Podiumsdiskussion beim Musik-Stammtisch Dortmund

Die Probleme der lokalen Musikindustrie und wie neue Musik-Standorte entstehen können

Diskutierten (v.li.): Didi Stahlschmidt, Dr. Arne Schlechter, Menny Leusmann, Jan Wittkamp und Simon Stücker. Foto: Oleg Goldshteyn für Nordstadtblogger

Kunst und Kultur brauchen Platz zur Entstehung. Dazu gehört auch Musik. Welche Zentren, Treffpunkte und Projekte es bereits gibt, als auch neue Projekte besprachen Didi Stahlschmidt, Dr. Arne Schlechter, Menny Leusmann, Jan Wittkamp und Simon Stücker bei dem Musik-Stammtisch im Domicil. Konkret ging es um die Immobilien-Suche, die Zusammenarbeit und den Respekt gegenüber Musiker:innen.

Musik-Zentren in Dortmund sind unglaublich wichtig für lokale Musiker:innen

Mehr Orte für die Musik seien grundsätzlich immer besser, betont Didi Stahlschmidt. Doch genauso brächte es an Ausbildungs- und Arbeitsstätten, meint der Musik-Journalist und Moderator der Stammtisch-Reihe. Denn Musik könnte zwar ein Hobby aber auch die Arbeit eines Menschen sein. Und für eine vielfältige Musikkultur ist beides notwendig.

Dr. Arne Schlechter vom MUK Foto: Oleg Goldshteyn für Nordstadtblogger

Ein solches Musikzentrum ist das „Musik & Kulturzentrum Dortmund“, oder kurz „MUK“. Ein ehemaliger Gewerbekomplex, in dem sich rund 200 Musiker:innen die 26 Proberäume teilen, erklärt Dr. Arne Schlechter. Größtenteils handelt es sich dabei um Rock oder Pop-Bands. Das Musikzentrum ist auch zugleich ein Verein, bietet aber auch Unterstützung bei anderen Kunstformen. Schließlich sei es nicht exklusiv für Musik.

Eine Vorgängerversion, in Form eines ungenutzten Gebäudes hatte bereits davor in den 90ern existiert. Das Gebäude wurde aber über Nacht abgerissen. Daraufhin stürmten die ganzen Musiker:innen im Gegenzug eine Ratssitzung. Wie Schlechter erzählt, hätten Lokalpolitiker:innen wohl immer noch Angst, so etwas könnte nochmal passieren. Schließlich wurde dann das MUK gegründet und später in Eigenverwaltung gegeben. Es wird nach wie vor von der Stadt unterstützt.

Es entstehen immer wieder neue Projekte – aber nicht ohne Probleme

Jan Wittkamp ist Projektleiter Kultur- und Kreativwirtschaft bei „Dortmund.Kreativ“. Foto: Max Slobodda

Künstler:innen werden immer mal wieder in unterschiedlichem Ausmaß vom Staat unterstützt. Auch bei der Realisierung verschiedener Musikprojekte, inklusive der Raumsuche. Dabei helfen will Jan Wittkamp. Er ist der Leiter des städtischen Projekts „Dortmund Kreativ“.

Die Stabsstelle befindet sich im Kulturdezernat. Dieses ist dafür verantwortlich, die Kultur- und Kreativwirtschaft in allen Bereichen zu stärken. Künstler:innen und Kreative aus allen Spaten können sich dort melden. Neue und vorhandene Projekte werden vom Team unterstützt.

Eines der Projekte, welches „Dortmund.Kreativ“ unterstützt hat, war„Monkey Moon Recordings“. Als das Tonstudio einen neuen Standort brauchte, half Wittkamp und nutzte das Netzwerk der Stadt, um einen neuen Standort zu finden. „Wir sehen uns eigentlich als Rahmengeber und Möglichmacher.“ Und frei nach diesem Motto arbeitet „Dortmund Kreativ“ mit Künstler:innen zusammen. Räume für Kreative seien sehr komplex –  aus diesem Grund seien Traumvorstellungen am Anfang zwar sehr sinnvoll. Es bräuchte aber gut ausgearbeitete Konzepte, um aktiv zu werden. Doch im Endeffekt würde der Zufall vieles entscheiden.

