Nordstadtblogger

Zwischen „Kloster auf Zeit“ und Hausaufgabenhilfe: Ein caritativ-pastorales Centrum in St. Antonius Nordstadt

Caritativ-pastorales Zentrum der Pallottiner in St. Antonius Nordstadt

Strahlkraft auch über Dortmund hinaus soll das neue caritativ-pastorale Centrum haben. Fotos: Alex Völkel

Beißend kalt weht der Wind durch die Holsteiner Straße. Pater Johannes Wilhelmi zieht den Kragen höher und geht die wenigen Schritte vom Gemeindehaus zur Kirche von St. Antonius. Gegenüber auf dem Spielplatz hat jemand in der Nacht Müll abgekippt. Wilhelmi schließt das Seitenportal auf, dann noch eine Zwischentür, bevor er in der bemerkenswert großen und schönen Kirche steht. An „geöffnete Kirchen“ – zumindest außerhalb der Gottesdienste – ist in der Nordstadt nicht zu denken.

Vandalismus statt offener Kirchen in der Nordstadt

Caritativ-pastorales Zentrum der Pallottiner in St. Antonius Nordstadt

Pallottiner-Pater Johannes Wilhelmi lädt in die katholische Kirche St. Antonius ein.

„Wir könnten keine unserer katholischen Kirchen in der Nordstadt unbeaufsichtigt lassen. Es gibt hier keinen Respekt, nur Vandalismus“, sagt Pfarrer Ansgar Schocke. Ein groß gewachsener Mann – ruhig, unaufgeregt, geerdet. Der Leiter der Pastoralverbünde Dortmund Nordstadt-Ost und Fredenbaum blickt auf „seine“ stattliche Kirche in der Holsteiner Straße. Eine von sechs in der nördlichen Innenstadt.

Hier im Brunnenstraßenviertel ist die Situation noch mal etwas schwieriger: „Sie haben uns sogar schon in die Kirche geschissen, weil es da ruhig ist und sie ungestört waren“, sagt der katholische Geistliche. Nicht anklagend, sondern sachlich. Er macht sich nichts vor: „Wir erreichen die Menschen hier zu wenig.“

Christliche Gastfreundschaft und Nähe zu den Menschen

Daher haben sich die Katholiken in der Nordstadt die Frage gestellt, was ihre Kirche vor Ort leisten muss, was ihre Aufgabe ist. „Gastfreundschaft“ ist eine wichtige Aufgabe. „Wir müssen nah an den Menschen sein und auf ihre konkreten Nöte eingehen“, erklärt Schocke. Daher beschreiten sie in St. Antonius neue Wege. Gemeinsam mit Pater Wilhelmi. Der Pallottiner ist seit gut einem halben Jahr in der Nordstadt. Aus Bayern ist er gekommen – von da, wo der Freistaat am Schwärzesten ist. Er ist Bruder Maiko Seibert gefolgt. Er hatte noch eine weitere Anreise. Ihn hat es aus Salzburg in die katholische Diaspora verschlagen.

Keine Missionsarbeit, sondern Gemeinschaftsgefühl

Die Pallottiner haben die spannende Aufgabe übernommen, ein caritativ-pastorales Centrum in der Nordstadt aufzubauen. Wer oder was sind denn Pallottiner? Es ist eine religiöse Gemeinschaft, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Rom gegründet wurde. „Ziel war es, mit allen getauften Menschen guten Willens den Glauben zu vertiefen und zu vermehren“, erklärt Pater Wilhelmi. Katholische Missionare in der Nordstadt? „Nein. Wir wollen religiös leben und Gutes tun. Missionieren wollen wir niemanden.“

