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Gedenktafel enthüllt: Vor 20 Jahren erschoss der Neonazi Michael Berger drei Polizist*innen und beging Selbstmord

Eine Gedenktafel am Dortmunder Polizeipräsidium erinnert ab sofort an die ermordeten Polizeibeamt*innen.Dortmund war und ist leider immer wieder Schauplatz von Verbrechen durch Neonazis. Mindestens fünf Menschen haben in den letzten Jahren ihr Leben verloren, weil sie von Neonazis ermordet wurden – drei von ihnen waren Polizeibeamt*innen. Anlässlich des 20-jährigen Gedenkens an die im Dienst getötete Kollegin Ivonne Hachtkemper sowie ihrer Kollegen Thomas Goretzky und Matthias Larisch von Woitowitz hat am Sonntag (14.6.) vor dem Dortmunder Polizeipräsidium eine Gedenkfeier stattgefunden. 

Polizeipräsident: Diese schreckliche Tat erschüttert uns auch 20 Jahre nach dem Geschehen

Der Gedenkstein für von Neonazi Michael Berger ermordeten Polizisten Thomas Goretzky in Brackel. Foto: Marcus Arndt

Der Gedenkstein für den von Neonazi Michael Berger ermordeten Polizisten Thomas Goretzky in Brackel. Foto: Marcus Arndt

Mit der Niederlegung eines Blumenschmucks, einer Schweigeminute und der Enthüllung einer Gedenktafel erinnerten die Teilnehmenden in dem Zuge an die drei und an alle im Dienst getöteten Beamtinnen und Beamten des Polizeipräsidiums (PP) Dortmund. ___STEADY_PAYWALL___

Bei einer Verkehrskontrolle am 14. Juni 2000 tötete der Rechtsextremist Michael Berger den Polizisten Thomas Goretzky und verletzte dessen Kollegin Nicole Hartmann schwer. Im Rahmen der anschließenden Fahndung erschoss der Flüchtige die Beamtin Ivonne Hachtkemper und ihren Kollegen Matthias Larisch von Woitowitz, beide Angehörige des PP Recklinghausen. Noch am gleichen Tag nahm sich der Täter schließlich selbst das Leben.

„Der 14. Juni 2000 ist ein Datum, das untrennbar mit dem PP Dortmund verbunden ist. Diese schreckliche Tat erschüttert uns auch 20 Jahre nach dem Geschehen und macht tief betroffen. Sie vergegenwärtigt uns aber auch die Gefahren im täglichen Polizeidienst – damals wie heute“, betonte Polizeipräsident Gregor Lange im Rahmen der Gedenkfeier. 

„Die Verbrechen dieses Rechtsextremisten erscheinen wie ein Symbol für Hass und Gewalt. Sie mahnen zur Wachsamkeit und bekräftigen uns darin, auch weiterhin unentwegt den Kampf gegen Extremismus jeder Art fortzuführen“, so Lange. „Die im Dienst getöteten Polizeibeamtinnen und -beamten werden uns immer in Erinnerung bleiben. Insbesondere ihren Hinterbliebenen gilt unsere aufrichtige Anteilnahme.“

Tödliche Polizeikontrollen – Neonazi feuerte ohne Vorwarnung auf die Polizisten

Am 14. Juni 2000, etwa kurz vor 10 Uhr, entdeckten der Polizeibeamte Thomas Goretzky (35) und seine Kollegin Nicole Hartmann (25) eine nicht angeschnallte Person in einem anthrazitfarbenen BMW. Was wie eine normale Verkehrskontrolle begann, endete in einem tödlichen Desaster.

Als die Polizeibeamt*innen dem Fahrer des BMW zu verstehen gaben anzuhalten, gab dieser Gas, um sich der Kontrolle zu entziehen. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd kamen die Fahrzeuge in Dortmund-Brackel, im Unteren Graffweg zum Stehen. Als der Polizeikommissar Thomas Goretzky ausstieg, eröffnete der Fahrer des BMW ohne jegliche Vorwarnung das Feuer auf den Beamten und traf ihn tödlich, seine Kollegin Polizeimeisterin Nicole Hartmann wurde in den Oberschenkel getroffen und überlebte schwer verletzt.

Der Fahrer des BMW floh daraufhin in Richtung Waltrop. Dort stieß er auf die 34-jährige Polizeibeamtin Yvonne Hachtkemper und ihren 35-jährigen Kollegen Matthias Larisch von Woitowitz, die mit ihrem Streifenwagen am Randstreifen an einer Kreuzung parkten und den Verkehr kontrollierten.

Ausriss aus der Bild-Zeitung - die Morde machten bundesweit Schlagzeilen.

