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Über den streitbaren Gott, der gern mitdiskutiert: Zeugnisse eines anderen Islam – von Toleranz und Größe – in Dortmund

Mit dem Terror kamen neue Stereotype: „der Islam“ wird mit ihm identifiziert. Bei näherem Hinsehen – ein Witz.

Sie töten im Namen eines Gottes, der mit ihnen so rein gar nichts zu schaffen hat. Neben dem Leid, das ihr Terror erzeugt, bewirken die FanatikerInnen zudem eine massive Rufschädigung. Indem ihre grausamen Taten mit jenem Gott des Islam und einer großen Kulturtradition identifiziert werden – geprägt von Toleranz, Offenheit und Debatten auf Augenhöhe. Das war über ein halbes Jahrtausend in den arabisch-islamischen Reichen des Mittelalters der Fall. – In der Reinoldikirche wird der ausgewiesene Islamwissenschaftler und Religionsphilosoph Prof. Ahmad Karimi am 26. September nicht nur den Reichtum dieser Kulturbildung – quasi ihren Wärmestrom – vorstellen. Sondern auf diese Weise ebenso zeigen, in welchen Facetten ihr Gott gedacht werden kann, und dabei einen ganz anderen Blick auf jene werfen, die um ihn ringen – und durch sie zugleich spricht.

Flüchtlingskind und Professor aus Afghanistan in einer Person – mit Leidenschaft fürs Streitgespräch

Deutsch denken, arabisch beten, persisch zählen, dazu die Liebe zur Musik des indischen Subkontinents – heißt es in einer Kurzcharakterisierung des ordentlichen Professors an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Worte sollen von Achmed Milad Karimi selbst gewählt worden sein.

Kam als jugendlicher Flüchtling mit seinen Eltern in die Bundesrepublik: Prof. Ahmad Karimi. Foto: Peter Grewer

Der aus Afghanistan stammende Geisteswissenschaftler lebt seit 25 Jahren in der Bundesrepublik, scheint in seiner Persönlichkeit vielfältig organisiert und ist ein überaus geschätzter Kenner des Islam.

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Prof. Dr. Achmed Karimi steht für einen ganz anderen Islam als jenen, der uns in der jüngsten Vergangenheit immer wieder durch Dogmatismus, Intoleranz und abscheuliche Gewalttaten begegnet ist – bis in die Gegenwart. Als er, das afghanische Flüchtlingskind, Jahrgang 1979, mit seinen Eltern in Hessen eine neue Heimat fand, fing alles praktisch bei Null an. Oder, nicht ganz.

Denn sein Verständnis des Islam hebt an mit dessen gewaltiger Kulturtraditionen, vor deren Vergewaltigung durch Fundamentalismus und Extremismus die Familie fliehen musste. Sein Bezugspunkt ist jene Epoche, als im arabischen Sprachraum des Orients bis nach Spanien über ein halbes Jahrtausend – im Mittelalter wohlgemerkt – die Wissenschaften, die Philosophie blühte. Weitgehend geforscht und disputiert werden konnte, ohne dass dies Verfolgung nach sich zog. Und die großen Religionen friedlich nebeneinander, teils auch miteinander lebten.

Einführung (Thomas Engel): Aspekte des Problemhorizonts

Das andere Mittelalter gegenüber verknöcherter Scholastik: Forschergeist und Toleranz des Orients

Die Islamrezeption Karimis steht dem, was heute häufig als „Islamismus“ bezeichnet wird, diametral gegenüber. Der passionierte Disputant und Religionsphilosoph füllt eine Kultur- und Geistesgeschichte wieder mit Leben, die hinter dem Terror der Fanatiker – auch im Land seiner Herkunft – mehr denn je in Vergessenheit zu geraten droht.

Zentralmoschee in Dortmund. Foto (3): Alexander Völkel

Und bezieht die Errungenschaften jener Zeit, ihren Einfallsreichtum immer wieder mit Witz und Esprit auf unsere Gegenwart, auf seine Erfahrungen im und mit dem westlichen Denken.

Damals, in den arabischen Reichen – in den Kalifaten der Omayyaden oder Abbasiden – wurde, trotz aller historischen Machtkämpfe, fast durchgängig eine Kultur der Offenheit gepflegt und gefördert. Es sind begründete Meinungen, Beweisführungen, Assoziationsräume gefragt. Darin Einzelaspekte, „kleine Wahrheiten“ der Weltinterpretation immer wieder zu neuen, größeren Zusammenhängen, Ansichten des Ganzen verknüpft werden.

