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Gemeinsamer Kraftakt: Arbeitslosigkeit in Dortmund halbiert – Ziele: steigende Mindestlöhne und sozialer Arbeitsmarkt

Dortmund ist erfolgreich beim Strukturwandel – doch Zeit zum Ausruhen auf Erfolgen bleibt nicht. Foto: Alex Völkel

Die Sektkorken knallten zwar nicht, zu trinken gab es Selters, aber die Stimmung war ausgesprochen gut, als Stadt, Arbeitsverwaltung, Wirtschaft, Handwerk und Gewerkschaften die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Dortmund Revue passieren ließen. Es gibt beachtliche Erfolge im gemeinsamen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, aber auch noch riesige Herausforderungen. Zum Ausruhen auf den Erfolgen besteht daher kein Grund.

Von 1981 bis 1988 stieg die Arbeitslosigkeit in Dortmund von 8,2 auf 18,2 Prozent

Strahlende Gesichter beim gemeinsamen Pressegespräch: Stadt, Arbeitsverwaltung und Sozialpartner skizzierten Herausforderungen und Erfolge.

Der Grund zur Freude: Im Oktober 2018 ist die Quote der als arbeitslos gezählten Menschen in Dortmund unter die Zehn-Prozent-Marke gesunken (wir berichteten). Auch wenn saisonbedingt im Januar 2019 die Arbeitslosenquote wieder über zehn Prozent liegen könnte, gehen die heimischen ExpertInnen davon aus, dass 2019 die Quote auch im Jahresdurchschnitt einstellig sein könnte.

Das ist eine Entwicklung, die man vor 15 Jahren noch nicht zu hoffen gewagt hatte. Denn der Strukturwandel hat Dortmund  – wie das gesamte Ruhrgebiet – massiv getroffen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SVB) sank binnen weniger Jahre von 320.000 auf 240.000 in den 80er Jahren. „Wir hatten 80.000 Arbeitsplätze verloren“, beschreibt OB Ullrich Sierau die Dramatik zu jener Zeit. 

Lag die Arbeitslosenquote in der Stadt im Jahresdurchschnitt 1981 noch bei 8,2 Prozent, lag sie 1988 schon bei 18,2 Prozent. Bis 1998 war sie lediglich auf 17,1 Prozent gesunken – 2008 lag sie dann bei 13,8 Prozent.

Die aktuellen Zahlen sehen hingegen glänzend aus: Mittlerweile sind mehr als 340.000 Menschen in Dortmund wieder sozialversicherungspflichtig beschäftigt. „Wir sind im Strukturwandel sehr erfolgreich“, betont der OB und wird nicht müde, dies als Gemeinschaftsaufgabe und Gemeinschaftserfolg zu verkaufen. „Im Oktober 2005 lag die Arbeitslosenquote bei 19,7%, aktuell bei 9,8 Prozent. Wir haben die Quote in 13 Jahren mehr als halbiert.“ 

Dortmund hat ein Beschäftigungsniveau erreicht wie zuletzt im Jahr 1973

Die Arbeitslosigkeit in Dortmund im Oktober 2018 im Vergleich zu den Vorjahren. Grafik: AfADO

Diese Zahlen wurden nicht – wie vielfach behauptet – mit Rechentricks erreicht. Natürlich sind mehr Menschen arbeitslos, als in der reinen Prozentangabe ablesbar sind. So werden beispielsweise Menschen, die in Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen eingegliedert oder krank sind, nicht als arbeitslos gezählt, weil sie dem Arbeitsmarkt zum Erhebungszeitpunkt faktisch nicht zur Verfügung gestanden haben. Doch diese Menschen sind in der Unterbeschäftigung ausgewiesen. Und diese Zahl ist ebenfalls deutlich rückläufig.

