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Vergessene Wurzeln: Arbeiterfußball in Deutschland gewürdigt – Wanderausstellung beginnt im Deutschen Fußballmuseum

Banner des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB), ausgestellt im Deutschen Fußballmuseum.

Arbeitersport, insbesondere Arbeiterfußball in Deutschland: lange seitens des Deutschen Fußballbundes (DFB) eher stiefkindlich behandelt. Jetzt soll eine kleine Wanderausstellung, die im Deutschen Fußballmuseum (DFM) ihren Anfang nimmt, Tugenden der Kicker aus den Arbeiterstadtteilen von damals vergegenwärtigen, die heutzutage nicht unerwünscht sein können. Zu sehen in Dortmund noch bis Sonntag, den 4. November; danach erst wieder im Januar in Frankfurt.

ArbeiterInnensport und Arbeiterfußball – Wanderausstellung zu einer lange vergessenen Geschichte

„Der andere Fußball: 100 Jahre Arbeiterfußball – 125 Jahre Arbeitersport“, so der Titel der noch bis Sonntag im Deutschen Fußballmuseum (DFM) zu sehenden Wanderausstellung über einen von der bürgerlichen Gesellschaft bisher eher vernachlässigten Aspekt der deutschen Sport- und vor allem Fußballgeschichte: zu Zeiten der Weimarer Republik wurde nicht nur in einem Verband um die Meisterschaft gekickt – es gab deren zwei, zum Ende hin, in den Jahren vor der faschistischen Machtübernahme, gar drei.

(v.l.:) Bei der Eröffnung der Ausstellung: DFB-Präsident Reinhard Grindel, OB Ullrich Sierau, Manuel Neukirchner und Dr. Eike Stiller vom Paderborner Kreis e.V. Foto: DFM/Schütze

Parallel zum DFB spielten in den 20er Jahren Arbeiter Fußball, betrieben ArbeiterInnen Sport – aber mit anderen Hintergründen und Einstellungssystemen als in jenen staatlich-offiziellen Sportverbänden, für die Ertüchtigung der Jugend und nationales Streben, sprich Krieg, immer sehr eng beieinander lagen.

Stattdessen sollte durch den Sport ein chimärisches Klassenbewusstsein geschärft werden, das durch die Burgfriedenspolitik der SPD im Grunde schon lange unterminiert worden war.

Die Ausstellung, bestehend aus 17 bebilderten Tafeln und einiger seltener Exponate, stellt schwerpunktmäßig dieses wichtige, aber bislang vernachlässigte Kapitel deutscher Sportgeschichte dar, das mit dem Verbot der beiden Arbeitersportverbände ATSB und der KG Rotsport durch die Nazis 1933 gewaltsam endete.

Konzipiert wurde die nur für einige Tage in Dortmund zu sehende Wanderausstellung vom Paderborner Kreis e.V. Der Verein ist ein Zusammenschluss von Sporthistorikern, der sich seit 2013 der Erforschung des Arbeitersports widmet, vor allem seiner Geschichte in den frühen deutschen Arbeitersportverbänden im Kaiserreich und besonders in Weimar.

Paradigmen des ArbeiterInnensports unterscheiden sich von denen der bürgerlichen Gesellschaft

Das Deutsche Fußballmuseum. Foto: DFM

In seinem kurzen Grußwort zur Ausstellungseröffnung verweist DFB-Präsident Reinhard Grindel vor etwa 250 geladenen Gästen zunächst darauf, dass die integrative Kraft des Fußballs, von der heutzutage allenthalben und berechtigterweise die Rede sei, in Weimar aus historischen Gründen in dieser umfassenden Form nicht zum Tragen kommen konnte.

Gleichwohl gab es sie – nur nicht als gesamtgesellschaftlicher Wirkmechanismus über Schichten hinweg, sondern durchaus klassenspezifisch, denn Fußball fungiert immer auch als ein „ Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse“, wie der Präsident des DFB betont. Was sich über den Arbeitersport vermittelt habe, das sei ein „Wertesystem von Fairplay und Zusammenhalt“ gewesen.

Achtung, Respekt, Aufrichtigkeit, der solidarische Umgang miteinander – all diese im idealtypischen Fußballspiel vergegenwärtigten Haltungen und Verhaltensweisen wirken in der Weimarer Zeit als normative Regulative für ArbeiterInnen. Und selbst da funktioniert es nicht. Die Gründe dafür liegen in der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung.

