Nordstadtblogger

Eine stille Gemeinschaft hat gefeiert: Beim ersten tamilischen Straßenfest zieht ein Hauch von „Jaffna“ durchs Unionviertel

Buntes Treiben bei milden Temperaturen, wie anders: Erstes Tamilisches Straßenfest in Dortmund. Fotos: NSB

Scharfes Essen, der Sari, freundliche Menschen, und doch fremd – Bilder einer integrierten Community, TamilInnen in Dortmund, westliche Innenstadt. Seit Jahrzehnten geworfen aus einem brutalen Bürgerkrieg, der die politische Bundesrepublik nie wirklich erreichte. Genauso wenig wie die tamilische Diaspora ihre Dortmunder Nachbarschaft, in der sie seit langem lebt. Daran wird sich zukünftig etwas ändern, so die Idee des Vereins für tamilische Künstler: mit einem bunten Straßenfest im Unionviertel. Das Konzept soll verstetigt werden – im kommenden Jahr geht es in die nächste Runde.

Not for Sale! – Eine bedrängte Kultur hofft auf ein Weiterleben in nachfolgenden Generationen

Die Würde des Menschen ist unantastbar, gewissermaßen auch im Kollektiv: „Wollen Sie, dass wir unsere Kultur verkaufen?“, fragt Anton Joseph rhetorisch. „Die Kultur muss weitergetragen werden“, an die folgenden Generationen, seine Tochter, das ist sein erklärter Wunsch. Mit dem er hier auf dem ersten tamilischen Straßenfest in Dortmund nicht allein stehen dürfte.

Bei ihm gibt es in der Tat nichts zu kaufen; der Tamile mittleren Alters, der bald 50 Jahre alt werden wird, stellt nur aus: „Bitte nicht berühren“ steht vor den verschiedenen Haushaltsgegenständen aus Messing, die über den Tisch verteilt sind – wie ein kleiner Ausschnitt aus einem Museum. Anton Joseph ist Tamile, Christ, am Morgen mit seinem Bruder extra aus München angereist.

„Tamil Eelam“, damit bezeichnen die tamilischen BewohnerInnen im Norden, Osten und Westen des heutigen Sri Lankas – kolonial: Ceylon – ihr Siedlungsgebiet, dessen politische Unabhängigkeit von der singhalesisch dominierten Zentralregierung in Colombo für die überwiegende Mehrheit eine Herzensangelegenheit darstellt.

Bürgerkrieg in Sri Lanka treibt unterdrückte Minderheit der TamilInnen in die Flucht

Die an der südöstlichen Küste Indiens gelegene Insel war seit jeher strategischer Knotenpunkt der Seefahrt, wenn’s von Vorderasien zu den Gewürzinseln Richtung Südpazifik weiter gehen sollte. Nach den Portugiesen kamen die Niederländer, danach die Soldaten of Great Britain, und vor den Portugiesen waren auch schon andere da. Alle hatten vieles im Sinn, nur eins nicht: das Wohl der jeweiligen Menschen.

Übrig blieben – ohne sich in historische Details zu verlieren – nach Jahrhunderten der Irrungen und Wirrungen im heutigen Sri Lanka letztlich, neben kleineren Bevölkerungsgruppen: eine große ethnische Minderheit, die Tamilen, vom indischen Subkontinent stammend, und eine Mehrheit, die Singhalesen, die Staat und Gesellschaft kontrolliert. Es kommt zu einem Bürgerkrieg, von dem niemand wirklich, der um Kultur und Zivilisation besorgt ist, Einzelheiten wissen will.

Resultat, 2009 – die tamilischen Unabhängigkeitsbestrebungen gingen definitiv schief: Jaffna, zweitgrößte Stadt der Insel, im äußersten Norden des Landes gelegen, als Hauptstadt eines zukünftigen tamilischen Staates Tamil Eelam, Symbol dieser Hoffnung – Jaffna fiel, der Traum platzte, Exodus, das Übliche.

