Abschied von einem Antifaschisten und Friedensaktivisten: Willi Hoffmeister hat seinen letzten Kampf verloren

Willi Hoffmeister gehörte seit Jahrzehnten zu den Organisatoren des Ostermarschs. Archivfoto: Alex Völkel
Willi Hoffmeister gehörte seit Jahrzehnten zu den Organisatoren des Ostermarschs. Archivfoto: Alex Völkel

Ein Nachruf von Alexander Völkel

„Wenn ihr dem Willi noch das Bundesverdienstkreuz verleihen wollt, lasst euch nicht mehr zu viel Zeit“, mahnte Hannelore Tölke die Vertreter*innen von DGB und Stadt. Sie hatte die Zeichen der Zeit und des schlechten Gesundheitszustands ihres Mannes Willi Hoffmeister richtig erkannt. Im Krankenhaus bekam er am vergangenen Freitag von Bürgermeister Norbert Schilff – im Beisein der DGB-Vorsitzenden Jutta Reiter – die hohe Auszeichnung überreicht. Dafür nahm der 88-Jährige alle Kraft zusammen. Es war der letzte Besuch außerhalb der Familie: Am Dienstag (3. August 2021) ist der engagierte Antifaschist, Friedensaktivist, Gewerkschafter und Ostermarschierer gestorben. Seinen letzten Kampf, den gegen seine Krankheit, hat er verloren.

„Auf einen klugen Kopf passt kein Stahlhelm“ als eines der Lebensmotive

Es verwundert nicht, dass eine Friedenstaube die Todesanzeige zieren wird. „Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht noch eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich“ hatte Bert Brecht einst geschrieben.

Kaum ein Zitat könnte passender sein, um das Leben und Wirken des 88-Jährigen zu würdigen. Diesen Kampf hat Hoffmeister nun verloren. Gezeichnet von Krankheit, hatte Willi Hoffmeister den letzten Ostermarsch auslassen müssen. Es war der erste in vielen Jahrzehnten, wo der Friedensaktivist nicht an der Spitze lief, den er mit organisiert und gestaltet hatte.

Viele Wegbegleiter*innen vermissten „ihren Willi“ dort. Sie hätten gerne noch mal mit ihm geplauscht und diskutiert. Seine mahnenden Worte und seine Leidenschaft werden fehlen. So wird seine Gedenkfeier für ihn vielleicht so etwas wie die letzte Ostermasch-Zwischenkundgebung. Sie findet am Mittwoch, 18. August 2021, um 12 Uhr im Kulturzentrum „Alte Schmiede“ im Hülshof 32 in Huckarde statt.

Eine Anmeldung ist bis zum 12. August 2021, ausschließlich über info@huhn-bestattungen.de möglich. Die Angabe der Kontaktdaten für die Nachverfolgbarkeit ist zwingend erforderlich. Eine Teilnahme ist nur unter Einhaltung der 3G-Regel (geimpft, genesen, getestet) möglich. Anstelle freundlich zugedachter Blumen bitte die Familie um eine Spende an den „Ostermarsch Ruhr“, IBAN: DE79 4405 0199 0321 0042 96, Kennwort: Willi Hoffmeister.

Dann werden viele Freund*innen, Wegbegleiter*innen und Kampfgefährt*innen die letzte Ehre erweisen. Vielleicht liegt dann auch der Sammelband vorne. „Auf einen klugen Kopf passt kein Stahlhelm“ stand auf dem Band, den sie Willi Hoffmeister zu seinem 75. Geburtstag geschenkt hatten. Doch als ein Abschiedsgeschenk für den Ruhestand von der ehrenamtlichen Arbeit war das damals nicht gedacht – bis zuletzt gehörte er zu den Aktivposten der heimischen Friedensbewegung.