Den Beweis hat Bruder Maiko in den vergangenen zwei Jahren erbracht. Er hat unter anderem das Projekt „Essen und Lernen in St. Antonius“ aufgebaut. Seit einem Jahr erhalten etwa 30 Grundschulkinder an jedem Schultag ein Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung. Viele Eltern – darunter viele Moslems – waren zunächst skeptisch, ihre Kinder zu einem katholischen Pater zu schicken. „Die Eltern waren ganz erstaunt, dass eine andere Religion etwas für sie tut“, berichtet Bruder Maiko, der gerade Obst und Gemüse für die Kinder vorbereitet. Die Motivation ist eine der ältesten Antriebsfedern: Die christliche Nächstenliebe. „Mir wurde erst mit der Zeit bewusst, wie wichtig dieses Angebot für die Familien in der Nordstadt ist.“

Ein Stück Heimat und Geborgenheit für die Kinder

Caritativ-pastorales Zentrum der Pallottiner in St. Antonius Nordstadt

Bruder Maiko Seibert aus Salzburg kocht für die Kinder und kümmert sich um sie.

Denn die meisten Eltern könnten ihren Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen. Mal ganz davon abgesehen, dass auch viele Kinder nicht wissen, wo sie nach der Schule hingehen sollen. Von 13 bis 15 Uhr hat das Angebot im Gemeindehaus offiziell geöffnet. „Wenn der Unterricht ausfällt, drücken sich die Kinder schon früher die Nasen an der Scheibe platt“, berichtet Maiko.

Natürlich lässt er sie dann auch früher herein. Auch wenn sie ihn dann dabei ertappen, wie er Salat und Gemüse ins Essen „schmuggelt“. Wenn Tomatensoße drüber kommt, werden die Möhren eben mitgegessen“, sagt er lachend. „Ich freue mich, wenn die Teller leer sind“, sagt der gelernte Koch. Selbst den Salat würden die Kinder essen, wenn er Apfelraspeln druntermischt. Und zum Nachtisch gibt es heute Mandarinen. „Du bist der beste Kocher der Welt“, habe er zu hören bekommen. „Kocher“, wiederholt Maiko lachend. Natürlich wird das in der Hausaufgabenhilfe thematisiert.

Hauptpost-Niederlassung unterstützt das Projekt

Das Betreuungsangebot wird von Ehrenamtlichen getragen. 50 Helferinnen und Helfer sind es mittlerweile. 32 davon allein kommen von der Hauptpost am Hauptbahnhof. „Ich habe ganz blauäugig mit dem Projekt angefangen“, räumt Maiko ein. Den Leiter der Hauptpost hatte er davon begeistern können. Er stellt seine Mitarbeiter für die Unterstützung des Projekts in der Mittagszeit frei. Es gibt sogar eine regelrechte Einsatzplanung bei der Post, die sicherstellt, dass immer zwei Mitarbeiter zum Helfen kommen. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen die versäumte Zeit aber nacharbeiten“, berichtet Maiko. Er ist dankbar für die Unterstützung und die große Resonanz.

Positive Rückmeldungen gibt es auch von den Schulen. Vor allem von der Diesterwegschule kommen viele der Kinder. „Die Lehrer schicken uns die Kinder und weisen sogar auf bestimmte Defizite hin.“ Mittlerweile gibt es sogar eine zweite Gruppe von 17 bis 19 Uhr, damit auch die Kinder kommen können, die mittlerweile in weiterführende Schulen gehen.

Regeln und Strukturen für ein friedliches Zusammenleben

Natürlich gibt es auch woanders Hilfe. „Die Hausaufgabenhilfe ist aber nicht das Wesentliche. Das können andere auch“, betont Pfarrer Ansgar Schocke, der gerne in der Holsteiner Straße vorbeischaut. „Es ist viel wichtiger, dass sie erleben, dass andere Menschen für sie da sind, die sie wahrnehmen.“ Ebenso, dass die Kinder erfahren, dass es klare Regeln für ein friedliches Miteinander braucht. „Sie beten zusammen und sie essen zusammen – egal, ob Christen oder Moslems“, erklärt Schocke.