An denen Menschen sich verorten oder der Skeptiker erneut zweifeln kann. Da ist eigentlich nichts ewig, oder fast nichts. Jedenfalls darf, kann kein Wissen, kein Glaube den je eigenen Bestand mit Gewalt sichern, ohne sich als nur hohles Gebilde zu zeigen, zu schwach, sich kraft seiner selbst zu verteidigen. – Mitgeführt wird hier: die institutionalisierte Achtung und Anerkennung des je Anderen und dessen Ansichten.

Und wenn es Gott nicht gäbe? – Ja, was wäre daran eigentlich so besonders schlimm – ?!

In diesem Produktiv-Klima lässt sich trefflich – und respektvoll – streiten. Würde und rechtes Gewicht steht nur dem zu, was sich friedlich und durch sich selbst auszuweisen vermag: dem ein freier Mensch mithin zwanglos zustimmen kann; also ohne IS-Drohungen und Kalaschnikow am Kopf. – Und es kommt in dieser Epoche wenig säkularer Gemeinschaften etwas Entscheidendes als Gegenstand von Debatten hinzu: „Gott“.

Moderne Bibel: Quelle: Wiki

Das Wort „Gott“ und sein Begriff von ihm zeigen mindestens irgendetwas immens Großes an. Gleich, welches Verständnis im Einzelnen und Weiteren vorherrscht. Insofern, einmal in der Dimension von Gewicht, dürfte gleich klar sein: da ist ein Thema, darüber wird im Mittelalter eifrig und aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert.

Nicht nur kritisch über dieses geheimnisvolle Wesen, sondern vor allem auch mit ihm, sofern an seiner Seite sich so manche Meinung zur Verteidigung bildet, zudem die Offenbarung ausgelegt sein wollte.

Negierte scharfe Kritik gar seine Existenz, versuchten seine Geistesjünger vor allem im christlichen Kulturraum, sie variantenreich zu beweisen – ein bis heute mit den strengen Methoden der Wissenschaft freilich nicht gelungenes Unterfangen. Vor allem aber richteten sich wache Stimmen auf seine Rechtfertigung. – Eigentlich ein Unding, weil dahinter für die Theologie eine Anmaßung stecken muss: dass ein kleines Menschlein es wagt, Gott, den Einen, zu hinterfragen.

Kritik an Gott: zeigte er sich einst verschnupft, führt sie schließlich in eine rege Diskurskultur

Doch, wie gesagt, der Meister aller Klassen, ließ sich in jener Zeit nicht lumpen und ist durchaus gesprächig – anders als an die anderthalbtausend Jahre zuvor im Alten Testament gegenüber dem verdrießlich rummosernden Hiob, dem das „Schicksal“ so übel mitgespielt hatte.

Große Religionen – heilige Bücher, meist dicke Wälzer: hier in der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund.

Dass Gott seine AnhängerInnen jetzt hier und da ernsthaft zu argumentieren veranlasst, ist umso erstaunlicher, weil es ziemlich starker Tobak ist, mit dem er konfrontiert wird.

Die harten ZweiflerInnen behaupten nämlich letztendlich: Nur wenn es Gott nicht gäbe, wäre er gerechtfertigt. Diese dreiste Behauptung entstammt dem Diskurs um gewisse Versäumnisse jenes ewigen Wesens, das doch als Schöpfergestalt durchaus handlungsfähig zu sein scheint.

Und der launenhafte Typ mit dem Rauschebart hatte das damals dem armen Hiob auch ziemlich deutlich gemacht. Als er auf dessen Klagen hin zornig herab raunzte, wo er, der Hiob mit seiner großen Klappe, eigentlich gewesen sei, damals, bei seiner phantastischen Kreation namens „Erde“ aus dem Nichts.

Vernünftige „Rechtfertigung“ Gottes: er existiert nicht – sonst wäre er nach menschlichem Maß schuldig

Meint: Haltet Euch bedeckt, Ihr lieben Menschenkinder, sonst zieh’ ich andere Seiten auf. Dass er dazu in der Lage und bereit war, hatte sich bereits rumgesprochen. Auch deshalb gilt dem Monotheismus sein Gott als allmächtig, allwissend, zudem (und erstaunlicherweise) als allgütig. Zumindest nach menschlichen Ermessen, soweit es religiös gestrickt ist.

