Nordstadtblogger

Von Freiflächen zu Freiräumen – für gute Nachbarschaften im Hafenquartier: „Koop:Lab“ entwickelt Parzelle im Blücherpark

Bei bestem Wetter und ausgelassener Stimmung: Ideen zur Raumgestaltung waren gefragt. Fotos (10): Th. Engel

Erhöhte Diversität in Ballungsräumen ist eine unabwendbare Folge komplexer Globalisierungsprozesse. Es entstehen gesellschaftliche Risse, wo es sozialen Zusammenhalt geben sollte. Die Potentiale von Heterogenität verkümmern durch Isolation, weil Menschen sich nicht begegnen. Gerade in Ankunftsquartieren wie der Nordstadt sind die Gelegenheiten dazu wegen der hohen Wohndichte recht überschaubar. Das Verbundprojekt „Koop:Lab“ erforscht die Aufwertung ungenutzter Freiflächen in Quartieren zur Stärkung nachbarschaftlicher Verbundenheit. Methode: Kooperation für gemeinsame Ziele, Verstetigung anvisiert. In Dortmund findet der Feldversuch im Blücherpark nicht unweit des Hafens statt.

Druck auf öffentliche Räume in Ankunftsquartieren mit hoher Diversität und Wohndichte

Ankunft in der Nordstadt, September 2015: viele Flüchtlinge finden hier später ein Zuhause. Foto: Alexander Völkel

Globalisierung führt bekanntlich zu einer gewissen Unübersichtlichkeit. Da sind Verflechtungen, Durchmischungen, ökonomisch, kulturell, sozial. Bevölkerungsgruppen, Lebenswelten, Kulturräume werden heterogener, durchdringen sich; an Wohnorten erhöht sich Diversität durch Migration.

Insbesondere in städtischen Ankunftsquartieren mit starker Fluktuation und hoher Wohndichte ist soziale Deprivilegierung relativ verbreitet.

Wohnbestand und Bebauung bieten dort zumeist nur wenig halböffentliche Flächen wie Gärten oder Balkone, in den engen Innenhöfen der Gebäude lässt die Aufenthaltsqualität in der Regel zu wünschen übrig. Nachbarschaftliche Beziehungen werden dadurch entweder gleich in private Räume abgedrängt, oder müssen in die Öffentlichkeit von Parks oder auf andere Freiflächen ausweichen.

Die Nordstadt vom Stadtgarten aus gesehen. Foto: Leopold Achilles

Dort steigt der Druck: frei zugänglich auch für quartiersfremde Personen, bergen stark frequentierte Treffpunkte und Aufenthaltsorte – zumindest auf den ersten Blick – ein erhöhtes Konfliktpotential.

Risse in der Gesellschaft, fehlender Zusammenhalt – auch hier werden sie sichtbar.

Statt nun dort, wo es beispielsweise eine stärkere Delinquenz gibt, vorschnelle Urteile über etwaige No-Go-Areas zu fällen oder mit wenig Phantasie gleich nach dem starken Staat und einer Null-Toleranz-Strategie der Polizei zu rufen, böte sich alternativ oder ergänzend an, versuchsweise die Perspektive umzukehren: weg von einer Logik der Gefährdungslagen, hin zur Stadtentwicklung.

Experimenteller Perspektivwechsel: Wie lassen sich positive Potentiale von Freiflächen aktivieren?

Konkret: Welche positiven Potentiale stecken in diesen öffentlichen Räumen für ein soziales Miteinander der AnwohnerInnen? Können sie als Freiräume für Gestaltung und Ausbau gut nachbarschaftlicher Beziehungen aktiviert werden? Wie lassen sich öffentlich etablierte Interaktionsstrukturen im Stadtteil verstetigen?

Diesen Fragen geht seit einem dreiviertel Jahr ein Verbundprojekt nach, „Koop:Lab – Teilhabe durch kooperative Freiraumentwicklung in Ankunftsquartieren“. Es handelt sich hier also quasi um eine Experimentierstube zur Erforschung von Ermöglichungsbedingungen gut nachbarschaftlicher Beziehungen.

Sieben Stadtbezirke sind in „Nordwärts“ ganz oder teilweise einbezogen. Karte: Stadt Dortmund

Das Vorhaben gehört zur vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Fördermaßnahme „Kommunen innovativ“, die sich unter verschiedenen Aspekten in 30 Einzelprojekten mit den Auswirkungen demographischer Veränderungen und adaptierten Entwicklungsstrategien für Kommunen und Regionen beschäftigt.

