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Stärkere Ausgrenzung von Obdachlosen durch Corona-Folgen: Initiative „Face2Face“ unterstützt Bedürftige in Dortmund

Die Initiative „Face2Face“ unterstützt bedürftige Menschen in Dortmund. Archivfoto: NSB

Seit über einem Jahr befinden wir uns in einer Pandemie, die das alltägliche Leben eines jeden stark einschränkt. Vor allem bedürftige Menschen, die teilweise auf der Straße leben, sind auf Unterstützung durch Ehrenamtliche so stark wie nie zuvor angewiesen. Viele Menschen und Vereine helfen. Auch die gemeinnützige Organisation „Face2Face“ unterstützt seit März 2020 Dortmunder*innen, die nicht über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, und stellt ihnen beispielsweise Lebensmittel und Hygieneartikel zur Verfügung.

50 junge Menschen der Organisation Face2Face aus Dortmund kümmern sich um Bedürftige

Schüler der Schule am Hafen helfen in der Tafel an der Haydnstraße

Viele Menschen brauchen Unterstützung und viele Vereine helfen – so auch die Dortmunder Tafel. Archivfoto: Klaus Hartmann

Im März letzten Jahres, zu Beginn der Pandemie und den daraus resultierenden Schließungen von Hilfseinrichtungen, starteten junge Leute in Dortmund die Aktion. Sie fuhren mit Fahrradanhängern durch die Stadt und versorgten Bedürftige mit Lebensmitteln sowie Hygieneartikeln. ___STEADY_PAYWALL___

Durch Gespräche sowie Begegnungen mit den Betroffenen bemerkten die jungen Menschen schnell, dass nicht nur die Versorgung, sondern auch die systematische Diskriminierung von wohnungslosen Personen ein Grundproblem darstellt.

Das Engagement des Teams von „Face2Face“ zielt auf zwei zentrale Themen: Bewahrung von Würde sowie Schutz vor Diskriminierung. Dies politisiert zwingend seine Arbeit: ob über soziale Netzwerke, Reden auf Demonstrationen oder durch Vorträge. Mittlerweile besteht die gemeinnützige Organisation aus 50 Personen mit einem Altersdurchschnitt von 25 Jahren.

Engagement der Ehrenamtlichen aus dem Kollektiv kommt bei Bedürftigen ausgezeichnet an

Zwischen den ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen des Kollektivs und den Betroffenen ist eine persönliche Beziehung entstanden: „Die Menschen merken, dass wir die Begegnung auf freiwilliger Basis und aus eigener Veränderungsmotivation heraus suchen und das ist eine schöne, persönliche Ebene. Viele persönliche Bekanntschaften sind schon entstanden. Die Menschen merken auch, dass wir uns Zeit nehmen für Gespräche und ehrliches Interesse haben“, betont Jennifer Saß.

Essensausgabe bei der Winternothilfe – hier waren die Vereine Gast-Haus, Kana, bodo und Wärmebus aktiv. Archivfoto: Michael Bodin

Zudem stößt das politische Engagement des Kollektivs auf reges Interesse, was an der guten Beteiligung von Betroffenen bei der Ideensammlung sowie Formulierung von Forderungen deutlich wird. Ein wichtiger Erfolg für die Organisation: denn die betroffenen Menschen wissen durch ihr Leben am besten darüber Bescheid, was sich dringend und konkret ändern muss.

Und die Hilfsbedürftigen in der Innenstadt greifen auch gerne auf das Angebot der „Face2Face“-Initiative zurück. Vor allem Masken, Obst, Kaffee sowie Lunchpakete werden liebend gern angenommen. Im Winter bei Temperaturen um die null Grad werden zudem Schlafsäcke und warme Kleidung benötigt.

Allerdings gestaltet sich die Kommunikation mit einigen Betroffenen oftmals schwierig. Es ist das fehlende Vertrauen gegenüber fremden Menschen, das hier eine Rolle spielt; des Öfteren kommt Misstrauen auf – auch in Abhängigkeit vom Zustand, in dem sich eine Person befindet, sowie deren lebensweltliche Erfahrungen.

Eigene Privilegien nutzen“ lautet das Motto der „Face2Face“-Initiative

Man kann sich glücklich schätzen, wenn man so privilegiert lebt, dass man Zugang zu Lebensmitteln oder Hygieneartikeln hat. Nicht jeder Mensch hat den „Segen“ – auch nicht in Deutschland -, ausreichend Geld zur Verfügung zu haben, um beispielsweise einkaufen zu gehen.

