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Martina Würker verlässt Dortmund – Arbeitsagentur-Chefin sucht neue Herausforderungen beim Jobcenter in Köln

Foto von Martina Würker, das über zwei Jahre bei den Nordstadtbloggern zu den Favoriten zählte. Foto: Alex Völkel

Sie kam vor zwei Jahren, nun geht sie schon wieder. Das mögen viele bedauern. Denn eigentlich ist das für die Dortmunder Seele etwas dürftig, sofern sie auf eine gewisse Bodenständigkeit Wert legt. Doch die geborene Hagenerin, die es nun aus beruflichen wie persönlichen Gründen ʽgen Kölle zieht, hat in dieser Zeit mit viel Engagement einiges bewirkt. Und in Dortmund etwas für sich erfahren: die Leidenschaft in der Stadt, die sei ihr ans Herz gewachsen, sagt Martina Würker. Bei einem der letzten Dienstauftritte – anlässlich der Vorstellung der Halbjahresbilanz auf dem Ausbildungsmarkt – konnte Nordstadtblogger die Zeit mit ihr Revue passieren lassen.

Leitmotiv der scheidenden Arbeitsagentur-Chefin: den Strukturproblemen zu Leibe rücken

Engagierte sich über zwei Jahre an der Spitze der Arbeitsagentur in Dortmund: Martina Würker

Als Martina Würker am 18. April 2017 ihren Dienst an der Spitze der Dortmunder Arbeitsagentur antrat, war ihr die Größendimension ihrer Aufgabe klar – und hatte sich eigentlich darauf eingestellt, länger zu bleiben. Zwar konnten seinerzeit auf dem kommunalen Arbeitsmarkt bereits seit einigen Jahren positive Entwicklungen beobachtet werden.

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Zwar verstärkte sich in ihrer Amtszeit diese Tendenz noch ein wenig. Doch niemand weiß genau, inwieweit sich darin lediglich ein bundesweiter Trend spiegelt und die tiefer liegende Problematik des Arbeitsmarktes in Dortmund unangetastet bleibt.

Denn bei ihrem Amtsantritt wusste die neue Agentur-Chefin und studierte Verwaltungswirtin sehr wohl um die eigentlichen, um „strukturelle Herausforderungen“, speziell in der Region. Ein relativ hoher Anteil an MigrantInnen und Flüchtlingen, Bildungsarmut, und besonders die Folgen des Strukturwandels gehören dazu. Es liegt nahe: die Auswirkungen dessen auf den Arbeitsmarkt lassen sich nicht von heute auf morgen beseitigen.

Was ihr am Herzen läge, wie sie damals sagte: die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit und die Reduzierung der Jugendarbeitslosigkeit. Gemeinsam mit Netzwerkpartnern in Dortmund hat sie sich dem gestellt, Erfolge wurden erzielt: auch die Jugend- wie Langzeitarbeitslosigkeit sanken in den letzten 24 Monaten weiter; das Verhältnis offener Ausbildungsplätze zu suchenden Jugendlichen ist heute fast 1/1. Gleichwohl: von Entspannung kann die Rede sein; Strukturdefizite bleiben unübersehbar.

Alle Kräfte bündeln – weil Arbeitsagentur und Jobcenter allein Biographien nicht mehr richten können

An der Steinstraße in der Nordstadt sind die Zentralen der Arbeitsagentur und des Jobcenters in Dortmund.

Ob bei Vorstellung der aktuellen Arbeitsmarktzahlen oder einer der vielen Maßnahmen von Agentur und Jobcenter, um Jugendlichen wie Langzeitarbeitslosen neue Brücken zum Arbeitsmarkt zu bauen, die möglichst auf individuelle Problemlagen und Qualifikationsdefizite hin zugeschnitten sind – auf den jeweiligen Terminen sagte Martina Würker immer wieder: was zuvor in einzelnen Biographien schief gelaufen sei – richten könnte es die Arbeitsagentur im Nachhinein nicht mehr.

Sondern sie könne lediglich versuchen, so gut es eben geht, vorhandene Hindernisse für eine Teilnahme am Arbeitsleben und damit am Sozialleben abzubauen. Eine, von ihren Voraussetzungen her, sicher manchmal etwas deprimierende Tätigkeit. Die vielleicht von einem guten Glauben getragen sein muss.

Bei der dann Erfolge, wenn auch nur kleine, um so versöhnlicher, hoffnungsfroher stimmen mögen, Mut machen, Kraft geben. Die Maxime, auch ihre, war immer: Niemand zurücklassen! Methode: Alle Kräfte bündeln!

Nun geht sie; ein/e NachfolgerIn steht noch nicht fest. Ihre Gründe für die Entscheidung sind nachvollziehbar: Da ist Köln, das Jobcenter dort, von wo die Anfrage kam und dessen Leitung Martina Würker ab Mai nun übernehmen wird. Eine noch größere Behörde als die Dortmunder Arbeitsagentur. Und: ihre Familie lebt verstreut im Rheinland; da dürfte der neue Arbeitsort einiges an Entlastung versprechen.

