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Corona und der Glaube (Teil 8): Kann Philosophie über die Krise hinwegtrösten? – Einsamkeit und Hoffnung ohne Gott

Messe in Dortmund (Heilige-Dreikönige): Brauchen Menschen Gott, um sich in der Welt zurechtzufinden oder auch nur rechtens handeln zu können? (Archivbild)

Durch die Maßnahmen zur Eindämmung von SARS-CoV-2 ist das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen gekommen. Auch Glaubensgemeinschaften sind betroffen. Aus diesem Grund lassen wir während der Corona-Krise regelmäßig Geistliche verschiedener Konfessionen aus Dortmund zu Wort kommen, die den Menschen Mut machen und Impulse geben wollen, wie wir diese Krise gemeinsam überstehen können. 

 

Wie der letzte Beitrag des Humanisten Thomas Oppermann fällt auch dieser ein wenig aus der Reihe. Denn er beleuchtet aus einer philosophischen Perspektive einige Aspekte der gegenwärtigen Situation, in der wir uns befinden. Dabei spielt insbesondere die Frage eine Rolle, was Ethik (im Unterschied zur Moral, ob religiös gefärbt oder nicht) und im Weiteren die philosophische Reflexion überhaupt vor allem gegenüber dem Glauben für unsere Gesellschaft leisten können – und was nicht.

 

Mit diesem Text beschließen wir unsere Serie „Corona und der Glaube“. Denn in den nächsten Tagen werden die Gotteshäuser nach und nach wieder öffnen, so dass sich dort Gläubige, gleich welcher Konfession, zum gemeinsamen Gebet versammeln können.

Von Thomas Engel

Ein Schiff sinkt. Eine große Anzahl von Passagieren hat keine Überlebenschance. Es gibt nur wenig Rettungsboote, das Wasser ist eiskalt, Hilfe wird erst nach und nach eintreffen. Zu spät für viele: bis dahin werden sie ertrunken oder an Unterkühlung gestorben sein. Doch einige haben es geschafft. Fünf davon drängen sich in einem winzigen Schlauchboot zusammen. Das nun aber jederzeit zu kentern droht. Ursache: es ist für maximal zwei Personen ausgelegt. Schnell wird klar: Innerhalb von Minuten werden alle untergehen, wird die Last nicht deutlich verringert.

Erhöhte Bedarfe nach religiöser Führung in den Zeiten der Pandemie-Krise?

Eine fürchterliche Lage: die fünf Menschen in Seenot können mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gemeinsam überleben. Aber vielleicht drei, vier von ihnen, wenn … – ja, wenn ein oder zwei sofort von Bord gingen, sprich: in den sicheren Tod. Sonst stürben alle. – Was passiert nun? Was sollte geschehen? Wovon sind wir überzeugt? ___STEADY_PAYWALL___

Schiffbrüchige auf dem „Floß der Medusa“, von Jean Louis Théodore Géricault, entstanden 1818-19, heute im Louvre. Quelle: Wiki

Wie kommt unsere Überzeugung zustande? Schwierige Fragen. Um sich damit auseinanderzusetzen, ist die karikierte Havarie-Situation ein bekanntes Konstrukt, das eine ethisch bedeutsame Konfliktsituation aufzeigt. Weiterhin lassen sich Bezüge zur gegenwärtigen Pandemie herstellen. Und noch viel näherliegend: Unter den Augen Europas saufen Geflüchtete im Mittelmeer ab. In den überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln sieht es nicht besser aus; der Tod schleicht sich dort nur anders an.

Da mag besonders eine Frage aufkommen. Vielleicht nicht angesichts der Schande im Umgang mit den Geflüchteten, aber doch wegen der drohenden Gefahren durch das Virus, sofern wir selbst betroffen sind: Wird jetzt „der Glaube“ im religiösen Sinne, wo es ans Eingemachte geht, bei uns wichtiger?

Schauen wir genauer hin. Das Dilemma der vorerst geretteten Schiffbrüchigen könnte vielleicht durch ein schlichtes Gebot aus einem Offenbarungstext aufgelöst werden. Dann bekäme ich eine verbindliche Handlungsanweisung, vielleicht modern aufbereitet, aber gleich welcher Art, und wüsste, was zu tun ist.

