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Botschafter der Erinnerung in Auschwitz: Bewegende Spurensuche zum Leben und Sterben der Sinti und Roma

Der Jugendring und die Botschafter der Erinnerung haben eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz gemacht.

Von Alexander Völkel

Schweigend geht Petra Rosenberg durch die Lagerstraße. Kopfschüttelnd, fassungslos. Vor den Resten von Baracke 23 in Birkenau bleibt sie stehen. Der Baracke ihres Vaters. Die dunkle Sonnenbrille – die sie trotz des regnerischen Himmels trägt – verdecken ihre Tränen. Wortlos drückt sie Tassilo, der zufällig neben ihr steht. Der junge Dortmunder ist einer von mehr als 40 „Botschaftern der Erinnerung“, die sie auf ihre erste Reise nach Auschwitz begleiten.

 Sprecherin des Verbandes deutscher Sinti und Roma erstmalig am Ort des Schreckens

„Im Brennglas“ heißt die Biografie ihres Vaters Otto.

Sie haben die Sprecherin des Verbandes deutscher Sinti und Roma Berlin/Brandenburg eingeladen, die Gruppe ins Konzentrationslager nach Polen zu begleiten. Hier hat ihr Vater Otto Rosenberg als Häftling gelitten. Er hat als Einziger seiner Familie überlebt. Doch zeitlebens war er von den Schrecken des Lagers gezeichnet.

Seine Tochter hat sich daher immer geweigert, den Ort des industriellen Massenmords zu besuchen. Doch das Engagement der Dortmunder Jugendlichen, die sich für die Erinnerung an die Opfer des Holocausts und für die Menschenrechte einsetzen, hat die Berlinerin bewegt, doch nach Polen zu fahren.

 Dortmunder Engagement geht auf den Zug der Erinnerung zurück

Ein bewegender Besuch für die engagierte Frau, die die Arbeit ihres Vaters fortsetzt. Sie setzt sich für deutsche Sinti und Roma ein. Dabei arbeitet sie in diesen Tagen Hand in Hand mit den Dortmundern.

Durch den „Zug der Erinnerung“, der das Schicksal der deportierten Juden während der NS-Zeit thematisiert hat, hat die Erinnerungsarbeit in Dortmund einen neuen Schub bekommen. 7000 Menschen sahen in Dortmund die Ausstellung, als der Zug für drei Tage in der Ruhr-Metropole Station machte.

Mehr als 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fuhren dann noch mit zum Abschluss der Aktion, als der Zug nach Auschwitz kam.

Daraus entstand zwei Jahre später das vom Jugendring initiierte Programm „BotschafterInnen der Erinnerung“ unter Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Ullrich Sierau. Über 200 Jugendliche haben daran bereits teilgenommen, sich mit den Schicksalen der Opfer der NS-Zeit beschäftigt, ihre Biographien erforscht und sich in verschiedenen Ländern – darunter Polen, Holland und Israel – auf Spurensuche gemacht.

 Dortmunder Projekt stellt die Verfolgung von Sinti und Roma in den Mittelpunkt

Petra Rosenberg berichtete den Dortmundern von dem leiden ihres Vaters.

Der Schwerpunkt 2014/15 widmet sich dem Schicksal der Sinti und Roma. Auf ihrer Fahrt nach Polen spürten sie dem Leben und Sterben von Dortmundern nach, die die Nazis als „Zigeuner“ abstempelten, deportierten und größtenteils ermordeten.

Petra Rosenberg gab den Jugendlichen Einblicke in das Leben und Leiden ihres Vaters Otto. Doch für sie war es mehr. Sie versuchte, die Erfahrungen ihres Vaters besser verstehen zu können. „Wir können nicht ansatzweise nachvollziehen, was die Menschen hier erlitten haben“, sagt Petra Rosenberg.  „Es kann doch nicht sein, dass das der Welt entgangen ist. Das hat kaum jemanden interessiert“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme.

 Rosenberg: „Wie Lämmer haben sie sich zur Schlachtbank führen lassen“

„Wie hätten sie vermuten können, was ihnen bevor stand?“ Wer länger in Auschwitz war, hat am Ende alles mit sich geschehen lassen. „Wie Lämmer haben sie sich zur Schlachtbank führen lassen“, zitiert sie aus dem Buch ihres Vaters. Ihr Vater Otto überlebte das Grauen schwer gezeichnet – seine zehn Geschwister kamen um.

Zeitlebens trieb ihn die Frage um, warum ausgerechnet er überlebt hatte. „Ich war doch der kleinste, der schwächste“ zitiert Petra Rosenberg aus dem Buch ihres Vaters. In seiner Autobiographie „Im Brennglas“ hat er seine Erfahrungen niedergeschrieben. Aus diesem Buch liest seine Tochter nun den Dortmunder Jugendlichen vor.

 Jugendring Dortmund lud Schüler, Jugendtreffbesucher und Rot-Kreuzler ein

Der Jugendring und die Botschafter der Erinnerung haben eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz gemacht.

Eine bunt gemischte Gruppe – Schüler mehrerer Schulen mit ihren Lehrern, Jugendliche eines kommunalen Jugendtreffs mit ihrem Betreuer und eine Gruppe des Jugendrotkreuzes – ist dieses Mal mit in Auschwitz. Gespannt, betroffen und zugleich dankbar folgen sie den Schilderungen.

„Ich finde es gut, dass sie hierherkommen, sich das Vernichtungslager anschauen, die Schilderungen meines Vaters anhören und aus der Geschichte lernen wollen“, bestärkt sie Rosenberg. Die Jugendlichen übernähmen Verantwortung, dass sich das millionenfache Morden nie mehr wiederholt. Daher habe sie ihre jahrzehntelange Ablehnung überwunden und sei nach Auschwitz gekommen.

Kritik: „Niemand fragt, wie Überlebende und ihre Nachfahren das aushalten!“

Dies sei umso wichtiger, weil NPD, „Die Rechte“ und andere rechtsextreme Parteien und Organisationen in Deutschland und europaweit erstarken. „Eine Demokratie muss das aushalten? Nein, muss sie nicht“, sagt sie nachdrücklich. „Niemand fragt, wie Überlebende und ihre Nachfahren das aushalten!“

Betreten schauen die Dortmunder zu Boden. Sie haben den Neonazi-Aufmarsch in Dortmund vor Augen und die Tumulte, als Neonazis versuchten, auf die Wahlparty im Rathaus zu gelangen. Mehrere Demokraten wurden dabei verletzt.

 Lob für jugendliches Engagement – Fortsetzung in Dortmund geplant

Gedenken an der „Judenrampe“.

Umso wichtiger sei das Engagement der Jugendlichen, betonte Petra Rosenberg. Ihrem Vater sei dies wichtig gewesen. Er sei damals auch mit jungen Menschen nach Auschwitz gefahren – Jusos und Falken. „Mein Vater hat von dem Besuch dort berichtet und weinte. Ich wollte nicht nach Auschwitz fahren.“

Das hat sich nun geändert: Seit dem Jahr 2001 führt sie die Arbeit ihres Vaters fort. Nun hat sie auch – ebenfalls mit Jugendlichen – das Lager besucht. „Das Gespräch mit den Jugendlichen vor Ort gibt mir Kraft und Hoffnung für die weitere und sehr wichtige Arbeit.“

 

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