Der Kaʿba im Inneren der Heiligen Moschee, gelegen in Makka (Saudi-Arabien) – Wallfahrtsort der Haddsch, der großen Pilgerfahrt: religiöse Pflicht aller MuslimInnen. Quelle: Wiki

Danach kann Gott alles, weiß alles und ist das Gute in Vollkommenheit. Ist dem so, drängt sich allerdings die (vordergründig naive) Frage auf, weshalb auf Erden so viele unschuldige Menschen sinnlos leiden müssen.

Und dies, ohne dass jenes Wesen mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten gehörig dazwischen grätschte, um seine geliebten Kinder vor dem Verderben zu bewahren. – Dieses kleine, von der menschlichen Vernunft erzeugte Problem lässt sich nun mit deren Mitteln leider nicht wieder auflösen.

Für sie bliebe der (scheinbare) Passivismus Gottes, sein Nichtstun – mit Blick auf das von ihm Geduldete – schlicht ein Skandal und ohne Hoffnung auf einen sinnvollen Ausweg zur Rechtfertigung dessen. Die könnte hypothetisch eben nur darin bestehen, den Täter, den mit der unterlassenen Hilfeleistung, für inexistent zu erklären.

Von religiösen und säkularen Auswegen aus dem Dilemma um den einen, unverstandenen Gott

Frieden kann aber ebenso schließen, mit dem dergestalt durch begriffliches Denken erzeugten Abgrund, wer in irgendeiner Form auf die Grenzen menschlicher Vernunft verweist, statt Gott – weniger andächtig – gleich ganz aus der Welt verbannen.

Eine beliebte und recht immune Denkfigur im Zusammenhang religiöser Rechtfertigung ist etwa der „unergründliche Ratschluss“ Gottes.

Will heißen: Wir, als Menschen, sind am Ende schlicht zu doof, um seine Absichten vollumfänglich zu kapieren. Ja, vielleicht wissen wir gar nichts, weil „er“ das Ganz-Andere ist. Also, eigentlich so gar nicht von hier – von wegen „Ebenbild“.

Was auch immer: Es mögen diesem Wesen Fähigkeiten zukommen, die es in die Lage versetzen, die dilemmatische Situation spielend aufzulösen, in die uns die Vernunft gebracht hat, weil sie meint, das (Nicht-)Handeln Gottes als unseren ethisch begründbaren Moralprinzipien widerstreitend denken zu müssen.

Statt Verweis auf „unergründliche Ratschlüsse“: weltlicher Rekurs auf anthropologische Überlegungen

Alternativ können wir besagten Weg eines vornehmen, anthropologisch fundierten Atheismus beschreiten – mit ebenfalls recht übersichtlichen Begründungslasten, die sich aber – anders als die schlichte, theologisch motivierte Behauptung einer Existenz transzendenter Machtinstanzen, denen der begrenzte menschliche Intellekt einfach nicht gewachsen ist (gleichwohl sie seine Idee darstellen) – dem Diskurs stellen und durch ihn eingelöst werden können.

D.h.: Statt sich in der Frage, wie die Theologie an diesem Punkt, gleichsam auf ein Wolkenkuckucksheim zurückzuziehen, an das Menschen glauben können oder nicht, lassen sich die Thesen des Atheismus im Gespräch über das Für und Wider erhärten oder schwächen. Sie sind daher in ihren Strukturvoraussetzungen gegenüber dem religiösen Glaubensdogmatismus zutiefst demokratisch. Und in ihrer Argumentation bescheiden. – Es ist quasi die Demut des freien Menschen vor sich selbst.

Das Friedenslicht der Religionen (Lichtkunstwerk von Leo Lebendig): Kann Glaube vereinen, weil darin menschliches Ausdrucksverhalten nach Sinn symbolisiert wird? Foto: Klaus Hartmann

Dies geschieht, indem wir erstens als AgnostikerInnen die Antworten auf die Fragen nach der Existenz Gottes dorthin überantworten, wohin sie gehören: in die Dimension individueller Glaubensentscheidungen ohne primordiale Öffentlichkeitsrelevanz. Sofern es sich hier in einer säkular-offenen Gesellschaft um Privatangelegenheiten handelt.

