
Bei Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt versammelten sich am 7. Januar 2025 Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten zu einer Mahnwache im Osten der Dortmunder Innenstadt. Gemeinsam erinnerten sie an die Absprachen zwischen der NSDAP und bedeutenden Vertretern der Großindustrie vor 93 Jahren. Als Mahnung für die Zukunft fordern sie eine Erinnerungstafel am Ort des damaligen Geheimtreffens und warnten zugleich vor den Gefahren, die vom Erstarken des Rechtspopulismus ausgehen.
Großindustrielle aus dem Ruhrgebiet wollten Einfluss auf die Politik nehmen
Unter dem Motto „Kapital und AfD geeint – Protest aus Anlass des Jahrestages der Vereinbarungen von Kapital und Nazipartei im Januar 1933“ hat die VVN-BdA zu einer Mahnwache an der Dortmunder Hainallee/Eintrachtstraße aufgerufen. An dieser Stelle befand sich die Villa der Industriellenfamilie Springorum. Heute ist hier ein öffentlicher Park.

Auf dem Anwesen der Springorums, deren Oberhaupt Friedrich und sein Sohn Fritz lange Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg die Geschicke des Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch bestimmten, tagte vor 93 Jahren die geheime Ruhrlade. Diese Vereinigung von Großindustriellen wollte Einfluss auf die Politik der Weimarer Republik nehmen.
Gemeinsam mit dem ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen berieten sie über die Machtübertragung an Hitler und die NSDAP. Von Papen wurde am 30. Januar 1933 unter Hitler auch Vizekanzler. Zu diesen Geschehnissen hielt Helmut Manz, Vorstandsmitglied der VVN-BdA Dortmund, eine Rede. Dabei zog er Parallelen zu aktuellen politischen Ereignissen.
Ulrich Sander: „Man darf nicht warten, bis der Schneeball zur Lawine geworden ist“
Die Großindustriellen hätten sich hinter die NSDAP und den Faschismus gestellt, da diese ihnen wirtschaftliche Sicherheit und Sozialabbau versprochen hätten. „Das Treffen am 7. Januar 1933 war der Todesstoß für die erste Demokratie auf deutschem Boden“, machte Manz deutlich. Heute würden sich Teile der Wirtschaft, etwa in Form des Wirtschaftsverbands „Die Familienunternehmer“, hinter die AfD stellen und versuchen, die gesellschaftliche Brandmauer einzureißen. Nur entschiedener Protest habe dies verhindert. ___STEADY_PAYWALL___

Das Erstarken der AfD bedrohe die Demokratie, erklärte auch Mitorganisator Ulrich Sander den Nordstadtbloggern. „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist“, zitierte Sander Erich Kästner frei. Man müsse der Partei entgegentreten. Dazu gehöre auch die konsequente Durchsetzung der Brandmauer. Aus diesem Grund wolle man mit einem Antrag an den Dortmunder Stadtrat herantreten, um eine Gedenktafel am Ort der alten Villa zu errichten.
Der Vorschlag für die Inschrift lautet: „Hier an der Ecke Eintrachtstraße/Hainallee, in der Villa Springorum, trafen sich am 7. Januar 1933 Franz von Papen und führende Ruhrindustrielle, um die Machtübertragung an Hitler herbeizuführen. Viele Ruhrindustrielle unterstützten bereits vor 1933 die Ziele der Nazis. Sie profitierten von Krieg, Faschismus und Holocaust.“ Bislang hat die Stadt ihre Zustimmung für eine solche Tafel verweigert. Man behält sich daher vor, den Antrag auch an die Bezirksvertretung Innenstadt-Ost zu stellen.
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Reaktionen
Ulrich Sander, VVN-BdA
Der Vorschlag für die Mahntafel stand am 19. Mai 26 auf der Tagesordnung des Ausschusses für Eingaben o.ä. im Ratssaal des Rathauses – und verschwand sofort wieder. Der OB hatte eine Stellungnahme zu dem Vorschlag vom Stadtarchiv übernommen, und er war dann wohl nicht mehr zufrieden damit. Nun soll im Juli neu darüber geredet werden – ob es eine neue Stellungnahme gibt? Die am 19. abgelehnte war wie immer, wenn es um das Thema Erinnerung an die Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945 geht: Nein, Schluss damit. Es wurde ja das Thema zusammen mit dem ganzen Thema „Widerstand und Verfolgung“ aus der Gedenkstätte Steinwache verbannt.Und nun sollte es nicht wieder als Mahntafel an der Hainallee auferstehen. Die Stellungnahme vom 19. war dem OB Kalouti wohl nicht scharf genug. Wer weiß? Antikapitalistische Erinnerungsarbeit darf nicht sein? Wir geben nicht auf.
