Nordstadtblogger

Spannende Diskussionen und interessante Einblicke im DKH: „Wo steht der Islam in Deutschland in zehn Jahren?“

Talk im DKH mit Lamya Kaddor und Aladin El-Mafaalani.

Talk im DKH mit Lamya Kaddor und Aladin El-Mafaalani. Fotos: Alex Völkel

Von Clemens Schröer

„Wo steht der Islam in Deutschland in zehn Jahren?“ Diese spannende Frage stand bei der neuen Veranstaltungsreihe „Talk im DKH“ im Mittelpunkt. Ihre Thesen dazu stellte Lamya Kaddor vor.

Fünf Thesen zur Zukunft des Islam in Deutschland in zehn Jahren

Sie ist nicht nur Religionswissenschaftlerin und Schulbuchautorin für das Fach Islamkunde in NRW, sondern auch alltagspraktisch geerdete Islamkundelehrerin in Dinslaken.

Als Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes sowie als erfolgreiche Buchautorin und nahezu allgegenwärtige Interviewpartnerin in den Medien und Vortragsreisende hat sie zudem in religionssoziologischen und –politischen Fragen ihr Ohr am Puls der Zeit.

Ausblick auf die Entwicklungen in Deutschland: Der Islam wird arabischer und syrischer

Talk im DKH mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Talk im DKH mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Durch den aktuellen Zustrom Geflüchteter werde der Islam in Deutschland, der lange von der türkischen Gastarbeiter-Community geprägt worden sei, arabischer und vor allem syrischer.

Deren Islamverständnis sei konservativ, aber weltoffen. Syrische Muslime seien es gewohnt, dass die Gläubigen verschiedener Religionsgemeinschaften miteinander zusammenleben, wie es auch in Deutschland und Europa üblich ist.

Bis heute existierten in Syrien uralte christliche Gemeinden in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft, wenngleich jüngst vom IS-Fanatismus bedroht.

Das in westlichen Augen etwas bizarre Frauenbild in Syrien – die Frauen dürften zwar lernen und studieren, würden aber mit ihrer Verheiratung wieder in traditionell-patriarchale Rollenmuster der Nichtgleichberechtigung zurückgestoßen – werde auf Dauer in den emanzipierten westlichen Ländern nicht überleben können.

Der Islam wird deutscher und sichtbarer

In zehn Jahren werde der Islam aber auch deutscher und sichtbarer sein. Kaddor unterrichtet mittlerweile die vierte und fünfte Generation muslimischer EinwandererInnen.

Es werde noch mehr Beispiele gelungener Integration geben, schon jetzt gebe es eine islamische Seelsorge in deutschen Krankenhäusern, immer mehr muslimische Lehrer, auch mehr in Deiutschland sozialisierte und ausgebildete islamische Theologen.

Muslime brächten sich jetzt schon immer häufiger in gesellschaftliche und politische Diskussionen ein. Auch könnten erst die bereits integrierten und qualifizierten Muslime in Konkurrenz zu „biodeutschen“ Mitspielern um begehrte Ressourcen und Positionen treten. Diese Rangeleien seien also nicht Zeichen einer gescheiterten, sondern gelungener Integration.

Der Islam wird in Deutschland noch herausfordernder werden

Talk im DKH mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Talk im DKH mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Auch auf anderen Feldern werde der Islam die Mehrheitsgesellschaft weiter herausfordern. Auch in zehn Jahren gebe es Einzelfälle gescheiterter Integration zu beklagen. Die zunehmende Heterogenität muslimischen Lebens verlange den Andersgläubigen mehr Differenzierung ab.

Der Terror im Namen des Islam werde, so Kaddors düstere Prognose, erst in zehn Jahren seinen Höchststand erreichen. Die Islamwissenschaftlerin rechnet mit Terroranschlägen auch in Deutschland.

Sie warnt davor, wenn dann wieder, wie nach dem 11. September 2001, nicht zwischen der Weltreligion Islam und einem fanatisierten, gewalttätigen Islamismus unterschieden würde.

Der Islam wird in Deutschland normaler

Viertens werde der Islam aber insgesamt „normaler“. Das bewirke allein schon die Demographie, wie ein Blick in die deutschen Schulklassen zeige. Muslime würden stärker als Deutsche wahrgenommen, sie selbst sich auch mehr als muslimische Deutsche betrachten.

Das Kopftuch sei längst kein Aufregerthema mehr. Aber die syrische Westfälin wünscht sich, dass die vermeintliche „Andersartigkeit“ der Enkel und Urenkel von Einwanderern nicht immer weiter durch die ausgrenzende Formel vom „Migrationshintergrund“ fest- und fortgeschrieben werde.

Der Islam wird intellektueller

Kaddor schloss mit der These, der deutsche Islam werde in zehn Jahren auch intellektueller sein, und folglich selbstverständlicher Teil aller möglichen politischen und gesellschaftlichen Debatten werden. Sie verwies auf die zahlreicher werdende Schar der Blogger, Künstler, Wissenschaftler.

Spannender Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich

Talk im DKH mit Aladin El-Mafaalani.