Aus dem guten Grund, weil Gottes Existenz ja nicht rational beweisbar ist, daher etwaige, aus dem Glauben gezogene, sozialethische Schlussfolgerungen in einer aufgeklärten Gesellschaft weniger relevant sind.

Zweitens fahren wir kulturanthropologische und soziologische Geschütze auf. Indem wir etwa – mit Ludwig Feuerbach – annehmen, besagter Gott könne als eine Metapher ureigenster menschlicher Schätze verständlich gemacht werden, die in der Theologie zum Sinnbild einer ewigen Wesenheit jenseits von Raum und Zeit hypostasiert – das heißt: gestalthaft werden.

Was letztendlich soviel hieße wie: Nicht Gott hat den Menschen gemacht, sondern dieser „erfand“ Gott. Nach und nach, grob: vom Animismus über den Polytheismus hin zum Menschheitspartner in einer „monogamen“ Beziehung. Denn während die Schöpfungsthese nach wissenschaftlichen Maßstäben nicht belegbar ist, lassen sich für die umgekehrte Annahme durchaus ernstzunehmende Argumente finden.

Ist der Mensch ein Geschöpf Gottes – oder ist „Gott“ lediglich eine „Erfindung“ des Menschen?

Deren explikatives Potential liegt neben anthropologischen Vorannahmen vor allem in Überlegungen zur Funktionalität religiösen Denkens für den Bestand gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Streiten mit Gott: Ernst Bloch, Atheismus im Christentum. Foto (4): Thomas Engel

Bei der „Erfindung“ Gottes handelte es sich demnach um einen quasi genialen, weil Stabilität generierenden Schachzug. Dem geheimnisvollen Wesen kommen Prädikate zu, die zum einen gewissermaßen Kristallisationspunkte menschlicher Sehnsucht bilden. Wir übertragen auf Gott, was wir sein könnten, sollten wir es werden wollen.

Und erschaffen damit zugleich eine moralische Instanz, mit der wir uns darin Grenzen setzen. Demütig bleiben, statt beispielsweise mit Allmachtsphantasien über den Planeten zu marodieren. Insofern bildet das religiöse Bewusstsein eine frühe Schranke, um ein Prinzip der Verantwortung vor allem Lebendigen nicht erodieren zu lassen.

Wodurch zugleich das Gesamtpaket – diese eine Offenbarung Gottes – nicht nur für die Hoffnung steht, dass sich nach dem Tode alles zum Besseren wende, sondern das Humanum bereits auf dieser Welt das ihm Gemäße: seine Würde findet.

Befriedungsinstanz in einer fragwürdiger Welt: eine Schlüsselfunktion von Religionen

Auch aus diesem Grund gilt: Es lebt sich auf Erden ungleich kuscheliger, muss unsere existentielle Absurdität nicht ausgehalten werden. Denn niemand fragte nach unserer Meinung, als wir in die Welt geworfen wurden. Dies einfach auszuhalten oder aus eigener Anstrengung individuelle Sinnhaftigkeit zu generieren – da ist der Katalog religiöser Weltinterpretationen auf den ersten Blick viel attraktiver, weil’s Menschlein hinnehmen kann, was religiös-dogmatisch verordnet, ohne eigenständig denken zu müssen. Insofern ist Religion in ihrer dogmatischen Form und dem Anspruch, Lebenswelten moralisch zu regulieren, ein Anker für defizitäre Persönlichkeiten, die nicht in der Lage sind, sich den Sinn ihres eigenen Lebens selbst zu geben.

Alevitische Symbolik, friedlicher Pantheismus statt Bekehrungsauftrag der Universalreligionen

In dieser Lesart sind entsprechend geprägte Weltbilder mithilfe ihrer institutionalisierten Verweltlichungen an einen genuinen Konservatismus gebunden, der systemisch befriedet, Gott aber letztendlich nur als obersten PR-Manager präsentiert. Wäre dem so, kann dessen Rechtfertigung infolgedessen nicht einmal mehr darin bestehen, dass dieses höchste, sich selbst setzende Wesen als Sein eine Chimäre ist.

Denn das Trugbild geht von einer ohnmächtigen Welt aus, die zwar aus dem Nichts geschaffen worden sein soll, sich aber in ihrem fragwürdigen Zustand – von Ungerechtigkeit und Repression – gerade mit dieser Ideologie selbst erhält.

