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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Das Panorama auf dem Viehmarkt lockte vor allem mit Schlachten-Gemälden

Das Panorama (links) auf dem Viehmarkt. Rechts Häuser der ehemaligen Krautstraße (Sammlung Klaus Winter)

Von Klaus Winter

Es gibt Formen der Freizeitgestaltung, die heute so beliebt sind wie vor hundert Jahren, und solche, die in der Vergangenheit die Menschen anzogen und jetzt (beinahe) gänzlich verschwunden sind. Zu letzteren gehörte der Besuch einer Ausstellung monumentaler Gemälde in eigens dafür konzipierten Gebäuden, den sogenannten Panoramen.

Württemberger Unternehmen wollte 1899 in Dortmund ein Panorama errichten

Grundriss (Ausschnitt) eines zwölfeckigen Panoramgebäudes (Stadtarchiv Dortmund)

Ein Panorama war ein Bauwerk mit einem im Wesentlichen runden Grundriss. Nach dem Betreten des Gebäudes erreichte der Besucher durch einen verdeckten Gang eine Treppe in der Mitte des Rundbaus.

Über diese gelangte er auf eine erhöhte Plattform, von wo aus er eine durch nichts verstellte 360° Grad-Sicht auf das ausgestellte Gemälde hatte. Das Gemälde selber war an der Innenseite des Rundbaus angebracht und umspannte sie lückenlos.

Der Raum zwischen Aussichtsplattform und Gemälde war mit Dekorationsstücken ausgestattet, die auf das Motiv abgestimmt waren, so dass ein dreidimensionaler Eindruck entstand.

Ein solches Panorama wollte die Fa. Eckstein & Esenwein, Lederfabrik [!] mit Sitz in Backnang, Württemberg, in Dortmund errichten und betreiben. Mit Schreiben vom 30. Juni 1899 stellte sie ihr Vorhaben dem Magistrat der Stadt vor. Eckstein & Esenwein konnte dabei auf ihre bereits realisierten Projekte in verschiedenen Städten verweisen. In Stuttgart, München, Karlsruhe, Frankfurt, Elberfeld und Mannheim wurden von dem Unternehmen Panoramen betrieben. Nun sollte auch Dortmund ein Panorama erhalten, und dazu wurde ein Grundstück benötigt.

Auf dem großen Viehmarkt-Gelände war Platz für ein Panorama vorhanden

Das Vorhaben des Württemberger Unternehmens fiel beim Dortmunder Magistrat auf fruchtbaren Boden. Die Ausstellung von Monumentalgemälden mit der Darstellungen berühmter Schlachten, Gefechten, Erstürmungen und anderen Kriegsszenen wurde vom Magistrat als förderlich zur „Hebung des patriotischen und künstlerischen Geistes“ bewertet. Deshalb sollte das gewünschte Grundstück gegen eine „mäßige Miete“ zur Verfügung gestellt werden.

Als geeigneter Standort wurde schließlich ein Platz an der Ostseite des Viehmarktes, in der Nachbarschaft des Nordbades gefunden. Der Pachtvertrag sollte über fünf Jahre laufen und an Pacht jährlich 600 Mark inklusive Lustbarkeitssteuer gezahlt werden, wobei das Verhältnis Pacht zu Steuer 50:50 betrug. Da der Neubau eines Panoramas aber rund 28.000 Mark kostete, drängte Eckstein & Esenwein auf eine längere Pachtzeit, um das finanzielle Risiko zu mindern.

Panorama mit Eingangsbereich, Bauzeichnung (Stadtarchiv Dortmund)

Nach Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung kam es im März 1900 zum Vertragsabschluss. Gemäß dem Vertrag sollte das Grundstück auf dem Viehmarkt fünf Jahre lang unkündbar dem Panorama zur Verfügung stehen. Danach hatte die Stadtverwaltung die Möglichkeit der Kündigung mit einer halbjährlichen Räumungsfrist für den Unternehmer.

Für Abbruch und Wiederaufbau des Rundbaus konnte die Stadt diesem nach eigenem Ermessen eine Beihilfe gewähren. Bestand das Pachtverhältnis jedoch länger als zehn Jahre, dann hatten beide Vertragspartner die Möglichkeit, den Vertrag zum 1. April oder 1. Oktober des Jahres zu kündigen, allerdings ohne einen Anspruch auf Entschädigungsleistungen.

Im September 1900 wurde das Dortmunder Panorama eröffnet

Der Wunsch des Betreibers, das Dortmunder Panorama noch rechtzeitig zu Beginn der lukrativen Sommersaison in Betrieb nehmen zu können, erfüllte sich nicht. Erst Ende August waren die Baumaßnahmen soweit abgeschlossen, dass man mit der Befestigung des Rundgemäldes beginnen konnte.

Eröffnungsanzeige für das Panorama (Dortmunder Zeitung, 04.09.1900)

Die Eröffnung des Panoramas, das keinen präzisen kreisförmigen Grundriss hatte, sondern ein Zwölf-Eck mit einer Seitenlänge von ca. 8,40 m war, geschah am 6. September 1900. Der Besuch in den ersten Tagen soll „recht zahlreich“ gewesen sein.

