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Muslimische Stimmen zu Fragen unserer Zeit (I): Gründung der Islamischen Akademie NRW mit Sitz in Dortmund

Der Islam– wo auch immer zwischen Faszination und Schreckensbild verortet: Muslime in der Bundesrepublik sind Teil der Zivilgesellschaft und wollen ihre Perspektiven in gesellschaftpolitisch relevante Diskurse einbringen. Foto: Sunset in Abu Dhabi by David Rodrigo/Unsplash

Mindestens ein Ziel der neuen Bildungseinrichtung im Reinoldinum wurde beispielhaft erreicht: beim Fachtag zum Thema „Heimat und Identität“ kam es nach dem Vortrag der beiden Hauptredner zur kontroversen Debatte. Es rieben sich teils gründlich widerstreitende Standpunkte aneinander. Das war ganz im Sinne des Veranstalters: der bereits 2018 gegründeten Islamische Akademie NRW mit Sitz in Dortmund, die sich erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte. Unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung, gehört sie zu einem bundesweiten Projekt, in dem netzwerkartig organisierte Thinktank-Foren und Wissensvermittlung unabhängig von Moscheevereinen und einschlägig bekannten Verbänden entwickelt werden sollen. Es geht um Perspektiven muslimischer Expertise zu allen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen im offenen Dialog mit anderen Teilen der bundesdeutschen Zivilgesellschaft. Letztendlich ist es den Akteuren um die Stärkung von Gemeinschaft in Zeiten des Partikularismus bestellt. – Anlässlich dessen berichten wir in zwei Teilen über „Muslimische Stimmen zu Fragen unserer Zeit“: (I) Gründung der Islamischen Akademie NRW mit Sitz in Dortmund; (II) Heimat und Identität in Deutschland aus wissenschaftlicher Perspektive.

Wer bin ich eigentlich – als junge/r Muslim/a in der Bundesrepublik Deutschland?

Wenn ganze Gruppen von muslimischen Jugendlichen bei der letzten Fußballweltmeisterschaft irgendwo in Dortmund das Ausscheiden der bundesdeutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko bejubelten, dann könnte einem der Gedanke kommen, dass bei so wenig Identifikation mit dem Land, in dem sie leben, etwas schiefgelaufen ist. Denn richtig „heimisch“ scheinen sie sich offenbar nicht zu fühlen.

Friedenslicht. Foto: Klaus Hartmann

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Doch, wenn nicht hier, wo sind sie dann zuhause? Haben sie überhaupt so etwas wie eine „Heimat“? Finden irgendwo Frieden? Womit identifizieren sie sich sonst? Mit ihrer Religion, ihrem Glauben als Muslime? Oder mit anderen Instanzen, welche die Prämissen ihres Einstellungssystems bilden und umgangssprachlich gern auch als „Werte“ bezeichnet werden?

Brauchen sie überhaupt noch ein ideelles Referenzsystem mit Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit, das ihnen existentielle Verortung verspricht? Ohne gleich „Heimat“ zu sein oder sein zu müssen? In einer Gesellschaft des fortschreitenden Partikularismus, wo alles und jede/r zuallererst mit dem Kochen des eigenen Süppchens beschäftigt ist?

Implikationen gelingender Integration: ein Mehr an Konfliktstoffen und komplexere politische Debatten

Szenenwechsel: „Wenn gelungene Integration mehr Konflikte verursacht als schlechte: 2 Dortmunder Beispiele“, überschreiben Ende Mai dieses Jahres die Ruhrnachrichten einen Beitrag zum sog. „Integrationsparadox“ des Sozialforschers Aladin El-Mafaalani. – Dass hier tiefe Sorgen des Deutschen Michels getroffen werden, macht sofort die Unterzeile des Beitrags klar: „Gelungene Integration führt zu mehr Konflikten: Diese provokante These vertritt der Dortmunder Wissenschaftler …“