Daher sagte einst ein kluger Mensch über Religion sinngemäß: sie sei der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, der Geist geistloser Zustände. Und so fort. – Es ist die dunkle Seite der Religion, der ihr inkorporierte Quietismus: gesenkte Häupter in Lumpen, die es nicht wagen, aufzubegehren, weil Gott als der Herr eben an der Seite ihrer Herren zu stehen scheint. – Diese Zeiten sind vorüber, wo Bildung aufklärt. Das war nicht immer so. Zugleich kam die nackte Gewalt in seinem Namen hinzu.

Die Geschichte des sich ausbreitenden Christentums: sie ist beschämend, weil auch von roher Gewalt

Die Essenz („Summe“) der Theologie, lat.; Hauptwerk des Th. v. Aquin, entstanden Mitte 13. Jhd. An die 3.000 Seiten christliche Religionsphilosophie

Unglücklicherweise (wie daher bezeichnenderweise) hat es sich geschichtlich nämlich nur selten allein um freundliche Sinnangebote gehandelt, mit denen sich Religionen Menschen näherten. Die schlimmsten von allen kamen mit dem Kreuz.

So zogen die Kreuzritter gen Osten – über die gute alte „B1“ Richtung Nowgorod – mit der Parole „Taufe oder Tod“ im Gepäck. Wohlgesinnte Offerten für andere Sichtweisen auf die Welt kommen anders rüber. Es riecht nach Mord aus Fanatismus.

Von internen Säuberungswellen – mit unzähligen Frauen auf dem Scheiterhaufen – bis dort im Osten Europas, in Südamerika, in Palästina, in Afrika – überall, wo dieses Christentum auftrat, schrien Millionen von Menschen vor Qual.

Es hat sich, jenem einen Gott verpflichtet, mit dem Schwert verbreitet und erhalten. Rücksichtslos, gewissenlos, wo er doch in Menschengestalt (auch) um Nachsicht warb.

Sie, in dessen Namen sie töteten und voller Selbstgewissheit und Dummheit reihenweise heidnische Bibliotheken niederbrannten – sie kannten keine Gnade. Denn sie hatten die Wahrheit schlicht gepachtet, ausgestattet mit ewiger Definitionsmacht über den göttlichen Willen, so, wie er ihnen eingeimpft wurde; und der ihr menschenverachtendes Handeln zu legitimieren schien.

Terror der „Gotteskrieger“ und Bilder ihrer Opfer gehen heutzutage schonungslos rund um die Welt

Da war keine Demut vor dem Leben, bei den Reconquistadoren des arabischen Spaniens, keine Achtung vor Bildung und Millionen von Büchern, deren Sprache – geschrieben zumeist in arabisch, teils in hebräisch – sie nicht oder kaum verstanden. Es musste alles weg, alles raus, in Toledo, Cordoba, Pogrome gegen Juden, Zwangstaufen, Vertreibung, egal. Der Zweck, ihr Gott, heiligte alle Mittel. Sonst wäre er ja nicht heilig.

Thomas v. Aquin, später heilig gesprochen, übersetzte die beim Untergang Roms verlorengegangenen Schriften des antiken Philosophen Aristoteles wieder ins Lateinische. Dafür musste er Arabisch lernen. Denn sie wurden über den islamischen Kulturraum gerettet.

Die Massengewaltorgien des Christentums sind nicht nur Geschichte, sondern dem relativen Vergessen anheim gestellt. Denn sie verblassen, sind allenfalls nachzulesen. Wenn sich jetzt islamistisch motivierter Terror im Namen desselben einen Gottes zeigt, dann ist er nicht nur Gegenwart, sondern Gleichzeitigkeit durch Online-Netzwerke bis in den letzten Winkel der Welt.

Auch etwa, als in der Stadt Palmyra – gelegen an einem alten Karawanenweg inmitten der syrischen Wüste – im Jahr 2015 die selbsternannten Gotteskämpfer des IS damit begannen, so ziemlich alles wegzusprengen, was nach antiker Architektur von „Ungläubigen“ aussah; UNESCO-Weltkulturerbe hin oder her. Wie blind Religionen Menschen doch machen können.

Zwar ist das historische Ausmaß, in dem heutzutage wieder huldvoll zerstört, geraubt, gemordet, gebrandschatzt, vergewaltigt, gedemütigt wird, im Verhältnis zur Völkermorddimension der Adepten Christi eher bescheiden – doch dies ist zur Gänze gleichgültig. Es geht nicht nur darum, wie und in was für einer Gesellschaft wir letztlich leben wollen, sondern zuallererst schlicht um Menschenleben.