Frieden und Antifaschismus als zentrale Themen und wichtige Antriebsfedern

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Foto: Klaus Hartmann

Frieden und Antifaschismus – das waren seine beiden zentralen Themen und Antriebsfedern. Der engagierte Rentner hatte dies schon in die Wiege gelegt bekommen. 1933 im ländlichen Kreis Lübbecke geboren, hat der junge Willi von Anfang an die Auseinandersetzung zwischen Linken und Nazis in der eigenen Familie erlebt.

Vater Wilhelm war Kraftfahrer und glaubte anfangs den Versprechen Hitlers für Arbeit und Wohlstand für die kleinen Leute, Mutter Marie war Arbeiterin und überhaupt keine Freundin des NS-Regimes – sie legte sich im Ort mit den bekennenden Nazis an.

Noch heftiger waren die Auseinandersetzungen bei seinen Onkeln: Der eine Bruder seiner Mutter machte gemeinsame Sache mit den Nazis, der andere Onkel war bekennender Kommunist und saß von 1934 bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern ein. „Meine beiden Onkel haben nie wieder miteinander gesprochen. Meine Mutter hat sehr darunter gelitten“, berichtete Willi Hoffmeister 2015 im Interview mit Nordstadtblogger.

Onkel war Kommunist und von den Nazis verfolgt: „Junge tu alles, dass es nie wieder dazu kommt“

Willi Hoffmeister war auch von Anfang an beim Bündnis Dortmund gegen Rechts dabei. Archivfoto: Alex Völkel
Willi Hoffmeister war auch von Anfang an beim Bündnis Dortmund gegen Rechts dabei. Archivfoto: Alex Völkel

Seinen Onkel Franz – den Kommunisten – lernte er zwangsläufig erst nach Kriegsende kennen. Doch dieser Mann beeindruckte den Jungen nachhaltig: „Junge tu alles, dass es nie wieder dazu kommt“, gab ihm sein Onkel Franz mit auf den Weg. „Das hat mich mein Leben lang begleitet.“ Er trat auch politisch in die Fußstapfen seines Onkels, der sich nach seiner Befreiung in der Ostzone niedergelassen hatte.

Kein leichtes Unterfangen in der westfälischen Provinz. Er rief mit Freunden die Freie Deutsche Jugend (FDJ) im Landkreis Lübbecke ins Leben. Bei seinem Ausbilder eckte das linke Blauhemd natürlich an, als er 1948 im Alter von 15 Jahren eine Schreinerlehre anfing: „Mein Ausbilder war ein alter Nazi“, so Hoffmeister.

Als er mit tausenden anderen westdeutschen FDJ-Mitgliedern Pfingsten 1950 zum ersten „Deutschlandtreffen der Jugend für Frieden und Völkerfreundschaft” nach Berlin wollte, verweigerten sie ihm die eine Woche Urlaub. „Ich bin trotzdem gefahren“, berichtet Hoffmeister.

Nach seiner Rückkehr habe niemand in der Firma ein Wort darüber verloren. „Sie hätten mich ja rausschmeißen können. Aber ich glaube, dass ihn meine Entschlossenheit beeindruckt hat“, mutmaßte Hoffmeister 2015. Doch Freunde hatten die paar FDJler im Ort nicht: „Als wir mit unseren Blauhemden im Kino waren, sind wir rausgeworfen worden.“

Als Landwirt in die Ostzone:  „Kommste rüber und übernimmst den Hof“

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Archivfotos aus seinem Leben. Auf der Arbeit am Hafen 1953
Willi Hoffmeister auf der Arbeit im Dortmunder Hafen 1953.

Das motivierte Hoffmeister auch, seinen Onkel in der Ostzone zu besuchen. Dieser hatte sich bei Schwerin als Landwirt niedergelassen. „Der war zäh wie nur irgendwas. Aber die Arbeit machte ihm zu schaffen“, berichtete Hoffmeister im Interview. „Kommste rüber und übernimmst den Hof“, lockte ihn Onkel Franz, der durch die sogenannte Bodenreform – die Enteignung der Großgrundbesitzer durch die DDR – einen kleinen Hof bei Schwerin bekommen hatte.