Spaltung der Arbeiterbewegung zur Frage der Bewilligung von Kriegskrediten für das Kaiserreich

Zu sehr hatte sich die deutsche Sozialdemokratie in den Augen vieler ArbeiterführerInnen von den ursprünglichen sozialistischen Idealen eines Marx und Engels über Genossen wie Lassalle, Bernstein oder Ebert verabschiedet und es sich in einer bürgerlichen Demokratie, der Weimarer Republik heimelig eingerichtet.

Eröffnung der Ausstellung: bald geht es nach Frankfurt

Für böses Blut hatte vor allem der Übergang vom Kaiserreich am Ende des ersten Weltkriegs zu jener parlamentarisch-demokratischen Staatsform gesorgt.

Näherhin die Rolle der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) bei der mit Hilfe monarchistischer Kräfte erfolgreichen, aber zugleich ziemlich brutalen Unterdrückung einer Minderheit (USPD) innerhalb der Partei, die eine sozialistische Republik forderte.

Möglich wurde diese mehrheitlich ein kapitalistisches Wirtschaftssystem befürwortende SPD nicht zuletzt deshalb, weil ihre AktivistInnen zuvor erfolgreich waren: die Lage der arbeitenden Klassen in Deutschland hatte sich in den vorausgegangenen Jahrzehnten verbessert. Viele in der Spitze der Sozialdemokratie glaubten sich mit dem System des Privateigentums an Produktionsmitteln aus guten Gründen abfinden zu können.

Es folgt auf dem Fuße: die Angst vor deren Sozialisierung, die Angst vor der Revolution. Die Konsequenz: durch die historische Konstellation zum Ende des 1. Weltkriegs mit der Novemberrevolution in Deutschland kommt es zu einem erzwungenen Zweckbündnis mit monarchistischen Reaktionären, um einen Umsturz wie in Russland durch die Oktoberrevolution zu verhindern.

Blutige Ereignisse in den Geburtsstunden der Weimarer Demokratie verfestigen die politische Spaltung

Empfohlen hatten sich die einst „vaterlandslosen Gesellen“ der nationalen Elite bereits im Spätsommer 1914 durch ihre mehrheitliche Zustimmung zu den Kriegskrediten, mit denen großdeutsche Lüsternheiten in den 1. Weltkrieg münden konnten (Mehrheit der SPD-Fraktion seinerzeit im Reichstag: „Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich.“).

Wegen dieses Verrats an ihrem ursprünglich internationalistischen Paradigma spaltet sich die USPD ab, die Arbeiterbewegung zerfällt quasi in zwei Teile: einen reformorientierten, der sein Herz für die deutsche Nation entdeckt hatte, und einen weiterhin revolutionären, an dessen Spitze die im Dezember 1918 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) stand.

Der Rest ist eine Geschichte fortgesetzter Gewalt: da ließ ein Ludwig Ebert (SPD) im Dezember 1918 gegen jene meuternden Matrosen die Artillerie des regulären Militärs einsetzen, die keinen Krieg mehr führen wollten; da hatte ein Gustav Noske (SPD) als Reichswehrminister über 1.000 Tote unter revolutionären ArbeiterInnen bei den Märzunruhen 1919 in Berlin und anderswo zu verantworten.

Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg einige Wochen zuvor im Januar durch preußische Freikorps oder die Niederschlagung der ersten und einzigen Räterepublik auf deutschem Boden in Bayern im Mai 1919 und der anschließende Terror reaktionärer Kräfte in München – ohne deren politisches Zweckbündnis mit der SPD wäre das Zustandekommen all dieser bedrückenden Ereignisse höchst fraglich gewesen.

Mit Gründung des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) etabliert sich Arbeiterfußball in Deutschland

Doch es war geschehen: Die politischen Querelen unter den beiden großen Arbeiterparteien – SPD und KPD – ließen in der Weimarer Zeit die Arbeitersportbewegung in der Folge natürlich nicht unbeschadet.

Mitgliedsbuch des ATSB. Quelle: Wiki

Zugleich gibt es hier gerade in den ersten Jahren der Republik Entwicklungen, die sich insofern unabhängig von der politischen Spaltung der Linken analysieren lassen, als eine Arbeiterkultur im Bereich des Sports insgesamt dem bürgerlichen Lager gegenüberstellt werden kann.

