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Ein Fest der Hoffnung in Zeiten des Antisemitismus: Viele Menschen jüdischen Glaubens feiern in Dortmund Chanukka

Auf dem Dortmunder U fand am Donnerstag das Entzünden der fünften Kerze statt – Edwin Jacobs entzündete sie.

Von Alexander Völkel

Wenn Christinnen und Christen die Adventszeit begehen, feiern Menschen jüdischen Glaubens Chanukka – das Lichterfest. Es ist ein Fest für die ganze Familie mit Leckereien, Geschenken und Spielen. Aber auch ein Fest, das politischer ist, als man auf den ersten Blick vielleicht glaubt. Denn es geht um Hoffnung und den Kampf gegen die Dunkelheit. Und der wird für Jüdinnen und Juden in Deutschland wegen des zunehmenden Antisemitismus immer wichtiger.

Chanukka-Kerzen auf dem Dortmunder U sind ein starkes Zeichen der Unterstützung

Noch bis Sonntag wird auch auf dem Dortmunder U jeden Tag um 17.02 Uhr eine weitere der acht Kerzen entzündet.

„Es geht darum, die Angst zu verdrängen – aus dem heutigen Leben ganz besonders“, betont Dortmunds Rabbiner Baruch Babaev. „Darum, Sorgen zu vertreiben und Mut zu finden. Und auch, um für die gute Sache einzustehen. Das ist das Symbol von Chanukka“, erklärt der 42-Jährige.

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Man feiert dabei das Wunder von Chanukka. „Das achttägige Fest Chanukka erinnert an das Wunder der Befreiung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im Jahr 164 vor Christus“, erklärt der Rabbiner. Er ist es gewohnt, die jüdischen Traditionen, Riten und Symbole zu erklären. So auch auf dem Dach des Dortmunder U, wo erstmals auch die Kerzen von Chanukka auf den „Fliegenden Bildern“ zu sehen sind. 

Prof. Adolf Winkelmann und sein Team haben dafür gesorgt, dass noch bis Sonntag jeden Tag um 17.02 Uhr eine weitere der insgesamt acht Kerzen entzündet wird. Auf der Dachterrasse stand am Donnerstag zudem ein „echter“ Chanukka-Leuchter“, an dem Winkelmann gemeinsam mit dem Rabbiner, Gemeindevorstand Wolfang Polak und dem Direktor des Dortmunder U, Edwin Jacobs, jeweils eine Kerze entzündete.

Zunehmender Antisemitismus in Europa forciert die Auswanderung nach Israel

Immer wieder richten die heimischen Neonazis ihre Aktivitäten gegen den Staat Israel. Fotos: Alex Völkel

Immer mehr Menschen interessieren sich für den jüdischen Glauben. Doch ein erneutes Auswandern ist in den vergangenen Jahren für viele Menschen jüdischen Glaubens in Europa wieder Thema. Der zunehmende Antisemitismus macht vielen JüdInnen nicht nur in Deutschland große Sorgen. 

Der Antisemitismus sei niemals weggewesen. „Er war nur nicht so sichtbar. Die Gedanken gab es immer in bestimmten Köpfen. Sie kommen heute nur mehr und mehr zum Vorschein“, verdeutlicht der Rabbiner „Das Unsagbare wird ausgesprochen – jetzt trauen sie sich, dass wieder zu sagen.“ Es bleibt nicht beim Reden: Beschimpfungen, Anfeindungen, Bedrohungen. Ja sogar körperliche Angriffe gehören mittlerweile zum Alltag für Menschen jüdischen Glaubens. „Du Jude“ ist eines der gängigsten Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen.

Doch die Gemeinde will in Dortmund bleiben und ihren Mitgliedern den Rücken stärken. Daher soll der eigene Kindergarten wachsen und auch eine eigene jüdische Grundschule entstehen. Bislang gibt es nur eine – wenn auch gut funktionierende – Kooperation mit einer Dortmunder Grundschule.

Antisemitische Anfeindungen sind Alltag auch in Dortmunder Schulen

„Die eigene Schule ist unser wichtigstes Projekt“, verrät Baruch Babaev. Denn die Nachfrage nach Plätzen ist deutlich gestiegen. Das hohe Interesse ist zwar positiv. Aber vielen Eltern geht es nicht nur um die religiöse Identifikation, koscheres Essen und das leichtere Begehen von jüdischen Feiertagen. Es geht ihnen vor allem auch um Schutz ihrer Kinder. Denn die Anfeindungen, denen die Kinder auch in Dortmund ausgesetzt sind, machen vielen Familien zu schaffen. 

„Die Rechte“ – hier ihr Co-Bundesvorsitzender Michael Brück – hat die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck zur Spitzenkandidatin bei der Europawahl gemacht.