Eineinhalb Jahre arbeitete Hoffmeister dort. „Landwirtschaft kannte ich schon zu Hause. Aber ich bekam keine Zuzugserlaubnis.“ Die DDR-Kader wollten, dass Hoffmeister im Westen blieb: „Ich sollte mich nicht ins gemachte Nest setzen dürfen.“ Also kam Hoffmeister – nun als Flüchtling – zurück nach Nordrhein-Westfalen. Er landete im Lager Unna-Massen.

Neustart als 18-Jähriger Flüchtling in der Dortmunder Nordstadt

Willi Hoffmeister hat schon immer gerne „heiße Eisen“ angepackt. Archivfoto: Klaus Hartmann

Der 18-Jährige versuchte 1951 in Dortmund sein neues Leben aufzubauen. Nach diversen Gelegenheitsjobs fand er eine feste Stelle bei der Westfälischen Speditionsgesellschaft im Dortmunder Hafen. „Da habe ich zwei Jahre hart malocht.“

Doch dann kam überraschend ein Jobangebot, dass das Leben des Neu-Nordstädters gründlich veränderte: „Von einem Tag zum anderen kam ich im Juli 1954 ins Stahlwerk 2 der Westfalenhütte. Ich war in der Gießhalle in der Produktion eingesetzt. Ich dachte, da stürzt die Welt über mir ein.“

Das passierte natürlich nicht – veränderte aber seine Welt. Nicht die Hitze oder die bessere Bezahlung. Es war der Kollegenkreis, in den der junge Hoffmeister hineinwuchs: „Hier gab es eine stark politisierte Belegschaft. Das kannte ich vorher nicht.“ Schon vorher war er Mitglied in der Gewerkschaft ÖTV. Im Stahlwerk wechselte er nun in die IG Metall – seine Heimat bis zum Tod.

Prägende Zeit bei Hoesch: Aktivitäten als Vertrauensmann und Betriebsrat

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Archivfotos aus seinem Leben. Protestveranstaltung gegen Arbeitslosigkeit und Aussperrung. Alter Markt Dortmund, 1978. Hoffmeister in der Mitte mit Helm
Willi Hoffmeister als Betriebsrat von Hoesch: Protestveranstaltung gegen Arbeitslosigkeit und Aussperrung 1978.

Nicht nur für Geld und Arbeitszeit, auch für gesellschaftlich relevante Fragen ging die Belegschaft auf die Straße. Hoffmeister ging in der ehrenamtlichen Arbeit völlig auf. 1967 wählten ihn die Kollegen zum Vertrauensmann der IG Metall, 1978 wurde er Betriebsratsmitglied.

Er suchte in der Sache immer den Schulterschluss, um Mehrheiten zu organisieren – auch wenn er parteipolitisch andere Wege ging. Als „rote Socke“ und DKP-Mitglied war er es gewohnt, bei Wahlen zu verlieren. Nur einmal errang er ein kommunalpolitisches Mandat: 1999 bis 2004 war er Bezirksvertreter in der Nordstadt – für das „Linke Bündnis Dortmund“.

Im Betrieb war das anders: 1978 wurde er als Betriebsrat gewählt und bekam die Zuständigkeit für den Sozialbereich mit Abteilungen wie den Kantinen, der Werksschänke und der Bücherei. Eine große Umstellung: Plötzlich war Hoffmeister quasi allein unter Frauen. „Ob ich das überlebe?“, sagte er lachend. Es wurden neun Jahre. „Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich habe mich da ziemlich reingefuchst.“

Ein kommunistischer Betriebsrat mit dem Blick fürs große Ganze

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Archivfotos aus seinem Leben. Protest gegen Berufsverbote 1975, Hoffmeister, rechts
Willi Hoffmeister beim Protest gegen Berufsverbote 1975.

