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Mahn- und Gedenkstätte Steinwache bilanziert 2019 – und schaut in eine Zukunft voller Herausforderungen

Dr. Stefan Mühlhofer (l.) und sein Nachfolger als neuer Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Markus Günnewig. Nach einem erfolgreichen Jahr stehen ab 2020 wichtige Veränderungen an. Fotos: Thomas Engel

Rückblick aufs vergangene Jahr und ein Blick in die Zukunft, in der sich einiges verändern wird. 23.760 Besucher*innen kamen 2019 in die Steinwache. So viel, wie noch nie, nicht zuletzt wegen des Kirchentages. An der Spitze der Mahn- und Gedenkstätte hat sich im September ein Wechsel vollzogen. Die Realisierung einer neuen Dauerausstellung ist in vollem Gange, die Bildungsarbeit soll verstärkt werden. Und da wäre noch die anvisierte bauliche Erweiterung ihres Bestandskomplexes hinter dem Nordausgang des Hauptbahnhofs. – Es stehen garantiert ereignisreiche Zeiten bevor.

Markus Günnewig ist neuer Leiter der Mahn- und Gedenkstätte am Tor zur Nordstadt

Blick in das ehemalige Gestapo-Gefängnis Steinwache

Der neue Leiter der Steinwache ist ein altbekanntes Gesicht. Eine Einarbeitungszeit würde sich wohl erübrigen, verkündet sein Vorgänger, Dr. Stefan Mühlhofer erleichtert. Denn der sei ja seit 2009 im Hause und seither sein Stellvertreter gewesen. „Seitdem ich immer mehr Sachen aufgepackt bekomme, hat er die Steinwache auch schon geleitet, im Haus alles organisiert, die Veranstaltungsprogramme gemacht.“

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Die Rede ist von Markus Günnewig, der von nun an auch formal die Dinge an einem der zentralen Orte der städtischen Erinnerungskultur verantwortlich in die Hand nehmen wird – während Stefan Mühlhofer inzwischen Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe Dortmund geworden ist.

Neben der Fortführung von Arbeiten an einer „neuen“ Steinwache und einem möglichst vielfältigen Veranstaltungsprogramm möchte Markus Günnewig insbesondere die pädagogischen Angebote weiterentwickeln und intensivieren.

Vorbereitungsseminare in der Steinwache für Gedenkstättenfahrten Dortmunder Schulen

Vor allem die pädagogischen Angebote sollen 2020 erweitert und intensiviert werden.

Gerade in Schulen werden immer wieder Bildungsfahrten zu den Vernichtungsstätten und Konzentrationslagern der Nazis organisiert. Vor den Exkursionen nach Auschwitz oder Buchenwald werden in Zusammenarbeit mit der Steinwache Vorbereitungsseminare angeboten.

Dort können sich die Jugendlichen über die Vorgeschichte von Opfern und Verfolgten informieren, die aus Dortmund stammten oder von hier wie Vieh weiter verfrachtet wurden.

So werden lokale Bezüge des Verfolgungsgeschehens mit den bekannteren Orten des Terrors hergestellt. Das Polizeigefängnis Steinwache hatte historisch die Funktion einer Durchgangsstation: für all jene, für die wegen ihrer Herkunft, Überzeugung oder Lebensorientierung unter den totalitären Ansprüchen der Nationalsozialisten kein Platz war und die dies in der Regel mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Kostenlose App Steinwache: die Opfer bekommen ein Gesicht – denn sie alle haben eine Geschichte

Screenshot der Steinwache-App

Im Rahmen solcher Bildungsarbeit der Steinwache gibt es übrigens seit längerem eine App (für Android und IOS). Mit ihrer Hilfe können historische Orte in Dortmund erkundet werden, die in einem Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Verbrechen stehen. Etwa zum heute kaum noch bekannten Südbahnhof, der ab Ende April 1942 Sammelpunkt und Drehscheibe für Transporte in die Vernichtungslager im Osten war.

Mit der App sind auch weitere Infos zu jenen NS-Opfern abrufbar, deren Namen in die überall in der Stadt verteilten Stolpersteine eingraviert sind.

Den Verfolgten und Ermordeten kommt so gleichsam eine Geschichte, ein Gesicht zu. Sie werden der Anonymität entrissen, sind nicht bloß eine Zahl, eine*r mehr, die oder der Opfer des Terrors wurde – sondern da sind Nachbar*innen, Mütter, Väter, Söhne, Töchter, unvorstellbares Leid.

Vor allem mithilfe der baulichen Erweiterung: Planung einer „Neuausstellung des Ortes“

„Neuausstellung“, darum ginge es – und nicht nur um eine neue Dauerausstellung, betont Markus Günnewig. Es soll dort folglich deutlich mehr werden, als die alte Ausstellung von 1992 nur aufzupolieren oder neu zu verpacken. Schlüsselvorhaben ist hier die bauliche Erweiterung der Gedenkstätte.

Neubau zwischen Auslandsgesellschaft und der historischen Steinwache. Quelle: Stadt Dortmund

Nachdem im Frühjahr 2019 ein Architekturwettbewerb ausgelobt wurde, dessen Ergebnisse im September der Öffentlichkeit präsentiert werden konnten (wir berichteten), geht es nun in die Ausschreibungsphase.

Beste Chancen werden hier dem Siegerentwurf eingeräumt, der vom Hamburger Büro Konermann und Siegmund Architekten GmbH stammt. Das neue Gebäude soll weitere Seminarräume, eine Fläche für Wechselausstellungen sowie Büroräume bereitstellen.

