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Corona und der Glaube (Teil 7): Der Schutz des Lebens hat Vorrang vor wirtschaftlichen oder individuellen Interessen

Thomas Oppermann ist Landesgeschäftsführer des humanistischen Verbands. Foto Roland Klecker/ dofoto.de

Thomas Oppermann, Landesgeschäftsführer des Humanistischen Verbands. Foto: Roland Klecker

Durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus ist das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen gekommen. Auch Glaubensgemeinschaften sind betroffen. Aus diesem Grund lassen wir während der Corona-Krise regelmäßig Geistliche verschiedener Konfessionen aus Dortmund zu Wort kommen, die den Menschen Mut machen und Impulse geben wollen, wie wir diese Krise gemeinsam überstehen können. 

Der folgende Beitrag fällt unter den bislang veröffentlichten ein wenig aus der Reihe. Denn sein Autor, Thomas Oppermann, ist Atheist – und bekennender Humanist. Was nicht bedeutet, dass er an nichts glaubt, sondern eben nur nicht von religiösen Überzeugungen in dieser Pandemie-Krise zehrt.

 

Gastbeitrag von Thomas Oppermann (Humanistischer Verband)

Allenthalben werden wir mit der Vorstellung konfrontiert, dass Beten und Glauben Kraft gibt in dieser Zeit des Lock-Downs. Religion mache Mut, so wird erzählt und doch scheinen all diejenigen, die nicht religiös sind, die nicht beten, trotzdem nicht mutlos oder gar kraftlos zu sein. Auch Hoffnungslosigkeit macht sich unter Ihnen nicht breit. Ich weiß das, denn als Humanist gehöre ich genau zu dieser Gruppe und bin weder mutlos, noch verspüre ich Hoffnungslosigkeit.

Erfahrung von Solidarität und Unterstützung im alltäglichen Miteinander

Ich bin, ehrlich gesagt, viel zu beschäftigt, zu leben und dieses Leben zu organisieren, als dass ich mich mit so großen Begriffen wie Hoffnung oder Mut beschäftigen kann. Wir befinden uns in einer Krise. Unsere Leben verändert sich. Wir Menschen haben schon immer, mal besser, mal schlechter, Krisen bewältigt. ___STEADY_PAYWALL___

Es ist erstaunlich und in diesem Sinne auch durchaus ein Wunder, was wir in unserem Leben auch ohne Corona schon so alles an Krisen wegstecken und bewältigen können. Wir sind nicht schutzlos oder hilflos solchen Krisen ausgeliefert, sondern uns durchaus unserer Widerstandsfähigkeit, Kreativität und Stärke bewusst. „Wir schaffen das“ ist keine Plattitüde, sondern Ausdruck unseres Zutrauens und Vertrauens in unsere eigenen Möglichkeiten.

Wir erleben neben den großen Gesten, medienwirksamen Aktionen oder Rettungspaketen eine Menschlichkeit im Alltag. Solidarität und Unterstützung im alltäglichen Miteinander. In diesem gestörten Alltag erleben wir Gesten der Vertrautheit und symbolischer Zugehörigkeit wie Balkonkonzerte oder Nachbarschaftshilfen.

Zuversicht durch „Vertrauen in das Menschliche aller Menschen“ (Hannah Arendt)

Hannah Arendt (1906-1975). Foto: flickr

Dies tun die Menschen nicht, weil sie es müssen, dies ist keine Tätigkeit, die aus der verstandlichen Durchdringung des kategorischen Imperativs erwächst („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“) oder einem religiösem Dogma entspricht. Es ist vielmehr eine Handlung, die aus dem Miteinander und der Erkenntnis der eigenen und gemeinsamen Verletzlichkeit erwächst.

Wir können die Hoffnung haben, dass sich Menschen in schwierigen Situationen beistehen, sich unterstützen. Eine Sichtweise die ich aber auch nicht übertreiben will, denn es gibt auch Hamsterkäufe, Diebstahl von Schutzausrüstung und Wucher.

Was zumindest mich aber nicht davon abhält „Vertrauen in das Menschliche aller Menschen“ zu haben, wie es Hannah Arendt (1) formulierte. Will sagen, das Handeln von Menschen kann so oder so ausfallen in diesen Zeiten, dass es aber Menschen gibt, die solidarisch handeln und dieses Handeln entsprechend gewürdigt wird, erlaubt mir einen positiven und zuversichtlichem Blick.

Mir ist es dabei vollkommen egal, wie das Engagement persönlich begründet wird, ob christliche Nächstenliebe oder humanistische Empathie. Das Ergebnis zählt, und weist auf die Gemeinsamkeit, das Menschliche hin. Unangebracht ist es, wenn so getan wird, als gäbe es nur religiöse Motive.

Schutz des Lebens ist wirtschaftlichen oder individuellen Interessen übergeordnet

Als Humanist neige ich häufig dazu, jenseits des eigenen Lebens der eigenen kleinen Welt den Blick auf die Gesellschaft zu werfen. Ich lebe nun mal nicht in einem kleinen Treibhaus, sondern mitten unter sehr unterschiedlichen Menschen. Dieses Miteinander ist keine Schicksalsgemeinschaft, ein zu erduldendes Miteinander, sondern wird von uns allen und natürlich auch von mir mitgestaltet.

