Die Krokodile aus Arbeiterfamilien – Max von der Grüns bekanntester Roman bleibt aktuell

Serie: Trelenberg liest Max von der Grün zum 100. Geburtstag

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Die „Geschichte vom Aufpassen“ ist auch nach 50 Jahren nicht nur für Kinder ein fesselnder Lesestoff – findet unser Gastautor Thorsten Trelenberg. Für uns hat er noch mal in seine Ausgabe von 2002 geschaut. Es ist bereits die 7. Auflage des Buchs, die Vorstadtkrokodile erschienen erstmals 1976. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Von Thorsten Trelenberg

Nach der Auflagenhöhe beurteilt sind die Vorstadtkrokodile das zweiterfolgreichste Buch Max von der Grüns. Oft überlesen wird dabei der vom Autor vorgegebene Untertitel Eine Geschichte vom Aufpassen, der zum Programm wird. Nach und nach überwinden die Mitglieder einer Jugendbande ihre Vorurteile gegenüber dem im Rollstuhl sitzenden Kurt, den sie schließlich trotz mancher Bedenken in ihre Mitte aufnehmen. Eine gute Entscheidung, denn bei den Abenteuern der Bande kommt es nicht immer nur auf körperliche Stärke an.

Die Krokodilbande in Dortmund

Die Handlung. Auf einem verlassenen Ziegeleigelände in einem Dortmunder Vorort hat eine Jugendbande ihr geheimes Quartier bezogen. Zuvor wurde ihr alter Treffpunkt, eine Hütte im nahegelegenen Wald, zerstört. Das Erkennungszeichen der Bande ist ein aufgenähtes Krokodil. 

Über 5000 Briefe von Kindern erhielt von der Grün zu seinem Roman „Vorstadtkrokodile“ Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Wer zur Krokodilbande gehören will, muss als Bedingung für die Aufnahme eine Mutprobe bestehen. Um auf dem Dach der Ziegelei eine Kette mit dem ersehnten Abzeichen der Bande zu finden, muss Hannes eine Feuerleiter hinaufklettern. Auf dem Rückweg kommt es fast zur tödlichen Katastrophe. Hannes gerät ins Rutschen. Nur mit Mühe und Not findet er mit seinen Füßen Halt an einer Regenrinne. ___STEADY_PAYWALL___

Maria, das einzige Mädchen in der Bande, rennt los und alarmiert die Feuerwehr. Hannes, der abzustürzen droht, wird in letzter Minute gerettet. Sein Vater verdonnert ihn wegen dieser Aktion zu Hausarrest und Fernsehverbot.

Beobachtungen auf dem Ziegeleigelände

Tagelang schaut er gelangweilt aus dem Fenster. Ihm fällt eine Frau auf, die einen Jungen im Rollstuhl schiebt. Hannes lernt Kurt kennen und freundet sich mit ihm an.

Bis zu seinem Tod im April 2005 lebte der Autor in Lanstrop. Die alte Ziegelei aus dem Roman gibt es nicht mehr. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Als die Frage aufkommt, ob Kurt nicht auch Mitglied der Bande werden kann, wird er zunächst schroff abgewiesen. Es sind Hannes und Maria, die dabei helfen, Kurt in die Bande aufzunehmen. Kurt erzählt den Krokodilern von verdächtigen Motorrädern und von seinen weiteren Beobachtungen auf dem Ziegeleigelände. Was geht dort vor?  

Wenig später findet er dort zusammen mit Hannes und Maria ein geheimes Warenlager. Offensichtlich handelt es sich um das Diebesgut zahlreicher Einbrüche, die in der letzten Zeit die Siedlung in Atem halten. Bei der spannenden Aufklärung der Diebstähle spielt Kurt von nun an eine Schlüsselrolle. Seine Querschnittlähmung spielt für die Krokodiler keine Rolle mehr.