Obdachlose freuen sich über Spenden jeder Art. Foto: Leopold Achilles

Eine wichtige Erfahrung der „Face2Face-Gruppe“ (die auch viele andere Aktive von Hilfsorganisationen bestätigen können): Helfen bereitet Freude! Die jungen Leute haben auf diese Weise erfahren, dass das Engagement zur Unterstützung von Mitmenschen genauso wertvoll sein kann, wie die verausgabte Zeit und Kraft für sich selbst zu beanspruchen.

Ein weiterer Effekt: Viele der jungen Unterstützer*innen wurden noch nachdenklicher, als sie eh schon waren. Es sind Themen wie sozialen Ungleichheit, Diskriminierung und deren gesellschaftliche Dynamik, mit denen sie sich bald näher befassten. Es geht um Einblicke hinter die Kulissen: dort, wo ein privilegierter Mensch nicht hinsieht bzw. eigentlich nicht hinsehen kann.

Gesellschaftliche Kommunikation ist für die Mitglieder der Initiative wichtig, um sozialer Exklusion entgegenzuwirken. Das gilt auch für die Gruppe selbst: „Den Gruppenprozess einer selbstorganisierten Gruppe mitzuerleben, ist toll und macht viel Spaß“, weiß Jenny Saß.

Für sie ist klar: Zwischen privilegierten Menschen und Bedürftigen besteht eine ungleiche Verteilung von Macht. Letztere haben weniger Ressourcen, Zugänge, Einfluss. Viele möchten sich einsetzen, um die Gesellschaft mitzugestalten, jedoch ist dies in ihrer Situation kaum möglich.  „Es ist weder gut, sich auf den eigenen Privilegien auszuruhen, noch diese abzulehnen. Wir sollten sie nutzen“, betont die Aktivistin. Auch und besonders mit Blick auf jene Menschen, welche nicht wertschätzen können, was ein Privileg ist.

Organisation des Konzepts erfordert viel Zeitaufwand- Umsetzung von Solidarität in die direkte Praxis

Die Kerngruppe von „Face2Face“ investiert viel Zeit in Planung, Organisation, Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit, interne Prozesse oder Touren. Ihre Intention ist es, etwas zu verändern. Der momentane Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen ist für sie inakzeptabel. Was „Face2Face“ befördern möchte: einen solidarischeren Umgang miteinander. Und: Menschen nicht anhand ihrer finanziellen Möglichkeiten zu kategorisieren, sondern auf den Charakter einer Person zu schauen, da die meisten der Betroffenen nichts für ihre Situation können.

Sieben Tage die Woche kümmern sich Ehrenamtliche um die Versorgung von Obdachlosen. Fotos: Alex Völkel

Essensausgabe bei der Winternothilfe – hier waren die Vereine Gast-Haus, Kana, bodo und Wärmebus aktiv. Archivfoto: Alex Völkel

Viele der ehrenamtlichen Aktivist*innen leben sparsam und können es sich mithin leisten, Zeit ins Ehrenamt anstatt in Erwerbsarbeit zu investieren. Ein Großteil studiert soziale Arbeit, sodass ihre soziale Tätigkeit gut mit dem Studium verknüpft werden kann. Den Umfang des Engagements können sie sich selbst aussuchen. Die Organisation freut sich über jede noch so kleine Hilfe.

Das Kollektiv finanziert sich ausschließlich über Spenden. Jede finanzielle Unterstützung ist herzlich willkommen und wird sinnvoll in Hilfen für die Zielgruppe von der Straße gesteckt. Die Kana Suppenküche unterstützt das Kollektiv durch Sachspenden. Zudem haben die jungen Leute bereits einige Wettbewerbe gewonnen. Honorare von Vorträgen fließen ebenfalls in ihre Arbeit ein. Alle sind übrigens herzlich zum Mitmachen bei der gemeinnützigen Organisation eingeladen, sofern das Leitbild von „Face2Face“ respektiert wird.

Die auszuführenden Aufgaben kann jede*r Interessierte sich frei aussuchen. Ebenso die Zeit, die man in das Projekt „investieren“ möchte. Es gibt ein breites Angebot von Tätigkeiten wie Einkaufen, Wagen packen und Verteilen – bis hin zu bürokratischer Arbeit, Öffentlichkeitsarbeit sowie Finanz-, Politik- und Foodsharing-Arbeitsgemeinschaften. In regelmäßigen Sitzungen der Gruppe werden der „Stand der Dinge“ sowie Veränderungen, die vorgenommen werden sollten, besprochen.

Weitere Informationen:

  • Kontaktmöglichkeit sowie Spenden: Mailadresse: face2face@riseup.net; Instagramseite: face2face_dortmund­
  • Spenden an: Hannah Fischer, IBAN: DE10500310001079801000 ,Verwendungszweck: Face2Face

 

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