„Mit einer einstelligen Arbeitslosenquote haben wir im Oktober nun die lang formulierte Zielsetzung erreicht, unter zehn Prozent zu kommen“,  erinnert Sierau. „Unsere Anstrengungen haben sich als richtig und erfolgreich erwiesen. Zukunftsweisende Schritte der letzten Jahrzehnte, wie die Entwicklung des Technologie-Parks, der Westfalenhütte oder auch des Gesamtareals Phoenix haben den Standort Dortmund nach vorne gebracht und für Beschäftigung gesorgt.“

Dortmund hat ein Beschäftigungsniveau erreicht, das die Stadt – nach Anzahl der SVB-Arbeitsplätze gemessen – de facto zuletzt 1973 aufzuweisen hatte. Die Unternehmen wachsen, sie investieren. So ist die Stadt in den letzten Jahren zum Jobmotor mit den höchsten Zuwachsraten in der Beschäftigung aller NRW-Städte geworden. Der Unterschied: Statt des früheren „Dreiklangs von Kohle, Stahl und Bier“, ist Dortmund wesentlich breiter aufgestellt – die Wirtschaft ist mittlerweile zu einem „Tausendfüßler“ geworden.

Alle Bevölkerungsgruppen konnten vom Aufschwung in der Stadt profitieren

Schlange stehen beim Jobcenter: es lohnt sich zusehends.

Für mehr Beschäftigung, Investitionen und Gründungen wollen die beteiligten Akteure weiter eng zusammenarbeiten. Dabei stehen auch Ansiedlungen, die Arbeitsplätze für alle DortmunderInnen schaffen, ganz vorn. Dazu gehören Branchen wie die Logistik, die Call- und Service-Center sowie das Sicherheits- und Reinigungsgewerbe.

Von den Entwicklungen und Ansiedlungserfolgen konnten sämtliche Bevölkerungsgruppen profitieren. „Es zeigt sich, dass wir in Dortmund gemeinsam auf dem richtigen Weg sind; die Einstellungsbereitschaft der Betriebe ist hoch, die Konjunktur stabil. Sowohl ältere Arbeitslose als auch junge Menschen profitieren von diesem guten Trend“, kommentiert Arbeitsagentur-Chefin Martina Würker die Lage. „Nun ist es wichtig, nicht auszuruhen. Wir setzen weiter auf Qualifizierung und investieren auch in Zukunft verstärkt in die Weiterbildung.“

In Sachen Unterbeschäftigung und Langzeitarbeitslosigkeit gibt’s noch deutlich „Luft nach oben“

Manfred Sträter, Jutta Reiter und Michael Bürger fordern einen Kurswechsel in der Rentenpolitik. Foto: R.J.Mendera

„Bei der Langzeitarbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung gibt es – bei allen Erfolgen – dagegen noch eine Menge Luft nach oben. Für uns ist es ganz wichtig, Langzeitarbeitslose über einen sozialen Arbeitsmarkt zu integrieren“, macht Jutta Reiter, Vorsitzende des DGB Dortmund-Hellweg, deutlich.

Die erfahrene Gewerkschafterin erinnert an die Veränderungen, dort, wo es drauf ankommt: „In den 80ern hatten wir einen komplett anderen Arbeitsmarkt. Der war exklusiv für bestimmte Gruppen, zumeist Männer mit gut bezahlten Tariflöhnen, die sie sie erstritten hatten.“  Heute gebe es einen gespaltenen Arbeitsmarkt: „Viele Menschen können nicht mehr davon leben“, so die Dortmunder DGB-Chefin.

Ein Problem sei die hohe Zahl an Teilzeitbeschäftigten – vor allem bei den Frauen. Spätestens im Alter werde sich dies bemerkbar machen. Auch der Umfang von Minijobs sei besorgniserregend: „Es macht besonders Sorge, dass immer mehr Menschen einen Minijob im Nebenjob haben, weil sie von ihrem Lohn im Hauptjob nicht leben können – da gibt es Handlungsbedarf“, benennt Jutta Reiter, auch mit Blick auf die geführte Mindestlohn-Debatte, anstehende Aktionsfelder der Gewerkschaft. „Wir müssen Beschäftigung schaffen, die den Menschen eine gute Existenz sichert – und zwar auch im Alter!“

Dortmunder Jobcenter-Chef plädiert für einen Mindestlohn von 12 Euro, um Leistungsbezüge nach SGB II zu verringern

„Ein Ansatzpunkt dazu könnte aus Sicht von ver.di eine Intensivierung der Bemühungen sein, arbeitslose Menschen durch gezielte Maßnahmen für eine Tätigkeit in den Bereichen zu qualifizieren, in denen es einen erheblichen Bedarf an Arbeitskräften gibt: wie zum Beispiel im Bereich der Pflege oder bei erzieherischen Tätigkeiten“, verdeutlicht Michael Bürger, Geschäftsführer des ver.di-Bezirks Westfalen.