Zunächst nennt sich im Jahre 1919 der 1893 in Gera gegründete Arbeiterturnerbund (ATB) in den Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) um. Hier handelte es sich allerdings um weitaus mehr als nur um eine neue Namensgebung; vielmehr wird damit eine teilweise Neuausrichtung des Arbeitersports insgesamt bezeichnet.

Denn zuvor wurde innerhalb des ATB jede Wettkampforientierung strikt abgelehnt; zweitens galten sowohl Sportspiele als auch die Leichtathletik nicht als vollwertige Sportarten. Demzufolge genoss der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland verbreitende Fußball im Arbeitersport zunächst wenig Ansehen. Wie viele andere Sportarten war er eher mit bürgerlichen Kreisen verbunden.

Die Verbände ATSB und DFB unterhalten unabhängig voneinander einen je eigenen Spielbetrieb

DFB Logo 1900. Quelle: Wiki

Das sollte sich nun mit dem ATSB ändern; in der Saison 1919/20 beteiligten sich deutschlandweit schon gut 3.500 Fußballmannschaften am Spielbetrieb, der in expliziter Abgrenzung zu dem der – im Deutschen Fußballbund (DFB) zusammengeschlossenen – „bürgerlichen“ Vereine stattfand.

Der DFB war bereits im Jahr 1900 in Leipzig gegründet worden und richtete seit 1903 die deutsche Fußballmeisterschaft aus, trat 1904 dem Fußball-Weltverband FIFA bei dessen Gründung bei; war also die offizielle, staatliche Repräsentanz des deutschen Fußballs.

Es gab also in dieser Zeit, die bis zum Ende der Weimarer Republik andauerte, zwei, ab 1930 sogar drei nationale Fußballverbände, in denen Mitgleisvereine unabhängig voneinander um Meisterschaften spielten. Die Vereine innerhalb des ATSB gründeten sich vor allem im städtischen Milieu in den Arbeitervierteln.

Innerhalb des ATSB gab es ein Ligasystem auf Kreis- und Bezirksebene; es wurden regionale und nationale Meisterschaften ausgespielt. Eine gesamtdeutsche Auswahl gab es ab 1924; allerdings waren hier trotz der nationalen Kehrtwende der SPD-Spitze Bezeichnungen wie „Nationalmannschaft“ oder „Reichsauswahl“ verpönt. Arbeitersportler nahmen zudem an den internationalen Arbeiterolympiaden teil.

ATSB-Bundestag schließt KPD-Anhänger aus – Gründung von „Rotsport“ mit Anbindung an die RSI

Gleiches galt für die „Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit“ (kurz: KG Rotsport). Sie war entstanden, nachdem auf dem ATSB-Bundestag im Juni 1928 etwa 32.000 KPD-Anhänger von der sozialdemokratisch dominierten Verbandsführung ausgeschlossen worden waren. In den Jahren 1931 und 1932 spielte die KG zwei deutsche Fußballmeisterschaften aus.

Mit über 100.000 Mitgliedern war sie der stärkste Landesverband der „Roten Sportinternationale“ (RSI) außerhalb der Sowjetunion; die 1931 in Berlin von der RSI geplante Ausrichtung der 2. Internationalen Spartakiade wurde von der sozialdemokratischen Regierung Preußens verboten.

Da war sie wieder, die alte Feindschaft, das alte Misstrauen unter den Arbeiterparteien. Es gibt ernstzunehmende Historiker, die behaupten, dass ohne die Spaltung der Arbeiterbewegung die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 gar nicht möglich gewesen wäre. Wie dem auch sei: der Fußball kommt nicht umhin, gesellschaftliche Zustände zu reflektieren. Und in dieser Zeit habe dort wie im Sport überhaupt Parteipolitik eben eine „überragende Rolle“ gespielt, so DFB-Präsident Grindel.

In beiden Arbeitersportverbänden sind Haltungen der SpielerInnen wichtiger als ein Sieg der Mannschaft

Doch es gab weiterhin unter den beiden Arbeitersportverbänden vieles, was sie in Abgrenzung zum „bürgerlichen“ DFB miteinander verband. Da war die untergeordnete Bedeutung des sportlichen Wettbewerbscharakters, die Ablehnung der Heldenverehrung, die Betonung von Volksnähe im Arbeitersport. Und da wurden Haltungen bzw. Verhaltensweisen gefordert wie Fairplay, Ehre, Ansehen, Respekt, Einsatz und Hingabe für die Mannschaft – die als wichtiger erachtet wurden als ein Sieg.