Eines der größten Probleme ist der Mangel an Immobilien

Simon Stücker, Felix Japes,Adrian Krummel und Niklas Blömeke sind die Köpfe hinter „Feine Gesellschaft“.
Simon Stücker, Felix Japes,Adrian Krummel und Niklas Blömeke sind die Köpfe hinter „Feine Gesellschaft“. Archivbild: Hannah Schwaiger

Doch nicht alle Projekte stehen bereits fest auf beiden Beinen. Das Kollektiv „Feine Gesellschaft“ veranstaltet in Kooperation mit verschiedenen Musik-Lokalen, wie dem FZW oder dem Weinkeller Konzerte und Partys.

Allerdings geistert schon seit längerer Zeit eine komplett eigene Vision in den Köpfen des Kollektivs herum, verrät Simon Stücker. Seit der Hochphase der Pandemie wollen sie ein Kulturhaus mit Proberäumen, Bühnen und einem separaten gastronomischen Angebot auf die Beine stellen. Dieser Ort soll für einen Austausch zwischen den Musiker:innenn sorgen und Dortmund zur Musik-Stadt machen.

Das Hauptproblem solcher Projekte sei, dass es an Immobilien fehle: „Am Ende ist alles nur eine Frage des Zufalls“, meint Stücker. Und grundsätzlich gebe es ja genug freie Räume in Dortmund. Aber man bräuchte Planungssicherheit und eine sichere Bauplanung. „Wenn es zu laut wird, fangen schnell die Polizeieinsätze an.“ Man muss alles vernünftig abdichten und am besten bräuchte es einen Neubau. Das lässt sich aber nur schwer finanzieren – und staatliche Finanzierung gebe es in dem Ausmaß auch noch nicht.

Am meisten erreichen Musikschaffende zusammen – das stärkt auch den lokalen Zusammenhalt

Menny Leusmann von Monkey Moon Recordings Foto: Oleg Goldshteyn für Nordstadtblogger

Das Dortmunder Tonstudio „Monkey Moon Recordings“ ist perfektes Beispiel dafür, welche Probleme Musiker:innen mit Immobilien haben. Das zuvor in Körne ansässige Duo Menny Leusmann und Conrad Rehkenpar musste umziehen. Die Suche nach einer neuen Immobilie stellte sich als große Herausforderung raus.

Die Vermieter wüssten meistens nicht, was sie von Musiker:innen erwarten sollten. Oft kämen Fragen, ob Nachbarn die Musiker:innen hören könnten. ob und wie die Immobilie umgebaut würde und ob das Ganze auch schalldicht gemach würde.

Die Suche in Dortmund stellte sich für „Monkey Moon Recordings“ als so schwierig heraus, dass Leusmann überlegte, mit dem Tonstudio nach Bochum zu ziehen. Das wäre ein großer Verlust für die Dortmunder Musikszene. Letzten Endes half Jan Wittkamp „Monkey Moon Recordings“ dabei, einen neuen Standort in der Nordstadt zu finden. Der Gewerbehof sei groß genug, umauch  Konzerte zu spielen, was die beiden in Zukunft öfter organisieren wollen.

Musiker:innen werden viel zu wenig wertgeschätzt

Leusmann spricht davon, wie selten es geworden sei, dass Musiker:innen und Kulturschaffende überhaupt noch wertgeschätzt würden. Dem stimmten alle anderen Podiumsteilnehmer zu. Die meisten Menschen würden sich dafür gar nicht interessieren. Dafür gebe aber es eine große Anzahl an Menschen, die sich sehr für Musik und Kunst im Allgemeinen begeistern lassen könnten. Und alleine für sie würde es sich lohnen den ganzen Aufwand zu betreiben.

Publikum des Musik Stammtisch Foto: Oleg Goldshteyn für Nordstadtblogger

Laut Wittkamp würden Musikschaffende auch meistens von Immobilienmakler:innen ignoriert, weil die Sorgen vor Problemen überwiegen würden. Das sieht er als größtes Hindernis für die Entwicklung der Musik in Dortmund und im allgemeinen.