Foto (4): Alexander Völkel

Worauf Mafaalani im Prinzip hinweist: Gelingt Integration und wächst Gesellschaft in Vielfalt zusammen, dann sitzen eben mehr Personen unterschiedlicher Herkunftskulturen mit am Tisch, die gewonnene Konsense hinterfragen und entsprechend neue Ansprüche geltend machen, so dass ein Mehr potentieller Konfliktfelder entsteht. Politische Aushandlungsprozesse werden dadurch komplexer, aber auch spannender und vermutlich dynamischer. Hierfür möchte die Islamische Akademie qualifizierte Perspektiven bieten. Gelingt, im Übrigen, Integration nicht, dürften die Konsequenzen weniger friedlich sein. Insofern: alles gut.

Der offenkundigen Intention des Autors folgend, wiederholt die Lokalzeitung dagegen die verbreitete Annahme, dass Konflikte „an sich“ etwas Schlechtes sind. Sonst könnte Mafaalani mit seiner Behauptung, dass da mehr Konflikte dräuen, wohl kaum provozieren. – Diese Konfliktscheue hat nun zwar viel mit deutscher Einfalt und deren Harmoniebedürfnis, aber leider nichts mit Haltung in einer Demokratie zu tun, die nur durch diskursive Teilhabe in politischer Partizipation lebendig sein kann. Was wiederum Meinungsvielfalt und auch Konflikte sowie Strategien ihrer Bewältigung – als Gesamtpaket – voraussetzt.

Akademie ist Teil eines Gesamtvorhabens – unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung

Konzeptionell widerstreitet die bereits seit 2018 bestehende Islamische Akademie NRW allen Ansprüchen auf Exklusivität. Die neue Einrichtung mit Sitz in Dortmund bekennt sich im Gegenteil und ausdrücklich zu einer offenen, freiheitlich-demokratisch strukturierten Gesellschaft und fühlt sich – nach dem sog. „Beutelsbacher Konsens“ – zu einem „Kontroversitätsgebot“ wie „Überwältigungsverbot“ verpflichtet.

In welchen Formaten zukünftig trefflich gestritten werden darf und Meinungsbildung nur jenseits von Zwang und Manipulation statthaben soll, befindet sich innerhalb des Vorstandes der Akademie noch in der Überlegungsphase. Ihre Gründung ist Teil eines von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) finanzierten Projektes, das gegenwärtig zwei weitere Initiativen – eine in Berlin, die andere aus Heidelberg („Teilseiend“) – umfasst.

Das Gesamtvorhaben zielt einerseits darauf ab, „außerhalb der Moscheegemeinden niedrigschwellige (Frei-)Räume“ zu schaffen, wie es in der Projektbeschreibung heißt, „um innermuslimisch zu gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen in kritische Selbstreflexion zu treten“.

Andererseits sollen vernetzte Plattformen entstehen, auf der muslimische Verbände, Räte und andere Vereinigungen, aber auch von Moscheevereinen unabhängige Personenkreise mit der bundesrepublikanischen Zivilgesellschaft ins Gespräch kommen. Muslime dadurch in „demokratische Verantwortung“ treten und zugleich ein fundiertes Wissen über den Islam bereitstellen – ein Wissen, das erfahrungsgemäß den meisten seiner glühendsten KritikerInnen gründlich abgeht.

Ein muslimisch-multiperspektivischer Thinktank und engagierter Diskursteilnehmer aus der Zivilgesellschaft

(v.l.:) Pfarrer Friedrich Stiller, Leiter des Referats für Gesellschaftliche Verantwortung im Ev. Kirchenkreis Dortmund, mit Naciye Kamcılı-Yıldız und Ali Taşbaş aus dem Vorstand der Akademie. Foto: Thomas Engel

Die neue NRW-Akademie selbst begreift sich als unabhängige Institution, die zusammen mit den Verbundpartnern (einschließlich der Kirchen) und der bpb die Perspektiven einer anvisierten Bundesarbeitsgemeinschaft Islamischer Akademien (BagIA i.G.) ausloten möchte. Strategisches Ziel ist, als ein multiperspektisch agierender muslimischer Thinktank für den gesamtgesellschaftlichen Diskurs im Lande Impulse zu setzten: Denkanstöße für neue Debatten zu liefern.