Zudem gab es einen höheren Identifikationsgrad mit den örtlichen Vereinen. Das musste beispielsweise der Vater von Uwe Seeler erfahren, der 1932 mit Alwin Springer vom SC Lorbeer 06 aus dem ATSB zu Victoria Hamburg in den bürgerlichen Stadtteil Hoheluft wechselte und dafür als „Klassenverräter“ beschimpft wurde. Das Hamburger Echo, damals die zweitgrößte sozialdemokratische Tageszeitung in Deutschland, bezeichnete die beiden als „verirrte Proletarier“, die ihre Wurzeln verleugnet hätten.

So zeigt sich: Der Arbeiterfußball festigte einerseits den Zusammenhalt jener, die mit- und gegeneinander antraten, aber in Weimar nicht über parteipolitische und erst recht nicht über gesellschaftliche Grenzen hinweg – im Gegenteil: vielmehr könnte mit Blick auf die Weimarer Zeit behauptet werden, dass er die Spaltung zwischen den Arbeiterparteien und die Risse in der Gesellschaft zwischen ihnen und dem bürgerlichen Lager reproduzierte und stabilisierte.

Tugenden aus dem Arbeiterfußball wünschte sich das Herz bei so manchem Profikicker heutzutage

Was ist geblieben? Bezüge zur Gegenwart wird die jetzige Ausstellung im DFM sicherlich beanspruchen, sonst bräuchte sie dort nicht zu stehen, sondern wäre lediglich sinnfreier Selbstzweck.

Das Verbindende zwischen dem Arbeiterfußball und den traditionellen Formen der Arbeit im Ruhrgebiet, auch mit Blick auf die Zukunft, spricht Ullrich Sierau an.

Mit den Gelsenkirchenern hätten sie sich seinerzeit, als die Diskussion im Gange war, wo das geplante Deutsche Fußballmuseum entstehen soll, darüber verständigt, erzählt der OB in seinem Grußwort bei der Eröffnung, dass, gleich wie die Entscheidung ausfiele, das Museum für die ganze Region stehen solle – dafür, was sie verbindet.

Das könne – und hier gäbe es ebenfalls deutliche Verbindungen zum Bergbau – in einer Mentalität gesehen werden, die man sich bei so manchem Profikicker heutzutage stärker wünschte: das Zusammenstehen, sich für das Team reinhängen, zusammen etwas anpacken. Ist das der Fall: der Sieg sei zweitrangig. – Ein Mechanismus, der sich, im Übrigen, in guten Stadien des Ruhrgebiets wie dem Westfalenstadion bis heute zeigt.

Beispiel, Wembley 1966: Haltung auch in den bittersten Stunden der Niederlage bewahren

Dies sei, schließt Sierau, „damals wie heute wesentlicher und identitätsstiftender Bestandteil des Sports in dieser Region“ – und garantiere jetzt, dass auch der Strukturwandel funktioniere.

Auch Museumsdirektor Manuel Neukirchner unterstreicht in seiner kurzen Begrüßungsansprache die „tadellose Haltung des Arbeiterfußballs“, die den deutschen Fußball positiv beeinflusst habe – und davon erzähle die Ausstellung im DFM. Es seien Schlüsselbegriffe wie „Haltung“ oder „Anstand“, die in bitteren Stunden der Niederlage im Verhalten der Spieler kenntlich werden müssten.

Als Beispiel nennt Neukirchner das umstrittene Tor zum 3:2 in Wembley beim Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft, das nachweislich keins war: bis zum Wiederanpfiff habe es – auch Dank eines Uwe Seelers, der die jungen Spieler vom Schiedsrichter weggezogen habe – nur 29 Sekunden gedauert: für heutige Verhältnisse mit ihren Fußball-Diven und Kunstrasenplätzen für die lieben Kleinen undenkbar.

Erste Begegnungen mit den sogenannten „Erzfeinden“ nach dem 1. Weltkrieg über den Arbeitersport

Weitere Aspekte des Verbindenden durch den Arbeitersport hebt Helga Roos vom Paderborner Kreis in ihrem Vortrag hervor. Über ihn – also auf der Ebene der sowieso in jener Zeit noch stärker internationalistisch orientierten Arbeiterklasse – hätten nach dem 1. Weltkrieg die ersten Begegnungen mit den sog. „Erzfeinden“ stattgefunden.