Doch um weiter nachhaltig Menschen aus sozialen Sicherungssystemen zu bringen, braucht es aus Sicht von Frank Neukirchen-Füsers, Geschäftsführer des Jobcenters, vor allem mehr Vollzeitstellen. Außerdem seien zu viele Menschen auf ergänzende Leistungen angewiesen. „Die 12 Euro Mindestlohn könnten wir gut gebrauchen, damit wir die Menschen aus dem Leistungsbezug bekommen.“ 

Daher begrüßt er auch das neue Gesetz zur Sozialen Teilhabe. Statt 50 stehen damit im kommenden Jahr 70 Millionen Euro für Arbeitsmarktprogramme in Dortmund zur Verfügung. Aber bei der geplanten Förderung von Langzeitarbeitslosen sei die „Orientierung am Mindestlohn der falsche Weg. Wir brauchen eine Orientierung am Tariflohn“, betont Neukirchen-Füsers.

Dortmunder Konsens unter den unterschiedlichen Akteuren als wichtiger Erfolgsgarant

Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer IHK

Für Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK Dortmund, ist das Absinken der Arbeitslosenquote Ergebnis eines erfolgreichen Strukturwandels, der beispiellos sei. 

Dortmund sei geprägt von einem wirtschaftsfreundlichen Klima und einer engen Kooperation zwischen Handwerk, Industrie, Dienstleistungen, Gewerkschaften und Stadtverwaltung. Dieser Dortmunder Konsens der unterschiedlichen Akteure des Arbeitsmarktes, zu denen auch die Sozialverbände und Arbeitgeberverbände gehörten, habe die Stadt stark gemacht.

„Die Dortmunder Unternehmen, sei es aus Industrie, IT, Handel, Logistik und der Dienstleistungsbranche, haben ihre Chancen genutzt und sich zu modernen und hoch-innovativen Unternehmen entwickelt. Auch die zahlreichen neu gegründeten Unternehmen haben zu diesem Erfolg beigetragen“, zieht Schreiber eine positive Zwischenbilanz. 

Eine angebotsorientierte Flächenpolitik sei für weitere Ansiedlungen unabdingbar. „Die Stadt Dortmund unterstützt die Unternehmen, wie beispielsweise auf Phoenix-West und auf dem Gelände der ehemaligen Westfalenhütte, dabei vorbildlich“, so Schreiber anerkennend. 

„Damit Dortmund ein leistungsfähiger und attraktiver Standort bleibt, werden zusätzlich Fachkräfte mit unterschiedlichsten Schlüsselqualifikationen benötigt. Hierzu tragen nicht zuletzt die zahlreichen Hochschulen in der Stadt bei. Sehr groß ist aber auch der Bedarf an betrieblich ausgebildeten Fachkräften. Trotz einer geringeren Anzahl von SchulabgängerInnen bilden die Dortmunder Unternehmen seit Jahren etwa 3.000 Jugendliche jährlich aus.“ 

Ausbildung als entscheidendes Moment zur Fachkräftegewinnung im Handwerk

Kreishandwerksmeister Dipl.-Ing. Christian Sprenger.

Schreiber zeigt sich zuversichtlich, dass sich diese positive Entwicklung fortsetzen wird. „Denn die Industrie befindet sich derzeit in Topform. Die Situation im Handel lässt sich weiterhin als schwungvoll bezeichnen und im Dienstleistungsgewerbe hält der Aufwärtstrend an.“

Goldener Boden auch beim Handwerk: Dieses sei seit jeher ein stabilisierender Beschäftigungsfaktor im Arbeits- und Ausbildungssektor der Stadt gewesen und habe, auch bedingt durch die gute Konjunktur, einen erheblichen Anteil an der positiven Entwicklung. 