„Ja, es gibt antisemitische Vorfälle. Aber nicht alle Eltern wollen das an die große Glocke hängen“, bestätigt der Rabbiner. Die Familien sähen auch von Anzeigen ab, auch wenn die Polizei konsequentes Handeln verspreche. „Aber der Polizeipräsident muss nicht jeden Tag in die Schule gehen. Da bedeutet jeder Tag eine Strapaze statt Spaß am Lernen. Für eine jüdische Schule würden Eltern sogar umziehen.“ Noch wichtiger wäre da auch ein Angebot im Sekundarbereich. „Doch wir können uns keine weiterführende Schule leisten.“

Neonazi-Aktivitäten in Dortmund tun ihr übriges: „Eine Welt ohne Zionismus“ war das Hintergrundbild des Lautsprecherwagens beim braunen Aufmarsch „Europa erwache“ im April in der Dortmunder City. „Israel ist unser Unglück“ war  Kundgebungsthema im Mai. Die aus Dorstfeld gesteuerte Splitterpartei „Die Rechte“ stellt die bekannteste Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck (90) als Spitzenkandidatin für die Europawahl auf. 

Und im September schallten „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“-Sprechchöre bei einer Neonazi-Demo durch die Straßen von Dorstfeld und Marten. In Marten hatte es zuvor drei Übergriffe auf einen jüdischen Mitbürger gegeben – die Täter wurden als Neonazis identifiziert.

Jüdisches Leben findet zumeist wieder hinter verschlossenen Türen statt

Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde blickt fasziniert auf die Kerzen auf dem Dortmunder U.

Beim Holocaust-Gedenken in Dorstfeld kann der Rabbiner nicht ohne Sicherheitsdienst und Polizeischutz auftreten. Die eigene Security kontrolliert alle Briefe, die in der Gemeinde eingehen und die Polizei fährt vor der Synagoge und vor dem jüdischen Kindergarten Patrouille. Jüdisches Leben spielt sich daher zunehmend wieder hinter verschlossenen Türen ab. 

„Es hat Gründe, dass es seit fünf Jahren keinen Israel-Tag mehr auf dem Friedensplatz gegeben hat“, machte Babaev bei der Feier zum 70. Jahrestag des Staates Israel im Rathaus deutlich. Die Gemeinde und ihre Mitglieder fühlen sich von Staat und Gesellschaft zunehmend im Stich gelassen.

„Der Antisemitismus, der die Welt vergiftet, wird von Juden fein wahrgenommen“ machte Babaev bei den Holocaust-Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in Dorstfeld und am Platz der Alten Synagoge Anfang November deutlich. Die elf Morde in einer Synagoge in Pittsburgh, aber auch der Angriff auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz, seien aus Judenhass erfolgt. „Wir dürfen vor der Ideologie des Hasses nicht zurückweichen, denn sie gefährdet Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, Demokratie und Wissenschaft.“ 

Große öffentliche Chanukka-Feier am Sonntag am Phoenixsee in Dortmund-Hörde

Prof. Adolf Winkelmann zeigt Chanukka in seinen „Fliegenden Bilder“ und entzündete auch eine Kerze.

Bei allen Bedrohungen: Chanukka – das Fest der Hoffnung und gegen die Angst – lassen sich die DortmunderInnen allerdings nicht nehmen. Anders als viele andere Gemeinden halten sie weiterhin daran fest. „Wir wollen zeigen, dass wir uns nicht verstecken und deutlich machen, dass das Judentum nach wie vor zu Deutschland gehört und wir unzertrennlich mit der Geschichte Deutschlands verbunden sind“, gibt sich der Rabbiner entschlossen. 

Daher lädt die Jüdische Gemeinde alle Interessierten am Sonntag, 9. Dezember 2018, um 18 Uhr  auf die Kulturinsel auf dem Phoenixsee in Hörde ein. „Wir machen das Fest in diesem Jahr noch schöner und noch größer“, verspricht der Rabbiner. Er ist guter Hoffnung, dass bis zum Fest auch der neue Chanukka-Leuchter fertig ist, an dem dann von heimischer Prominenz die acht Lichter entzündet werden. 

Babaev hofft, dass mehr Menschen zu der Veranstaltung kommen. Sie könnten damit der Gemeinde und den Menschen jüdischen Glaubens den Rücken stärken. „Viele machen sich Gedanken, ob Deutschland noch ihre Heimat sein kann. Jeder Vorfall ist ein weiterer Tropfen auf der Waagschale“, gesteht der Rabbiner. „Egal mit welchen Schwierigkeiten wir rechnen und leben müssen, tun wir nach wie vor sehr viel für die Verständigung“, betont der 42-Jährige.

