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Diskussion über das neue Wohngebiet am Borsigplatz: Wie wichtig ist soziale Durchmischung für die Nordstadt?

Das Concordia-Haus am Borsigplatz mit dem Quartier und der Westfalenhütte im Hintergrund. Foto: Alex Völkel

Der Borsigplatz mit Westfalenhütte im Hintergrund. Westlich der Stahlwerkstraße soll gebaut werden.

In der Nordstadt tut sich baulich viel. Einen großen Schub erwarten sich viele Verantwortliche in der Stadt durch die Weiterentwicklung des Borsigplatzquartiers westlich der Stahlwerkstraße. Bereits 2008 (!) wurde der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan auf dem riesigen Areal der Westfalenhütte gefasst. Doch andere Teilflächen – für die wirtschaftliche Nutzung vor allem im Logistikbereich mit Amazon, Decathlon, Rewe und Co. – wurden bevorzugt entwickelt. Nun soll das zukünftige Wohngebiet angegangen werden. 

Diskussion über das 15 Hektar große Areal – bis zu 800 Wohneinheiten geplant

Ein riesiger Komplex ist auf der Westfalenhütte entstanden. 2000 Menschen arbeiten dort.

Ein riesiger Amazon-Komplex ist auf der Westfalenhütte entstanden – einer von mehreren Logistik-Neuansiedlungen. Archivbilder (2): Alex Völkel

Auf einem 15 Hektar großen und seit fast 20 (!) Jahren nicht mehr genutzten Teilabschnitt der Westfalenhütte westlich der Stahlwerkstraße soll neuer, bezahlbarer und attraktiver Wohnraum entstehen. Erste Planungen wurden vorgestellt (wir berichteten mehrfach). Doch die Umsetzung beschäftigt die politischen Gremien – es gibt kontroverse Stimmen zur Anzahl der Wohneinheiten und der Quote für den öffentlich geförderten Wohnungsbau. ___STEADY_PAYWALL___

Es gibt zwei gegenläufige Grundstimmungen – diese wurden auch in der Bezirksvertretung der Innenstadt-Nord deutlich: Dort lagen verschiedene Vorlagen, Anträge und Anfragen auf dem Tisch. Denn die Planungen sehen mittlerweile bis zu 800 Wohneinheiten vor. 25 Prozent – das sieht eine stadtweit gültige Regelung vor – sollen sozialer Wohnungsbau werden. Die restlichen 75 Prozent sollen frei finanzierte Miet- bzw. Eigentumswohnungen werden. 

So soll – so sehen es zumindest die städtischen Planer*innen –  ein modernes hochwertiges Wohnquartier für vielfältige und unterschiedliche Wohnbedürfnisse entstehen. Auch ein bis zwei Kitas, eine Grundschule, Einkaufsmöglichkeiten mit einem großflächigen Einzelhandel sowie ein Stadtteilpark und viel Durchgrünung werden geprüft bzw. sind vorgesehen. Es soll zudem ein innovatives Mobilitätskonzept geben.

CDU-Kritik an phantasieloser Planung, die die filigrane Blockrandbebauung nicht abbildet

Neben viel Grün soll auch eine Fuß- und Radwegeverbindung in die Innenstadt entstehen.

Neben viel Grün soll auch eine Fuß- und Radwegeverbindung in die Innenstadt entstehen.

„Ich finde die Vorlage und die Anträge machen eine ziemlich komplizierte Gemengelage – die einen befürchten, große Baumassen zu generieren, die anderen finden die Planungen ein bisschen langweilig und nicht auf den Stadtteil bezogen und einer dritter Antrag bedauert, dass die Quote für geförderten Wohnungsbau nur 25 Prozent beträgt“, fasste Cornelia Wimmer (Linke & Piraten) die Papiere zusammen. „Das ist kaum auseinander zu dividieren und die bisherigen Entwürfe finde ich ziemlich phantasielos.“ 

Ob die 800 Wohneinheiten wirklich realisierbar und vor allem für das umgebende Quartier verträglich sind, wollen SPD und CDU geprüft wissen. Denn in früheren Planungen sei von 400 Wohneinheiten die Rede gewesen. Zudem meldet die CDU Bedenken an. „Die Begleitbroschüre  liefert Anlass zur Skepsis bezüglich der städtebaulichen und ökonomischen Nachhaltigkeit des Projektes in seiner jetzigen Form“, heißt es in einem Papier zur Bauleitplanung.