„Musiker haben ein Imageproblem. Es fehlt an Wertschätzung“, so Wittkamp. Von daher sei es sehr wichtig zu versuchen, mit den Makler:innen zu reden und ihnen die Angst zu nehmen. Nur durch konkrete physische Standorte könnten sich Musiker:innen austauschen – und da seien die Immobilienbesitzer:innen auch ein Teil von.

Abgesehen davon würden viele Menschen Musik gar nicht als Arbeit ansehen, meint Wittkamp. „Die Leute denken, dass sich Musiker sich acht Bier reinballern und danach einfach irgendwas was machen. Aber es sei echte Arbeit, die man oft nicht einfach mal so neben einem Vollzeit-Job tätigen kann.“ Musiker:innen müssten ja auch bezahlt werden, schließt sich Arne Schlechter an: „Häufig wird gesagt ihr könnt bei mir in der Kneipe spielen. Ihr werdet da ja gesehen. Sicher wird euch jemand buchen.“ Von Reichweite alleine könnten sie aber nicht leben. Vor allem auch deswegen sei mehr Respekt im Umgang nötig.

Wo sehen sich die Diskussionsteilnehmer in zehn Jahren?

Dr. Arne Schlechter vom „MUK“ könne das nur schwer einschätzen. Schließlich würden sich die Tendenzen in der Kulturbranche immer sehr dynamisch entwickeln. Er hofft allerdings, es würde weniger Probleme mit Energie im Musik- und Kulturzentrum geben. Abgesehen davon bräuchte es auch langsam mal einen Generationswechsel. Viele Bands seien schon älter. Auch bräuchte die Stadt ein besseres kreatives Management.

Foto: Oleg Goldshteyn für Nordstadtblogger

Im Gegensatz zu Schlechter träumt Menny Leusmann von „Monkey Moon Recordings“ von globalen Veränderungen: „Hoffentlich wird Dortmund als nationale Musikstadt anerkannt.“ Schließlich würde sich Dortmund ausgezeichnet dafür eignen. Das wäre allerdings aber auch nur möglich, wenn hier öfter etwas entstehen würde.

Dem letzten Punkt stimmte Simon Stücker vom Kollektiv „Feine Gesellschaft“ zu. Es sei wichtig, neue Orte in Dortmund zu realisieren. Das würde sich aber auch nur lohnen, wenn die  bereits existieren Orte auch erhalten blieben. Um das sicherzustellen, müsste der Staat allerdings auch helfen. Nicht nur der Staat, auch sei ein gewisser Enthusiasmus von den Akteur:innenen selbst sei unabdingbar.

Auch Jan Wittkamp von „Dortmund Kreativ“ träumt von Dortmund als einem Deutschlandweit bekannten Musik-Standort. Wichtig dafür sei, dass sich alles nachhaltig entwickeln würde. Es bräuchte eine konstante Entwicklung. Auch müsste man immer wieder den Finger in die Wunde legen. „Wir haben noch zu wenig Räume für Kreative. Wir müssen da was machen.“

Der Musik-Stammtisch Dortmund

Die Musik-Stammtisch Besetzung von „Boomcoustix“. Foto: Oleg Goldshteyn für Nordstadtblogger

Der Musik-Stammtisch des Kulturbüros Dortmund findet seit knapp neun Jahren regelmäßig statt. Dabei werden aktuelle Themen der lokalen Musik-Szene offen mit dem Publikum besprochen. Nach der Disskusion findet auch immer ein „Showcase“ statt, bei dem Musiker:innen auftreten. Während das ganze noch früher im Fritz-Henßler-Haus stattfand, ist nun das Domicil der neue Gastgeber.

Für das musikalische Rahmenprogrammm bei der letzten Diskussion sorgte die Band „Boomcoustix“. Diese stellt aber  eine verkleinerte akustische Version der  Reggae-Band „Boomtown Shakedown“ dar.