Ausriss aus der Bild-Zeitung – die Morde machten bundesweit Schlagzeilen. (Repro)

Unvermittelt eröffnete der Fahrer des BMW das Feuer und schoss dreimal aus seinem Fahrzeug heraus auf die beiden Polizeibeamten. Beide wurden tödlich getroffen. Trotz grüner Ampel hielt der BMW-Fahrer extra an, um auf die Beamten zu feuern und die tödlichen Schüsse abzugeben.

Am späten Nachmittag wurde der Wagen an einer Landstraße im Münsterland aufgefunden. Der Fahrer hatte sich mit einem Kopfschuss selbst getötet. Es war der 32-jährige Dortmunder Rechtsradikale Michael Berger.

Neonazi-Szene feierte die Polizisten-Morde ihres Kamerads:  „3:1 für Deutschland“

Berger hatte erst kurze Zeit zuvor seinen Führerschein entzogen bekommen  – und vermutlich war das der Grund für die Tat. So sahen es später jedenfalls die Ermittlungsbehörden (mehr dazu am Ende des Beitrags). Berger war Mitglied der rechtsextremen Deutschen Volksunion (DVU) und hatte gute Verbindungen zu den Republikanern und der NPD.

Gezieltes Schießen lernte er bei der Bundeswehr. Nach seiner Entlassung jobbte Berger als Taxifahrer und Vertreter. Er geriet ständig mit dem Gesetz in Konflikt und wurde mehrfach verurteilt. Zuletzt wurde Berger wegen Fahrens ohne Führerschein zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Berger machte mittlerweile keinen Hehl mehr aus seiner nationalsozialistischen Gesinnung. Er trug sie sogar offen zur Schau – u.a. gut sichtbar durch eine Kette mit Hakenkreuz. Er ließ sich die Zahl „88“ auf dem Hinterkopf einrasieren – ein Code der rechten Szene. Die „8“ steht für den achten Buchstaben im Alphabet – und „HH“ bedeutet „Heil Hitler“.

Mit Aufklebern wie diesen feierte die Neonazi-Szene die Morde ihre Kameraden. (Repro)

Mit Aufklebern wie diesen feierte die Neonazi-Szene die Morde ihre Kameraden. (Repro)

Auch Kontakte zu dem Dortmunder Neonazi Siegfried „SS Siggi“ Borchardt  hatte Michael Berger – wie auch zu vielen anderen bekannten Größen der rechtsextremen Kreise in NRW. Die Dortmunder Neonazi-Szene würdigte die feigen Polizisten-Morde von Michael Berger mit zynisch-menschenverachtenden Aufklebern, Flugblättern und Sprüchen: „Berger war ein Freund von uns“ und „3:1 für Deutschland“ war dort zu lesen.

Ermittlungsbehörden konnten keine politische Motivation der Taten erkennen

Die ermittelnden Behörden erklärten damals, dass Michael Berger ein depressiver Waffensammler war, der aus Angst wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis und einer Bewährungsstrafe die drei Beamten erschossen habe. Eine politisch motivierte Tat wurde damals ausgeschlossen.

Dies macht eine Landtagsanfrage, die der Minister für Inneres und Kommunales NRW u.a. wie folgt beantwortete, deutlich:

Frage: Aus welchen Gründen genau wird die Erschießung der drei Polizeibeamten in Dortmund im Jahr 2000 durch den Neofaschisten/Rechtsextremisten Michael Berger nicht in den Statistiken über sogenannte „Politisch motivierte Kriminaltät“ geführt?

Antwort: (…) Nach dem Ergebnis der umfangreichen Ermittlungen war Motiv der Tat sehr wahrscheinlich Verdeckungsabsicht, da der Genannte – obwohl mehrfach einschlägig vorbestraft – den PKW ohne Fahrerlaubnis geführt hatte und sich außerdem in seinem Wagen und in seiner Wohnung mehrere Schusswaffen befanden, für deren Besitz er keine Erlaubnis hatte. 

Anhaltspunkte für eine politische Tatmotivation im Sinne der Definition „Politisch motivierte Kriminalität“ lagen nicht vor. Vermutungen in den Medien über einen Zusammenhang zwischen der Tat und Hinweisen auf Aktivitäten des Genannten in der „rechten Szene“ ließen sich nicht verifizieren. Das Verfahren wurde aufgrund des Todes des B. eingestellt. Hinweise auf eine Beteiligung Dritter an den Tötungsdelikten gab es nicht. (Quelle:  Drucksache 15/1866)


Wirkliche Aufklärung gab es nicht, müsste es besser heißen. Niemand hatte damals Interesse daran, mögliche Verbindungen zu Neonazi-Netzwerken und weitere Hintergründe aufzuklären. Der Selbstmord sorgte für einen schnellen Schlussstrich.

 

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