Die Visualisierungen der Projektentwickler zeigten „verhältnismäßig austauschbare Investorenarchitektur“. Anders als angekündigt würden die „filigranen Bestandsstrukturen“ des benachbarten Quartiers nicht aufgegriffen. Die Baukörper seien voluminöser, dichter gedrängt und es gebe nur „Alibi-Innenhöfe“, kritisiert die CDU. Zudem seien die Projektpartner offenbar nicht an einer Bestandshaltung interessiert, so dass mit einer zeitnahen Veräußerung zu rechnen sei. Das wecke Zweifel an Bauqualität und Nachhaltigkeit, heißt es weiter in dem Schreiben.

Grüne wollen 50 Prozent sozialen Wohnungsbau – Applaus von Piraten und ganz rechts

So könnte das Quartier auf der Westfalenhütte einmal aussehen. Visualisierungen: Stahm Architekten

So könnte das Quartier auf der Westfalenhütte einmal aussehen. Visualisierungen: Stahm Architekten

Die Grünen hatten hingegen  – neben offenen Fragen zum Thema Verkehrserschließung, Rad- und Fußwegen – ein ganz anderes Ansinnen: Sie forderten, die Quote an öffentlich geförderten Wohnraum in diesem Quartier von 25 auf 50 Prozent zu heben. Die seit 2014 stadtweit gültige 25-Prozent-Quote bei Neubauten „entspricht nicht mehr den Ansprüchen an eine sozial durchmischte Dortmunder Innenstadt“, heißt es im Antrag. 

Gerade in der Nordstadt seien die Mieten stark gestiegen. Bei der „vielfältig zusammengesetzten Bevölkerung kann dieses so wichtige Entwicklungsprojekt aber dazu führen, die bisherige Bevölkerungsstruktur aus dem Gleichgewicht zu bringen“, betonen die Nordstadt-Grünen. Sie befürchten Verdrängungseffekte und fordern daher eine höhere Quote für den sozialen Wohnungsbau. 

Eine Position, die SPD, CDU und Linke nicht teilten. So gab es für den Antrag der Grünen eine sehr ungewöhnliche Unterstützer-Koalition: Nur die Vertreter der Piraten, der AfD und der Neonazi-Partei „Die Rechte“ stimmten für die Forderung der Grünen. Die anderen Parteien sahen die 25-Prozent-Quote als ausreichend und als richtiges Signal für die Nordstadt.

Linke, SPD und CDU machen sich für eine stärkere soziale Durchmischung stark

„Durch innovatives Bauen könnte man zu einer verdichteten Bebauung kommen. Wenn 800 erreicht werden, dann können wir bei den 25 Prozent bleiben“, macht Cornelia Wimmer (Linke) deutlich. „Man braucht im Norden nicht nur billigen Wohnraum, sondern auch solchen, den Besserverdienende sich leisten wollen. Wir brauchen die stärkere soziale Durchmischung“, machte die Linke deutlich.

Einen Seitenhieb gab es von David Grade: „Diversität macht sich nicht nur am Geldbeutel fest. Es gibt auch andere Gründe. Ich würde mir wünschen, dass in den Hochglanzprojekten nicht immer nur weiße Menschen zu sehen sind. Da werden auch andere Menschen leben –  mit dunklen Haaren oder auch mal mit einen Rollstuhl.“

„Ich kann mich der Meinung von Frau Wimmer anschließen. Es wäre nicht gerade gesund, eine 50%-Bindung zu fordern. Im Norden gibt es es eine Menge günstiger Wohnungen, die die Menschen brauchen“, ergänzte Brigitte Jülich (SPD). „Da müssen wir noch was drauflegen, um Menschen, die es nötig haben, Wohnraum zu verschaffen. Aber wir legen auch auf höherwertigen Wohnungsbau wert.“

Dabei waren sich Linke, SPD und CDU einig: „25 Prozent ohne wenn und aber“, so Dorian Marian Vornweg (CDU). Eine Position, der sich die Grünen prinzipiell nicht verweigern. „Wir würden auch bei 25 Prozent zustimmen“, machte Katja Bender (Grüne) deutlich. Daher wurde die Vorlage zur Entwicklung des Quartiers auch einstimmig empfohlen – inklusive Prüfauftrag, ob die 800 Wohneinheiten dort zu realisieren sind. 

 

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