Deklariert vor 70 Jahren, geltend, geschunden: die Allgemeinen Menschenrechte. Fotos: Thomas Engel

Deklariert vor 70 Jahren, geltend, geschunden – gegenwärtig an den Grenzen Europas: die Allgemeinen Menschenrechte. Foto: Thomas Engel

Wir können diese Pandemie letztendlich nur gemeinsam bewältigen. Wir brauchen dazu einen Grundkonsens, einen gemeinsamen Entschluss, was uns in dieser Lage wichtig ist und welche Prioritäten wir setzen. Ich stimme allen zu, die in den letzten Wochen immer wieder deutlich betont haben, dass der Schutz von Leben Vorrang vor wirtschaftlichen oder individuellen Interessen hat. Für mich eine Selbstverständlichkeit, denn jede und jeder hat ein Recht auf Leben, so steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Artikel 3).

Allerdings würde ich mir schon wünschen, dass die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens sich auch auf die Menschen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln beziehen würde, wie auf viele andere aktuelle Probleme unsere Gesellschaft. Und doch gilt es, dass das Leben jeder und jedes Einzelnen zu schützen und zu wahren ist. Dies ist Aufgabe unsere Gesellschaft und damit keine Entscheidung unserer Regierung, sondern am Ende bestimmen wir über unser Handeln, wie wichtig uns dieser Grundsatz ist.

Normative Kriterien – für richtig und falsch – aus humanistischen Grundsätzen

Thomas Oppermann im Dortmunder Rathaus bei der Präsentation des Viefalt-Kalenders

Thomas Oppermann im Dortmunder Rathaus. Archivbild: Leopold Achilles

Als Humanist, dem „nichts Menschliches fremd“ ist, weiß ich, dass das aber nicht so einfach ist. Nur weil wir wissen, was zu tun ist oder richtig ist, handeln wir nicht danach. Und doch handeln wir. Denn nur durch unsere Aktionen, durch aktives Mitwirken, können wir dieser übermächtigen Bedrohung etwas entgegenhalten. Hilflosigkeit oder Mutlosigkeit sind eben keine Option und so entsteht Kraft und Zuversicht aus unserem Handeln.

Wir Weltlichen können nicht sündigen und doch wissen wir, was richtig und falsch ist. Ganz bestimmt ist es falsch, so zu tun, als gäbe es eine Anzahl an Toten, die hinzunehmen wäre. Als wären Maßnahmen erst dann gerechtfertigt, wenn eine Mindestanzahl an Toten erreicht ist. Dies widerspricht dem Recht auf Leben.

Auch die Idee, die besonders Gefährdeten besonders auszugrenzen, damit der bekannte Alltag und ganz besonders unsere Wirtschaft wieder Reichtum produziert, hat wenig mit einem solidarischen Miteinander in unserer Gesellschaft zu tun. Trotzdem müssen wir diskutieren, welche Maßnahmen wir akzeptieren und mittragen. So gehört es sich unter Menschen, denn nur so entsteht Akzeptanz.

Nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, sondern auch humanistischen Eigensinn bewahren

Wie jeder andere orientiere ich mich bei dieser Diskussion an wissenschaftlichen Erkenntnissen, versuche die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten zu verstehen. Es wäre gelogen, zu behaupten, ich könnte es verstehen. Im Gegenteil, es ist verwirrend, widersprüchlich und die mediale Vielfalt, die auch gerne von Einfältigen genutzt wird, sorgt für eine permanente Berieselung und einen Alarmzustand. Wir müssen wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, um uns eine eigene Vorstellung zu machen.

Ich bewahre mir aber auch meinen Humanistischen Eigensinn. Denn trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse, religiösen oder gar weltanschaulichen Wahrheiten muss ich meinen eigenen Standpunkt durch meine eigene Urteilskraft einnehmen.

So bewege ich mich in dieser Krise. Mit meinen humanistischen Grundsätzen, einem humanistischen Eigensinn, voller Vertrauen in das Menschliche und einem Wissen um die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Handeln. Denn zusehen und hoffen ist für mich keine Option.

Thomas Oppermann, Lebensfeier-Sprecher des Humanistischen Verbandes NRW

(1) „Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen in das Menschliche aller Menschen.“ (Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)

 

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Ein Gedanke zu “Corona und der Glaube (Teil 7): Der Schutz des Lebens hat Vorrang vor wirtschaftlichen oder individuellen Interessen

  1. HVD-Trauer-Café endlich wieder geöffnet (PM) Beitrags Autor

    HVD-Trauer-Café endlich wieder geöffnet

    Das Trauer Café des Humanistischen Verbandes in Dortmund ist endlich wieder offen. Ab dem 01. Juni 2021 kann es los gehen.

    Endlich gehen die Inzidenzwerte zurück und wir können im Rahmen unseres Trauer Cafés zusammenkommen. Schon unter „normalen“ Bedingungen ist es schwer von einem geliebten und wichtigen Menschen Abschied zu nehmen. Unter den Bedingungen der Pandemie fehlte häufig die Möglichkeit und der Rahmen, um sich auszusprechen, auszutauschen oder einfach nur gemeinsam zu trauern, die Geschichten zu erzählen, die erzählt werden sollten.

    Wir laden am kommenden Dienstag um 17:00 Uhr zu unserem wieder eröffneten Trauer Café ein. Allerdings müssen wir darum bitten uns kurz vorher telefonisch Bescheid zu geben, um entsprechend das Hygienekonzept anzupassen. Sie erreichen uns unter 0231 527248.

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