Anspruch auf Deutungshoheit über Gottes Wort verwandelt sich in totalitäre Gewalt gegen Andersdenkende

Der Islam war von Anfang an mit dem Christentum verbunden. Hier erhält der Prophet die erste Offenbarung von Erzengel Gabriel am Berg Hirāʾ. Miniatur aus einer Handschrift von Raschīd ad-Dīns Weltchronik Dschami‘ at-tawarich, 1307. Quelle: Wiki

Und ein jeder Mensch, der durch Gewalt den Tod findet – wie auch immer (jenseits von Extremfällen legitimer Notwehr) motiviert – ist einer zu viel. Gleich, wer verantwortlich ist – ob Individuum, Gemeinschaft oder Staat; gleich, wen es trifft. Der Opfer Herkunft, Religion, Geschlecht, sexuelle Neigung, Ethnie, usf. – all das ist belanglos.

Denn es werden erstens stets einzigartige Wesen zum Opfer, die es allein schon deshalb nie hätte geben dürfen, weil ihnen Menschenwürde zukommt. Und zweitens schmecken die Tränen aller Mütter gleich.  Deshalb müssen alle zwischenmenschlichen Konflikte, wenn irgend möglich, gewaltfrei beigelegt werden. Zur Bewahrung jener Würde und zur Vermeidung von Leid und Unglück.

Jetzt aber erreichen uns die Terrorbotschaften des „religiös“ fundierten Fanatismus islamistischer Herkunft durch weltumspannende Medien. Dadurch wird unvermeidlich Negativberichterstattung erzeugt, sollen Menschenrechte realiter noch etwas gelten, statt nur Papier zu füllen. Aus diesem Grund scheint es um die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in den Angelegenheiten Gottes nicht wirklich gut bestellt.

Denn der Allmächtige selbst gerät wieder in Verruf – sofern es jene extremistischen IslamistInnen sind, welche die Definitionsmacht der Schriften beanspruchen und bereit sind, ihre dezidiert-theonomen Vorstellungen darüber, wie gesellschaftliches Zusammenleben ihrem Narrativ zufolge aussehen sollte, mit brutaler Gewalt anderen Menschen aufzuzwingen. Hier gibt es keine Freiheit, keine Offenheit für alternative Glaubensrichtungen oder Denkweisen mehr, sondern in Verunglimpfung seines Namens sollen SklavInnen heran gezüchtet werden.

Prof. Ahmad Karimi: Islamwissenschaftler der besonderen Art

Vom Potential viel beschworener „Vielfalt“: es blüht, wo Neugier ungehindert wirken kann

Ein neugieriger Mensch, offen für Vielfalt, der in eine Gesellschaft mit diesem Anspruch aus dem Monolith dogmatischer Dummheit hinein gestoßen wurde. Ein Jugendlicher, der die Chance zur Bildung ergreift und Kulturen, ihre Macken und Früchte aufsaugt – kann ohne Vollverblendung nur entschiedener Gegner eines dergestalt intolerant bis totalitär auftretenden Islam sein.

Er ist heute Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi; flüchtete mit 13 Jahren zusammen mit den Eltern aus Afghanistan, fand schließlich in Darmstadt eine neue Heimat.

Dort durchlief er gängige bundesrepublikanische Bildungsinstitutionen: Haupt-, Berufsfach- und Realschule, dann das Gymnasium, um Philosophie und Islamwissenschaften zu studieren. Es folgt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eine Promotion über Hegel und Heidegger, in deren Schriften 99,9 Prozent aller Deutschen garantiert keine drei aufeinanderfolgenden Sätze verstehen. Respekt.

So ging es fort, manchmal gern auch kurvenreich. Nach Gründung von Verlagen und vielen Publikationen wurde der heutige Vater zweier Kinder 2016 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum ordentlichen Professor berufen. – Das heißt was im Lande.

Lichter in der Dunkelheit: Gott/Göttin/Es – von strukturelle Offenheit ohne Besserwisserei

Gegenwärtig lehrt er dort u.a. Kalām. Das ist – mutatis mutandis – die arabisch-islamische Version der Scholastik; entstanden vor ihr, wohlgemerkt, und weniger verknöchert.