Koop:Lab setzt sich aus Fallstudien in drei ausgewählten Kommunen zusammen – neben Dortmund: in Leipzig und Hannover. Die Dortmunder Studie wird als „nordwärts“-Teilprojekt gegenwärtig vom ILS, dem Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung durchgeführt. Was passiert nun im Einzelnen?

Dortmunder WissenschaftlerInnen entdecken das Hafenquartier als Ort ihrer Feldstudie

Blick auf den Blücherpark in der Nordstadt von Dortmund. Foto: Leopold Achilles

Aus der umrissenen Aufgabenstellung ergeben sich klare Anforderungen an das Forschungsfeld: ein Ankunfts- bzw. Auffangstadtteil mit hoher Fluktuation und sozialer Durchmischung soll es sein. Für das Dortmunder WissenschaftlerInnenteam lag es folglich nahe, sich in der Nordstadt umzuschauen. Gelandet ist es schließlich im Hafenquartier.

Gesetzt, die verfügbaren statistischen Angaben zum gesamten Stadtbezirk Nordstadt sind für seine drei Quartiere (Hafen, Borsigplatz, Nordmarkt) in etwa repräsentativ, dann dürfte die Arbeitslosenquote hier ca. doppelt so hoch wie im Stadtdurchschnitt sein, also leicht über 20 Prozent liegen; ein Drittel der BewohnerInnen bezöge Leistungen nach SGB II, etwa 75 Prozent hätten einen Migrationshintergrund. Mithin: ein Stadtteil so bunt wie konfliktträchtig.

Durch das Hafenquartier zieht sich leicht versetzt der Blücherpark, nämlich von der Nordseite am westlichen Rand des Hauptbahnhofs runter Richtung Fredenbaum bis zur Mallinckrodtstr. Der umliegende Wohnbestand ist von hoher Dichte und dürfte – wie durchschnittlich in der Nordstadt – die geringste Wohnfläche pro Kopf relativ zur Restkommune bieten.

Eine kleine Parzelle im Blücherpark soll zum nachbarschaftlichen Begegnungsraum umgestaltet werden

In der näheren Umgebung des Blücherparks befinden sich zahlreiche staatliche und vor allem zivilgesellschaftliche Institutionen: die Hauptverwaltung der AWO UB Dortmund ist hier angesiedelt, Planerladen und Recorder, Kindertagesstätten, Jugendfreizeiteinrichtungen, Spiel- und Sportplätze, Kneipen, Kunst- und Kulturbetriebe.

Auf Höhe der Lessingstraße, die von der Schützenstraße her auf die Blücherstraße trifft, liegt in der Parkecke eine kleine Parzelle: abgegrenzt mit Hecke oder Zaun, dennoch mehrseitig zugänglich, war hier früher einmal ein Kinderspielplatz.

Auf dieser, mittlerweile von Spielgeräten geräumten Freifläche tritt das Projekt mit dem Team erstmalig an die Öffentlichkeit, sucht die Begegnung mit den Menschen aus der Nachbarschaft – um die „es geht“, genauer: mit denen zusammen hier, in diesem öffentlichen Raum „etwas“ Neues entstehen soll.

Eröffnungsveranstaltung des Projekts: Gelegenheit, erste Ausgestaltungswünsche kundzutun

Gut im Rennen: die spannende Wohnzimmeroption (rot)

Von nichts kommt zwar nichts, wie es im Sprichwort heißt; aber anwendbar ist es freilich nicht, denn da ist schon „etwas“ um den Blücherpark herum: ein dichtgedrängtes, multiethnisches Quartier, in dem jede Nacht Träume in vermutlich hundert verschiedenen Sprachen geträumt werden.

Diese häufig unsichtbare Präsenz nimmt nun langsam Gestalt an, als sich das Areal zu füllen beginnt. Anfangs sind es hauptsächlich Kinder, nach und nach kommen Erwachsene hinzu.

Die MitarbeiterInnen im Projekt möchten informieren: die zivilgesellschaftlichen Stadtteilakteure, die Presse; vor allem aber mit der Nachbarschaft erste Überlegungen darüber anstellen, wie dieser urbane Raum als Wohnumfeld nach ihren Wünschen und Vorstellungen gestaltet werden könnte.