„Wesentliche Erfolgsfaktoren sind dabei die für die Handwerksbetriebe typischen, durchgehend hohen Ausbildungszahlen und die hervorragenden Beschäftigungsaussichten für Fachkräfte“, betont Kreishandwerksmeister Christian Sprenger. 

„Auf der anderen Seite hat es das Handwerk auch immer als seine Aufgabe angesehen, durch Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen Menschen für den ersten Arbeitsmarkt zu schulen, auszubilden und zu gewinnen. Diese wichtige Grundlagenarbeit des Bildungskreises Handwerk e.V. trägt somit ebenfalls maßgeblich zur positiven Entwicklung des Arbeitsmarktes bei. Das Handwerk wird weiterhin um Auszubildende und Fachkräfte werben – die Zukunftsaussichten bleiben sehr gut.“

Ziel: Die Arbeitslosenquote in Dortmund soll dauerhaft bei unter zehn Prozent bleiben

„Auch langzeitarbeitslose Menschen in Dortmund haben von dieser überaus positive Entwicklung profitiert und neue Arbeit gefunden. Die Stadt Dortmund wird ihre Anstrengungen für langzeitarbeitslose Menschen weiter fortführen“, sagt Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner. „Die Kommunale Arbeitsmarktstrategie und das Modellprojekt ,Service Center lokale Arbeit‘ sind dabei die zentralen – und auch erfolgreichen – Bausteine.“

„Die Motivation des aktuellen Ergebnisses werden wir nutzen, um weiter am Dortmunder Weg zu arbeiten. Unser Ziel ist es, die Arbeitslosenquote strukturell und dauerhaft zu senken und in Zukunft deutlich unter der 10-Prozent-Marke zu fixieren“, ergänzt Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund.

HINTERGRUND

Um die Entwicklung nachhaltig werden zu lassen, sind aus Sicht der Stadt Dortmund (VORSCHLÄGE) vier Punkte von großer Bedeutung:

  • Weiterentwicklung der kommunalen Arbeitsmarktstrategie. Mit Blick auf die neuen Regelinstrumente im SGB 2 wird dem Rat bereits im Frühjahr 2019 eine weiterentwickelte „Kommunale Arbeitsmarktstrategie 2030“ vorgelegt.
  • Die Arbeit des ServiceCenters Lokale Arbeit wird mit auch mit eigenen Mitteln verstetigt. Dortmund erwartet dabei auch ein langfristiges Engagement der Landesregierung. Der Modellversuch hat schon jetzt gezeigt, dass der Dortmunder Weg für neue Beschäftigungsperspektiven für an- und ungelernte Langzeitarbeitslose richtig ist.
  • Die Stadt setzt sich weiter intensiv für eine gute gesetzliche Änderung der Arbeitsmarktförderung auf Bundesebene ein. Die neuen Regelinstrumente dürfen nicht zu gering dimensioniert sein (Zuschüsse dürfen nicht auf Mindestlohnhöhe festgelegt werden) und die Personengruppe darf nicht zu eng definiert werden (Dauer der Langzeitarbeitslosigkeit als Zugangsvoraussetzung nicht auf acht Jahre festlegen). Nötig ist ein Spielraum für praktische kommunale Lösungen.
  • Die berufliche Integration von Flüchtlingen und von an- und ungelernten EU-BürgerInnen  bleibt auch in den nächsten Jahren eine zusätzliche zentrale Aufgabe. Auch in diesem Feld hat die Stadt in enger Vernetzung mit den Verbänden, der Arbeitsverwaltung und den Unternehmen zahlreiche Projekte und Maßnahmen für erfolgreiche Integrationsketten (Sprachkurse, Kompetenzfeststellung, Praktiken, Ausbildung, unbefristete Arbeit) aufgelegt. Dies wird in den nächsten Jahren nach unseren Möglichkeiten fortgesetzt. Dafür ist jedoch mehr finanzielle und inhaltliche Unterstützung des Bundes und des Landes notwendig.

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