„Es ist ein neutrales Gebet“, schiebt Bruder Maiko sofort nach, während er im Geist schon an die Vorbereitung des Mittagessens denkt. „Das Gebet vor dem Essen passt für Alle. Wir wollen nicht missionieren, sondern Werte beibringen.“ Unglaublich, wie diszipliniert die Nordstadt-Kinder sein können, wenn sie klare Ansagen bekommen. Mancher Pädagoge würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen“, sagt Schocke lachend.

Selbst ein Pater motiviert zum Moscheebesuch

Caritativ-pastorales Zentrum der Pallottiner in St. Antonius Nordstadt

Barbara Knoppe-Chrosnik, Ansgar Schocke,  Pater Johannes Wilhelmi und Bruder Maiko Seibert arbeiten für die Realisierung des Centrums in der Nordstadt.

Doch er kennt die Notwendigkeit von klaren Regeln. „Dieser Schrank bleibt zu“ steht auf einem Zettel. Die Kinder halten sich daran. Sie weisen sich sogar gegenseitig auf die Regeln hin. Zum Beispiel als ein neuer Junge schon mit dem Essen beginnen wollte. „Hey warte. Wir beten erst zusammen.“ Das geht sogar so weit, dass sich Kinder abmelden, wenn sie mal nicht kommen können. Gezwungen hat sie dazu niemand. Nebenbei bemerkt: Die erzieherische Kompetenz ist auch vorhanden. Eine Pädagogin arbeitet ebenfalls mit.

Ein muslimischer Junge habe ihm erzählt, dass er jeden Freitag in die Moschee müsse, er das aber nicht mehr wolle. „Natürlich gehst Du dahin. Gott freut sich doch, wenn Du kommst“, gab Maiko ihm mit auf den Weg. „Missionieren? Dieser Gedanke liegt mir sowas von fern“ versichert der gelernte Koch aus Salzburg glaubhaft.

„Die Religion spielt bei den Eltern keine Rolle mehr“

Dabei könnte die katholische Kirche in der Nordstadt etwas Zulauf vertragen. Nur etwa jeder fünfte Nordstadtbewohner ist katholisch. Doch nur ein Bruchteil der 10.300 Gemeindeglieder findet noch den Weg in eine der sechs Kirchen. „Potenziell 80 bis 100 Kinder kämen pro Jahr für die Kommunion in Frage. 2012 waren es aber nur 23, in diesem Jahr immerhin 28 Kinder. Und das im kinderreichsten Stadtbezirk Dortmunds.

„Die Religion spielt bei den Eltern keine Rolle mehr“, berichtet Schocke. „Wir können hier nicht pastoral handeln wie im Hochsauerlandkreis. „Das nervt manchmal, wenn bei Hausbesuchen die Glotze läuft und dann nicht ausgemacht wird.“ Aus der Haut fährt der Mann Gottes nicht. „Es ist eine andere Art der Begegnung. Man muss Abstriche machen.“

Neue Nutzungen statt Schließungen der katholischen Zentren

Caritativ-pastorales Zentrum der Pallottiner in St. Antonius Nordstadt

Im Brunnenstraßenviertel entsteht das neue Zentrum. Das alte Pfarrhaus (vorne) wird zum Gästehaus.

Abstriche macht auch die Gemeinde St. Antonius. Sie hat einen Teil ihrer Räume für das Projekt abgegeben. Ein weiterer Teil der zugegeben sehr großzügig bemessenen Flächen wird von der Portugiesischen Gemeinde genutzt. Zum Glück. „Wir hatten befürchtet, dass kein neuer Gesandter mehr kommt.“ Dann wäre der Standort gefährdet, wie potenziell alle katholischen Kirchen in der Nordstadt.

