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Gute Chancen bei der Ausbildungssuche in Dortmund: Es gibt immer mehr freie Stellen und weniger BewerberInnen

Michael Island von der IHK, Jutta Reiter, Chefin der Arbeitsagentur, Jutta Reiter vom DGB und Olesja Mouelhi-Ort von der Handwerkskammer Dortmund präsentierten gemeinsam die neue Jahresbilanz. Foto: Sascha Fijneman

Michael Ifland (IHK), Martina Würker (Arbeitsagentur), Jutta Reiter (DGB) und Olesja Mouelhi-Ort (Handwerkskammer) präsentierten die neue Jahresbilanz rund um das Thema Ausbildungsplatzsuche. Foto: Sascha Fijneman

Von Sascha Fijneman

Gute Nachrichten für alle Azubis (und die es werden möchten): Während die bei der Arbeitsagentur gemeldeten Stellenangebote um 19,3 Prozent gestiegen sind, ging die Zahl der gemeldeten BewerberInnen um 7,3 Prozent zurück. Die Unternehmen müssen sich also mehr einfallen lassen, um künftig noch BewerberInnen für Ausbildungsplätze zu finden. Das geht aus der Ausbildungsmarktbilanz 2017/2018 hervor, die jetzt Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und der Deutsche Gewerkschaftsbund vorgelegt haben.

Martina Würker: „Wichtig ist es heute auszubilden, bevor es morgen zu spät ist!“

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Martina Würker, Chefin der Agentur für Arbeit in Dortmund. Foto: Alex Völkel

Alle Beteiligten sind sich einig, dass die Situation in Dortmund eine Herausforderung bleibt. Vor allem das Thema Fachkräftemangel wird die Dortmunder Wirtschaft in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und nicht nur allein dem demographischen Wandel der Gesellschaft zu schulden.

Doch dieser wird immer spürbarer. Bis 2022 werden in Dortmund über 8000 Beschäftigte, die als Fachkräfte die duale Ausbildung durchlaufen haben, das Renteneintrittsalter erreichen. Dieser Verlust muss kompensiert werden. Die Beteiligten der genannten Institutionen sind sich einig, dass hierfür auch neue Wege beschritten werden müssen. Es gilt, alte Systeme zu überdenken.

„In Zeiten des demographischen Wandels müssen wir neue Wege bei der Auswahl der Azubis von morgen gehen“, so die Dortmunder Chefin der Arbeitsagentur, Martina Würker. Es geht darum, junge Menschen nicht nur strikt nach ihren Werdegängen, Abschlüssen und Bewerbungen zu beurteilen. Biografien können aufgrund sozialer Umstände Brüche enthalten, Zeugnisnoten bewerten fachbezogene Leistungen und liefern kein umfassendes Bild und Bewerbungen werden oft überbewertet.

„Schulbildung ist wichtig, keine Frage, aber in vielen jungen Nachwuchskräften stecken ungeahnte Talente, die formal nicht auf dem Papier zu finden sind“, erläutert Würker. Junge Menschen verdienten eine Chance, auch wenn die Einstellungskriterien auf den ersten Blick vielleicht nicht zu 100 Prozent passen würden.

Jutta Reiter: „Wir müssen die Jugendlichen da abholen, wo sie stehen!“

Jutta Reiter ist die Vorsitzende des DGB Dortmund.

DGB-Chefin Jutta Reiter. Foto: Alex Völkel

Um dies zu ermöglichen stehen der Arbeitsagentur unterschiedliche Instrumente, wie Ausbildungsbegleitende Hilfen oder eine assistierte Ausbildung zur Verfügung, um die jeweiligen Betriebe zu unterstützen. 

Personen auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle können über die Arbeitsagentur an berufsvorbereitenden Maßnahmen teilnehmen oder Einstiegsqualifizierungen erwerben. Für die berufliche Förderung junger Menschen setzten die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Dortmund im Jahr 2018 Mittel in Höhe von 29 Millionen Euro ein.

