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Wenn durch Klimawandel ungemütliche Wettereignisse drohen: BMBF-Projekt soll Widerstandsfähigkeit in Quartieren erhöhen

Wie sich in den Städten gegen extreme Wetterereignisse schützen? Hier bei Starkregen. Foto (2): Alexander Völkel

Vor einigen Monaten ist in der Dortmunder Nordstadt ein Projekt angelaufen, dessen Ziel es ist, zusammen mit den Nachbarschaften um die Schützenstraße herum und anderen Akteuren aus dem Stadtteil konkrete Maßnahmen zu entwickeln, um sich über eigene Wissensbestände, innovative Ideen und Vernetzung gegen erwartbare und drohende Folgen des Klimawandels schützen zu können – so gut es eben geht. „iResilience“ heißt das vom Bund finanzierte Vorhaben. Zu dessen Ansatz, den Zielsetzungen und Perspektiven hat sich in der vergangenen Woche die Bezirksvertretung (BV) der Innenstadt-Nord unterrichten lassen. Nicht ohne auf einige kritische Anmerkungen zu verzichten.

Gefahrenqualität in den Quartieren durch Folgen des Klimawandels zeigt sich uneinheitlich

Die vielgescholtene Nordstadt ist bekanntlich besser als ihr Ruf. Trotz eines nicht zu verleugnenden sozialen Konfliktpotentials reihen sich hier Initiativen, Arbeitskreise, Projekte, Bündnisse, Programme usf. in einer Dichte aneinander wie kaum anderswo. Sie bilden die Antwort kommunaler Akteure auf die speziellen Herausforderungen vor Ort. Andere Problemlagen wiederum betreffen die ganze Stadt.

Strategieschema des BMBF-Projekts „iResilience“

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Dazu gehören auch Folgen und damit verbundene Gefahren des Klimawandels, die einerseits vor keinem Quartier wirklich halt machen. Doch ist ihre konkrete Wirkungstiefe auch an stadtteilbezogene Faktoren gebunden – wie die jeweilige Infrastruktur oder das Anpassungsniveau von Verhaltensgewohnheiten der AnwohnerInnen.

Die Analyse solcher besonderen Voraussetzungen und die Erarbeitung von Vorschlägen, die Situation zum Besseren zu wenden, sind Gegenstand eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über drei Jahre bis Oktober 2021 finanzierten Projekts, das aktuell auf Quartiersebene umgesetzt wird – bekannt als „iResilience“ (wir berichteten). Näher vorgestellt wurde es jetzt dem verwaltungspolitisch zuständigen Gremium, der Bezirksvertretung (BV) der Innenstadt-Nord.

Projekt ist situiert in drei Stadtteilen von Dortmund und Köln, wo es soziale Brennpunkte gibt

Denn die Nordstadt-Wohnbestände an der Schützenstraße – die sich von West nach Ost aus Richtung Blücherpark zur Uhlandstraße hin erstrecken – sind eine Zielzone in dem Vorhaben. Allesamt gelten die drei beteiligten Stadtteile als Problemzonen mit (potentiellen) sozialen Brennpunkten.

Luftbild Nordstadt

Blick aus der Nordstadt Richtung Dortmunder Hauptbahnhof und die Wohnumgebung an der oberen Schützenstraße (mit Pauluskirche, vorne links).

Im Weiteren sind es Köln-Deutz und das zu Dortmund-Huckarde gehörende Jungferntal. In dem überalterten Siedlungsgebiet dort, entstanden in den 50er Jahren, hatten bei der Bundestagswahl 2017 Rechtspopulisten Spitzenwerte von deutlich über zehn Prozent erreicht.

Gut denkbar daher, dass Bildungsarmut hier verbreiteter ist als anderswo. Doch Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder stört der schwierig wirkende Titel des Unterfangens sowieso. Sein Problem sei ja, dass ein Bürgerbeteiligungsprojekt mit einem so komplizierten Namen ausgestattet worden wäre, moniert er.

Gewiss in der Annahme – weil dessen Bedeutung sich kaum von allein erschließt –, dass BewohnerInnen davor zurückschrecken könnten, was seitens der Akteure an zentraler Stelle intendiert ist – nämlich sich in die Projektdurchführung einzubringen. Und muss sich selbst um eine korrekte Aussprache bemühen: „iResilience“, heißt der Fast-Zungenbrecher.