Das als erstes ausgestellte Gemälde stellte die Kreuzigung Christi und die Stadt Jerusalem dar. Es war etwa 92 Meter lang und rund 11 Meter hoch.

Die zur Vorbesichtigung eingeladenen Pressevertreter lobten in ihrer Berichterstattung die perfekte Ausführung des Gemäldes: „In meisterhafter Weise ist die Verbindung des Rundgemäldes mit der sonstigen Umgebung vollzogen, der Laie ist nicht in der Lage zu unterscheiden, wo die greifbaren Gegenstände, die aus Zement geschaffenen Felsgruppen etc. enden und wo das gemalte Bild anfängt.“

Patriotische Gemälde zogen Besucherinnen und Besucher an

In der Folge wurden allerdings „patriotische“ Gemälde gezeigt. Wie häufig diese gewechselt wurden, ließ sich nicht mehr ermitteln. Doch dürfte der Aufwand, ein Monumentalgemälde ab- und ein neues aufzuhängen, hoch und deshalb kostspielig gewesen sein. Auch war das Angebot an Gemälden dieser Größenordnung sicherlich sehr begrenzt. So kann wohl angenommen werden, dass die einzelnen Gemälde immer über einen längeren Zeitraum gezeigt wurden.

Dieser Umstand trübte die Attraktivität des Panoramas offensichtlich nicht. Die Besucher kamen wohl in ausreichender Zahl, und die Einnahmen müssen zufriedenstellend gewesen sein, denn die Pachtzahlungen gingen regelmäßig ein. Wenn die Stadtverwaltung trotzdem Mahnungen verschicken musste, dann deshalb weil sie nicht über organisatorische Veränderungen wie der Einsetzung eines Verwalters oder über Eigentümerwechsel informiert wurde und die Aufforderung zur Pachtzahlung deshalb an falsche Adressen geschickt wurde.

Das Dortmunder Panorama wechselte mehrfach den Eigentümer

Im April 1904 hatten Eckstein & Esenwein ihre sämtlichen Panoramen an die „Deutsche Rundgemälde-Gesellschaft GmbH“, Karlsruhe, übertragen. Diese verkaufte das Dortmunder Panorama aber bald weiter.

Das Panorama (links) auf dem Viehmarkt (Sammlung Klaus Winter)

Weil das „Panoramaunternehmen mangels geeigneter preußischer Schlachten-Rundgemälde eine gedeihliche Entwicklung nicht genommen hat, haben wir gesucht, Jemand, der Besitzer von preußischen Schlachtenbildern ist, zu veranlassen, uns das dortige Panorama-Gebäude abzukaufen, um die Sache wieder in die Höhe zu bringen.“

So wurde 1906 das Panorama auf dem Viehmarkt Eigentum der Fa. Schlachten-Panorama Magdeburg, Bes. Robert Günther.

Günther ließ das vernachlässigte Gebäude innen und außen renovieren, an das städtische Stromnetz anschließen und stellte das von Professor Louis Braun, München, geschaffene Gemälde „Mars la Tour, Todesritt der Brigade von Bredow“ aus. Weil er viel Geld investiert hatte – u. a. in den Ankauf der Gemälde „Schlacht bei Vionville, Mars la Tour“ und „Belagerung von Paris“ – bat er 1910 um Verlängerung des Pachtvertrages, und die Stadtverwaltung stimmte dem Ansinnen zu.

1912 ging das Unternehmen ein

Wenn sich Günther von der Verlängerung des Vertrages einen geschäftlichen Erfolg versprochen hatte, musste er sich bald eine Fehleinschätzung eingestehen. Die zum 1. April 1911 fällige Pacht konnte er nicht pünktlich zahlen, sondern musste um Aufschub bis September bitten. Im März 1912 kündigte er den Pachtvertrag, da es ihm nicht gelungen war, „dieses patriotische Unternehmen“ gewinnbringend zu führen.

Günther versuchte, das gut erhaltene Panorama-Gebäude zu verkaufen und fragte bei der Stadtverwaltung an, ob es nicht für lokale Ausstellungen, Marktangelegenheiten, Übungen der Feuerwehr o. a. genutzt werden könnte. Doch das war nicht der Fall. Weder das Elektrizitätswerk noch das Wasserwerk noch der Vieh- und Schlachthof zeigten Interesse an dem Rundbau. Deshalb musste er abgerissen werden.

Die Stadt räumte Günther für den Abbruch des Panoramas eine Frist bis zum 1. März 1913 ein. Günther verkaufte daraufhin das Gebäude für 780 Mark an die Fa. Heinrich Pasche, Abbruch und Tiefbau, Sitz in der Missundestraße, Lager Ecke Nord- und Mallinckrodtstraße. Im März 1913 war der Abbruch durchgeführt, aber der Platz noch voller Bauschutt, zur Freude dort spielender Kinder und zum Ärger der vorübergehenden Passanten.

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