Jutta Reiter vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) teilt die Ansichten Würkers, wenn sie sagt: „Wir müssen die Jugendlichen da abholen, wo sie heute stehen, denn andere Jugendliche werden wir nicht bekommen.“ Die Ausbildungsbetriebe stellten oft zu hohe Ansprüche und Erwartungen an die KandidatInnen.

DGB fordert betriebliche Ausbildungsumlage zur Finanzierung kompetenter Ausbildung

Die Anzahl der Schulabgänger mit (Fach-) Hochschulzugang hat zugenommen.

Die Anzahl der SchulabgängerInnen mit (Fach-) Hochschulzugang hat zugenommen.

Um positiv auf die aktuelle Situation einzuwirken, fordere der DGB eine betriebliche Ausbildungsumlage. Hierdurch müssten sich alle Betriebe an der dualen Ausbildung finanziell beteiligen und man könne Ressourcen für gute Ausbildung schaffen, um auch Jugendliche die nicht die Kriterien der Betriebe erfüllen würden, in den Prozess einzubinden.

Auch die Handwerkskammer, für die das letzte Ausbildungsjahr durchweg positiv verlief, sieht weiter dringliche Notwendigkeit darin, für die duale Ausbildung zu werben. Denn das oben beschriebene Problem der Unterqualifizierung von BewerberInnen macht sich auch umgekehrt bemerkbar. So ist die Zahl der SchulabgängerInnen mit (Fach-) Hochschulreife in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.

Diese Klientel entschließt sich natürlich größtenteils für eine akademische Laufbahn. Doch oft werden die eigenen Fähigkeiten hier überschätzt und es kommt zu Studienabbrüchen. Durch mehr Aufklärung, bessere Kommunikation und in manchen Branchen auch bessere Konditionen könnte man hier für die duale Ausbildung werben und aus einem großen Pool möglicher BewerberInnen mit guten Fähigkeiten schöpfen.

Ausbildungsbetriebe und BewerberInnen müssen flexibler sein, um vorhandene Potentiale auszuschöpfen

1600 Jugendliche suchen noch eine Lehrstelle.

Junge Menschen haben eine Chance verdient. Potentiale müssen daher gezielt gefördert werden.

„Trotz der positiven Zuwächse in diesem und im letzten Jahr müssen wir unsere Zielgruppe stärker informieren und für die duale Berufsausbildung begeistern“, betont Olesja Mouelhi-Ort,  Geschäftsführerin der Handwerkskammer (HWK) Dortmund.

„Langfristig betrachtet kommt es sonst bei den Unternehmen zu Abwicklungsproblemen von Aufträgen. Auch die Selbstständigkeit kann aufgrund fehlender Fachkräfte als unattraktiv wahrgenommen werden“, so die HWK-Vertreterin.

Dass die Dortmunder Wirtschaft die Zeichen der Zeit erkannt hat und die duale Ausbildung als wichtigstes Instrument zur Fachkräftesicherung ansieht, beweist die Nachfrage zur Erstausbildungsberatung bei der Industrie- und Handelskammer, die spürbar gestiegen ist.

Laut IHK-Geschäftsführer Michael Ifland würde es für die Unternehmen jedoch immer schwieriger, Ausbildungsplätze zu besetzen. Hier zeigen sich die Auswirkungen der oben beschriebenen Probleme der Unter- und Überqualifizierung und es wird deutlich, dass sowohl die Ausbildungsbetriebe als auch die BewerberInnen in Zukunft flexibler sein müssen, um die vorhandenen Potentiale auszuschöpfen.

BewerberInnen haben bessere Chancen bei den klassischen Handwerksberufen

Die Top Ten der Berufsfelder in Angebot und Nachfrage.

Die Top Ten der beliebtesten Ausbildung gsberufe in Dortmund – bei Angebot und Nachfrage.

