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„Wir lassen nix über, alles wird verwertet“ – Achtsamkeit im Umgang mit Lebensmitteln rund um den Borsigplatz kultiviert

Am „Chancen-Café 103“ in der Oesterholzstraße: nachhaltiges Leben am Borsigplatz. Fotos (8): Thomas Engel

Foodsharing, gemeinsames Kochen, Essen, Workshops, gute Gespräche: Am 26. April feiert die Projektidee „Restlos Glücklich“ im Chancen-Café 103 ab 14 Uhr ihren ersten Geburtstag. Zum Frühlingsfest freut sich die  Kooperationsgemeinschaft „Machbarschaft Borsig11“ und „Tante Albert“ auf alle BesucherInnen, die trotz des prognostizierten Wettereinbruchs den Weg zum Borsigplatz finden sollten. Ebenfalls auf dem Programm: Neueröffnung der Givebox und abschließend ein Konzert von Pele Caster. – Sollte es regnen: für Zelte vor dem Café ist gesorgt.

Das Foodsharing-System erfordert und fördert Kreativität bei allen Beteiligten

Atmosphäre der Ruhe, manchmal

Was „Tante Albert“ am frühen Nachmittag ins „Chancen-Café 103“ an der Ecke Oesterholzstraße/Robertstr. schleppt, ist beachtlich: frisches Gemüse in Mengen, Obst, dutzende Joghurtpötte, und mehr, bis der Kühlschrank platzt.

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Ein guter Tag für alle Beteiligten. Dessen ökologische Bilanz verbessert wurde: was hier in den nächsten Stunden als Zutaten in den Töpfen der Kreativ-Küche schmoren, garen, was auch immer wird, wäre ansonsten vermutlich in der Tonne gelandet.

War aber nicht so, und das hat etwas mit gezielter Selbstorganisation zugunsten der Umwelt tun – durch Foodsharing. Neben Tante Albert u.a. mit von der Partie in dem Dortmunder Netzwerk: die Machbarschaft Borsig11.

Marlene Paul: beim kreativen Kochen gern dabei

Foodsharing, das bedeutet für die Aktiven auch: Schonung natürlicher Ressourcen durch klug organisiertes Verteilen übriggebliebener, unverkäuflicher Lebensmittel. Praktisch erledigen das sog. Food-Saver und Fair-Teiler: sie sammeln überschüssige Nahrung, um sie zur Neuverteilung und geschützt vor Verfall kurzzeitig zwischenzulagern. So wie im Café 103.

Allerdings können hungrige Münder in diesem System der Lebensmittelrettung nur selten so gestopft werden, wonach ihnen just gelüstet.

Das macht aber nichts, im Gegenteil. Denn die ungewollte Auswahl erfordert und fördert Kreativität zur Komposition für den Gaumen. Es bildet sich die Kunst aus, ohne größeren Aufwand etwas Leckeres aus dem zufälligerweise Vorhandenen zu zaubern.

Gerade in einer multikulturellen Community ist Foodsharing bestens aufgehoben

Das wird in dem Café unweit des Borsigplatzes durch einen „natürlich“ vorhandenen Ideenpool erleichtert.

Die BesucherInnen aus der Nachbarschaft und von woanders erfüllen alle Kriterien an ein genuin internationales Publikum: selten, dass eine Muttersprache hier gleich mehrfach vertreten ist; zuweilen ist es Babylon pur, was einem da entgegenschwirrt.

Und diese Vielfalt ist produktiv, weil sich durch sie kulturelle Wissensstücke durch Rekombination miteinander potenzieren können.

Das Team um „Restlos Glücklich“

Hinzukommt: Fressen oder Völlerei sind nicht angesagt. Sondern in der multikulturellen Kreativ-Küche gilt: „Essen ist ein Bedürfnis, Genießen ist eine Kunst“, lautet der gepflegte Aphorismus von La Rochefoucauld dazu. Darin steckt eine zutiefst soziale Komponente: denn wer wollte dies schon allein können müssen?