Übrigens: Am selben Tag sollte in der Bezirksvertretung Scharnhorst – ebenfalls auf Antrag der VVN-BdA – über die Abschaffung der Noskestr. beraten werden. Der SPD-Wehrminister Gustav Noske war im Jahr 1919 mitschuldig am Mord an tausenden revolutionären Arbeiterinnen und Arbeitern und am Tod von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Auch hier schritt die Obrigkeit ein, – das Thema wurde von der Tagesordnung genommen. Auch dazu: Wir bleiben dran.
Ulrich Sander
Der Vorschlag für die Schaffung einer Mahntafel am Standort der ehemaligen Villa Springorum an der Dortmunder Hainallee stand am 19. Mai 2026 auf der Tagesordnung des Ratsausschusses für Bürgerdienste, Eingaben u.a. im Ratssaal des Dortmunder Rathauses. Erinnert wird an die Tagung der geheimen Industriellenvereinigung Ruhrlade am 7. Januar 1933 in Dortmund, bei der der ehemalige rechtskonservative Reichskanzler von Papen (Ex-Zentrum) die Industriellen auf die Kanzlerschaft Hitlers einschwor, wie er es am 4. Januar in Köln mit Hitler vereinbart hatte. An die Tagung in Köln wird mit einer Mahntafel am Ort des Treffens Hitlers mit von Papen und Bankier von Schröder erinnert. Nun soll eine solche Tafel auch in Dortmund geschaffen werden, fordert die VVN-BdA.
Der neue OB Kalouti (CDU) hatte die vom Stadtarchiv formulierte Stellungnahme gegen den Vorschlag der VVN-BdA nicht unterzeichnet, wurde erklärt. Die Stellungnahme wurde daher zurück gezogen. Nun soll am 7. Juli neu darüber befunden werden. Die am 19. Mai auf 7. Juli vertagte Stellungnahme – so wurde jetzt bekannt – ist unverändert. Nun mit Unterschrift des OB. Der Vorschlag der VVN-BdA soll abgelehnt werden. Es ist so wie stets seit Ende der Amtszeit von OB Samtlebe (SPD), wenn es um das Thema Erinnerung an die Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945 geht: An diese Verbrechen darf in Dortmund möglichst nicht erinnert werden. Es wurde bekanntlich das Thema zusammen mit dem ganzen Komplex „Widerstand und Verfolgung“ aus der Gedenkstätte Steinwache verbannt. Und nun sollte es auch nicht wieder als Mahntafel an der Hainallee auferstehen. Antikapitalistische Erinnerungsarbeit darf nicht sein? Wir geben nicht auf. – Übrigens wird die Haltung des Stadtarchivs offenbar von der Landesregierung gesteuert. Es gibt keine Gedenkstätte und keinen Gedenkort in NRW mehr, wo kapitalismuskritisch-antifaschistische Aussagen gemacht werden. Seit langem gibt es für derartiges keine Fördermittel mehr.
Fördermittel gibt es für Veränderungen in den Gedenkstätten wie die in einem neuen Kurzkatalog, der zuletzt in der Steinwache (vor der Schließung) ausgelegt wurde und in dem es hieß: Die Mehrheit der Industriellen hätten sich bis zuletzt für die Parteien entschieden, welche eine Regierung von Reichskanzler von Papen unterstützten. Wörtlich: „Am Ende der Weimarer Republik kommt es zu einem Streit um die Kanzlerschaft zwischen von Papen und General Kurt von Schleicher. Letztlich wird von Papen erneut vom Reichspräsidenten Hindenburg mit der Kabinettsbildung beauftragt, die er am 30. Januar 1933 zum Abschluss bringt – Hitler wird Reichskanzler.“ (Hindenburg hat jedoch Hitler mit der Regierungsbildung beauftragt, es gibt kein Geschichtsbuch, in dem etwas anderes steht.)