„Wir haben uns auf den Weg gemacht, aus dem Glauben heraus etwas für die Gesellschaft zu tun“, erklärt Ali Taşbaş, gebürtiger Bochumer und Vorsitzender der Akademie. „Es geht im Grunde genommen um das Engagement für die Zivilgesellschaft.“ Mitmischen, ja, Einmischung sind also durchaus vorgesehen, und zwar in einem konstruktiven Sinne – als Dienst an der Gemeinschaft. „Von Muslimen für alle sozusagen“, bringt es seine Stellvertreterin Naciye Kamcılı-Yıldız griffig auf den Punkt.

Indem in neuem Format islamisch-theologische und wissenschaftliche Orientierungen mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragen der Gegenwart – ob nun zu Ursachen und Folgen des Klimawandels oder zur Radikalisierungsprävention usw. – verknüpft werden, so der eigene Anspruch in der islamischen Bildungseinrichtung.

Integrationsproblematik und verwandte Debatten stehen nicht im Zentrum des Engagements

Zu diesem inhaltlich sehr breit aufgestellten Ansatz gehört, dass der Fokus nicht auf Konfliktthemen um den Islam oder die in der Bundesrepublik lebenden Muslime liegen kann, die heute vielfach politische Debatten einfärben. Zur Sicherheit, um dergestalt auftretenden Missverständnissen vorzubeugen, betont Naciye Kamcili-Yildiz, es ginge hier keineswegs um die Gründung eines neuen Integrationsvereins. Es ist anderes, größeres geplant.

Denn bedeutsam, wie die Auseinandersetzung mit komplexen Integrationsfragen sein mag, sofern hier nicht polemisiert wird: sie repräsentiert lediglich einen Aspekt dessen, was die Akademie in den Blick nimmt – das Ganze, das Gemeinwohl, für das ihre Akteure nach eigenem Verständnis als Muslime genauso wie alle anderen BürgerInnen dieses Staates mitverantwortlich sind.

Insofern wurde jetzt mit dem Fachtag – quasi im Probelauf – lediglich ein Segment aus einem weitläufigeren Themenspektrum als Diskursgegenstand zur Öffentlichkeit getragen. Der als allgemeine Fragestellung über potentielle und empirische Zusammenhänge von Identität und Heimat in einer multikulturellen Gesellschaft wegen der politischen Implikationen allerdings mehr als nur ein akademisches Problem darstellen muss.

Brücken bauen: „ zwischen Theorie und Praxis, Muslimen und Nichtmuslimen, Glaube und Gesellschaft“

In der Praxis wird von dem Akademie-Bündnis faktisch eine reziproke Doppelbindung anvisiert. Zum einen soll muslimischen Perspektiven in den vielschichtigen Debatten darüber, wie wir miteinander leben wollen, eine Stimme verliehen werden. Andererseits geht es darum, die Integration der in der Bundesrepublik lebenden Muslime – statt nur passivistisch bestimmte Stagnationstendenzen zu beobachten – durch umfassende Partizipation zu stärken.

Der Innenraum der Dortmunder Zentralmoschee ist bereits neu gestaltet.

Indem, wie in einem Positionierungspapier der Akademie formuliert, „ihnen Wege aus dem Glauben heraus in die Zivilgesellschaft“ geöffnet würden. Vor diesem Hintergrund versteht sich die Einrichtung „als Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis, Muslimen und Nichtmuslimen, Glaube und Gesellschaft, um den innergesellschaftlichen Austausch zu fördern und einen Beitrag zur Bildung und Wertorientierung zu leisten“.

Worin diese „Werte“ im Einzelnen bestehen sollen, bleibt freilich genauso ergebnisoffen, wie es sich für zwanglose Diskurse eben gehört, für die am Akademie-Sitz im Dortmunder Reinoldinum und anderswo demnächst ein Forum bereitsteht. Dennoch: Vorentscheidungen sind aus Sicht der muslimischen Akteure bereits getroffen, auf deren Basis sich ein zukünftiger Dialog der Beteiligten herausbilden soll.