Was sollen wir eigentlich tun? – Vernunft meets Glaube, oder: Ethik vs. religiöse Moralen

So ein Ablauf könnte bequem sein und viel Stress ersparen. Wenn er denn glatt verliefe. Was aber kaum der Fall sein wird, weil auch die großen Religionen mittlerweile in der Postmoderne angekommen sind und kapiert haben: Mit Handlungsnormen zu winken, die als Gebote und Verbote, ob geoffenbart oder nicht, vor Jahrtausenden in Kulturräumen entstanden, die mit unseren heutigen nur sehr entfernt verwandt sind – das läuft über kurz oder lang schief.

Die Coronakrise hatte bislang das Praktizieren des Glaubens zu einem guten Teil ins Private abgedrängt. Zum Leidwesen vieler Gläubiger. Foto: Stephan Schütze

Doch obwohl etwa die Kirchen versucht haben, sich den neuen Herausforderungen anzupassen, nehmen die Schäflein munter Reißaus, siehe die stabilen Austrittszahlen. Weil es für gutes Handeln in einer komplexen Gesellschaft der Vielfalt zuhauf alternative Legitimationsquellen gibt. Die wohl attraktivste unter ihnen jenseits des religiösen Schleiers: Mündige Menschen könnten eigenständige Überlegungen anstellen, ohne in Heiligen Büchern oder verquasteten Kommentarsammlungen nachzuschlagen. Zu unserem Problem und, allgemeiner, darüber, was wir tun sollen – und wie dieses Sollen gerechtfertigt werden könnte.

Dabei postulieren wir kein religiöses Gebot oder Dogma, sondern betreiben, sofern wir systematisch vorgehen, eine Disziplin, hier eine aus der praktischen Philosophie, nämlich: Ethik. Anders als der (religiöse) Glaube kann sie mit Vernunft begründbares und begründetes Wissen liefern. Sie hat aber auch einen kleinen Nachteil: ihren Ergebnissen fehlt es an Eindeutigkeit. Denn Denken erzeugt Differenz, Glaube Einheit. Danach aber lechzen derzeit viele: Nur nicht noch mehr Konflikte neben Corona produzieren! Das Leben mit der Pandemie, die ganzen Umstellungen verlangen schon genug.

Ethik fordert kein Gehorsam, sondern braucht freie, selbstständig denkende Menschen

Jeremy Bentham, geistiger Urheber utilitaristischen Gedankenguts (porträtiert hier von Henry William Pickersgill, gest. 1875). Quelle: Wiki

Ein weiterer Minuspunkt der Ethik: sie ist anstrengend. Im Unterschied zu einer geltenden Moral, die uns schlicht etwas vorschreibt oder verbietet, was wir tun oder lassen sollen, ob religiös gefärbt oder nicht, rechtfertigt Ethik Typen von Handlungen (bzw. verwirft ihr Gegenteil) mit guten Gründen. Sie fordert kein Gehorsam, sondern braucht freie, selbstständig denkende Menschen, die in Eigenleistung über Normen urteilen können.

Und sie kommt dabei – je nachdem, wie sie ein fundamentales Moralprinzip ansetzt – zu ganz unterschiedlichen Resultaten: dazu, was genuin gutes Handeln sei. Deswegen gibt es neben der einen Ethik als Wissenschaft eine ganze Reihe verschiedener ethischer Theorien. Was sich – vereinfacht – mit eben dem kleinen Gedankenexperiment zeigen lässt: den Schiffbrüchigen im überfüllten Boot. Fliegt jemand raus?

Könnte sein, einer Theorie folgend, die als Bewertungskriterium zur Beurteilung einer Handlung deren Folgen in den Blick nimmt. Sie käme unter einer weiteren Voraussetzung zu einem schnellen wie schockierenden Ergebnis, was in dieser Nussschale zu tun sei. Werden besagte Handlungsfolgen nämlich auf den maximalen Nutzen definiert, der damit für eine Gemeinschaft erreicht wird – dann müssen ein oder zwei Unglückliche über Bord gehen, damit die anderen Schiffbrüchigen gerettet werden.