Eine niedergebrannte Bibliothek formt ein Leben: Sammeln, wo die eigene Kultur nicht sein darf

Anton Joseph (m.) mit seiner Familie

Als 14-Jähriger musste er Ende Mai 1981 mitansehen – erinnert sich Anton Joseph im Gespräch, während lautstark im Hintergrund offenbar eine neue Gruppe von KünstlerInnen auf der Straßenfestbühne erscheint –, wie von singhalesischen Polizisten die Jaffna Public Library, quasi das literarische Vermächtnis der Tamilen, niedergebrannt wurde. Für ihn ein politischer Angriff auf die tamilische Kultur.

Das zerstörte Gebäude symbolisiert wie kaum etwas anderes die Geschichte des grausamen Konflikts zwischen den beiden Ethnien; ein Photo davon „schmückt“ seine Visitenkarte, auf einem Plakat an der Zeltwand seines mobilen Museums ist es jetzt zu sehen. 1988, noch während des Bürgerkrieges, politisch verfolgt, flieht er, landet nach einer mehrjährigen Irrfahrt über Kuwait, einem erneuten Krieg, diesmal im Irak, dann der Türkei schließlich in der Bundesrepublik.

Die Erfahrungen haben ihn geprägt. Anton Joseph sammelt seitdem alles, was von seiner tamilischen Kultur zeugt, die er, und nicht nur er, bedroht sieht: Geldscheine, Briefmarken, Geschirr, Münzen, Bücher, usf. Seine ganze Münchener Wohnung, der Keller eingeschlossen, sei voll mit Requisiten, erzählt er. Zum 45sten Mal stellt er, hier in Dortmund, einen Teil seiner Sammlung aus; am 12. Oktober soll in München, zu seinem Fünfzigsten, alles gezeigt werden.

Er war mit seiner kleinen Präsentation auch schon in Frankreich, in England; hofft aktuell, in Hamm mithilfe eines hinduistischen Geistlichen aus der Community endlich geeignete Räumlichkeiten zu finden, um ein kleines Museum tamilischer Kunst zu eröffnen. – Hamm passte, das hat Gründe.

Dortmunder Diaspora von Tamilen um die Rheinische Straße: die größte in der Bundesrepublik

Schon während des Bürgerkriegs kommen tamilische Flüchtlinge in Dortmund an. Es begann vor etwa 30 Jahren: fast unbemerkt, denn sie gelten, obgleich aus einer völlig anderen Kultur stammend, als anpassungsfähig, als „gut integriert“, wie es im offiziellen Jargon heißt. Abgesehen von Äußerlichkeiten, fallen sie kaum auf, stehen nicht in den Schlagzeilen trotz des Kulturschocks.

Und der ist riesig: beispielhaft vorgestellt junge TamilInnen, eines Morgens irgendwo plötzlich aufwachend – und es liegt Schnee! Wie sie ihn – trotz aller Bildung – mit großen Augen in ihren Händen betasten, anfühlen, andächtig, erschrocken, obwohl sie es immer schon wussten – ein Schock eben. Einer von vielen; sie können damit umgehen, sind eine Gemeinschaft, irgendwo in der Fremde.

Was nur wenige hierzulande wissen: Europaweit nach London und Paris, hat die größte tamilische Community in der Bundesrepublik in Dortmund eine neu-vorläufige Heimat gefunden. Sie sind eben die NachbarInnen von nebenan; vor allem dort, wo sich auf der Rheinischen Straße stadtauswärts links- wie rechtsseitig ab Möllerstraße bis zur Dorstfelder Brücke zahlreiche Geschäfte, Restaurants wiederfinden. In denen wir vielleicht manchmal etwas essen oder Gewürze einkaufen.

Bundesweite Anreise zum Straßenfest der Community im Dortmunder Unionviertel

Können sie irgendwann zurückkehren? Niemand kennt eine Antwort, nachdem das Regime in ihrer alten Heimat Fakten geschaffen hat. Sie sind jetzt einfach da, haben sich eingerichtet, sind MitbürgerInnen geworden, gerade hier, an der Rheinischen Straße. In der Ungewissheit über die Zukunft hilft nur die Flucht nach vorn: Verstetigung des Hier-und-Jetzt, auf verschiedenen Ebenen die Potentiale der eigenen Kultur fruchtbar machen –  zugunsten aller, die hier leben.

