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Medizinische Versorgung bleibt gesichert: Gast-Haus eröffnet neue Praxisräume für Menschen in prekären Verhältnissen

Das Gast-Haus an der Ecke zur Friedrichstraße: Anlaufstelle für Menschen in prekären Lebensverhältnissen. Fotos: Thomas Engel

Es werden immer mehr Menschen, die sich beim Dortmunder Gast-Haus medizinisch behandeln lassen müssen, weil ihnen aus verschiedenen Gründen der Zugang zur Regelversorgung versperrt ist. Mit den erhöhten Bedarfen wachsen die Ansprüche an die gemeinnützige Einrichtung – es wurde zusehends eng in den bislang vorhandenen Räumlichkeiten. Nun freut sich das ehrenamtlich tätige Personal über eine Lösung: mit dem Umbau von zwei Mietwohnungen konnten in der ersten Etage der gegenüber liegenden, hauseigenen Immobilie an der Rheinischen Straße neue Behandlungs- und Beratungszimmer eingerichtet werden.

Medizinische Versorgung von Menschen in prekären Lebensverhältnissen unabdingbar

Dr. Klaus Harbig ist seit langem im Gast-Haus ehrenamtlich tätig.

Mittlerweile achtzehn Mediziner*innen – vom Hausarzt, Internisten, Gynäkologen, Augenarzt, Zahnarzt bis hin zum Unfallchirurgen und Psychiater – dazu Psycholog*innen sowie zehn Assistenzkräfte versorgen in Dortmund seit vielen Jahren in der Praxis des Gast-Hauses (der Ökumenischen Wohnungslosen-Initiative e.V./Mobiler Medizinischer Dienst) an der Rheinischen Straße Obdachlose, Wohnungslose und andere Menschen in prekären Lebensverhältnissen. ___STEADY_PAYWALL___

Solch eine ehrenamtlich geführte Gemeinschaftspraxis mit so viel Fachkompetenz ist einzigartig und in seiner Art unvergleichbar. Seit 25 Jahren, d.h. mit der Gründung des Gast-Hauses, wurden – neben der Versorgung Wohnungsloser mit Essen/Trinken, Seelsorge, Beratungsgesprächen und vielen anderen Dingen mehr – medizinische Aspekte in der Dortmunder Einrichtung mitgedacht.

2005 konnte das Angebot mit der Arbeit von Dr. Klaus Harbig, „Doc Klaus“ – dessen ehrenamtliches Engagement bereits mit verschiedenen Preisen gewürdigt wurde – erweitert werden. Schnell kamen weitere Mitstreiter*innen hinzu. Konsequenz: die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten im Tagesaufenthalt des Gast-Hauses wurden schnell zu klein, die Anzahl der zu behandelnden Gäste wuchs.

Wachsender Bedarf ist in der Einrichtung an der Rheinischen Straße deutlich spürbar

Ein wesentliche Ursache: Die Öffnung der EU Richtung Osten und in der Folge die Migration etwa von Sinti und Roma nach Dortmund, bedeutet Katrin Lauterborn, Geschäftsführerin des Gast-Hauses.

Katrin Lauterborn, Geschäftsführerin des Gast-Hauses, hinter der Glasscheibe an der Anmeldung

Auf der Basis von allerlei Versprechungen landen sie in der Stadt, sind häufig arbeitslos – und nicht krankenversichert.

Hinzukommen in jüngerer Zeit die Folgen der Corona-Pandemie, die jetzt auch in der Einrichtung spürbar werden: es mehren sich neue Gesichter, etwa bei der regelmäßigen Essensausgabe – Menschen, die infolgedessen offenbar „irgendwie“ durch vorgeschaltete soziale Netze gefallen, nun auf Einrichtungen der Hilfe angewiesen sind.

Schließlich: Der Bedarf an besonderer medizinischer Versorgung bei der eigentlichen Kernklientel des Gast-Hauses – den Obdachlosen, Wohnungslosen, von Menschen in prekären Verhältnissen – ist enorm. Geschuldet ihren spezifischen Lebensumständen und deren Auswirkungen auf Physis wie Psyche der Betroffenen.

Teils spezielle Bedürfnislage von obdachlosen und wohnungslosen Personen

Das sind neben Hautkrankheiten, Infektionen oder Verletzungen spezielle psychische Störungen wie verschiedene Formen von Depression oder Schizophrenie, häufig auch Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen, die behandelt werden sollten.

Am Eingang zur Gast-Haus-Praxis: Ehrenamtlich tätige Mediziner*innen und Mitglieder der BV-Innenstadt-West

Zudem sind da noch die üblicherweise vorkommenden Zahn-, Unterleibs- oder Augenerkrankungen, die nicht weniger therapiebedürftig sind.

Das alles hat an Ort und Stelle in eine Lage mit ausgeprägtem Anforderungsprofil geführt. Allein die Zahlen sprechen Bände. Es sind bis zu 50 Patient*innen pro Sprechstunde, 500 Patient*innen pro Quartal, die nur von Hausärzt*innen und Internist*innen dreimal in der Woche für jeweils drei Stunden versorgt werden. Im Weiteren sind da noch die Sprechstunden der Fachärzt*innen. Insgesamt kommt die medizinische Abteilung des Gast-Hauses so auf acht- bis neuntausend Behandlungen jährlich.

2008 konnte eine Kooperation mit dem Mobilen Medizinischen Dienst der Stadt Dortmund geschlossen werden. 2013 wurde die Gast-Haus-Praxis in der Rheinischen Str. 20 mit einer Sprechstundenannahme, zwei Behandlungsräumen und einem Labor eröffnet. Aber auch diese Räumlichkeiten platzten irgendwann aus allen Nähten.

Beengte Raumsituation ist nun entspannter: neue Behandlungszimmer vorgestellt

Das neue Reich der Augenärztin: bislang praktizierte sie in einer Küche

„Unsere Gäste/Patienten suchen die Regelangebote wie Krankenhäuser oder Arztpraxen entweder aufgrund eines fehlenden Krankenversichertenschutzes und/oder aus eigener Scheu und Scham nicht auf. Sie fühlen sich nicht wartezimmerfähig und sind meist dort auch nicht willkommen“, erklärt Geschäftsführerin Katrin Lauterborn die Herausforderungen ihrer Arbeit.

Für die beengte Raumsituation konnte jetzt eine Lösung gefunden werden. Mithilfe von Zuwendungen des Landes NRW, Förderungen der Deutschen Postcode Lotterie sowie der Aktion Mensch wurden weitere Räume speziell für  Fachärzt*innen, Psycholog*innen und Beratungsangebote ausgebaut. Und, soweit erforderlich, voll funktionsfähig mit hochwertigen medizinischen Geräten ausgestattet.

Beratungsbereich und Psycho-Praxis in einem

Die neuen Räume befinden sich in der ersten Etage des bislang nur im Erdgeschoss genutzten Gebäudes gegenüber dem Gast-Haus, dessen Eigentümerin die Einrichtung qua Erbschaft selbst ist. Entstanden sind die Behandlungszimmer aus zwei umgebauten Mietwohnungen.

Beherbergt sind dort zukünftig ein Gynäkologe, ein Zahnarzt, eine Augenärztin (die zuvor in der Mitarbeiterküche praktizieren musste), psychiatrisches und psychologisches Personal, schließlich die Sozial- und Rechtsberatung.

Die auf der Etage befindlichen Räumlichkeiten sollen noch durch den Anbau eines Aufzugs in diesem Jahr barrierefrei über den Hinterhof erschlossen werden, so dass vor Ort auch Gäste mit Beeinträchtigungen behandelt werden können.

 

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