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Reaktionen

  1. “PopBoard NRW und create music NRW” – “Musik-Stammtisch” des Kulturbüros (PM)

    »MUSIK-STAMMTISCH DORTMUND«
    »Dienstag, 4. Oktober 2022«
    19.00 – 20.30h / domicil, Hansastr. 7-11 / Dortmund-City
    – Öffentlich & für alle Interessierten offen, Eintritt frei –

    »THEMEN«:

    Intro: “Neue Förderkulissen / aktuelle Förderprogramme & News”

    »Podiums-Talk«: “PopBoard NRW und create music NRW”
    Netzwerkarbeit, Förderungen und Sichtbarmachung von Musik auf Landesebene

    Zwei für die Musikszene in NRW ganz wichtige Plattformen bzw. Netzwerke, die ganz konkret Musik in all ihren Facetten fördern, sichtbar machen und ihr eine Stimme geben. Doch welche Rolle kann Dortmund dabei spielen? Welche Förderungen sind interessant, wo kann man sich als Band oder Musiker*in einbringen?
    Wie sieht es auf NRW-Ebene für die einzelnen Gewerke der Musiklandschaft? Und was genau machen das PopBoard NRW und create music NRW?
    All dies wollen wir gemeinsam mit dem Publikum und Gästen besprechen und erörtern.

    Das PopBoard NRW wurde 2021 von neun Gesellschafter*innen gegründet, die jede*r für sich die einzelnen Facetten von Pop repräsentieren: Amateure und Profis unter den Musiker*innen, Veranstalter*innen, Labels und Vertriebe, Clubs und Bühnen, speziell Frauen im Pop, speziell Kinder und Jugendlichen im Pop, soziokulturelle Zentren, Pop-Förderprojekte und das Festival c/o pop.

    Das PopBoard NRW will Sprachrohr und Ansprechpartner für den Pop in NRW sein und das in beide Richtungen – zur Szene wie zu Politik und Verwaltung. Es will Pop vermitteln und Pop erklären, auf die Probleme hinweisen, die Pop hat und Lösungen finden. Es will Vorgänge beschleunigen, Hilfen auf den Weg bringen, Strukturen erhalten und ausbauen und NRW damit zu einem besseren Standort für den Pop machen. Eine Interessensvertretung der Popkultur.

    create music NRW möchte all die unterstützen, die Musik selber machen – egal aus welcher Musikrichtung sie kommen. Und möchte denjenigen, die Musik lieber hören, all die guten Bands „von nebenan“ näher bringen. create music NRW möchte diejenigen unterstützen, die sich heute schon um Musik und Bands in ihrem Ort/Region kümmern. Und möchte noch mehr junge Menschen ermutigen, sich zu engagieren und sich für Kultur einzusetzen, damit die Musikszene noch lebendiger wird. create music NRW möchte Bands und engagierte Menschen, also die Musikszene(n) in NRW sichtbar machen und besser vernetzen. create music NRW will Vernetzung und Austausch ermöglichen, weiterbilden und informieren und bei Bedarf konkret fördern.

    Gäste im Podiums-Talk:

    Dorette Gonschorek // PopBoard NRW

    Peter Stark // create music NRW

    Moderation: Didi Stahlschmidt

    Live-Act: “RichKid Rebellion”

    „Pfiffige Mädchenmusik“ – seit mehreren Jahren steht das selbstkreierte Genre des Dortmunder Singer-/Songwriters Swen O. Heiland für gut gelaunten, melodiösen Gitarrenpop, der hier und da auch eine härtere Nuance bereithält. In diesen fünf Jahren hat der umtriebige Schmusebarde deutschlandweit weit über 500 Konzerte, diverse Compilation-Beiträge und Radioairplays gesammelt und dabei landauf und landab Zuhörer*innenherzen gewonnen. Seit einiger Zeit mit im Gepäck: Sein Debutalbum – welches, obwohl rein englischsprachig, den Titel “Pfiffige Mädchenmusik” trägt.

    »Die heißen 15min …«

    … von 20.15 – 20.30h hat jede*r die Möglichkeit, sich kurz in der Runde vorzustellen, Projekte zu bewerben, Termine zu kommunizieren, zu bewerben oder einfach Werbung für Musik zu machen!

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