So wurde der Verein für tamilische Künstler initiativ, hat mit Unterstützung von Ortel Mobile das tamilische Straßenfest organisiert, das erste seiner Art in Dortmund. Der Zuspruch ist groß, die Anreise geschieht bundesweit, wie das Mini-Museum von Anton Joseph belegt. Oder die zugeparkten Straßen am Ort der Begegnung: das Unionviertel in der Umgebung Kreuzung Adlerstraße/Annensraße.

Dort steht die kleine Bühne, um die sich BesucherInnen bei bestem Wetter drängen. Die meisten von ihnen, auf den ersten Blick zu urteilen und daraus messerscharf geschlossen: TamilInnen, freundlich, offen, bunt. Aber zugleich ein Nationen-, Kulturgemisch, das sich hier trifft. Es träten neben tamilischen einige deutsche, aber vor allem rumänische KünstlerInnen auf, erklärt Jeyakumaran Kumarasamy, den alle seit der Schule nur „Kumar“ nennen. Warum? „Weil sie Bollywood-Filme so mögen“, verrät Kumar mit einem vielsagenden Lächeln.

Mit Kultur das Image des Quartiers aufwerten: tamilische MigrantInnen engagieren sich

Kalainithy Shabesan, Vorsitzende des Vereins für tamilische Künstler, mit Ehemann, dem „Kollegen“

Und wieso überhaupt der ganze Aufwand nach all den Jahren? Kumar, hauptberuflich Übersetzer, daneben Vertreter der tamilischen Gemeinschaft vor Ort und Chef zusammengeschlossener Migrantenorganisationen in Dortmund (VMDO), ist bescheiden: die Idee hätte auch „ein Kollege“ gehabt.

Dessen Ehefrau, das ist Kalainithy Shabesan, Vorsitzende des Vereins für tamilische Künstler, die ein paar Meter weiter anzutreffen ist: „An einem Samstag kaufen hier 400, 500 Leute ein. Wir hatten schon immer vor, diese Straße, unsere Kultur bekannter zu machen“, fasst die Organisatorin des Straßenfestes ihre Motive zusammen. Der Nachbarschaft „einen Einblick“ zu vermitteln, wer hier ein Geschäft betriebe, sagt sie, und meint selbstverständlich: aus welcher Kultur heraus dies geschieht.

Es spielen hier ersichtlich verschiedene Aspekte ineinander. Kumar differenziert: Da ist einerseits die Hoffnung, die kommunale Wirtschaftsförderung der Nordstadt auch für die westliche Innenstadt zu gewinnen. „Die Tamilen an der Rheinischen Straße haben ein gewisses Image gewonnen, das ausgebaut, weiter gefördert werden soll“, beschreibt er einen Aspekt der neuen Kulturanstrengungen aus der Commnity heraus.

In der Gemeinschaft stärker zueinanderfinden, in guter Nachbarschaft miteinander leben

Es gäbe bereits Kontakte, die Geschäftsleute seien gegenüber der Wirtschaftsförderung dabei, Wünsche, Zielsetzungen, Zukunftspläne zu erläutern. Es solle „langfristig“ etwas bestehen bleiben, es ginge um Kontinuität, um Nachhaltigkeit. Das sei auch für das Viertel gut. „Durch Kultur wollen wir auch ein schlechtes Image ändern“, sagt Kumar, und meint damit offenbar die nicht unweit schwelende Unkultur von Rechtsextremisten.

Aber die Familienbetriebe an der Rheinischen Straße, die kommunal gestützt werden müssten, das Straßenfestival, eine präsente Community – all das hätte auch eine soziale Funktion, eine doppelte: „ein Gefühl zu gewinnen, dass man im Heimatland ist“, gibt Kumar zu verstehen: Dass es hier „eine Kultur gibt, die lebt“; Jaffna im Kleinen sozusagen.

Zugleich ginge es darum, die tamilische Kultur „nach außen zu tragen, damit sie besser verstanden werden kann“. Soll sagen: für Begegnungen darf es sicher auch über Nachbarschaft und Gastronomie hinausgehen. Kalainithy Shabesan macht klar: Ja, es würde sich im nächsten Jahr wiederholen.