Dazu braucht es vielleicht gar nicht viel. Es kommt eher auf die Ideen, die Initiative, auf Kooperation an, die verbindet. Auch der Aufbau auf dem Areal ist eher spärlich: ein paar Bänke, Tische, standardmäßig klappbar fürs sommerliche Kurzzeitvergnügen.

Ins Auge fallen drei aufgestellte Tafeln; jede ist einem Thema zugeordnet, das für die inhaltliche Ausrichtung beim Gestaltungswunsch des Terrains steht (Sport- und Spielfläche / Garten und Werkstatt / Wohnzimmer). Mit ihren Beschriftungen wirken sie wie riesige, verschiedenfarbige Wahl- oder Wahlinfozettel; davor stehen als Wahlurne jeweils Glaszylinder, wo offenbar per Tischtennisball abgestimmt werden kann.

Gemeinsame Entwicklung von Ideen und kooperative Realisierung mit und in der Nachbarschaft

Eine eigentliche Wahl sei es ja nicht, erklärt ein Teammitglied, auf dessen Brust ein Streifen mit der Aufschrift „Nils“ klebt. Vielmehr ginge es zunächst ums Sondieren, aber viel wichtiger noch: darum, erste Kontakte zu knüpfen. Es geht hier offenbar darum, erste Stimmungsbilder einzufangen, das Vorhaben in der Nachbarschaft bekannt zu machen, sich kennenzulernen.

Hinzu kommt, die BesucherInnen zu motivieren, Ideen für die zukünftige Flächennutzung zu entwickeln, an deren Realisierung sie später kooperativ teilhaben sollen. – Aha, daher die „Wahlurnen“. Dann klingelt etwas im Kopf und der entstehende „Verdacht“ führt zur vorsichtigen Frage: wie es um mögliche Parallelen des Konzepts zur Alternativkultur in den 70er Jahren stünde?

Etwa mit den selbstverwalteten Kinderläden, Bauwagensiedlungen in gedachten Null-Hierarchien, basisdemokratischen Kinos nebst ewigen Debatten übers Programm und alternativen Banken mit freundlichsten Kreditkonditionen bis zum sozialwissenschaftlichen Action-Research auf symmetrischen Kommunikationsebenen – Ne, Kopfschütteln.

Ok, falsche Frage. Worauf es im Projekt denn ankäme? Der Besucher beginnt zu verstehen: es ist alles weniger dramatisch und nüchtern zu umreißen: Formal sollen Binnenstrukturen im Quartier aufgebaut werden, die eine stabile Verstetigung des Projektes ermöglichen.

Vernetzung mit Akteuren im Quartier dringend erwünscht, um Verstetigung abzusichern

Nils, wie er auch weiterhin gern genannt werden möchte, ist unter anderem für dieses Projekt beim ILS als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt. Ein ganz wichtiger Aspekt sei, mit den AnwohnerInnen etwas zusammen zu gestalten. Es solle ihnen nichts vorgesetzt werden, denn schließlich ginge es ja darum, Potentiale zu aktivieren, erklärt er.

Dabei sei es wichtig, bereits existierende Netzwerke der zivilgesellschaftlichen Akteure im Quartier an das Projekt anzubinden. Zudem sollen die BewohnerInnen ermuntert werden, sich selbst untereinander zu vernetzen. In der umliegenden Nachbarschaft wie im Quartier entstehen auf diese Weise idealtypisch Strukturen, innerhalb derer ein eigenständiges Fortgestalten des Areals durch die interessierten Akteure – auch über das Projektende hinaus – gesichert ist.

Das zumindest sei der Plan, macht Nils deutlich, der seinen Masterabschluss mit einem Studium der Geographie, Stadt- und Regionalentwicklung erlangte. Dessen formale Eigenschaften legen keine Inhalte fest, im Gegenteil: er ist offen für Vorstellungen der AnwohnerInnen, wie sie hier dazu beitragen möchten, die Gebietskulisse um den Blücherpark aufzuwerten.

Deshalb gäbe es auch keinen weiteren Plan, erklärt Nils lapidar. Es wird deutlich: Einzelne Schritte zur Projektrealisierung können nicht im Vorhinein festgelegt werden, weil sie sich stets an den Ergebnissen der Interaktionen zwischen den Akteuren aus der Nachbarschaft, zivilgesellschaftlichen Einrichtungen im Quartier und dem Forscherteam orientieren.