Die Heilige Schrift des Islam, der Qurʾān. Quelle: Wiki

Die Kunst des Streitgesprächs: Wie mit rhetorischer, methodischer, logischer Finesse den Monotheismus, den einen Gott verteidigen? Oder kritisch hinterfragen? Weiterhin stehen auf seinem Lehrplan Islamische Philosophie und Mystik, wo Dir Gott nur durch Dich erscheint: auf mysteriösen Wegen dazu. Zudem ist er stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Uni Münster.

Stimmen sagen, Ahmad Karimi gälte als einer der wichtigsten „reformorientierten Islamwissenschaftler“ der Gegenwart. Von der BRD-Presse hochgelobt: „Aufstieg vom Flüchtling zum Professor“, „Wunderknabe“, „Multitalent“, „umtriebigster Religionsphilosoph Deutschlands“, einer der „prägenden Köpfe des Islam in Deutschland“.

Sein Buch „Hingabe“ wurde als das „außerordentlichste“ Buch des Jahres 2015 auf dem Gebiet islamischer Studien im deutschsprachigen Raum gewürdigt. Karimi erhielt 2019 den Voltaire-Preis für „Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz“ von der Universität Potsdam und der Friede Springer Stiftung.

Von Spurensuchen: wo Göttliches im Ach-zu-Menschlichen sich einfinden mag – und umgekehrt

Genug der Vorschusslorbeeren. Wer dabei sein möchte: „bei einer atemberaubenden Reise durch den Islam und den Koran“, wie es seitens der Veranstalter heißt, möge sich zu gegebener Zeit einfinden: am 26. September für ein nicht nur für die Stadtöffentlichkeit gedachtes  Zusammensein – in St. Reinoldi.  Zur potentiellen Begriffsberauschung bei Achterbahnfahrten durch den Glauben, ohne Garantie, dass er zwischendurch nicht gegrillt wird.

Religiöser Ort der Veranstaltung: Reinoldikirche, Dortmund-Innenstadt

Was Besucherinnen und illustren GesprächsteilnehmerInnen bevorsteht, dazu meinen die Veranstaltenden mit Verweis auf den Gast des Abends:

„Er eröffnet einen neuen Blick auf den Islam, der gerade dort zu Hause ist, wo man ihn nie vermutet hätte. Wir begegnen Atheisten und Gottsuchern, Philosophen und Mafiosi, Dichtern, Mystikern und Predigern, die alle mit der Frage nach und um Gott ringen. Traditionen der islamischen Theologie und Mystik werden mit Philosophen wie Martin Heidegger oder Slavoj Zizek ins Gespräch gebracht.“

Und weiter: „Populäre US-amerikanische Serien wie z.B. Breaking Bad oder Game of Thrones deutet Karimi neu und vor allem theologisch. Er nimmt uns mit auf eine ungewöhnliche Spurensuche nach einem Gott, den es nicht gibt – oder vielleicht doch? Ein leidenschaftliches Plädoyer, sich mit Religion auseinanderzusetzen und für mehr Mut, mit Gott zu hadern.“

Eine große Kulturtradition gegen grausame Verunglimpfung durch islamistische Gewalt bewahren

Solches (Quer-)Denken – in seiner Zeit des Kalten Krieges und aus marxistischer Perspektive – findet sich beim Philosophen der Hoffnung als Prinzip: Ernst Bloch. In so paradox klingenden Titeln wie „Atheismus im Christentum“ oder rätselhaften Formulierungen wie „Die aristotelische Linke“ – einem kleinen Lehrstück zur klassischen arabisch-jüdischen Philosophie – in diesen (verhältnismäßig) kleinen, aber wegweisenden Schriften ist ein Wärmestrom kenntlich, der aus Zwischenwelten herausgegraben und aufbereitet wird.

Symbole großer Religionen. Quelle: Wiki

In ihm ist Anerkennung aufgehoben – die einer großen, jahrhundertelangen Geschichte arabischer Toleranz und deren ausgeprägter Debattenkultur. In einer Gesellschaft damals, in der die Religionen noch weitgehend gleichberechtigt miteinander leben konnten.

Sie zu ignorieren, könnte der fatale erste Schritt auf einem Weg sein, an dessen Ende die Gefahr lauert, den islamistischen Terror der Gegenwart für’s Ganze der islamisch-arabischen Kultur zu nehmen.