Weiterhin seien Gemeinschaften entstanden, die sich ausdrücklichen gegen individualistisches Konkurrenzdenken und Heldenverehrung wandten, stattdessen das Bewusstsein der Einheit betonten. Auch in der Ausstellung habe es deshalb einen bewussten Verzicht auf Namensnennungen gegeben.

Mit einem solchen Denken müssen sich bundesrepublikanische Sportverbände lange schwer getan haben. Wie bislang die deutsche Arbeitersportbewegung überhaupt eher stiefkindlicher Behandlung unterzogen wurde, wie Reinhard Grindel zuvor anlässlich der Ausstellungseröffnung bemerkt hatte. Und, was die fällige Abkehr der Verbände von der Heldenverehrung – mit ihren fließenden Grenzen zwischen Sport und Krieg – betrifft, so wurde offenbar auch schon das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Helga Roos: „Erinnern reicht nicht!“ – Es braucht aktive Stellungnahmen gegen rechtspopulistische Hetze

Als Generalsekretär des Organisationskomitees war Carl Diem seit Januar 1933 maßgeblich an Planung und Durchführung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin beteiligt. Bezeichnenderweise erhielt der Nazi-Kollaborateur, der zeitlebens keinerlei Reue zeigte, 1953 das Bundesverdienstkreuz. Seit demselben Jahr verlieh der Deutsche Sportbund für hervorragende sportwissenschaftliche Arbeiten die Carl-Diem-Plakette.

Im Jahr 2006 – Diems Ruf war endlich ruiniert – wurde sie durch den Wissenschaftspreis des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) ersetzt. Ironie der Geschichte, so Helga Roos: weil personenbezogene Würdigungen ganz abgeschafft worden seien, verlieh fortan der Deutsche Sportbund die seit 1980 ausgegebene Fritz-Wildung-Plakette auch nicht mehr. Der Sozialdemokrat und Sportfunktionär Fritz Wildung weigerte sich ausdrücklich, mit den Nazis zu kollaborieren.

Es sei gut, so Roos, dass ein Julius-Hirsch-Preis verliehen würde. Dann aber kommt ihr Punkt: „Erinnern reicht nicht“ – vor dem Hintergrund zunehmender rechtspopulistischer Hetze, antisemitischer, islamophober etc. motivierter Gewalt. Es bräuchte aktive Stellungsnahmen etwa zu Cottbus oder den menschenverachtenden Positionen der AfD. Dazu solle die Ausstellung einen Beitrag leisten: indem sie Geschichte mit diesen aktuellen Themen zusammenbringt.

Weitere Informationen:

  • Die Ausstellung „Der andere Fußball: 100 Jahre Arbeiterfußball – 125 Jahre Arbeitersport“ ist bis zum Sonntag, 4. November, im Deutschen Fußballmuseum zu sehen. Als nächstes macht die Wanderausstellung im Januar 2019 im Rahmen des DFB-Erinnerungstages „!Nie wieder“ Station in Frankfurt am Main.
  • Thementafeln der Ausstellung: Entstehung des Arbeitersports – Die Bundesmeisterschaften im Arbeiterfußball – Die Fußball-Bundesmeister von 1920 bis 1932 – Internationalismus: Vereinsspiele gegen ehemalige Kriegsgegner – Die Fußball-Länderspiele des Arbeiter-Turn- und Sport-Bundes (ATSB) – Der Fußball und die ATSB-Bundesfeste (Leipzig 1922, Nürnberg 1929) – Die Arbeiter-Olympiaden in Frankfurt/M. 1925 und Wien 1931 – Die erste Fußball-Europameisterschaft – Kommunistischer Rotsport: Die Spaltung der Arbeitersportbewegung – Zerschlagung des Arbeitersports durch die Nationalsozialisten – Arbeiterfußballer im Widerstand gegen die Nazis – Fair Play: Spielsysteme und Wettkampf-Philosophie im Arbeiterfußball – Bekannte Arbeiterfußballer: Erwin Seeler, Vater von „Uns Uwe“; Alfons Beckenbauer, Onkel von „Kaiser Franz“, u.v.a.m. – Brücken zur Gegenwart und Tradition: Ehemalige Arbeitersportvereine heute – Die Berichterstattung im Arbeiterfußball – Arbeiterfußball im Ruhrgebiet
  • Homepage des Paderborner Kreises, hier:

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