Eine brutale, unmenschliche, doch (zumindest vorderhand) logische Konsequenz – aber nur unter diesen Prämissen eines Ethikansatzes (dem des Utilitarismus). Der selbstverständlich hinterfragbar ist: von einer Ethik der Pflicht, der Diskursethik und so weiter. – Was aber hat das alles mit SARS-CoV-2 und dem Glauben zu tun? Eine ganze Menge. Zunächst ist – auch mal erfreulich – von einem sozialen Aufstieg zu berichten:

Karriere einer Magd: fortan trägt sie ihrer Gnädigen Frau das Licht der Erkenntnis voran …

Philosophie des Mittelalters im Zentrum der sieben freien Künste (Herrad von Landsberg, entstanden ca. 1180). Dennoch galt sie lediglich als Mittel für die Zwecke der Theologie. Quelle: Dnalor_01/Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

… statt – wie über viele Jahrhunderte üblich – ihr die Schleppe hinterher. Na bitte, geht doch. Die Rede ist von dem etwas schwierigen Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie. Bis zur Aufklärung galt vernünftiges Argumentieren dem Glauben lediglich als ein Mittel zu seiner Verteidigung – gegen jene, welche die Lehre der Kirche anzweifelten. „Die Philosophie ist die Magd der Theologie“, hieß es. Das Problem bei der Veranstaltung: Dogmen sind in den wenigsten Fällen haltbar. Sonst wären es keine.

Sonst müssten sie keine unumstößliche Wahrheit für sich beanspruchen. Aber mit der ist es nicht weit her: Zeiten ändern sich, mit ihnen die Menschen, ihre Erkenntnisse und das, was sie für moralisch richtig oder falsch halten. Der Glaube an etwas hingegen ist da weniger flexibel, denn er muss nicht auf gute Gründe hören und sein Reich, das nicht von dieser Welt und höher als alle Vernunft ist, trägt stets etwas Beharrendes, Konservatives in sich.

Das ist zwar schlecht, wenn damit für gefühlt zu lange die Vorstellung erhalten bleibt, die Erde sei eine Scheibe, weil der Klerus zu viel bei Aristoteles rumgeschmökert hatte – aber das mit der Verwurzelung, dem Festen, während einem der Wind um die Nase pfeift, das ist ja nicht an sich schlecht. Ein kluger Mann, der deutsche Soziologe Helmuth Plessner sagte einmal sinngemäß: Wer glaubt, hat eine Heimat; wer denkt, kehrt nicht mehr zurück. Bleibt entwurzelt.

Um den Gedanken herum, beim bohrenden Hinterfragen wird es schnell einsam. Gerade in dieser etwas speziellen Zeit drohender Gefahr durch die Pandemie. Wo Üblichkeiten verschwinden, Ausnahmen zur Regel werden. Sich in schneller Folge vieles verändert, was im Alltag bedeutsam ist.

Vom Rückhalt, den der Glaube geben kann, wenn sich alte Sicherheiten in Luft auflösen

Symbole der Religionen. Quelle: Wiki

Die Dinge sind im Fluss, Ausgang ungewiss. Das schafft neue Einsamkeiten, Verunsicherungen bis zur Hilflosigkeit – und erzeugt über solche psychischen Zustände neue Sensibilitäten, aber ganz besonders das Bedürfnis nach einem Anker. Es soll was sein, was Halt und Kraft gibt, Mut macht, Sicherheit gewährt. In seinem Beharrungsvermögen möglichst einem Fels in der Brandung gleicht!

Und, et voilà – hier wäre er wieder: der viel gescholtene Glaube, in seiner übersinnlichen Variante. Mit persönlichem Bezug zu Gott als Zentrum eines Weltanschauungssystems, das die Lebenswelten jener Menschen – mehr oder weniger – prägt, die sich in besonderen Religionsgemeinschaften verwurzelt sehen – ob nun einer christlichen, jüdischen, muslimischen oder anderen.

Durch das Vertrauen auf das Sakrale, auf eine höhere, sinnstiftende Instanz erlaubt Religion ihren Gläubigen, etwas abzugeben: was zu viel wird, womit wir allein nicht leben können oder wollen. Und wir können so gleichsam mit göttlicher Rückendeckung hoffen: Es muss nicht gleich das ewige Leben sein, sondern es geht für die Gegenwart auch eine Nummer bescheidener: auf dass dieser Kelch an uns vorübergehen möge und wir gemeinsam die schreckliche Pandemie überwinden.

