leben, durch die Berichterstattung rund um die Zuwanderung und anderer Ereignisse verdrängt zu werden.  

Erdrückend tagesaktuell sind die vom Autor beschriebenen Mechanismen und Parolen, die den Ausländerhass und die Fremdenfeindlichkeit entlarven. „Das sind samt und sonders Wirtschaftsflüchtlinge, Bananenanbeter, die in den Genuss von sozialen Leistungen kommen wollen…“ Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?

Entweder die Macht oder das Geld

Angesichts weltpolitischer Verwerfungen sträuben sich mir die Haare, wenn Koch versucht, seinem Volontär Wolters die (Redaktions-)Welt zu erklären. „Wo kämen wir hin, wenn jeder schreiben wollte, was er denkt. Vergessen Sie das Grundgesetz. (…) Die Praxis aber sieht so aus, dass nur der das sagen hat, der entweder die Macht oder das Geld hat.“ Sein Gesprächspartner resigniert: „Sie haben sich angepasst, Herr Koch, oder?“ 

Besonders gelungen ist die gut ausgearbeitete Romanfigur der Monika Deist, Kochs Sekretärin. In ihrer entwaffnenden Offenheit setzt sie über die gesamte Handlung hinweg immer wieder Akzente. Einmal belehrt sie den jungen Wolters darüber, „dass es in unserem Haus nicht üblich sei, Frauen das Hinterteil zu tätscheln.“

Auch scharfe Kritik an den Vorgesetzten ist ihr nicht fremd. Als Koch zum Chefredakteur zitiert wird, sagt sie: „Dann gehen Sie mal gleich in die Höhle des Löwen. Die Messer sind gewetzt. Die Wanne für Ihr Blut steht schon bereit. (…) Wenn Sie geschlachtet worden sind, schütte ich Ihr Blut ins Foyer, damit die Arschkriecher darauf ausrutschen…“ Springflut. Absolut lesenswert. Ein Roman wie ein Feuerwerk! 

Zum Hintergrund

  • Max von der Grün, Springflut, Pendragon Verlag, 470 Seiten, ISBN 978-3-86532-142-8
  • Thorsten Trelenberg ist Mitglied im PEN-Deutschland und im Verband deutscher Schriftsteller:innen in ver.di (VS.Verdi)
  • Projektseite: www.100jahremaxvondergruen.de

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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