Urbane Widerstandskraft gegenüber neuen Bedrohungen soll durch das Vorhaben gestärkt werden

„Resilienz“ (im Deutschen) ist ein aus der Psychologie entlehnter Begriff und meint die Kompetenz einer Person, Krisen – unter Rückgriff auf individuelle und soziale Ressourcen – nicht nur abzuwehren, sondern sie als Entwicklungschancen begreifen zu können.

Nichts Unübliches mehr: Feuerlöscher, hier an der Emscher, inmitten des vertrocknenden Grüns. Foto: Karsten Wickern

Allgemeiner, und über die Rekonstruktion menschlicher Fähigkeiten hinausgehend, bedeutet dies: ein System (wie etwa ein Organismus) kann sich selbst erhalten, weil es sich fehlertolerant an bedrohliche Umweltbedingungen anpasst; es ist robust gegenüber variabel auftretenden externen Einflussgrößen.

So wie ein harter Schlag wegen der Verformungsfähigkeit, der Plastizität seines Ziels (wie bei einem Kaugummi) ins Leere laufen mag. – Solche Widerstandskraft als wahrnehmbare Eigenschaft impliziert ein Bedrohungsszenario, damit es überhaupt systemisch virulent werden kann. Was wegen des offenkundigen Klimawandels allerdings immer handfester wird.

Hitzeperioden/Trockenheit, Starkregen, Überflutung/Hochwasser, Sturm/Hagel/Gewitter – entsprechende Wetterereignisse sind als Folge klimatischer Veränderungen mit hoher Prognosesicherheit auch in Zukunft zu erwarten: für die Infrastruktur des Landes, seiner urbanen Regionen, für die Bevölkerung, auch in Dortmund.

Im Zentrum des Projekts stehen innovative Praxen von Akteuren im Quartier

Resilienz gegenüber dem Klimawandel besteht der Projektlogik zufolge darin, Gefahrenlagen auf unterschiedlichen Ebenen zu antizipieren und Schäden durch zweckrationales Handeln möglichst zu begrenzen. Und im Weiteren darin, seine Ursachen langfristig zu beseitigen. Entscheidend ist die Güte der eingesetzten Mittel: die Maßnahmen müssen sich als effektiv wie effizient erweisen. Das Vorhaben fokussiert nicht die Infrastruktur, sondern das Verhalten von BewohnerInnen und anderen Akteuren in den urbanen Räumen unter Nutzung technologischer Innovationen.

Ebenso ein Beteiligungsprojekt, von dem die BV kritisch Kenntnis nahm: „Koop:Lab“ am Blücherpark. Foto: Thomas Engel

Es geht mithin vor allem um veränderte soziale Praktiken, um „soziale Innovation“. Dieser Anspruch wird in dem Projekttitel durch das vorangestellte „i“ festgehalten, wodurch er als „iResilience“ verständlich wird. Das klingt zwar sperrig, aber dafür gut akademisch, was die Chancen für Förderanträge beim BMBF erhöht. Immerhin 1,9 Millionen Euro war dem Ministerium das Gesamtpaket wert, wie Stephanie Lübke, Verbundkoordinatorin für Dortmund, auf Nachfrage des Bezirksbürgermeisters erklärt.

Bei einer solchen Summe entsteht die Frage nach dem im Vorhaben perspektivisch generierten „Mehrwert“. Wie schon beim zuvor in der BV vorgestellten Nachbarschaftsprojekt um den Blücherpark „Koop:Lab“, wo gerade ein Quartierstreffpunkt aufgebaut wird (wir berichteten), gibt es kritische Stimmen. Obwohl hier wie dort durch die weitgehend über Bundesmittel laufende Finanzierung der kommunale Haushalt unberührt bleibt.

Erste Treffen der beiden thematischen Arbeitsgruppen in Dortmund: am 7. bzw. 9. Oktober

Auftaktplenum von „iResilience“ im Dortmunder Depot am 26. Juni d.J. Foto: Sozialforschungsstelle TU

Doch: Wer nicht zahlt, verspielt damit ja nicht per se das Recht zur reflektierten Stellungnahme. Insbesondere kein kommunales Gremium, dass sich als einziges exklusiv mit den Angelegenheiten der Nordstadt befasst. – Der weitere Ablaufplan der Projektdurchführung sieht nun vor, nach den Auftakt- und Startveranstaltungen ab dem 7. Oktober erstmalig die thematischen Arbeitsgruppen zusammenzutrommeln, in denen Maßnahmen nach Betroffenheitslagen erarbeitet werden sollen.