Auch die Berufswahl spielt eine große Rolle bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle. So gibt es sehr beliebte und begehrte Berufe wie Kauffau/Kaufmann im Einzelhandel oder im Büromanagement, die von den BewerberInnen präferiert werden.

Durch das hohe Aufkommen an Bewerbungen auf eine begrenzte Anzahl von Stellen, kommt es hier jedoch zu vielen Absagen. 

Mehr Erfolg hätten BewerberInnen sicher in den klassischen Handwerksberufen wie zum Beispiel Maler und Lackierer oder im Bäckerhandwerk, wo aufgrund der körperlichen Belastung und der Konditionen eher weniger Bewerbungen stattfinden.

„Der Ausbildungsmarkt in Dortmund bleibt eine herausfordernde Aufgabe aller Dortmunder Akteure. Erfreulich ist, dass wir in diesem Berichtsjahr einen deutlichen Stellenzuwachs verzeichnen und zudem die Zahl der unversorgten Bewerber im Vorjahresvergleich stark reduziert werden konnte“, verdeutlicht Martina Würker.

Jahresbilanz zeigt deutlichen Stellenzuwachs aber Rückgang der Bewerbungen

Die Grafik zeigt den Stellenzuwachs und den. Rückgang der Bewerbungen.

Die Grafik zeigt den Stellenzuwachs und den Rückgang der BewerberInnenzahlen in Dortmund.

Auf ein Angebot von 4013 gemeldeten Lehrstellen kamen in Dortmund im vergangenen Jahr 4515 gemeldete BewerberInnen. 4420 von ihnen oder 97,9 Prozent gelten statistisch als versorgt, da sie einen Ausbildungsplatz gefunden oder sich für eine Alternative wie weiteren Schulbesuch oder eine Erwerbstätigkeit entschieden haben.

Immerhin haben die meisten jungen Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz im letzten Jahr eine Stelle gefunden.

So ist die Zahl der unversorgten BewerberInnen im Vergleich zum Vorjahr um knapp 20 Prozent gefallen. Hatten im Jahr 2016/2017 noch 118 Personen keine Stelle gefunden, verringerte sich diese Zahl im letzten Jahr auf 95. Bei der Anzahl der Stellenangebote, die unbesetzt blieben, verringerte sich der Anteil gar um mehr als 50 Prozent.

So konnten lediglich 37 Stellen nicht besetzt werden. Im Vorjahr waren es noch 85 gewesen. Dennoch ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge leicht rückläufig. Hier stehen aktuell 4164 Vertragsabschlüsse der Zahl von 4338 des Vorjahres gegenüber.

Bei der Stellen-Bewerberrelation liegt Dortmund in NRW auf dem ersten Platz

Im Verhältnis angebotener Stellen zu Bewerbungsaufkommen schneidet Dortmund NRW-weit am besten ab.

Im Verhältnis angebotener Stellen zu Bewerbungsaufkommen schneidet Dortmund NRW-weit am besten ab.

In der Relation zwischen angebotenen Stellen und der hierfür in Frage kommenden BewerberInnen belegt Dortmund NRW-weit dennoch den besten Platz mit 0,89 Stellen pro BewerberIn. Der Durchschnitt in Nordrhein-Westfalen liegt hier bei 0,87 Stellen, wobei Bochum mit 0,65 Stellen das Schlusslicht bildet.

Die beim Thema Ausbildung erfolgreichsten Branchen sind, wie bereits erwähnt, der Einzelhandel und das Büromanagement. In Dortmund bewarben sich im Jahr 2017/2018 344 Personen als Kauffrau- oder Kaufmann im Büromanagement auf 240 gemeldete Stellen. Im Falle von medizinischen Fachangestellten kamen 236 Bewerberinnen auf 124 Stellenangebote.