Denn sein Bereich war kein leichter: 16 Einzelkantinen mit den unterschiedlichsten Schicht- und Urlaubsplänen. „Es war eine lehrreiche und anstrengende Zeit. Wir hatten ein tolles Verhältnis.“

Ihm ging es immer um ein größeres Ganzes: „Erzähl uns nichts von der Situation im Stahlwerk, sondern von der Werkskantine“, bekam er auf seiner ersten Abteilungsversammlung zu hören.

Eine Forderung, die er klar zurückwies: „Ohne die Martinöfen haben wir auch in der Werksschänke bald keine Öfen mehr“, warb er für einen Blick über den Tellerrand.

Daher setzte er sich auch dafür ein, dass sich die Frauen an den Streiks und Demonstrationen beteiligten – ebenfalls ein Novum auf der Westfalenhütte. Am 1. Mai 1990 ging er in Rente.

Stahlwerker sorgten für die Schließung des FAP-Parteibüros von „SS-Siggi“

Der Einsatz der Hoesch-Belegschaft bei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen machte Hoffmeister immer stolz: So wie damals, als unzählige Kollegen in die Schlosserstraße marschiert sind, um gemeinsam zu verhindern, dass die rechtsextreme  – und kurze Zeit später verbotene – „Freiheitliche Arbeiter-Partei“ (FAP) ihr Parteibüro eröffnen konnte.

Deren Galionsfigur war damals wie heute Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt. Bis zuletzt engagierte sich Hoffmeister im Bündnis gegen Rechts und im Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) gegen Neonazis. Antifaschismus und Frieden – für ihn gehörte das damals wie heute zusammen.

Jahrzehntelanger Einsatz für eine gerechtere Welt – innerhalb und außerhalb der Westfalenhütte

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Archivfotos aus seinem Leben. In der Pause mit Arbeitskollegen 1973, Hoffmeister, links
Willi Hoffmeister (links) in der Pause mit Arbeitskollegen bei Hoesch 1973. Fotos: privat

„Du bist Kommunist? Dann bekommen wir ja bald mehr Geld“, wurde sein erster Auftritt als Betriebsrat 1978 kommentiert.

Ja, Hoffmeister war Kommunist. Auch da blieb er bis zum Schluss. Er stand zu seiner DKP-Migliedschaft. Auch wenn er viele Vorstellungen von damals in den vergangenen Jahren revidieren musste.

„Für mich war die sozialistische Staatengemeinschaft – nach der Niederschlagung des Faschismus – die Grundlage für eine andere gerechtere Gesellschaftsordnung“, erklärte Hoffmeister 2015.

„Für mich war die DDR damals der Inbegriff eines zukünftigen antikapitalistischen Deutschlands und eine Wiedervereinigung nur auf dieser Grundlage vorstellbar“, erklärte er. „Mensch mag mir Blauäugigkeit vorwerfen. Wenn ich nach der nicht nach meinen Vorstellungen stattgefundenen Wiedervereinigung zurückschaue – stimmt das sicher an vielen Punkten.“

„Meine politische Überzeugung hat viele Federn lassen müssen.“

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Archivfotos aus seinem Leben. Bei einem Kinderfest in der Woldemey-Siedlung in Dortmund-Derne
Willi Hoffmeister bei einem Kinderfest in der Woldemey-Siedlung in Dortmund-Derne.

Seine Sichtweisen und sein Vertrauen in viele der staatsführenden Personen der DDR habe er revidieren müssen, nachdem er sich als Rentner intensiv mit der Zeit von 1945 bis 1990 anhand vieler Schriften, Dokumente und auch Gespräche mit dieser Zeit befasst hatte.

„Meine politische Überzeugung hat viele Federn lassen müssen. Aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die ,real existierende kapitalistische Gesellschaftsordnung’ nicht der Weisheit letzter Schluss ist“, betonte der damals 81-Jährige entschlossen im Nordstadtblogger-Interview.

Jede und jeder, der nicht vollkommen blind sei, müsse doch erkennen, dass 1990 nicht der totale Friede ausgebrochen sei, sondern Kriege, Terror und Gewalt Millionen von Menschen mittlerweile zu Flüchtlingen gemacht hätten. „Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer weiter – der Luxus der einen ist der Tod der anderen.“ Diese Worte sind auch heute noch aktuell.

Ostermarsch der Friedensbewegung ist auch weiterhin aktuell – Das Engagement geht auch im Alter weiter

Willi Hoffmeister, ehemaliger Betriebsrat Hoesch und Urgestein des Ostermarsch Ruhr. Archivfotos aus seinem Leben. Beim Ostermarsch, Anfang der 1980-jahre
Der engagierte Friedensaktivist Willi Hoffmeister bei einem Ostermarsch Anfang der 1980-Jahre.

Daher war für ihn der Ostermarsch Rhein-Ruhr immer zeitgemäß. Seit 1961 hatte er fast alle mitgemacht – und mehr als 30 Jahre auch mitorganisiert. „Mein ganzes Leben stand im Kampf gegen die Bombe. Natürlich waren wir 1983 mehr.“

Das war der Höhepunkt der Friedensbewegung, die auch die Grünen in die Parlamente spülte. „Aber wir waren auch schon mal weniger.“ Ihn versöhnte es, dass ein Drittel der Teilnehmer junge Leute sind, die neu dazu kommen. Außerdem gebe es immer wieder neue und zeitgemäße Ansätze, wie das Bündnis „Krieg ist kein Funsport“ anlässlich der Jugendmesse YOU in Dortmund unter Beweis stellte.

Aber auch die immer gewalttätiger werdende Neonazi-Szene ließ Hoffmeister nicht ruhen. Er engagierte sich weiter – auch im hohen Alter.

„Wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass sich die Menschheit eines Tages von all den Ungerechtigkeiten, von all den eigenen Unzulänglichkeiten befreien wird, würde ich heute meinen Einsatz dafür aufgeben“, sagte Willi Hoffmeister fast schon trotzig. Als Gewerkschafter, Antifaschist und ja – als Kommunist. Er kämpfte weiter für einer gerechtere und friedlichere Welt. Bis zum Schluss. Jetzt müssen andere den Kampf weiterführen….

 

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Kommentare

  1. Ulrich Sander

    Der Marsch für den Frieden ist nicht zu Ende – Zum Tod der Friedenskämpfers und Arbeiterführers Willi Hoffmeister – Ein leider notwendiger weiterer Kommentar von Ulrich Sander

    Am Dienstagnachmittag kam in der Dortmunder Innenstadt eine Fahrraddemo der Friedensbewegung an, die von Bielefeld bis nach Kalker am Niederrhein führt. Auf der Zwischenkundgebung wurde der Gruß eines Mannes verlesen, der sonst stets bei solchen Aktionen vorneweg dabei war. Willi Hoffmeister schrieb uns von seinem Laptop aus den Krankenhaus. Gestern erfuhren wir, dass er 88jährig verstorben war als seine Worte an unsere Ohren drangen. Ihm war noch am Wochenende eine Ehre zuteil geworden, die ungewöhnlich ist. Er schrieb uns dazu: „Ich habe mich gefragt, ob ich das Bundesverdienstkreuz am Band annehmen sollte, und ich machte der DGB-Vorsitzenden und dem Bürgermeister, die an mein Krankenbett kamen, deutlich, dass ich eine solche Ehrung nicht für mich annehme, sondern nur für uns alle.“ Wir waren tief bewegt.

    Die Ehrung für Willi, dem Gewerkschafter, Kommunisten, dem Friedens- und Antifa-Aktivisten war vom DGB Region Dortmund vorgeschlagen worden. Die DGB-Regionalvorsitzende Jutta Reiter dankte Willi für sein Bemühen um die Gemeinsamkeit der Friedensleute, um die Verbindung von Gewerkschaftsarbeit mit dem Engagement für „Antimilitarismus sowie Antifaschismus, denn das sind deine Antriebsfedern.“ Er war IG Metall-Betriebsrat in der Westfalenhütte, war Interessenvertreter der Kolleginnen und Kollegen und baute eine bundesweite betriebliche Friedensbewegung auf. Er wusste: Bewegungen für Demokratie und Frieden können nur dann erfolgreich sein, wenn die arbeitenden Menschen in den Betrieben einbezogen werden.

    Willi Hoffmeister hatte die Schrecken des Kriegs noch erlebt. Sein von ihm verehrter Onkel, der kommunistische Arbeiter Franz Urbanski kam nach elfjähriger Haft aus dem KZ zurück. Er gab Willi mit auf den Weg: „Junge, tu alles, damit es nie wieder zu Faschismus und Krieg kommt.“ Willi: „Das hat mich mein Leben lang geleitet.“ Der Onkel war gesundheitlich schwer angeschlagen. In einem Dorf bei Schwerin bekam dieser Onkel einen Neubauernhof zugewiesen – und kam damit nicht zurecht. Willi und seine Eltern halfen. Sie verkauften ihre Habe und ihr Haus in Ostwestfalen und zogen in die DDR zu jenem Onkel. Doch sie bekamen keine dauerhafte Zuzugsgenehmigung, die Behörden in der DDR meinten, der Platz der Hoffmeisters sei im Westen, und ihre Hilfe für den Onkel musste eingestellt werden. Willi wäre sehr gern Bauer geworden.

    Wieder im Westen stand die Familie vor dem Nichts. Willi ging daher nach Dortmund. Er war Schreiner, wurde Hafenarbeiter, dann Stahlarbeiter. Jede Mark, die irgendwie übrig war, ging zu den Eltern, damit sie das Haus wieder erlangen konnten.

    Der Ostermarsch, in dessen Reihen er seit 1961 an Rhein und Ruhr in vorderster Reihe marschierte, war über 60 Jahre sein wichtigstes politisches Projekt. Er war ein Kämpfer für die Aktionseinheit der Linken. Als Parteivorstandsmitglied der DKP bis 1990 war er nicht nur bei seinen Genossen hoch anerkannt.

    Als Willi Hoffmeister im März 2011 eine Ausstellung über 50 Jahre Ostermarsch in der Nahe dem Dortmunder Rathaus eröffnete, ließ es sich der Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) nicht nehmen, sich erneut in diese Friedensbewegung einzureihen und den Ausstellungsmacher und Kommunisten Willi Hoffmeister zu würdigen: „Mein Dank geht an Willi Hoffmeister und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Ich hoffe, dass diese Ausstellung viele Menschen anlockt und motiviert, sich weiterhin oder auch erstmalig für den Frieden und gegen Krieg zu engagieren. Denn der Marsch ist noch nicht zu Ende, und er muss weitergegangen werden – das ist die Verantwortung, die wir für unsere Welt tragen.“

    Willi war ein Meister des Leserbriefes. Er konnte damit seine Gedanken knapp gefasst auch in nicht linke Medien tragen. Er schrieb mir kürzlich, was er zu Papier brachte, ohne dass es leider veröffentlicht wurde. Ich freue mich, über das ND Willis Gedanken doch noch in den Druck geben zu können: „20 Jahre Krieg in Afghanistan haben dem Land keinen Frieden und Fortschritt gebracht. 12,5 Milliarden (ohne die Milliarden an Nebenkosten) wurden verpulvert. Schluss mit den Auslandseinsätzen in aller Welt – Abrüsten statt Aufrüsten – die Mehrzahl der BundesbürgerInnen fordert das.“

    Ja, lieber Willi, wir werden weiter in diesem Sinne streiten.

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