In diesem Sinne ist die regelmäßige Einladung der „Machbarschaft“ zum gemeinsamen Kochen und Essen in der entspannten Atmosphäre des 103 auch eine zur Nährung der Seele – zum „Soulfood“, so die liebevolle Bezeichnung für jene Nachbarschaftsgastronomie, die von dienstags bis donnerstags in der Kreativen Küche des kulturellen Zentrums inmitten des Borsigplatzquartiers ihren Platz gefunden hat.

„Restlos Glücklich“: Glücklich-sein, auch ohne Nahrungsmittel auf den Müll zu werfen

Mit dem Machbarschaftsprojekt „Restlos Glücklich“ – geleitet wie maßgeblich mitentwickelt von Caro Fugazzi (Bildende Künstlerin und Vorstand der Kulturmeile Nordstadt) – ist diese gleichsam auch durch den Magen gehende Integrationskonzeption noch einmal gestärkt worden.

Und dies durchaus im Trend der Zeit: nach einem Vorstoß der Bundesregierung vor einigen Wochen soll die bestehende Lebensmittelverschwendung bekanntlich bis 2030 halbiert werden.

Unabhängig von Güte und Ernsthaftigkeit solcher vollmundigen Vorhaben aus Berlin über das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft – siehe die fortgesetzte Verfehlung der Klimaziele – betont die Machbarschaft einen praxiswirksamen Grundsatz.

Zeichen für den Gründungsmythos der „103“ an der gegenüberliegenden Straßenkreuzung. Foto: Borsig11

Dass den ökologischen und ökonomischen Folgen des Wegschmeißens von Lebensmitteln dort lösungsorientiert begegnet werden müsse, wo sie beginnen: lokal, bei den VerbraucherInnen, die wir alle sind.

Ergo: bei sich selbst anzufangen, ist eine gute Idee. In dem Projekt wird versucht, aus wenigem, das als Abfall zudem überflüssig zu sein scheint, viel zu machen: aus den je saisonalen und regionalen Zutaten mit Phantasie und Händchen gemeinsam etwas Schmackhaftes zuzubereiten.

Wie das geht, soll morgen, Freitag, 26. April, ab 14 Uhr, beim Frühlingsfest im Café 103 allen BesucherInnen mit einer typischen „Kochshow“ vorgeführt werden. Das Format, moderiert von Caro Fugazzi, ist bereits zu einer Institution geworden und findet regelmäßig jeweils am Freitag statt. Wer ein paar Zutaten – für irgendein Rezept – mitbringt, wird kostenfrei verköstigt. Was gekocht wird, entscheidet das Los.

Ein solidarisches Netzwerk rund um den Borsigplatz, das im Hier und Jetzt steht

An diesem Freitag erwartet die BesucherInnen aber noch einiges mehr; im Prinzip ein grober Querschnitt aus den vielfältigen Angeboten zum Einstieg in mehr Selbsttätigkeit, den die Machbarschaft Borsig11 AnwohnerInnen seit vielen Jahren immer wieder ermöglicht.

Wie sie denn auf das „Restlos-Glücklich“ gekommen seien, will Nordstadtblogger von Guido Meincke aus dem Vorstand des Vereins wissen. Denn wer ist schon „restlos glücklich“, wie das Projektmotto locker behauptet?

Doch die Fragerichtung führt lediglich auf einen Seitenweg: „Wir lassen nix über, alles wird verwertet“, stellt der Mitbegründer des Vereins klar: das sei der eigentliche Aufhänger gewesen.Als sie zusammensaßen, um den Kind einen Namen zu geben.

Glücklich – auch und gerade ohne Lebensmittelreste im Müll, und dann vor allem die Weise, wie dies geschieht. Dadurch der Aufbau einer solidarischen Lokalgemeinschaft, ein Netzwerk gegenseitiger Unterstützung und Verbundenheit – klar.

Und dann sprüht auch noch was rüber von der Lebensfreude, die stets von dem bunten Völklein in dem Kulturcafé ausgeht: „Das Goldene Zeitalter, das ist jetzt, nicht gestern, nicht morgen.“ Von daher passe es zusammen, sich selbst ein bisschen zu feiern, so der motivierte Aktivist.