Die Kultusgemeinde Dortmund lehnt die Gründung der Gruppe „Juden in der AfD“ ab

Sein Verständnis hört allerdings bei der AfD auf: Klare Worte findet er für die Gründung der Gruppe „Juden in der AfD“. „Die Partei ist ein Fall für den Verfassungsschutz, keinesfalls aber für Juden in Deutschland“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung, die auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der allgemeinen Rabbiner-Konferenz unterzeichnet wurde. Die jüdischen Organisationen sehen in der AfD eine antisemitische und rassistische Partei und „eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland“. (mehr dazu in einem eigenen Beitrag)

Baruch Babaev ist seit August 2016 neuer Gemeinderabbiner in Dortmund.

Wenn Juden auf die AfD als Garant für jüdisches Leben in Deutschland angewiesen wären, wäre es um das jüdische Leben in Deutschland schlecht bestellt. „Die AfD ist eine Partei, in der Judenhass und die Relativierung bis zur Leugnung der Schoa ein Zuhause haben. Die AfD ist antidemokratisch, menschenverachtend und in weiten Teilen rechtsradikal“, machen Babaev und seine Mitstreiter deutlich. 

„Uns war es wichtig, sehr deutlich zu zeigen, dass wir gegen ,Juden in der AfD’ sind, damit auch denjenigen Jüdinnen und Juden, die sich verirren und aus Angst politisch nach rechts gehen, deutlich zu sagen, dass sich hier unsere Wege trennen“, spricht Babaev Klartext. 

„Das ist nicht, was wir uns vorstellen. Es ist ganz klar, dass diese Menschen ausgenutzt werden und Ängste geschürt werden. Aber wir wissen, wo das endet. Die AfD ist ein Irrweg. Wir werden das nicht tolerieren, denn eine Mitgliedschaft dort ist nicht vereinbar mit unseren jüdischen Werten. Sie sollen verstehen, dass die jüdische Community nicht mitgeht. Damit keiner sagen kann von unseren Leuten, dass er das nicht wissen konnte“, gibt sich Baruch Babaev kämpferisch. 

Wo der gemeinsame Kampf gegen Rechtspopulisten und Antisemitismus endet und wie er ausgeht, weiß er nicht. Doch der Rabbiner hat die Hoffnung und den Mut, entschlossen weiter zu machen. Das passt zum Geist und zum Wunder von Chanukka.

HINWEIS: Teile des Artikels von Alexander Völkel sind zuerst in der Dezemberausgabe von BODO, der Straßenzeitung für Dortmund und Bochum, erschienen. Bitte kaufen!


Veranstaltungshinweis:

Vortrag: „Wie antisemitisch sind die Rechtspopulisten?“

Passend zum Thema gibt es eine Veranstaltung, zu der die Auslandsgesellschaft einlädt: Der Journalist und Buchautor Olaf Sundermeyer hält einen Vortrag zum Thema „Wie antisemitisch sind die Rechtspopulisten?“

Von Olaf Sundermeyer ist jüngst das Buch „Gauland“ – Die Rache des alten Mannes“ erschienen.

Vom konservativen Gentleman zum rechten Scharfmacher – kann man so den politischen Weg führender Rechtspopulisten beschreiben, die die Bundesregierung vor sich hertreiben will? Was treibt diese Politiker um? Was für politische Erfahrungen bringen sie mit, welche Persönlichkeiten stecken dahinter ? Und warum flirten sie schamlos mit den Ultrarechten? Die Rechtspopulisten pflügen die politische Landschaft in Deutschland um, indem sie das rechte Lager hinter sich herziehen.

Der Journalist Olaf Sundermeyer bringt Licht in das Vorleben der  Frontmänner und –frauen  und zeigt, wie bewusst und strategisch sie den Griff nach der Macht planen.  Selbstverständlich geht es auch um die Frage nach dem Antisemitismus dieser rechtspopulistischen Partei. Der Antisemitismus ist in der Mitte unserer Gesellschaft längst vorhanden.

Der Autor: Olaf Sundermeyer, geboren 1973 in Dortmund, ist Journalist, Publizist und Autor und gehört zu den profiliertesten Kennern der rechten Szene in Deutschland. Er lebt und arbeitet in Berlin als ARD-Reporter im Investigativteam des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Wegen seiner Expertise zu Extremismus und innerer Sicherheit ist er häufig in Rundfunk und Fernsehen präsent, seine Fernsehreportagen wurden mehrfach ausgezeichnet.

 

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FOTOSTRECKE Erinnern! Immer wieder! Zivilcourage leben, damit es sich nicht wiederholt! Haltung gegen Rechts leben!

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