Weil es auf Freiflächen zugig wird: erste Vernetzungsstrukturen müssen bis zum Winter stehen

Die Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen des Planerladen e.V. am Blücherpark. Foto: Leopold Achilles

Ob es Schwierigkeiten bei den Gesprächen mit der Stadt, besondere Auflagen für die Übernahme der Freifläche im Blücherpark gegeben hätte? – Um das Grundstück sei schon einiges an Abstimmungsbedarf erforderlich gewesen, erklärt Nils mit einem Lächeln. Nicht zuletzt, weil das ehemalige Spielplatzareal in der Zuständigkeit des Jugendamtes läge, der Rest des Parks dagegen in der des Tiefbauamtes.

Aber insgesamt: Klar, hier und da eine Auflage für die Flächennutzung, aber nichts Spezielles, sondern alles im Rahmen des gesunden Menschenverstandes, bedeutet Nils.

Seit Januar 2018, bei einer Förderdauer von drei Jahren, läuft das Projekt nun bereits. Ob wegen des Aushandlungsprozedere mit der Stadt oder anderer Vorbereitungen: die Zeit drängt jedenfalls. Wenn die Tage bald kälter werden, wird es auf dem Areal weniger muckelig sein – und bis dahin müssten Strukturen zwischen den (potentiellen) Akteuren stehen, die das Projekt über den Winter bringen könnten, macht Nils sich ein wenig Sorgen.

Quelle: geo.dortmund.de

Doch da ist auch wieder was zum Schmunzeln, wenn er von der Anfangsphase des Projektes berichtet: Niemand habe bei der Stadt in den zuständigen Ämtern noch Unterlagen über die ehemalige Spielstätte herbeischaffen können, so als hätte es sie nie gegeben. Die Quartiersgeschichte hat das Ding offenbar irgendwie verschluckt.

Auch die historischen Karten – abrufbar über das erweitert-digitalisierte Stadtportal – werfen übrigens eher Fragen auf, als sie lösen. Gut zu sehen ist die Parzelle in ihrer heutigen Form erst auf offenbar im Winter aufgenommenen Bildern zwischen 2009 und 2016; während die Luftaufnahme 2009 noch Umrisse von Spielgeräten erkennen lässt, sind die Spuren 2014 verschwunden.

Viele interessierte BesucherInnen wollen weiter über die nächsten Schritte informiert werden

Doch Geschichte ist auch Erinnerung, mündlich vermittelt: Einige der älteren AnwohnerInnen, die der Einladung zum „Nachbarschaftspicknick“ gefolgt sind, erzählen spontan von der Zeit, als es hier „den Spielplatz“ noch gab. Und natürlich gibt es viele Fragen an das Team, was denn hier geschehe.

Schnell entwickeln sich angeregte Gespräche und ein Großteil der Erwachsenen scheint der Idee eine Menge abgewinnen zu können. Zumindest füllen sie später ein Formular aus, hinterlassen Kontaktdaten und erklären DSGVO-konform, Infos über den Fortgang des Projekts, über neue Termine für weitere Zusammenkünfte erhalten zu wollen.

Die Kids, die das Areal jetzt in der Mehrzahl gut füllen, bekümmern sich darum natürlich weniger, sondern nehmen gerne gleich in Beschlag, was ihnen dort ohne viel Tamtam geboten wird: Spiele und Mitmachaktionen, einige Leckereien, dazu Musik und besonders viel Spaß untereinander.

Und alle können sich selbstverständlich an der Abstimmung beteiligen.

Schon nach kurzer Zeit liegt ein Flair von Proto-Community und Grassroots über dem sonst verwaisten Areal. Fehlt nur noch winterfeste Vernetzung.

Weitere Informationen:

  • Der Projektverbund Koop:Lab, hier:
  • Standort Dortmund, Blücherpark-Mitte, hier:; AnsprechpartnerInnen, hier:
  • Hinweis des Projektteams: die nächste Veranstaltung auf der Fläche im Blücherpark (Ecke Lessingstr.) findet am 17. Oktober um 17 Uhr statt

Mehr zum Thema bei nordstadtblogger.de:

Projekt „KoopLab“ in Dortmund bietet den BewohnerInnen der Nordstadt die Chance, ihr Quartier kreativ mitzugestalten

FOTOSTRECKE: Sieben Tage Ferienworkshop für Jugendliche – Impressionen der Graffiti-Tour des JKC im Blücherpark

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen