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SERIE Nordstadt-Geschichte(n): Der Seniorenwohnsitz Nord startete 1916 als Obdachlosenunterkunft – Abriss geplant

1916 wurde der heutige Seniorenwohnsitz Nord errichtet. Er soll abgerissen werden. Fotos: Leopold Achilles

Von Klaus Winter

Es ist ein markantes villenartiges Gebäude, in dem die städtischen Seniorenheime den Seniorenwohnsitz Nord betreiben. Doch nicht mehr lange, sollte sich die Stadttochter durchsetzen. Mangels eines alternativen Bauplatzes für den geplanten Neubau soll das stadtbildprägende Gebäude abgerissen werden. Die Nordstadtblogger haben sich daher mit der Geschichte und den Anfängen des Gebäudes befasst. Denn eröffnet wurde das einmalige Gebäude vor 102 Jahren nicht als Seniorenwohnheim.

Häuserriegel versperrte früher die Sicht auf den Gebäudekomplex

Gegenüber der ehemaligen „Bezirks-Werkstatt für Postkraftwagen“ an der Schützenstraße befindet sich das „Seniorenwohnheim Nord“. Ein großzügig bemessener Vorgarten, beinahe ein kleiner Park, ausgestattet mit einem zierlichen Pavillon, breitet sich vor dem Gebäude aus. Die Grundstücksgrenze wird markiert durch einen Zaun mit weiß lackierten Brettern.

Als das Haus 1916 fertiggestellt wurde, war die Situation hier noch eine ganz andere. Die damaligen Häuser Schützenstr. 103 bis 111 versperrten den Blick auf die heutige Senioren-Residenz. Dieser Häuserriegel war in einer Bauflucht mit den übrigen Häusern zwischen den Einmündungen der Mozart- und der Schillerstraße errichtet worden.

Die Häuser Schützenstr. 103 bis 111 waren Eigentum der Stadt Dortmund und standen der Armen-Deputation, dem städtischen Gremium für die Aufgaben des Armenwesens, zur Verfügung. Zum Aufgabenbereich der Deputation gehörte u. a. die Fürsorge für die Obdachlosen.

Gemäß dem Adressbuch für das Jahr 1905 befand sich das Städtische Asyl für Obdachlose im Haus Schützenstr. 109. Zu den Häusern Schützenstr. 103 bis 107 ist in den Adressbüchern ab 1906 „Städtisches Pflegehaus“ vermerkt. Dieser Eintrag sollte bis 1927 gültig bleiben.

Obdachlosigkeit war schon zur Kaiserzeit ein großes Problem in Industriestädten

Obdachlosigkeit war in Industriestädten zu Kaisers Zeiten ein großes Problem. Die Kapazitäten an der Schützenstraße allein reichten nicht aus, um es in den Griff zu bekommen. Immer wieder mussten Häuser angemietet werden, um den Wohnungslosen eine zumindest vorübergehende Bleibe zu verschaffen. So wurden beispielsweise Anfang 1914 gemäß einem Eintrag im Protokollbuch der Armen-Deputation die Häuser Kirchenstr. 17a und Rosental 25 zur Unterbringung obdachloser kinderreicher Familien angemietet. An anderer Stelle heißt es, dass die im Haus Münsterstr. 158 wohnenden Familien in die Kirchenstraße umziehen sollten, „falls sich die Zahl der obdachlosen Familien in den ersten Tagen des Monats Mai nicht erheblich vermehrt“.

Das Anmieten von Häusern galt aber nur als eine unbefriedigende Lösung des Problems. Die Stadt beschloss deshalb den Neubau eines „Familien-Unterkunftshauses und Nachtasyls“ und ließ die ersten Pläne anfertigen. Die städtische Baukommission wurde in das Neubauprojekt „Unterkunftshaus“ eingebunden.

Neubau in der zweiten Reihe geplant – Gebäude sollte nicht zu groß werden

Rot markiert die Häuserzeile Schützenstraße 103-111, die einst den Blick auf das heutige Seniorenzentrum (blau markiert)  versperrte.

Gemäß dem Protokoll der Kommissionssitzung vom 26. März 1914 wurde die Notwendigkeit eines neuen Heims allseits anerkannt und das Grundstück hinter den Häusern Schützenstr. 103-111 als geeigneter Bauplatz beurteilt.

Man stimmte mit dem Hochbauamt überein, das der Ansicht war, dass das Haus nicht über 50 Betten groß und mit einem besonderen Speisesaal ausgestattet werden sollte. Auf den Ausbau des Dachgeschosses wollte man zunächst verzichten. Überschlägig wurden zunächst 260.000 Mark, dann 284.000 Mark als Baukosten veranschlagt.

Die Armen-Deputation war mit dem Neubau ebenfalls einverstanden, wollte aber prüfen lassen, ob sich das Hinterland an der Schützenstraße durch Ankäufe eventuell etwas erweitern ließe. Die Deputation wünschte ferner, einige ihrer Mitglieder die Unterkunftshäuser anderer Städte besichtigen zu lassen.

Das Neubauprojekt „Unterkunftshaus“ wurde dann zügig in Angriff genommen. So erfolgte die Vergabe der Maurer-, Decken- und Plattierungsarbeiten sowie verschiedener Lieferungen durch die Baukommission bereits Ende Mai 1914. Der Einbau der Heizung, der Warmwasserbereitungs-, Desinfektions- und Waschküchenanlage sowie der Kochküche wurde Anfang Juli vergeben.

Im Juli 1914 fand eine Baustellenbesichtigung durch die Armen-Deputation statt. Dabei wurden eine Erweiterung der Küche und die Herstellung eines Speisenaufzuges ins Auge gefasst. Wenige Tage später genehmigte die Baukommission diese Änderungswünsche und auch den zunächst nicht vorgesehen gewesenen Anbau zweier Balkone. Ferner zahlte sie dem Unternehmen Leßmann für Mehrleistungen bei den Ausschachtungsarbeiten eine Zulage in Höhe von 172,50 Mark.

Beginn des Ersten Weltkriegs brachte die Bauarbeiten ins Stocken

Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Die Arbeiten, die bis dahin anscheinend zügig Fortschritte gemacht hatten, gerieten ins Stocken. Wahrscheinlich fehlte es an Bauarbeitern, die zur Front eingezogen worden waren.

Vermutlich sollten die Arbeiten am neuen Unterkunftshaus für die Dauer des Krieges sogar ganz eingestellt werden, aber die Baukommission befürwortete in ihrer Sitzung vom 22. Oktober 1914 einen Dispens, das heißt die Ausnahmegenehmigung, aufgrund derer die Arbeiten entgegen anderslautender gesetzlicher Vorgaben doch fortgesetzt werden konnten.

In den folgenden Monaten war das Unterkunftshaus noch einige Male Thema bei Sitzungen der Baukommission. Dabei ging es um das Einholen von Angeboten für den Speisenaufzug (Sitzung vom 10.12.1914), um eine Alternative zur zunächst geplanten Kunststeintreppe (21.01.1915), die Vergabe von Schreinerarbeiten und die Ausführung des Decken- und Wandputzes (18.02.1915), den Blitzableiter (25.03.1915) und die Anlage eines Hartholzfußbodens anstelle des ursprünglich vorgesehenen „gewöhnlichen Asphaltfußbodens“ in den Schlaf- und Speisesälen (22.04.1915).

Nach einer Besichtigung „des im Bau befindlichen u. seiner Vollendung entgegengehenden Unterkunftshauses“ wenige Wochen später sprach sich die Armen-Deputation „anerkennend über die Anordnung u. Einrichtung des Baues aus. Die Belegung der Schlaf- und Speiseäle mit Hartholzfußboden wurde gutgeheißen.“

Anfang 1916 war die Baumaßnahme an der Schützenstraße abgeschlossen

Als sich die Arbeiten am Unterkunftshaus dem Ende näherten, wurde die Aufstellung eines Haushaltsplanes für das neue Heim notwendig. Die Armen-Deputation vertagte aber diese Aufgabe in ihrer Sitzung vom 11. Oktober 1915 ohne nähere Erläuterung. Indiz dafür, dass man nicht mit einer baldigen Nutzung rechnete?

Anfang 1916 war die Baumaßnahme dann abgeschlossen. Die Baukommission sprach sich Mitte Januar für eine Besichtigung des Unterkunftshauses gemeinsam mit Armen-Deputation aus. Dabei sollte auch die Frage erörtert werden, ob der Neubau sich auch für Lazarettzwecke eignete.

Hintergrund dafür war, dass zahlreiche Verwundete von der Front in das Landesinnere gebracht wurden, die regulären Krankenhäuser mit diesen Transporten aber völlig überfordert waren und deshalb überall „Reserve-Lazarette“ eingerichtet werden mussten. Das Unterkunftshaus Schützenstraße scheint jedoch nicht als Lazarett genutzt worden zu sein.

Wegen des andauernden Krieges und der daraus folgenden allgemein schlechten Lage konnte der Neubau zunächst nicht genutzt werden. Der Vorsitzende der Armen-Deputation berichtete in der Sitzung vom 21. Juli 1916, dass das neue Haus an der Schützenstraße „mit Rücksicht auf die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse (Schwierigkeiten der Beschaffung der inneren Einrichtung u. der Lebensmittel) von der Armenverwaltung noch nicht in Benutzung genommen sei.“

„Unterbringung von Personen u. Familien besseren Standes in Schutzhaft“

Im November 1916 sollten städtische Anleihen im Wert von 77.000 Mark verkauft werden, um die Restbaukosten des Unterkunftshauses zu decken. Denkwürdig erscheint heute, dass Ende März 1917 zwei Räume der Polizei-Verwaltung „zur Unterbringung von Personen u. Familien besseren Standes in Schutzhaft“ überlassen wurden.

Wenige Wochen später wurde die Inbetriebnahme einer Siechen- und Pflegestation im Unterkunftshaus wegen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Betten und Lebensmitteln vertagt. Erst im August 1917 konnte die Frauen-Siechenabteilung eingerichtet und die dafür notwendigen Gegenstände beschafft werden.

Erstmals im Adressbuch für das Jahr 1928 findet sich der Begriff „Städtisches Altersheim“ für die Häuser Schützenstr. 103 bis 107, während die Häuser Schützenstr. 103a und 109 das Städtische Obdachlosen- bzw. Familienunterkunftshaus waren.

Die Häuserzeile Schützenstraße 103 bis 111 fiel dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut. Seit die alte Bebauung verschwunden ist, ist der Blick frei auf das einstige, mächtige Hinterhofgebäude. Auf der Webseite des Betreibers des Seniorenheims wird es als „villenartig“ beschrieben. Diese Aussage gilt inzwischen seit mehr als 70 Jahren und könnte noch weiter gelten, würde nun nicht der Abriss dieses historischen Gebäudes drohen.

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