Was sie aus Dortmund mitnehme? – U.a.: Erfahrungen mit einer außergewöhnlichen Netzwerkarbeit

Es war bitterkalt an diesem Tag: einer der unzähligen Außentermine, um jungen Menschen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen.

Daher nimmt sie nun deutlich früher Abschied von Dortmund, als gedacht. Was nimmt sie aus den zwei Jahren mit?

„Was ich wirklich aus Dortmund mitnehme, ist, dass man, wenn man will, wunderbar und sehr effektiv und immer an der Sache orientiert in Netzwerken zusammenarbeiten kann“, so die scheidende Vorsitzende der Geschäftsführung bei der Dortmunder Arbeitsagentur.

„Das habe ich noch nirgendwo so erlebt wie in Dortmund. Und, das wird auch mein Bestreben sein …, meinen Beitrag dazu zu leisten, auch an einer neuen Stelle in Köln, auch im Sinne der Menschen, die im Jobcenter betreut werden, mich da so einzubringen“, so Würker.

Die übrigen lokalen Akteure werden es gern vernehmen: „Da ging’s nicht darum, ist jetzt die Stadt oder die Wirtschaftsförderung oder das Jobcenter oder die Agentur oder die Kammer das Wichtigste. Sondern: wir kriegen wir das hin, das wir so ein Thema bearbeiten; das finde ich echt, wirklich beeindruckend“, fährt sie fort.

„Die Art der Leute … entspricht mir sehr: einfach normal sein, nicht so etepetete; bin ich ja auch nicht so.“

Leidenschaft, die verbinden soll. Foto: BVB-Fanabteilung

War da noch was? Offenbar: wo es einmal um Bleibendes von einem Ort geht, das du nie vergisst; egal, wo du bist:

„Ich finde beeindruckend, mit welcher Leidenschaft Menschen am Fußball hängen können, muss ich echt sagen. Montags weißt du schon, je nachdem, wie sie dir begegnen, je nachdem, wie der BVB gespielt hat. Und ich tippe jetzt sogar, insofern hat mich der BVB ein bisschen angesteckt.“

Zum Wirklichkeitscheck dieser Aussage könnten – nach dem gestrigen Spiel in München – die Brötchen am Montag ja Mal vom Bäcker geholt werden, statt die vom Supermarkt aufzuwärmen.

Und dann wären da noch die DortmunderInnen: „Ja, und die Art der Leute, da braucht man nicht drüber zu reden, die entspricht mir sehr: einfach normal sein, nicht so etepetete; bin ich ja auch nicht so“, lässt sie keine Zweifel darüber, wo sie sich wohl fühlt.

Was denn ihr schönstes Erlebnis in der ganzen Dortmunder Zeit gewesen sei?

Neujahrsempfang im Konzerthaus 2019. Foto: Roland Gorecki

„Mein schönstes …, das ist ja jetzt ne coole Frage!“, ist Martina Würker sichtlich überrascht. Sie zögert kurz, denkt nach: „Also, ehrlich?“, schaut sie mit glänzenden Augen Richtung Fragesteller: „Der Jahresempfang im Konzertsaal beim OB, und da spielen die die Ode an die Freude und der Chor singt. Und da habe ich nur gedacht: wenn das alle Menschen hören, da könnte man eigentlich nur in Frieden leben. Es war so großartig.“

Und fährt sichtlich bewegt fort: „Da waren die Symphoniker und der Opernchor, traumhaft. Da war ich echt ergriffen. Ich hatte so das Gefühl, wenn das jemand hört und mitkriegt, dann muss er eigentlich friedlich sein.“

Diese Frau, die, nach flüchtigem Eindruck, zunächst hart wirken mag, und es mit Sicherheit als Chefin einer Arbeitsagentur auch sein kann, ja muss, um ihre Positionen erfolgreich zu vertreten: in ihren Motiven steckt Humanismus und ein feines Gefühl dafür, woran es in unserer Gesellschaft fehlt.

Menschen brauchen tatsächlichen Zugang zur Bildung – daran fehlt es: nicht nur in Dortmund

Hier macht die Arbeitsagentur-Chefin Frauen Mut, sich in den MINT-Berufen zu probieren. Foto: Alex Völkel

Bezeichnend dafür war ihre Antworttendenz zu Fragen, die Nordstadtblogger im Sommer letzten Jahres anlässlich des Gedenktages an Thomas Morus, dem ersten großen Denker demokratischer Utopie, VertreterInnen der Stadtgesellschaft stellte.

Ob sie „gläubig“ sei, wenn ja, woran? – „Ich glaube fest daran, dass alle Menschen die Sehnsucht nach ,Liebe und Anerkennung’ treibt und dass die Menschen Frieden wollen.“

Auf die Frage, was in der sozialen Wirklichkeit (in Dortmund) an einem freien und solidarischen Gemeinwesen fehle, hatte sie geantwortet: „Das setzt voraus, dass Menschen tatsächlich Zugang zu Bildung haben. Noch gelingt uns das in Deutschland nicht, auch nicht in Dortmund.“

Für den Fall, sie könnte gegenüber einer Fee einen freien Wunsch äußern? – „Frieden für alle.“

 

 

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