Durch das hohe Bewerbungsaufkommen in diesen Bereichen, kommt es dazu, dass in diesen Branchen jedoch auch der größte Anteil an BewerberInnen unversorgt bleibt. Insgesamt ist der Wert der unversorgten BewerberInnen jedoch rückläufig von 2,4 Prozent auf 2,1 Prozent gefallen. Der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen sinkt auf 0,9 Prozent gegenüber 2,5 Prozent im Vorjahr.

Erfolgreiche Ausbildungssuche von Flüchtlingen; Altersanstieg bei den BewerberInnen

Die Statistik für geflüchtete Menschen.

Die Statistik für geflüchtete Menschen.

Die Industrie- und Handelskammer verzeichnet rund 60 Prozent der bei der Arbeitsagentur in Dortmund gemeldeten Lehrstellen für sich. In reellen Zahlen sind dies 2412 Stellen. Die Handwerkskammer kommt auf einen Anteil von 14, 3 Prozent und 575 Stellen. Der Rest verteilt sich beispielsweise auf den Öffentlichen Dienst oder die Gesundheitskammern. 

Das Alter der Bewerber hat 2017/2018 zugenommen. Bei den unter 20-jährigen ist ein Rückgang um rund 10 Prozent zu verzeichnen, bei Personen bis 25 Jahre von 7,7 Prozent. Zugelegt hat das Ausbildungsinteresse bei Menschen ab 25 Jahren und älter. DieserPersonenkreis umfasst 371 Menschen in Dortmund, was einen Zuwachs um 7,5 Prozent bedeutet.

Der Anteil von geflüchteten Menschen am BewerberInnenaufkommen beträgt 8 Prozent oder 360 Personen. Von diesen 360 blieben lediglich 9 Personen oder 2,5 Prozent unversorgt. Der größte Teil von ihnen mit 252 Personen ist anderweitig in den Arbeitsmarkt integriert worden. 99 Menschen gelten als einmündende BewerberInnen, die im Laufe des Berichtsjahres oder später eine Ausbildung beginnen.

Deutliche Zuwächse der Ausbildungsverhältnisse bei der IHK und der Handwerkskammer Dortmund

Die Grafik zeigt die Anteile der IHK und der Handwerkskammer an den bei der Arbeitsagentur gemeldeten Ausbildungsstellen.

Die Grafik zeigt die Anteile der IHK und der Handwerkskammer an den bei der Arbeitsagentur gemeldeten Ausbildungsstellen.

„Trotz rückläufiger Schulabgängerzahlen hat die duale Ausbildung für die Betriebe weiterhin Bedeutung, da sie das wichtigste Instrument zur Fachkräftesicherung darstellt“, so IHK Geschäftsführer Michael Ifland. Die IHK verzeichnete bis Mitte Oktober 2018 rund 5000 neue Ausbildungsverhältnisse und rechnet im kommenden Jahr nochmal mit demselben Aufkommen.

Bei den gewerblichen Berufen stieg die Zahl der Verträge um elf Prozent auf rund 1350 Stellen, bei den kaufmännischen Berufen immerhin um zwei Prozent auf rund 3600 Stellen. Bei der Handwerkskammer Dortmund setzt sich der positive Trend des letzten Jahres weiter fort. 

Sie verzeichnet in ihrem Bezirk rund 4000 Ausbildungsverhältnisse, von denen rund 800 auf Dortmund entfallen. Dies bedeutet einen Zuwachs um etwa 11 Prozent, was einen neuen Höchststand der letzten fünf Jahre markiert.

„Gerade das Handwerk befindet sich aktuell in einem Konjunkturhoch und ist auch in Zukunft auf gut qualifizierten Nachwuchs angewiesen – die Chancen auf eine sichere Beschäftigung sind neben den Entwicklungschancen dementsprechend gegeben,“ so die Geschäftsführerin der HWK-Dortmund Olesja Mouelhi-Ort. Trotz der guten Zahlen und der positiven Prognosen, gelte es, weiter für die duale Ausbildung zu werben.

Die komplette Jahresbilanz der Arbeitsagentur kann im Anhang des Artikels als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Weitere Informationen:

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