Alle Menschen glauben an etwas – ob nun als religiöser Mensch oder als Atheist*in

Als religiöse Menschen sind wir nicht mehr auf uns allein gestellt, sondern Teil einer Gemeinschaft, die wir bilden: untereinander und mit Gott. Wir sind stark und schwach zugleich. Mit der Religion überlassen wir Antworten auf existentielle Fragen unserem „Glauben“, statt selbst nach ihnen suchen zu müssen: Wer wir sind, was für einen Sinn unsere Existenz eigentlich macht, nach der uns niemand gefragt hat, als man uns mal eben so in die Welt warf – und so weiter.

Ohne Vorentscheidungen geht es nicht: industrienahe Forschung an der Dortmunder FH. Foto: Thomas Engel

Insofern entlastet uns die Bezugnahme auf ein transzendentes Wesen. Dabei braucht nicht einmal Religiosität von Bedeutung sein. Jeder Mensch glaubt an etwas, muss an etwas glauben, ganz gleich, wie er oder sie es mit dem – gedacht, gefühlt, geglaubt – Göttlichen hält. Dadurch, dass wir (meist unbewusst) etliche Voraussetzungen mit unseren Meinungen darüber verbinden, was wir in unserem Tun und dem anderer für richtig oder falsch halten. Hier werden Vorentscheidungen getroffen, doch nur wenige machen sich das klar.

Solche „letzten Gründe“ haben immer auch etwas mit „Glauben“ zu tun, der nun aber durchaus weltlich ist. Nämlich mit der impliziten Wahl von Prämissen. Das fängt bereits in der Forschung an, auch bei der zum neuen Pest-Virus, weshalb Verlautbarungen von Wissenschaftler*innen zu dem Thema nicht immer durch Einheitlichkeit glänzen. Der interessengeleitete Blick auf den Forschungsgegenstand, das Untersuchungsdesign, die Argumentationsketten – all das hängt an verschiedenen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien, meist vergessen nach dem 2. Semester, die sie aber gleichsam tragen und Ergebnisse präformieren.

„Glaube“ darf sich nicht jenseits der Vernunft bewegen – sonst wird er zum gefährlichen Dogma

Ethik ist nur die Wissenschaft, die dies im Zusammenhang mit menschlichem Handeln aufzuklären versucht: Was steckt hinter unseren Wertungen, unseren Urteilen im Alltag? Und dabei gute Gründe von schlechteren, logisches Denken von diffusen Kartenhäusern der Meinungen trennt. Anders als Religion braucht sie keinen Gott, der ihr beisteht und für sie scheidet: zwischen dem Richtigen und Falschen, zwischen Gut und Böse, indem er bei Androhung von Strafe befiehlt und Gehorsam verlangt.

Solidarität: Wunschdenken?. Quelle: Pixabay

Im Gegenteil: Solchen Glauben, der immer schon alles weiß, weil er vermeint, die Wahrheit mit Löffeln verinnerlicht zu haben, den muss sie verbannen, will er geistig nicht beweglicher werden und sie frei bleiben. Denn Ethik ist nur sich selbst verpflichtet, wie der Mensch gegenüber der Menschheit in ihm, dem Humanum, und aller Natur, der er sein wunderbares wie fragwürdiges bis absurdes Dasein verdankt. Sie stellt sich dieser Vielschichtigkeit – durch konsequentes, unbestechliches Denken.

Sie kommt – weil sie nichts Geoffenbartes vorweisen kann, sondern all ihre klugen Schriften allein dem fehlbaren Intellekt des Menschen entspringen und ihre hohen Güter („Werte“) nicht wie vom Himmel fallen – auch nicht um streitbare Letztbegründungen herum. Doch sie weicht dem nicht aus und fragt im Weiteren nach. Ob ich also etwa eine Handlung eher nach meinem Gewissen oder nach ihren Folgen beurteilen soll? Oder vielleicht allein nach den Gesetzen des Staates und, wo er nicht einschreitet, nach meiner Willkür? Oder doch lieber nach Tugenden? Oder „Werten“?