Max von der Grün, 1926 in Bayreuth geboren, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund. Er zählt zu den meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher eine Auflagenhöhe von über vier Millionen verkauften Exemplaren. Eine Vielzahl seiner Bücher wurde verfilmt. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags in diesem Jahr erinnert der Dortmunder Lyriker Thorsten Trelenberg in Nordstadtblogger an einige der wichtigsten Werke von Max von der Grün.

Max von der Grün an seinem Schreibtisch Bodo Goeke

Vom Detektivroman zum Klassiker der Kinderliteratur

Die Bedeutung. „Du traust dich ja doch nicht! Du Angsthase!“, rief Olaf. Gleich mit dem ersten Satz, der mir im Rückblick auf meine eigene Jugendclique ein süffisantes Grinsen entlockt, wirft der Autor seine Leserschaft in diese Geschichte vom Aufpassen, die ich persönlich besonders mag. Vielleicht liegt das daran, dass man (oder ich?) erst sehr viel später im Leben im Hinblick auf sein eigenes Bandenleben erkennt, was richtig, vor allem aber, was falsch war.    

Max von der Grün hat mit diesem 1976 erschienenen Buch literarische Maßstäbe gesetzt. Sein Jugendbuch erreicht bis heute Rekordauflagen. Es wurde mehrmals verfilmt und in viele Sprachen übersetzt, was auch zum internationalen Erfolg beitrug. Auch 50 Jahre nach dem Erscheinen begeistert dieser Klassiker der Kinderliteratur noch generationsübergreifend. 

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Das Erkennungszeichen der Kinderbande: der Krokodil-Aufnäher. Wer ihn bekommen wollte, musste zunächst eine Mutprobe bestehen. Klaus Hartmann für nordstadtblogger.de

Die Welt der Arbeiterfamilien und der Alltäglichkeit 

Die Krokodiler stammen alle durchweg aus Arbeiterfamilien. Probleme, wie die Angst der Väter vor drohender Arbeitslosigkeit, die damit verbundenen Auswirkungen auf die Familiensituation, Fremdenfeindlichkeit oder der Umgang mit Menschen mit Behinderungen, werden in ihrer Alltäglichkeit benannt. 

Wenn auch die Welt der Schlote, Hochöfen und Zechen längst Geschichte ist, sind die geschilderten Ängste und Lebensumstände vielen Jugendlichen auch heute aus ihren Familien nicht unbekannt. Max von der Grün sagte dazu in einem Interview: „Da gilt dann wirklich der Satz, den Astrid Lindgren mal geschrieben hat: Wenn man spezifisch Kinder als Zielgruppe nimmt, muss man eines tun: Man muss dialogisch arbeiten.“ Der Erfolg der Vorstadtkrokodile gibt beiden recht. 

Nach dem Erscheinen erhält der Autor weit über 5000 Briefe von Kindern. Darin schreiben sie ihm, was sie anspricht oder was sie für unwichtig halten. In einem Interview erzählt der Autor: „Die einen sehen nur das Problem von Behinderten, andere wiederum das Problem der ungleichen Brüder, andere das der Einbrecher, andere wiederum jenes, dass nur ein einziges Mädchen in einer Jugendbande ist – alles ist richtig.“

Auch 50 Jahre nach dem Erscheinen möchte ich Max von der Grün für dieses grandiose Buch an dieser Stelle noch einmal „Danke“ sagen.

Zum Hintergrund

  • Max von der Grün, Vorstadtkrokodile, Verlag Omnibus Taschenbücher, 155 Seiten, ISBN 978-3-57021-665-1
  • Thorsten Trelenberg ist Mitglied im PEN-Deutschland und im Verband deutscher Schriftsteller:innen in ver.di (VS.Verdi)
  • Projektseite: www.100jahremaxvondergruen.de

Anm.d.Red.: Haben Sie bis zum Ende gelesen? Nur zur Info: Die Nordstadtblogger arbeiten ehrenamtlich. Wir machen das gern, aber wir freuen uns auch über Unterstützung!

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