Offen für alle im Quartier, sind ihre beiden Handlungsfelder: (a) Hitzevorsorge (schwerpunktmäßig für ältere Menschen und Kleinkinder)/Gesundheit und (b) Grün/Blau, Bepflanzung und Wasser im urbanen Raum (für Ort und Zeit des ersten Treffens: s. die Infos unter dem Artikel).

Bezirksbürgermeister Jörder hat nun Bedenken; fragt nach dem konkreten Stellenwert der dort erreichbaren Erträge relativ zum Aufwand. Denn das Erforderliche sei Fachleuten doch längst bekannt, lautet ein entscheidender Satz. Es stelle sich daher die Frage, weshalb es jetzt in den nächsten zwei Jahren solche Arbeitsgruppen überhaupt geben müsse.

Zweifel an Bedeutung der Maßnahmen, die aus den Arbeitsgruppen heraus entstehen sollen

Ablaufschema des Projekts

„Man müsste nicht so tun“, fährt er fort, „als ob dies jetzt vom Bürger erarbeitet werden müsste“. Und fragt rhetorisch: Würde da jetzt „nicht zu viel Zeit verbraucht, um eine Pro-forma-Erarbeitung zu machen, für etwas, was gar nicht erarbeitet werden muss, weil man es längst kennt?“ Mit anderen Worten: hier hegt jemand den Verdacht, dass das Ganze hart an Zeitverschwendung grenzt. Die zudem nicht ganz billig ist.

Das sieht Cornelia Wimmer für die Fraktion Linke & Piraten in der Konsequenz ähnlich, argumentiert aber von einer anderen Seite her: nicht, dass alles, sondern eigentlich gar nichts geklärt sei. Sie verweist auf den geplanten Busbahnhof im Rahmen des Umbaus der Nordseite des Hauptbahnhofs: durch die (erwartbar auch über die Schützenstraße) abfließenden Verkehre entstünden entsprechende Hitzeinseln.

Da frage sie sich: Wieso sollte dann der Bürger sich etwa noch Grün aufs Dach setzen? – Das soll offenbar andeuten: Infolge der städtischen Umbaupläne am HBF-Nordausgang und durch erhöhtes Verkehrsaufkommen sind Schutzmaßnahmen, die nur von AnwohnerInnen und anderen Quartiersakteuren ausgehen, allenfalls Tropfen auf den heißen Stein, mit denen grundsätzlichere Probleme nicht angekratzt werden.

Bislang entwickelte Konzepte zur Klimarobustheit in den Quartieren unzureichend?

Projektkoordinatorin Stephanie Lübke, zugleich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Evinger Sozialforschungsstelle, erklärt: Das Quartier sei gerade deshalb ausgewählt worden, weil es dort Hitzeinseln gäbe, welche die Gesundheit belasteten, und in Absprache mit der Stadt. Beteiligt waren in Dortmund – über ein halbes Jahr im Vorfeld – die Stadtentwicklung, das Umweltamt, das Generationenprojekt „nordwärts“ sowie die Stadtentwässerung.

Dachbegrünung auf dem Orchesterzentrum, Brückstraße

Dachbegrünung auf dem Orchesterzentrum in der Brückstraße

In Sorge um eine sinnvolle Verwendung von Steuergeldern zeigte sich der AfD-Vertreter. Zumal für Andreas Urbanek Begrünungen zwar allesamt sympathische Maßnahmen sind, beruhten sie auf Freiwilligkeit. Doch handele es sich bei der Begrünung von Dächern etwa eher um einen symbolischen Akt, eine Verlegenheitsgeste, da die Wasserspeicherfähigkeit gering ausfiele.

Zudem müsse man sich bei einem solchen Forschungsaufwand auch mit der Infrastruktur beschäftigen. Stichwort für ihn hier: die Benutzung von Klimaanlagen, die im energetischen Bereich schließlich kein Pappenstiel seien. – Die Umweltwissenschaftlerin will den Hinweis auf die Infrastruktur gern notieren, betont aber zugleich: das Projekt ziele nicht darauf, sondern sei eben auf Verhaltensänderungen, d.h. sozial-innovative Praxen ausgerichtet – und insoweit mit etwaigem Technologiebezug (im Sinne von Vernetzung, digitalen Tools etc.).