Philosophische Ethik als essentieller Teil gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse

Nummer zu groß für die Politik: Denken

Philosophie trifft auf Politik: Einer ethisch basierten Technikfolgenbeurteilung folgen begründete Empfehlungen, wie eine rechtliche Umsetzung aussehen könnte. Foto: Thomas Engel

Ethik ist offen: Endlose Gründe und Gegengründe und wieder zurück, ohne sich abschließend festlegen zu können – das ist ermüdend. Weil sie keine letzten Wahrheiten kennt, steht Philosophie am Ende des Tages mit leeren Händen da. Hat wenig Verbindliches anzubieten, während die Demagogen, die mit den einfachen Lösungen, seit langem ihre Hausaufgaben gemacht haben.

In diesem Sinne ist Philosophie schwach, niemand wird ihr folgen. Aber das will sie auch nicht. Sie gibt sich eben nur nicht zufrieden, wenn alle „Ja!“ schreien. Damit ist zwar kein Staat zu machen, doch gehört sie deshalb genauso wenig in einen elitären Elfenbeinturm verbannt.

Sondern sie muss in einer offenen Gesellschaft Teil eines Selbstverständigungsprozesses sein. Angefangen in den Schulen, indem Ethik – ihr zentrales praxisrelevantes Moment – und anders als Religion zum Pflichtfach wird. Denn glauben kann ich, was ich will, darin steckt keine Verallgemeinerbarkeit. Denken hingegen nicht, weil in Sprache das verbaut ist, was allen Menschen unabhängig von ihrem Glauben zukommt – Vernunft (Habermas).

Bis hin zur Beurteilung von Technikfolgen auf einer ethischen Grundlage, um gesellschaftlich-diskursiv entscheiden zu können, ob wir überhaupt alles wollen sollten, was wir können, statt im naiven Glauben an die Segnungen der Technik all dies per se zu tun.

Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung: So wie wir die Welt sehen, so wird sie

Die entscheidenden Unterschiede aber, wo Glaube nicht gleich Glaube ist, finden sich nicht im akademischen Bereich. Und sie stehen quer zu einem Riss zwischen Kulturgemeinschaften, der über die Bedeutung von Religiosität im Leben entstanden ist. Die Frage nach Gott oder Nicht-Gott ist hier ziemlich unerheblich geworden.

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In welcher Zukunft wollen wir leben? Foto: Stephanie Buret

Divergenzen, auf die es ankommt, finden sich bei sozialen Einstellungen in Lebenswelten, in den Sozialbezügen überhaupt, im Gespräch, bei der Bereitschaft zum Diskurs, dem Agieren in die Welt hinein, dem Engagement, in der Solidarität. Viel wirkmächtiger sind nämlich die sozialen Implikationen eines dort verortbaren, ganz besonderen Glaubens.

Denn woran ein jeder Mensch in seinem Leben, woran eine Gesellschaft „glaubt“, unser Selbstverständnis und die Fremdwahrnehmungen, mit denen wir über andere urteilen – das hat enorme Auswirkungen auf die Weise, wie wir handeln: kollektiv wie individuell, miteinander leben, miteinander umgehen wollen, oder was wir uns erhoffen. Kurz: So wie wir die Welt sehen, so wird sie; vielleicht – jedenfalls wird sie nicht zum Gegenteil. Und dabei spielen wiederum basale, unausgesprochene Annahmen eine Rolle, die etwas mit (einem durchaus säkularen) „Glauben“ zu tun haben.

Die Frage nach „dem Menschen“ ist eine Glaubensfrage – an ihr entscheidet sich, wie wir agieren

Abu-Bakr-Moschee in Dortmund. Foto: Alex Völkel

Warum hier der Glaube eine zentrale Rolle spielt, hängt damit zusammen, dass kein*e Wissenschaftler*in dieser Welt seriöse Antworten hätte, wenn es um „den Menschen“ geht: im Kern um Probleme einer Reihe von allgemeinen Voraussetzungen aus dem weiteren Umkreis der Anthropologie: insbesondere um das Gesamt der vielschichtigen Mensch-Umweltbezüge und um die Rolle von biologischen Faktoren für unser Verhalten und Leben überhaupt.

Skeptiker*innen mögen eine derartige Fragerichtung für Unsinn halten, denn es gibt keine wirklichen Antworten. Auf dem Terrain eines solchen Abstraktionsniveaus bewegt sich systematisch allenfalls die philosophische Anthropologie – und dort wird wie üblich trefflich gestritten: darüber, was denn „der Mensch“ sei.

Am Phönixen hat die jüdische Gemeinde mit Mitgliedern und Gästen Chanukka gefeiert.