Talk im DKH mit Aladin El-Mafaalani.

Moderator Aladin El-Mafaalani, Soziologieprofessor in Münster, lenkte den Blick zunächst auf unser Nachbarland Frankreich, was dort anders, besser oder schlechter laufe als bei uns.

Kaddor meinte, die rigide, laizistische Trennung von Religion und Staat verhärte dort die Fronten, so gebe es etwa in den Schulen keinen Religionsunterricht, was auch ein Heranführen des Islam an Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft erschwere. Bei uns sei das Klima dagegen dialogischer, „sanfter“.

Zwar sei die nationale Identität in Frankreich stärker ausgeprägt und schließe auch die Mehrheit der dortigen Muslime ein, jedoch hätten sich dort viel stärker als in Deutschland sozioökonomisch, nicht religiös begründete Parallelgesellschaften gebildet.

Entwicklungschancen eines aufgeklärten Islam in den klassisch muslimisch geprägten Ländern

In einem zweiten Schritt wurde dann der Vergleich zu den Entwicklungschancen eines aufgeklärten Islam in den klassisch muslimisch geprägten Ländern gezogen. Für die Referentin ist klar, dass eine Säkularisierung des Islam dort erst dann möglich werde, wenn sich auch die Politik säkularisiere, liberalisiere und demokratisiere.

Derzeit verhinderten die dortigen Diktaturen jedwede Säkularisierung der Religion, auch wenn sie (wie Syriens Assad oder Ägyptens Sisi) ihre Macht nicht von einem dogmatisch verstandenen Islam herleiteten und wie das saudische Königshaus oder die iranische Mullah-Clique einen „Gottesstaat“ errichtet haben.

Denn die Freisetzung der Religion, das wüssten die Herrscher ganz genau, führe über kurz oder lang auch zu einer politischen Infragestellung der unterdrückerischen politischen Systeme.

Aus zahlreichen Gesprächen mit syrischen Geflüchteten wisse sie, dass diese sehr wohl einzuschätzen wüssten, was es bedeutet, dass das christlich-säkulare Deutschland sie aufnimmt und das muslimische Bruderland Saudi-Arabien eben nicht.

Europa und Deutschland – Chance für einen liberalen Islam?

Talk im DKH mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Talk im DKH mit Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Europa und Deutschland also als Chance für einen liberalen Islam? Und werde diese Chance aber auch genutzt? El-Mafaalani traf hier einen wunden Punkt. Zwar vertreten die großen muslimischen Verbände zusammen nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland, seien aber auf ein eher integralistisches, konservatives Islamverständnis festgelegt.

Lamya Kaddor wurde mit ihrem 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bund (LIB) da anfangs gern als „Spalterin des Islam“ diffamiert.

Die an „Konkordatsabmachungen“ mit den beiden großen christlichen Kirchen gewohnte deutsche Politik musste erst mühsam dazulernen, dass es in der muslimischen Community wesentlich bunter zugeht und spielte den konservativen Lobbyisten mit ihrem Alleinvertretungsanspruch zunächst unbedacht in die Hände. Aber in NRW lerne man dazu.

Einerseits gestählt in diesen fortdauernden Kämpfen und zugleich aber frustriert von den langen Mühen der Ebenen schlich sich bei Kaddor eine gewisse Demut ein, hinsichtlich der Erreichbarkeit der hochgesteckten Ziele eines liberalen, integrierten Islam.

Sie lobte die kleinen Fortschritte und verwies auf die Geduld, die es braucht, und die Kraft, unvermeidliche Rückschläge zu ertragen und nicht aufzugeben.

Salafismus als Holzweg der jugendlichen Identitätssuche  

Also gab El-Mafaalani seiner Dialogpartnerin gleich darauf ein weiteres Päckchen zu schultern: Gebe es nicht bei vielen jungen Muslimen heute eine zunehmende Hinwendung zu einem traditionellen Islam, bis hin zu einer salafistischen Radikalisierung?

Kaddor bestritt energisch, dass es hier um originär religiös-spirituelle Vertiefung gehe, sondern die jungen Menschen suchten eine Identität, Familienersatz, Gruppenzugehörigkeit, Aufwertung zur Steigerung des Selbstwertgefühls.

Hierfür fehlten aber alternative überzeugende Angebote, die Salafisten böten mit ihren simpel gestrickten Bedienungsanleitungen für ein gottgefälliges Leben, klaren Verbotsregeln, Feindbildern und kitschigen Anfangszeit- wie Jenseitsversprechen jedoch genau das.

Mediale Zerrbilder schaden der deutschen Willkommenskultur

Talk im DKH mit Lamya Kaddor und Aladin El-Mafaalani.

Talk im DKH mit Lamya Kaddor und Aladin El-Mafaalani.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurden weitere spannende Fragen aufgeworfen und Aspekte genannt.

Natürlich ging es auch um die Silvesterübergriffe in Köln. Hier kritisierte Kaddor, dass Sexismus als ein globales Männerproblem bekämpft werden müsse, die Medien aber lieber das Negativbild des nordafrikanischen Mannes gezeichnet und damit der deutschen Willkommenskultur einen schweren Schlag versetzt hätten.