Ahmad Karimi – inmitten einer (post-)modernen Gesellschaft westlichen Zuschnitts stehend – wird den BesucherInnen eine faszinierende Welt öffnen, die mindestens eins nachdrücklich zeigt: eine solche – häufig politisch motivierte – Ignoranz ist von ihrer Substanz her ein Witz wie eine Katastrophe zugleich. Allein schon, wenn es um die tiefen, verborgenen Verbindungslinien zwischen den Kulturen geht, die auf diese Weise unentdeckt blieben, könnten sie doch ein Verstehen füreinander stiften, in dessen Medium Intoleranz, blinder Hass und Gewalt keinen Platz haben.

Die Diskussion wird moderiert von Daniel Schneider (Theologe, Journalist, Sprecher und Moderator für Funk und Fernsehen). Veranstalter sind: Ev. Stadtkirche St. Reinoldi | Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V. | Regionalbüro Westfalen der Konrad-Adenauer-Stiftung. Leitung: Felix Eichhorn, Susanne Karmeier, Beate Kaiser.

Weitere Informationen:

  • „Und wenn es Gott nicht gibt?“ – Ein außergewöhnlicher Roadtrip durch den Islam mit Prof. Dr. Milad Ahmad Karimi, Professor für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik an der Uni Münster mit anschließender Diskussion
  • Ort: Reinoldikirche, Ostenhellweg, 44135 Dortmund
  • Wann: Donnerstag, 26. September, 19.30 – 21.00 Uhr
  • Flyer der Veranstaltung; hier:
  • Um verbindliche Anmeldung wird gebeten

 

 

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2 Gedanken über “Über den streitbaren Gott, der gern mitdiskutiert: Zeugnisse eines anderen Islam – von Toleranz und Größe – in Dortmund

  1. Cornelia Ende

    Danke für diesen ausführlichen Artikel! Interessante Gedanken zu Religionsphilosophie und Religionssoziologie habe ich vor kurzem in dem provokanten Buch „Das Religionsparadox“ von Victoria Rationi gefunden – vielleicht auch für Ihre Leser*innen interessant ..

    Cornelia Ende

  2. Evangelischer Kirchenkreis Dortmund (Pressemitteilung)

    „Und wenn es Gott nicht gibt?“ Veranstaltung zum Islam in St. Reinoldi

    Er ist einer der wichtigsten reformorientierten Islamwissenschaftler der Gegenwart. Prof. Dr. Milad Ahmad Karimi, Professor für Kalam, islamische Philosophie und Mystik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster nimmt die Zuhörenden mit auf einen außergewöhnlichen Roadtrip durch den Islam.

    Die Veranstaltung mit dem Titel „Und wenn es Gott nicht gibt?“ findet am Donnerstag, 26. September, um 19.30 Uhr in der Stadtkirche St. Reinoldi statt. Es moderiert Daniel Schneider (Journalist, Theologe, Sprecher und Moderator für Funk und Fernsehen).
    Gott scheint in Verruf geraten. Vor allem der Gott des Islam hat derzeit keine gute Presse. Als rigide und herrschsüchtig wird er wahrgenommen. Einige seiner Anhänger treten in der Öffentlichkeit als radikalisierte Eiferer auf, die mit ihrem Gott das Anrecht auf die absolute Wahrheit beanspruchen. Dem tritt Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi mit einer atemberaubenden Reise durch den Islam und den Koran entgegen.

    Er eröffnet einen neuen Blick auf den Islam, der gerade dort zu Hause ist, wo man ihn nie vermutet hätte. Wir begegnen Atheisten und Gottsuchern, Philosophen und Mafiosi, Dichtern, Mystikern und Predigern, die alle mit der Frage nach und um Gott ringen. Traditionen der islamischen Theologie und Mystik werden mit Philosophen wie Martin Heidegger oder Slavoj Zizek ins Gespräch gebracht. Populäre US-amerikanische Serien wie z. B. Breaking Bad oder Game of Thrones deutet Karimi neu und vor allem theologisch. Er nimmt uns mit auf eine ungewöhnliche Spurensuche nach einem Gott, den es nicht gibt – oder vielleicht doch? Ein leidenschaftliches Plädoyer, sich mit Religion auseinanderzusetzen und für mehr Mut, mit Gott zu hadern.

    Veranstalter sind das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V., die Stadtkirche St. Reinoldi und die Konrad-Adenauer-Stiftung.

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