Sorgen: Bricht die bundesrepublikanische Gesellschaft mangels integrativer Binnenkräfte auseinander?

Ein zentraler Stellenwert – das wurde auch auf dem Fachtag deutlich – kommt dem Motiv oder der Handlungsprämisse zu, Gemeinschaft zu stärken. Denn da sind jene jungen Muslime, deren gesellschaftliche Integration vielleicht als defizitär angesehen muss und die sich nur wenig bis überhaupt nicht mit Deutschland identifizieren.

Abgesehen von Versäumnissen auf allen Seiten – insbesondere einer über lange Jahre verfehlten Integrationspolitik, die sich zum Teil in gebetsmühlenartig wiederholten Anpassungspostulaten erschöpfte – ließe sich nämlich fragen: Ist dies nicht auch Ausdruck einer generellen und unvermeidlichen Tendenz in postindustriellen Gesellschaften? Von zunehmender Individualisierung und infolgedessen hervorgerufener Heterogenisierung sozialer Gruppen?

Worin sich schließlich die langfristigen soziokulturellen Folgen ungebremster Technologisierung manifestierten, über denen ein partikularistischer Zeitgeist schwebt. Bis irgendwann gleichsam das Band verloren geht, das des Ganzen Teile zusammenhält, weil alle nur noch mit ihrem Smartphone, aber nicht mehr wirklich untereinander verbunden sind?

Läuft die Debatte auf ein Aufeinandertreffen von Kommunitarismus versus Liberalismus hinaus?

Die Frage ist sensibel: Fehlt es mithin an genuin sinnstiftenden Instanzen? Brauchen wir so etwas wie geläuterte Meta-Erzählungen mit womöglich universalistischen Ansprüchen, die uns diesmal aber sanft die Welt erklären, ohne „Überwältigung“, und dadurch neue Gemeinsamkeiten in Frieden generieren? Läge dort nicht zumindest eine Quelle integrativer Binnenkräfte, die eine bunte Gesellschaft allemal braucht, um zu bestehen?

Vertreter der Stadt Dortmund, der Katholischen Stadtkirche, vom Evangelischen Kirchenkreis, der Jüdischen Kultusgemeinde und vom der Rat der Muslimischen Gemeinden nahmen an der Konferenz zur Kampagne „Wir alle sind Dortmund“ teil. 

Gemeinsam: VertreterInnen der Stadt Dortmund, der Katholischen Stadtkirche, vom Evangelischen Kirchenkreis, der Jüdischen Kultusgemeinde und vom Rat der Muslimischen Gemeinden nehmen an einer Konferenz zur Kampagne „Wir alle sind Dortmund“ teil.

Der Fachtag an der Islamischen Akademie hat diesen Problemhorizont mit Blick auf Muslime in der Bundesrepublik berührt. Was für sie als Religionsgemeinschaft und StaatsbürgerInnen „Identität und Heimat“ aus empirisch-sozialwissenschaftlicher und islamisch-theologischer Perspektive bedeuten (können). Und sogleich prallten gewissermaßen Welten aufeinander, unter Gelehrten wohlgemerkt.

Wer oder was standen sich scheinbar gegenüber? Die Antworten, allein darauf, fielen ganz unterschiedlich aus, je nach Standpunkt. Und es könnte sogar der Eindruck von Harmonie, Einigkeit entstanden sein: darüber, dass, im zwar respektvollen Disput, in fundamentalen Fragen jedoch, schaust Du in die Tiefe, wenig an Gemeinsamkeiten sichtbar war. Immerhin, da war das Gespräch.

Weitere Informationen:

  • Islamische Akademie NRW; hier:
  • Islamische Akademie Deutschland; hier:
  • „Teilseiend“ aus Heidelberg, „Werte“; hier:
  • Bundesarbeitsgemeinschaft Islamischer Akademien (BagIK) i.G.; hier:

 

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