Die Kraft, bestehende Verhältnisse zu verändern: „Ein Bild von Eintracht und Verlorenheit“

Serie: Trelenberg liest Max von der Grün zum 100. Geburtstag

Thorsten Trelenberg mit den gesammelten Werken von Max von der Grün am Dortmunder Hafen. Der Lyriker ist Gastautor der Nordstadtblogger-Serie zum 100. Geburtstag des Schriftstellers. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Von Thorsten Trelenberg

Neben seinen wichtigen Romanen veröffentlichte Max von der Grün auch zahlreiche Erzählungen. Eine lesenswerte Auswahl davon liegt unter dem Titel Ein Bild von Eintracht und Verlorenheit vor. Die Themenauswahl ist in diesem Buch breit gefächert und bietet eine unterhaltsame und spannende Lektüre.

Erzählungen, die auf Wiederentdeckung warten

In Am Tresen gehen die Lichter aus erzählt Max von der Grün, der sich in einem Interview selbst einmal als Gastarbeiter aus Franken bezeichnete, von seinen ersten Eindrücken im Ruhrpott. 

Das DGB Haus: von der Grün und die Gewerkschaften, auch das ist eine Geschichte. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

 „1951 verschlug es uns in dieses Dorf. (…) Die Methoden waren überall gleich: Versprechungen, die selten oder überhaupt nie eingelöst wurden. Wir jungen Leute wurden in einem Ledigenheim untergebracht – in Baracken und Notunterkünften…“. Im Volksmund waren diese Behausungen als „Bullenklöster“ verschrien. ___STEADY_PAYWALL___

Auf die hohen Unfallrisiken, denen die Kumpel im Steinkohlebergbau täglich ausgesetzt waren, hat er in seinen ersten beiden Romanen kritisch hingewiesen. Nachhaltig beeindruckt hat ihn der Anblick der hustenden Bergmänner, die an der „Staublunge“ erkrankt waren. Ihnen hat er an vielen Stellen in seinen Texten ein Denkmal gesetzt.

„Ich bin doch nur ein Mann aus Dortmund“

Der längst fällige Streit zwischen Bernhard, einem Dreher in einer großen Dortmunder Maschinenfabrik, und seiner Frau kommt nicht aus heiterem Himmel. Die letzte Rate für den Elektroherd wurde nicht bezahlt, jetzt liegt die Mahnung auf dem Tisch. Bernhard ergreift während eines eskalierenden Ehestreits die Flucht mit überraschendem Ziel.

Damit hat Johannes Moll, der seinen Urlaub in Ostende verbringen möchte, nicht gerechnet. Als er einen Zettel mit dieser Aufschrift hinter dem Scheibenwischer seines VW findet, ist er zunächst vollkommen entsetzt.

Im Folgenden entspannt sich ein innerer Monolog, der Molls naive Hilflosigkeit im Umgang mit den langen braunen Schatten, die die Gräueltaten der einstigen Besatzer immer noch werfen, offenbart.  

„Ich bin doch nur ein Mann aus Dortmund, der Ostende und Belgien zum ersten Male sieht, der sich auf Ostende und das Meer gefreut hat.“  

Max von der Grün, 1926 in Bayreuth geboren, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Auflagenhöhe von über vier Millionen verkauften Exemplaren. Eine Vielzahl seiner Bücher wurde verfilmt. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr erinnert der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg in Nordstadtblogger an einige der wichtigsten Werke von Max von der Grün.

Max von der Grün an seinem Schreibtisch Bodo Goeke

Die Kraft der Literatur und der Erfahrungshorizont

Max von der Grün hat bewiesen: Literatur hat die Kraft, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Und er hat vorgelebt, dass er als Autor urteilen kann, aber nicht verurteilen muss. Missstände aufdecken, kritisch darauf hinweisen, und eindeutig Stellung gegenüber diesen Missständen zu beziehen, darum geht es. 

Inzwischen ist der Autor auch Namensgeber für einen Platz in seiner Heimatstadt. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Eine weitere Stärke Max von der Grüns bei der Beschreibung seiner Romanfiguren ist, dass er nie über deren Erfahrungshorizont oder Verhältnisse hinausschreibt. Es gibt keine Stellen in seinem Werk, an denen geschwafelt wird. Seine Figuren sind standsicher, ihre Geschichten authentisch. 

Das Hobby des Gerhard Zieser ist nur ein Beispiel für die humorvolle Seite des Autors. „Neun Kästen waren es, kaukasisch Nussbaum gemasert.“ Voller Bewunderung blickt Zieser auf eine ganz besondere Sammlung, die sein ganzer Stolz ist. Doch in den Kästen sind keineswegs Wertsachen verborgen, sondern lediglich Zähne. Diese sammelt er bei Zahnärzten ein, um sie als Dokumente einer Gesellschaft aufzubewahren. 

Städtebauliche Veränderungen „literarisch dokumentiert“

Das Aufgreifen sozialer Probleme und typischer Alltagssituationen wird in vielen Erzählungen mit der Erwähnung von Straßen, Plätzen oder Industriegebieten an konkrete Orte gebunden. Cafés, Kneipen und einige Firmen existieren auch heute noch. Quasi als Nebeneffekt sind dadurch viele städtebauliche Veränderungen „literarisch dokumentiert“ worden.

Die Qualität der Romane Max von der Grüns hat mich neugierig auf sein Gesamtwerk gemacht. Auch seine Kurzgeschichten und Erzählungen sind von gesellschaftlichen und politischen Grundfragen geprägt. Eine insgesamt sehr bereichernde Lektüre. 

„Im Betrieb sagte einer zu mir: Das sollte man mal aufschreiben und veröffentlichen, was für Schweinereien passieren, Tag und Nacht passieren.“  

Zum Hintergrund

  • Max von der Grün, Ein Bild von Eintracht und Verlorenheit; Pendragon Verlag, 470 Seiten, ISBN 978-3-86532-143-5
  • Thorsten Trelenberg ist Mitglied im PEN-Deutschland und im Verband deutscher Schriftsteller:innen in ver.di (VS.Verdi)
  • Projektseite: www.100jahremaxvondergruen.de

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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