Chanukka am Phoenixsee, Feier der jüdischen Gemeinde. Foto: Alex Völkel

Warum ist das so wichtig? Weil der Mensch „veränderbar“ sein muss. Und zwar zum Guten hin. Was auch immer das im Einzelnen bedeuten mag.

Solange ich jedenfalls vom Gegenteil überzeugt bin, nämlich dass wir also etwa „von Natur aus“ egoistische Wesen seien, und dies nicht nur als Gattung gegenüber dem nicht-menschlichen Leben auf unserem Planeten sowie seinen Ressourcen, sondern ebenso – wie Thomas Hobbes annahm – untereinander („Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“), dann kann ich mir ein Streben nach globaler Gerechtigkeit im Grunde genommen schenken.

Denn ich machte den Bock zum Gärtner. Und Hobbes zog daraus die Konsequenz, dass es eines autoritären, allmächtigen Staatsgebildes, des Leviathans bedürfe, um die Menschen voreinander zu schützen und einen Krieg aller gegen alle zu verhindern.

Handeln unter Nichtwissen: so tun, als ob, und schauen, was dabei herauskommt

Was der Mensch „wirklich“ ist: das ist schlussendlich wie ein Gordischer Knoten. Das Material ist unüberschaubar: ob aus der Geschichte, als Erzählung, durch empirische Studien oder im Theater; und die Sexarbeiterin und Kneipenwirtin „von umme Ecke“ wissen sicher auch einiges beizusteuern. Zwei Extremfälle: Er, der Mensch, mag sich in Freiheit selbst schaffen, wäre also eine offene Frage; oder all unser Wirken unterliegt eben dieser Selbsttäuschung, während da faktisch eine Marionette rumhampelt, die von dunklen Kräften fremdgesteuert wird.

Schema: Handeln unter Nicht-Wissen und Klimaschutz

Auch hier stehen wir letztendlich vor einer fundamentalen Glaubensfrage. Macht den Menschen das aus, was irgendwo in seiner biologischen Ausstattung wie den Genen oder in evolutionären Gesetzmäßigkeiten verborgen liegt, können alle Sozialträumer*innen einpacken. Währenddessen eine Stärkung humanistischer Ideale nur über gegenteilige Grundannahmen verläuft: die einer positiven Plastizität des menschlichen Selbst, von „Zivilisierbarkeit“ durch kollektive Kulturentwicklung: Ende offen, aber vor allem friedlich und freundlicher.

Aus diesem Grund kann diese „Glaubensfrage“ nicht willkürlich entschieden werden. Es funktioniert wie Handeln unter Nicht-Wissen. Und im Kantischen „als-ob“-Modus. Anders formuliert: Wollen wir für diese Welt und für die in ihr lebenden Menschen das Beste rausschlagen, müssen wir annehmen, dass da was geht, wir also frei sind. Sonst sitzen wir im Gefängnis oder allenfalls in der besten aller schlechten Welten.

Diesseits religiöser Motive: Glaube an die Veränderbarkeit der Welt zum Guten

Die Klima- und UmweltschützerInnen prangern den Stromkonzern RWE an. Foto: Leopold Achilles

Für viele Menschen – hier vor RWE in Dortmund – ist es in Sachen Klima- und Umweltpolitik fünf vor zwölf: mindestens. Foto: Leopold Achilles

Ein anderes, aktuelles Beispiel, der Umweltschutz: Ich muss mich in gewisser Weise gar nicht mit der Verleugnung des Klimawandels auseinandersetzen, sondern kann die Frage methodisch ausklammern. Denn allein um die Möglichkeit einer Katastrophe zu verhindern, haben wir nur eine Option: alles dafür zu tun, dass das Klima nicht kippt. Im schlimmsten, dem unwahrscheinlichen Fall, dass wir darauf real wenig Einfluss haben, wären die Anstrengungen nur überflüssig.

Wäre es aber umgekehrt und käme es auf uns an, auf eine durchdachte Umweltpolitik, was weitaus näher liegt, und täten wir nichts: dann gute Nacht! Was voraussetzt, dass wir daran glauben, die Verhältnisse zum Besseren wenden können. Dass dies überhaupt möglich ist.