„Wir müssen neue Bestimmungen finden, damit keine unserer Einrichtungen schließen muss“, sagt Ansgar Schocke im ruhigen Ton. Daher auch die Idee des caritativ-pastoralen Centrums in St. Antonius. „Die Gemeindemitglieder sind bereit für Neues und erleben die Arbeit der Pallottiner als eine Bereicherung.“

„Beten und Handeln für die Nordstadt“ ist das inoffizielle Motto

Für die geistliche Komponente ist Pater Wilhelmi zuständig. Er ist von der Arbeit seines Bruders Maiko beeindruckt. „Seine ruhige Art kommt bei den Kindern an. „Die Kinder bekommen soziale Strukturen und ein Gefühl von Heimat.“ Genau das ist es, was die Pallottiner auch den Erwachsenen geben wollen. Daher bietet Wilhelmi täglich an, dass Menschen in die Kirche kommen können. Er öffnet das Gebäude, was sonst verschlossen bliebe. Sie können mit ihm beten, mit ihm sprechen, in Stille verweilen oder lesen. Um den Altar stehen mittlerweile Stühle. Wilhelmi will nicht „von oben herab“ zu den Menschen sprechen. Im hinteren Teil der Kirche soll eine Sitz- und Leseecke eingerichtet werden.

„Ich übe mich hier in Geduld“, sagt der bayrische Neuzugang. Den bislang rennen ihm die Gläubigen noch nicht die Bude ein. Doch das soll sich ändern. Unterstützung findet er bei Dekanatsreferentin Barbara Knoppe-Chrosnik. Sie hilft bei der Realisierung des Zentrums, der Werbung und der Arbeit mit den Ehrenamtlichen. Sie glaubt an die Idee und die Strahlkraft: „Denn das Angebot richtet sich an alle Menschen, nicht nur an die aus der Nordstadt“, betont die Dekanatsreferentin.

„Kloster auf Zeit“ oder „Gott erleben in der Nordstadt“

Caritativ-pastorales Zentrum der Pallottiner in St. Antonius Nordstadt

700.000 Euro lässt sich das Bistum den Umbau des ehemaligen Pfarrhauses zu einem Gästehaus kosten.

Besonderen Schub erhoffen sich alle Beteiligten davon, wenn das ehemalige Pfarrhaus umgebaut ist. Rund 700.000 Euro investiert das Bistum in den Umbau des riesigen Gebäude. Sieben Gästezimmer werden dort entstehen. Auch Pater Wilhelmi und Bruder Maiko werden dann dort einziehen. Gäste sind willkommen. „Kloster auf Zeit – die Idee wird immer beliebter“, betonen die Pallottiner. Wobei es ja kein Kloster ist. Dennoch hoffen sie, dass daraus so etwas wie eine Lebensgemeinschaft entsteht. „Gott in der Nordstadt begegnen“ könnte das Leitmotiv sein.

Im Sommer soll der Umbau des Gebäudes fertig sein. Dann wollen sie auch den großen Kirchgarten öffnen, vielleicht auch die zahlreichen Studierenden aus der Nachbarschaft einzubinden versuchen. Bis dahin wird Wilhelmi sich wohl noch manche Stunde in Geduld üben müssen. Und auch manche Eigenheit des Brunnenstraßenviertels erleben. „Da war ein Klüngelkerl. Er wollte den Metallschrott hinter der Kirche abholen. Er sei für ihn bereitgestellt worden. Haben sie ihm das zugesagt“, fragt der Pater einen der Handwerker. Er erntet nur Kopfschütteln und ein Lachen. „Sicher nicht“, kommentiert ein Arbeiter. Auch Männer Gottes werden belogen. Also zieht Wilhelmi die Jacke zu, geht zurück in seine Kirche und entzündet eine Kerze am Adventskranz. Doch einen Vorteil hat sein neues Leben in der Nordstadt-Diaspora: „Die Kirche hier ist wenigstens geheizt. In Bayern war es in unseren Kirchen bitterkalt.“

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