Max von der Grün an seinem Schreibtisch. 1926 in Bayreuth geboren, lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Bodo Goeke
Der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg hat sich für Nordstadtblogger noch einmal in die Welt von Max von der Grün vertieft. Dortmund hat ihn immer inspiriert – 26 Jahre lang, bis zu seinem Tod 2005, lebte er in Lanstrop. Manche Orte – wie die dortige Ziegelei, die ein oder andere Zeche, eine Gasstätte – sind verschwunden, andere wieder Hafen oder der Hauptfriedhof noch immer prägend für die Stadt. Nordstadtblogger-Fotograf Klaus Hartmann ist mit Trelenberg auf Tour gegangen – das Ergebnis sind 12 persönliche Impressionen, in unserer Galerie kombiniert mit den Textstellen aus von der Grüns Romanen.
Ende der Siebziger Jahre zog Max von der Grün nach Dortmund-Lanstrop. In einem Essay schrieb er 1979: „Leben im Ruhrgebiet heißt für mich, Leben in einem Vorort“. Immer wieder diente ihm sein Wohnort als Vorlage für sein literarisches Schaffen. Seine unmittelbare Umgebung inspirierte ihn und floss immer wieder in seine Werke ein. Nicht nur das berühmte Lanstroper Ei, die Dorfkneipe „Zur Alten Post“ oder der Lanstroper Kirchturm sind als reale Orte in seinen Geschichten zu finden. Auch der Lanstroper See, die Färberstraße, der Kurler Busch oder die Brechtener Minigolfanlage inspirierten ihn.
Anderntags in der Redaktion erzählte mir unser Polizei- und Gerichtsreporter – er hatte sich diesen Titel selbst zugelegt -, dass die Leiche einer jungen Frau, die man aus dem Kanal gezogen hatte, noch immer nicht identifiziert worden sei, es gab keinen einzigen für die Polizei brauchbaren Hinweis aus der Bevölkerung. Er zeigte mir ein schwarzweißes Photo, das er während der Bergung am Hafen aufgenommen und der Polizei zur Veröffentlichung übergeben hatte. Ich war wie elektrisiert und riss ihm das Photo aus der Hand. Ich erkannte die Frau auf den ersten Blick…
(aus: Springflut)
Ich schlenderte durch das weitläufige Hafenviertel wie ein Mensch, der dieses geschäftige Treiben erstmals sieht, ich stolperte über Hindernisse, die ich übersehen hatte, und fluchte, dass ich hierher gefahren war, bis ich das Hafenbecken erreichte, wo gewöhnlich der Ausflugsdampfer „Santa Monica“ liegt, der zum Schiffshebewerk Henrichenburg fährt; in der Nähe der Anlegestelle hatten Schauerleute die Leiche einer jungen Frau entdeckt, die Klara hieß.
(aus: Springflut)
Ich holte meinen Wagen aus der Garage und fuhr zum Hafen, doch als ich in der Nähe des Ölhafens eine Parkbucht fand und ausgestiegen war, fragte ich mich, was ich hier eigentlich suchte.
(aus: Springflut)
„Bin ich dir Rechenschaft schuldig?“ „Natürlich nicht. Ich dachte nur, weil wir Verbündete sind, würdest du mir alles sagen.“
„Ich bin deine Komplizin, nicht deine Sklavin. Ich habe eine Verabredung mit meinem Vater, wenn du es unbedingt wissen willst. Wir treffen uns im Römischen Kaiser.“
(aus: Die Lawine)
Dann suchte ich die Buchhandlung in der Krügerpassage auf, um mir neue Photobände anzusehen, aber bei aller Auswahl fand ich nichts für meine Zwecke und ich verließ die Buchhandlung bald wieder.
(aus: Die Lawine)
Am Stadthaus parkte ich schließlich den Wagen, den Hund nahm ich mit. Ich überquerte den Alten Markt, um den Bläserbrunnen hatten sich junge Leute, darunter auch einige Langhaarige, angesammelt, ich trottete an der Reinoldikirche vorbei, gegenüber, auf der rechten Seite der Kleppingstraße, sah ich eine Gastwirtschaft. Die Gildenstube.
Ich hatte keinen Appetit auf Bier, aber die Hitze und die Stadt und die Menschen in der Stadt waren mir über. Ich musste einfach irgendwo bleiben, irgendwo zur Ruhe kommen.
(aus: Zwei Briefe an Pospischiel/ Pendragon-Verlag, ISBN 978-3-86532-122-0)
Auf dem Heimweg geriet ich in der Innenstadt in eine Demonstration. Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte, was der Anlass dieser Demonstration war. Arbeitslose mit ihren Frauen und Kindern überquerten die Kleppingstraße und zogen zum Ostenhellweg; manche Gruppen sangen Lieder, andere riefen im Chor Sprüche wie „Arbeitslos! Rechtlos!“ oder „Senkt die Sektsteuer, die Reichen wollen auch leben!“ oder „Seid gut zu den Computern, die schenken uns Freizeit und Freiheit von der Arbeit!“. (…) Eine lebensgroße Puppe sollte der kugelrunde Arbeitsminister sein. Auf der Nase trug er eine Brille aus Klobrillen, darunter stand zu lesen: „Ich sehe keine Arbeitslosen, ich sehe nur Arbeitsscheue.“
(aus: Die Lawine)
Da saß ich also Mitte April 1951 in der Straßenbahn vom Dortmunder Hauptbahnhof zum Bahnhof nach Unna – heute ist sie nicht mehr durchgehend -, links und rechts reihten sich Ruine an Ruine, Trümmer, kahle, zerbombte Flächen, aus Kellerlöchern ragten hohe und rauchende Ofenrohre, sie stießen weißen und schwarzen Rauch aus, und in der Tram selbst saßen Menschen, die aneinander vorbeisahen oder, wie ich, auf die zerstörten Häuser starrten.
(aus: Ein Bild aus Eintracht und Verlorenheit)
Pass auf. Kollmann ist zwar anderer Ansicht, das muss ich dir gleich vorweg sagen, aber ich meine, wir sollten morgen Mittag, wenn wieder alle am Tor versammelt sind, in einem Protestzug zum DGB-Haus marschieren.
Zum Ostwall? Du spinnst. Das hieße gegen die eigene Organisation marschieren, wir könnten sogar ausgeschlossen werden, Franz, das wäre was Einmaliges, das hat’s noch nie gegeben, das geht nicht, schlag dir das aus dem Kopf.
(aus: Stellenweise Glatteis)
In dieser Textstelle geht es um die alte Stadtbücherei, damals am Hansaplatz. Das klang dann so:
An der Baustelle am Hansaplatz blieb ich erschrocken stehen. „Was ist, Herr Koch, Sie gucken so komisch.“ Am Bauzaun gegenüber der Stadtbibliothek lehnte der Mann, der in meinen Garten eingedrungen war.
(aus: Springflut)
Dortmund war für Max von der Grün nicht nur ein Wohn-, sondern vielmehr auch Lebensort. 2011 wurde vor der Stadt- und Landesbibliothek ein Platz nach einem der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit benannt. Der Max-von-der-Grün-Platz grenzt unmittelbar an den Platz der Deutschen Einheit.
Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!