Kultivierung innerstädtischer Brachen und Antizipation gelebter Utopie: ein Gemeinschaftsgarten

Gemeinschaftsgarten Tante Albert. Foto: Alex Völkel

Und „Tante Albert“? – Das ist heute Julia, die den gleichnamigen Gemeinschaftsgarten vertritt. Angelegt wurde er auf einer ehemaligen Brachfläche in der Nähe des Borsigplatzes, an der Albertstr. eben. Es bleibt abzuwarten, was draus wird.

Begrünen, Kultivieren, wo sonst nur Ödnis wäre, mitten in der Stadt, das war sicherlich nicht der schlechteste Einfall. Schlimmer als zuvor hätte es kaum werden können. – Es wurde viel, viel mehr.

Entstanden ist eine kleine Werkstatt für lokale Utopie. Auf dem Programm des für alle offenen Projekts steht: „Ökologische Bildung, Urbanes Gärtnern, Foodsharing, Umsonstladen, Workshops, Skillsharing, Veranstaltungen, kulturelles und soziales Zusammentreffen.“

Doch es gibt Interessen, mächtige Interessen. Das Grundstück gehört zu Vivawest, dem 2011 aus THS und Evonik-Immobilien entstandenen Wohnungsunternehmen mit einem Umsatz, der 2018 erstmals die Grenze von einer Milliarde Euro überschritt, und das bereits seine Ansprüche auf die Brachfläche angemeldet hat.

Ein Konzern, der ein Kaliber darstellt, dem gegenüber eine Grassroots-Initiative nur hoffen kann, dass sich beteiligte Chefetagen durch ihr Entgegenkommen in der Sache etwas versprechen. Etwa auf öffentlichkeitswirksame Imagepflege bauen und daher vielleicht gewillt sind, etwaig entstehende Gewinnverluste bei Überlassung des Geländes in die Kostenaufstellung der Marketingabteilung zu verschieben.

Die jetzige Nutzung des Grundstücks durch die AktivistInnen erzeugt Gegenbilder. Zur begrifflichen Illustration dessen, was Tante Albert ist, wird in einem Video auch schon Mal von einer „Weise des idealen Seins“ gesprochen; andere sehen Freiräume, die, je größer, desto mehr an gelebter Utopie zuließen. – Julia wird jedenfalls am Freitag in ihrem Workshop mit den TeilnehmerInnen unter anderem Sonnenblumensamen säen.

Das Programm am Freitag, 26. April 2019, ab 14 Uhr im Chancen-Café 103 (Oesterholzstr. 103):

Pele Caster – Indie-Rock-Band aus Dortmund

  • 14:00 Uhr Gemeinsames Kochen in der Kreativen Küche 103; musikalische Begleitung: Kalle Moosherr & friends
  • 15:00 Uhr Neueröffnung der Borsig11 Givebox; Sonnenblumensamen säen mit Tante Albert und Frau Lose
  • 16:00 Uhr Kosmetik-Workshop mit Marlene Paul
  • 17:00 Uhr Brotaufstriche selbst gemacht mit Birgitt Schuster
  • 18:00 Uhr Abendessen
  • 19:30 Uhr Konzert: Pele Caster

 

 

Weitere Informationen:

  • „Restlos Glücklich“ ist ein Projekt von Machbarschaft Borsig11 e.V. / 103 / Tante Albert, gefördert durch den Fonds Nachhaltigkeitskultur beim Rat für nachhaltige Entwicklung
  • Zum Gründungsmythos der „103“; hier:
  • Zum Projekt „Restlos Glücklich“ bei Borsig11; hier:
  • Das Foodsharing-Netzwerk; hier:
  • Die Initiative „Tante Albert“; hier:
  • Initiative „Frau Lose“; hier:
  • Zu den Plänen der Bundesregierung, die Lebensmittelverschwendung zu verringern, ein Bericht in der ARD; hier:
  • Deutsche Umweltstiftung, Kampagne #Kaufnix; hier:
  • Homepage Pele Caster; hier:
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