Zum Aufwärmen gibt es beim Straßenfest allerlei für den Gaumen, wo, von außen betrachtet, es zumeist völlig im Dunkeln liegt, um was es sich genau handelt; auch die tamilischen Bezeichnungen helfen nicht weiter: „Vadilappan“, „Toddhal“, usf. Auch hinter dem Schildchen „Kuchen“ ist nicht wirklich Annäherndes zu entdecken. Oder sollte es alles „Kuchen“ sein? Egal, es schmeckt.

Weitere Informationen:

  • Verein für tamilische Künstler e.V.: im „Haus der Vielfalt“ beim VMDO: Beuthstr. 21, 44147 Dortmund
  • Verbund der sozial-kulturellen Migrantenvereine Dortmund e.V. (VMDO) im „Haus der Vielfalt“ (Beuthstr. 21, 44147 Dortmund), hier:
  • Volksrat der Eelam Tamilen Deutschland e.V. (mit einer Vertretung im VMDO), hier:

Impressionen:

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3 Gedanken über “Eine stille Gemeinschaft hat gefeiert: Beim ersten tamilischen Straßenfest zieht ein Hauch von „Jaffna“ durchs Unionviertel

  1. Rolf Rennecke

    Es war ein toller, bunter, unterhaltsamer und abwechslungsreicher Nachmittag in der Annenstraße/Adlerstraße – zusammen mit vielen freundlichen und offenen Menschen! Das Fest hat gut getan, auch für die Verständigung zwischen den unterschiedlichen Nationen und Kulturen.
    Wir haben das Essen sehr genossen, die Unterhaltung auf der Bühne und einfach auch das Zusammensein mit Menschen, die ihre Wurzeln auf Sri Lanka haben, die durch den Bürgerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und hier ein neues Zuhause gefunden haben. Sie sind eine echte Bereicherung im Dortmunder Stadtbild und wir freuen uns, wenn sie sich hier wohlfühlen.
    Der Veranstalterin Kalainithy Shabesan und den tamilischen Organisationen unseren herzlichen Dank, es hat auch uns sehr viel Spaß bereitet! – Bitte macht auch 2019 weiter!
    Rolf R.

  2. Ursula Maria Wartmann

    Eine überaus gelungene Berichterstattung, sprachlich dicht, mitunter fast poetisch, und sehr informativ. Kunstvoll und gelungen die Mischung aus Feuilleton und harten Fakten zur Geschichte dieser „stillen Gemeinschaft“, die ihren Opfertstatus aufgegeben hat, und die trotzdem auch in den nachfolgenden Generationen mit der Trauer um Verlorenes kämpft. Ein Kompliment auch für die Berichterstattung im Bild, die die bunte, quirlige Lebensfreude der tamilischen Communitiy ganz wunderbar eingefangen hat. Ich mag diese Nachbarschaft im Unionviertel sehr. Übrigens auch ihre Küche, die – wo habe ich das mal gehört? – die schärfste der Welt sein soll …

  3. VHS Dortmund

    Die Sprache Sri Lankas kennenlernen: VHS bietet Einführung ins Tamilische

    Wer die Welt der tamilischen Kultur, Sprache und Schrift spielerisch kennenlernen möchte, sollte sich das Wochenende 29./30. September freihalten. Jeweils von 9.30 bis 12.45 Uhr gibt der gebürtige Tamile George Dias in der VHS (Hansastr. 2-4) eine Einführung in die Sprache Tamilisch, die hauptsächlich im Süden Indiens und im Norden/Osten Sri Lankas gesprochen wird.

    George Dias lebt seit 32 Jahren im Ruhrgebiet. Er ist bekannt als Autor des Kochbuchs „Die leckere tamilische Küche“. Zurzeit ist er als Biologie- und Englischlehrer an einem Dortmunder Gymnasium tätig.

    Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer benötigen keine Vorkenntnisse. Sie lernen, einige der schnörkeligen und kalligraphischen Buchstaben zu schreiben bzw. zeichnen, so dass sie Ihren Namen am Ende auf Tamilisch schreiben können.

    Weitere Infos zum Angebot (Veranstaltungsnr. 182-42700D) unter der Tel.-Nr. (0231) 50-24 727 oder unter http://www.vhs.dortmund.de.

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