An welchen Punkten bin ich persönlich betroffen und was kann ich konkret daran ändern?

Zum Einwand des BV-Chefs bemerkt sie: Natürlich, es gäbe sehr viele Konzepte zu den genannten Themen – (gerade) deshalb aber sei ihr Projekt seitens des BMBF gefördert worden. – Soll das bedeuten: wo bereits viel ist, noch mehr drauf? Weil Masse hier Problemrelevanz anzeigt bzw.: dass nichtsdestotrotz befriedigende Lösungen noch nicht immer verfügbar sind?

Gern gesehen als Beteiligte im Prozess des Projektablaufs

Eine dergestalt existierende Lücke würde dann durch „iResilience“ bearbeitet. Wissensvorräte innerhalb des Stadtteils sollen gesichert, innovativ mit verschiedenen Akteuren entwickelt werden. Insgesamt sei es zunächst um die Frage gegangen, betont Stephanie Lübke: Wie solle die Nordstadt aussehen, wenn wir von Klimarobustheit sprächen? Bei den Arbeitsgruppen müsse jetzt im Kleinen geschaut, analog kleinräumige Themenanalysen vorgenommen werden.

Gewissermaßen in der Tradition kritisch-materialistischen Denkens verknüpft Brigitte Jülich, SPD-Fraktionsvorsitzende, das „Sein“ mit dem „Bewusstsein“: nämlich die Aussichten auf praktische Erfolge in den Arbeitskreisen mit den Interessenlagen der Beteiligten. Und mahnt, wie wichtig es sei, die richtigen Zielgruppen anzusprechen – jene, die es auch wirklich beträfe. Sonst – das sei eine ihrer Erfahrungen – gäbe es auf solchen Beteiligungsveranstaltungen vielleicht viele gute Ideen, doch niemand müsse sich mit der Umsetzung herumplagen.

Im Projekt gewonnene Erfahrungen können später an andere Städte weitergegeben werden

Das scheint Konsens mit den Projektbeteiligten zu sein: Am Anfang stünde die Frage, erläutert Umweltwissenschaftlerin Lübke: Weshalb bin ich überhaupt betroffen? Dann: Was kann ich im Kleinen ändern, um mich zu schützen? Es folgten Bausteine; dazu gehöre beispielsweise die Hitzevorsorge durch Wahl von Schattenwegen beim Einkaufen genauso wie Balkonbegrünung, Füllstationen für Wasser, Trinkbrunnen, und so weiter.

Und schließlich würden in dem Projekt kleinere Maßnahmen – zusammen mit der Stadt – im Größeren gedacht. – Rico Koske, Fraktionsvorsitz Bündnis 90/Die Grünen, möchte wissen, ob am Ende Handlungsempfehlungen für die Städte herauskämen, um Resilienz zu stärken, oder ob eher beschrieben würde, was passiert ist?

Klar, dass hier deskriptive wie normative Komponenten eine Rolle spielen. Am Ende stünde für alle drei Quartiere ein Fahrplan (Roadmapping), entwickelt aus dem Prozess heraus, so Stephanie Lübke. Hier sollten alle Erfahrungen sowohl wissenschaftlich wie praktisch dargestellt werden. Dazu gehöre, was von den BewohnerInnen gewollt und bewertet worden sei. Ein dergestalt aus dem Projekt heraus generierter Erfahrungsschatz könne dann auch an weitere Städte vermittelt werden.

An anderer Stelle erklärt sie, wie sich implizit eine Reihe von Normen bilden können: In dem Projekt würde nicht nur für Themen sensibilisiert – ob es um die Begrünung etwa von Hinterhöfen, Dächern oder Fassaden geht – sondern auch, wie dies (im deutschen Paragraphen- und Zuständigkeitsdschungel) über einen Antrag umgesetzt werden könne. Dadurch würden gute Beispiele geschaffen. So entstünden Vorbilder.

Weitere Informationen:

  • Homepage des Projekts „iResilience“; hier:
  • Erste Treffen der thematischen Arbeitsgruppen – jeweils in der Nordstadtgalerie der „Hochschule vor Ort“, Bornstraße 142, 44145 Dortmund, um 17 Uhr: „Hitze und Gesundheit“ (7. Oktober) und „Grün & Blau“ (9. Oktober 2019).

 

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