Es ist der Glaube an die Veränderbarkeit der Welt zum Guten. Ob es und was gelingt, steht auf einem anderen Papier. Aber, wenn wir nichts unternehmen, weil da keine Hoffnung ist, dann überlassen wir die Zukunft der Blindheit: einer eindimensionalen Wachstumslogik und ihrer Ideologie, die nach Corona frisch-fröhlich weiter an dem Ast sägen wird, auf dem die meisten von uns sitzen.

Das Leben kann so schön sein – ließe die Wirtschaft uns die Zeit, es ein wenig zu genießen

Wie war das nochmal mit der von Havarie bedrohten Nussschale auf dem Meer? Sollen wir die Alten, die Schwachen also über Bord schmeißen? Ihnen die Beatmungsgeräte vorenthalten, die Türen der Intensivstationen vor ihnen verschließen? Wie offenbar in Frankreich vor einigen Wochen, während eines ersten Höhepunkts der Corona-Welle.

Pflegekräfte bilden die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Sie fordern nun eine eigene Pflegeberufekammer. Foto: Klinikum DO

Aus Frankreich kommen Meldungen, dass beim Zugang zu Intensivbehandlungen nach Alter selektiert wurde. Foto: Klinikum DO

Sedieren und leises Sterbenlassen in den Heimen, weil der Aufwand den Nutzen nicht mehr rechtfertigt? Und uns lieber um die Jungen kümmern, die ja morgen wieder kräftig arbeiten, volkswirtschaftlichen Reichtum mehren sollen? Statt jene durchzuschleppen, die der Gesellschaft sowieso nur auf der Tasche liegen und von ihr ernährt werden müssen?

So könnten wir vermeinen – und vereinzelt sind solche Stimmen bereits zu hören. Was hier aufgemacht wird, ist ein Denk- und Handlungsraum, in dem nach sozialdarwinistischen Kriterien selektiert wird. Das ruft unselige Erinnerungen wach, das hatten wir schon einmal.

Und wenn große Konzerne dieser Tage bereits mit den Hufen scharren, um zügig wieder zur Normalität zurückzukehren, dann bewegen sie sich in diesem Denkhorizont von Nützlichkeitserwägungen, denen menschliche Würde relativ zu den eigenen Vorteilen wenig gilt. Doch wenn wir dies tun, dann verkaufen wir als solidarische Gesellschaft einmal mehr unsere Seele. So wie wir es mit den Sterbenden an Europas Grenzen tun, die niemand sehen will.

Von die Liebe zur Weisheit, oder: Philosophie und Trost – war da noch was?

"Utopia": Titelholzschnitt der Erstausgabe von 1516. Die deutsche Übersetzung erfolgte 1524. Bild: Wikipedia

„Utopia“ von Thomas Morus, Titelholzschnitt der Erstausgabe von 1516. Bild: Wiki

Alle hyperkomplexen Menschheitsprobleme implizieren Glaubensfragen, nach denen wir entscheiden, ob wir überhaupt bereit sind, unsere Gestaltungskraft – von der wir im Einzelfall nicht wissen, wieweit sie reicht – für eine gerechtere, friedlichere Welt einzusetzen. Zum Wohle aller.

Und hier ist es nicht mehr wichtig, wie ich zur Gretchenfrage stehe und es mit der Religion halte. Hier können alle, denen etwas an einem besseren Leben auf dem Planeten liegt, gleich welchen Glaubens, Herkunft oder kultureller Identität, Seite an Seite stehen und sich dafür einsetzen, dass sich etwas verändert. Dazu gehört wohlverstandene Utopie genauso wie Antizipation, Vision – und Hoffnung.

Wo aber bleibt nun der Trost? – Nein, im Eigentlichen trösten kann Philosophie nicht. Es mag erhellend wirken, ein wenig hinter die Kulissen dieses Welttheaters zu schauen, ja. Wer fragt, kann daran aber auch verzweifeln. Insofern bewegt sich das Philosophieren irgendwo zwischen Zweifel und Verzweiflung.

Warum bedeutet das Wort dann „Liebe zur Weisheit“? Sofern da Schmerz dräut, wird das Geschäft des Denkens ernst genommen. – Ganz einfach: Weisheit bedeutet, es auszuhalten. Dass es vielleicht keine Lösung gibt. Und die Liebe als zutiefst menschliche Fähigkeit, sie gibt Kraft, sich dennoch nicht abzufinden.

 

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