Zur medialen Verzerrungspraxis führte auch der Leiter der größten Dortmunder Grundschule ein interessantes Beispiel an: Vor acht Jahren hatte er die BILD-Zeitung im Haus. Die Regionalausgabe titelte über die multinational zusammengesetzte Schülerschaft noch begeistert: „Die erste Klasse der Vereinten Nationen“.

Die Bundesausgabe machte daraus jedoch kurz darauf die ethno-nationalistische Hiobsbotschaft: „In dieser Klasse kein deutsches Kind mehr“. Dabei bezeichnen sich seine Schulkinder durchweg als Deutsche und die unterschiedlichen Nationalitäten leben in der Nordstadt auch zunehmend bunt gemischt in ihren Wohnhäusern.

Beispiele liberaler Religionsdeutung

Großes Besucherinteresse gab es am Talk im DKH.

Großes Besucherinteresse gab es am Talk im DKH.

Ein pensionierter evangelischer Pfarrer und Superintendent bat Frau Kaddor um Erläuterung, was denn unter einem liberalen Islam zu verstehen sei.

Sie wählte zunächst das Beispiel Kopftuch. Während Fundamentalisten den von ihnen angenommenen Wortlaut der entsprechenden Koransure 1:1 in der Gegenwart leben wollen, unterziehen die Liberalen diese Stelle einer grundsätzlichen, historisierenden Überprüfung und gelangen damit in einem zweiten Schritt zu einer zeitgemäßen Auslegung, getragen von Gottesliebe und Menschenfreundlichkeit.

So war das Kopftuch zu Mohameds Zeiten das Erkennungs- und Schutzzeichen einer freien Frau, Sklavinnen war es verboten. Nun gibt es aber in heutiger Zeit keine Sklavinnen mehr und Kaddor fühlt sich durch hier landesüblich „normale“ Kleidung genügend geschützt, verzichtet mithin aus freier Entscheidung auf das Tuch.

Gruppen- oder Familienzwang habe in Glaubensdingen keinen Platz. Ähnlich verhalte es sich mit der Homosexualität. Eine historisch-kritische Exegese der einschlägigen Lot-Geschichte in Bibel und Koran zeige, dass hier nicht die Homosexualität selbst verurteilt werde, sondern die Gewalt, mit der sie in Sodom und Gomorrha praktiziert worden sei. Abgesehen davon spreche sich in der Community zunehmend herum, dass sexuelle Neigung angeboren, mithin nicht „aberziehbar“ sei.

Wunsch nach einer „von Menschenfreundlichkeit getragenen offenen Gesellschaft“

Talk im DKH mit Ilhan Atasoy, dem König vom Borsigplatz.

Talk im DKH mit Ilhan Atasoy, dem König vom Borsigplatz.

Die gläubige Muslimin Lamya Kaddor wünscht sich für Dortmund, Deutschland, Europa, die muslimischen Länder und weltweit eine von Gottesliebe und Menschenfreundlichkeit getragene offene Gesellschaft, die ihre Vielfältigkeit akzeptiert und zusammen lebt.

Dies mag auch die alte muslimische Weisheit meinen, mit der Kabarettist Ilhan Atasoy den „Talk im DKH“ beschloss: „Sünde – das ist nicht der Wein, den ich mit dir trinke, sondern das Wasser, das ich ohne dich trinken soll.“

Das Format geht auf. Einstimmung, Auflockerung und Ausklang bietet kurzweilig Kabarettist Ilhan Atasoy, der „König vom Borsigplatz“.

Weitere hochkarätige Gäste werden in die Nordstadt kommen

Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick wird mit dem Dresdener Politologen Werner Patzelt um die zutreffende Einordnung des neurechten Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft, die AfD und Pegida streiten.

Ahmad Mansour hielt einen Vortrag in der AGNRW. Das Thema: Antisemitismus unter Muslimen - Woher kommt der Hass?

Ahmad Mansour wird am 27. Mai erneut in die Nordstadt kommen.

Die beiden Journalistinnen Dunya Halali (ZDF-Morgenmagazin) und Asli Sevindim (Aktuelle Stunde, WDR) setzen sich u.a. mit der sich zunehmend enthemmenden Kritik an der vermeintlichen „Lügenpresse“ und auf sie persönlich als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ gemünzte Hasskommentare auseinander.

Der ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad, dessen aktuelles Buch „Mohamed – eine Abrechnung“ lange in den Bestsellerlisten stand, wird seine historisch-kritische Betrachtung der Bedeutung des Korans und des Propheten Mohamed darlegen und dann im offenen Disput verteidigen.

Zuerst, und zwar am 27. Mai, kommt aber der palästinensisch-israelische Psychologe und Sozialarbeiter Ahmad Mansour zum „Talk im DKH“. Er wird die dunklen Seiten des Islamismus bis hin zur gewaltbereiten Radikalisierung jugendlicher Muslime auch hierzulande beleuchten.

 

Von Dunja Hayali bis Hamed Abdel-Samad: Die neue Reihe „Talk im DKH“ wartet mit großen und streitbaren Namen auf

 

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