Die Architekt*innen hatten hierbei die schwierige Aufgabe, die Anforderungen auf extrem geringer Fläche und unter Berücksichtigung des historischen Bauensembles zu erfüllen – und aus Sicht der Jury am besten gelöst. Im Frühjahr 2020 beginnen die Planungen für den Bau, der auf dem Gelände des derzeitigen Parkplatzes vor der Steinwache stehen wird. Ohne dabei oberirdisch den nicht unweit davon liegenden U-Bahn-Schächten zu nahe zu kommen.

Restauratorin Dr. Julia Feldtkeller legt an den Zellenwänden alte Inschriften der Insassen frei

Auch die Arbeiten an der neuen Dauerausstellung kommen voran. Weitgehend kuratiert, befindet sie sich nun in der Entwurfsphase. Ihr Hauptteil wird in dem alten Gebäude verbleiben, zeitgemäß präsentiert. Einzelheiten müssen noch geklärt werden.

Restauratorin Dr. Julia Feldtkeller

Derzeit arbeitet die Restauratorin Dr. Julia Feldtkeller im Gebäude daran, mit aller Vorsicht Inschriften an den Zellenwänden freizulegen, die von den Gefangenen während ihres Martyriums dort hinterlassen, später überstrichen wurden.

Die Neuaufstellung der Institution soll ihrer verbesserten Wahrnehmung dienen, erklärt der neue Leiter – Stichwort: „Adressbildung“. Wie ein konturierter Punkt in einer Masse.

Im Mittelpunkt der neuen Ausstellung stehen das historische Polizeigefängnis und seine Rolle im Nationalsozialismus – erzählt anhand der Geschichten von Insassen, aber auch von Polizisten und anderen Verantwortlichen. Die Präsentation wird zeitgleich mit dem Erweiterungsbau eröffnet werden.

Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren: Gewichtige Veranstaltungen fürs erste Halbjahr 2020 geplant

Teil einer freigelegten, zuvor überstrichenen Inschrift

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Dessen anlässlich gab es 2019 in der Steinwache eine Veranstaltungsreihe, in der insbesondere weitgehend unbekannte Aspekte beleuchtet wurden – wie zum Beispiel seine Folgen für die Dritte Welt oder den jüdischen Widerstand.

2020 geht es heute durch die maßgeblich von der Gedenkstätte Steinwache mit organisierte zentralen Holocaust-Gedenkveranstaltung in Dortmund weiter. Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) wird Prof. Constantin Goschler (Ruhr-Universität Bochum) nach 18 Uhr über den Umgang mit dem Holocaust in der Bundesrepublik sprechen.

Bruchstückhafte Übersetzung einer Inschrift

Im Februar stellen Ludger Fittkau und Marie-Christine Werner ihr Buch „Die Konspirateure. Der zivile Widerstand hinter dem 20. Juli 1944“ vor (6. Februar). Am 20. Februar wird mit „Liza ruft!“ ein Dokumentarfilm von Christian Carlsen über eine jüdische Partisanin im Zweiten Weltkrieg gezeigt.

Am 9. April präsentiert Dr. Christoph Kreutzmüller in der Steinwache das Buch „Die fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz“ – die neueste Arbeit zum weltbekannten sogenannten „Auschwitz-Album“.

Am 28. April kommt der derzeit wohl bekannteste deutsche Antisemitismusforscher Prof. Dr. Samuel Salzborn mit seinem neuesten Buch „Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ ins MKK. Im Mai schließlich besucht Dr. Klaus Theweleit mit seinem neuaufgelegten Buch „Männerphantasien“ – einem Klassiker der Faschismusforschung der 1970er Jahre – auf Einladung in die Steinwache nach Dortmund.

 

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3 Gedanken über “Mahn- und Gedenkstätte Steinwache bilanziert 2019 – und schaut in eine Zukunft voller Herausforderungen

  1. Stadt Dortmund (Pressemitteilung)

    Die Erben der Arisierung: Vortrag von Armin H. Flesch in der Steinwache

    Über „Die Erben der Arisierung“ spricht der Autor Armin H. Flesch am Dienstag, 4. Februar, 19 Uhr in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache (Steinstraße 50): Sein Thema ist der Umgang heutiger Eigentümer mittelständischer Familienunternehmen mit der NS-Vergangenheit ihrer Firmen und Familien. Der Eintritt ist frei.

    Ausgehend vom Fall eines Familienunternehmens, das eine 100-jährige Firmengeschichte behauptete, obwohl das Unternehmen in den Dreißigerjahren „arisiert“ worden war, recherchiert der Journalist Flesch seit 2014 rund um das Thema und fand viele weitere Fälle.

  2. Stadt Dortmund (Pressemitteilung)

    „Die Konspirateure“: Buchvorstellung in der Steinwache zum zivilen Widerstand hinter dem 20. Juli 1944

    „Die Konspirateure“ ist der Titel eines Buchs, in dem sich Ludger Fittkau und Marie-Christine Werner mit dem zivilen Widerstand hinter dem 20. Juli 1944 beschäftigen. Am Donnerstag, 6. Februar, 19 Uhr präsentieren sie das Werk in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache (Steinstraße 50). Der Eintritt ist frei.

    Das Buch behandelt eine weniger bekannte Geschichte hinter dem Attentat auf Hitler: Es geht um beteiligte Nicht-Militärs und ihre heimlichen Treffpunkte. Es waren mutige Kaufleute, katholische Frauenrechtlerinnen oder links-sozialistische Pazifisten, die sich an verschwiegenen Orten trafen. Erzählt wird von vielen hundert Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, von Polizisten und Wettbürobetreibern. Von versierten Untergrund-Aktivisten, die sich darauf vorbereiteten, nach einem gelungenen Attentat öffentliche Verwaltungen und Rundfunkstationen zu besetzen. Marie-Christine Werner und Ludger Fittkau verfolgen vor Ort die Strukturen des zivilen Flügels des 20. Juli 1944 und erzählen die verschlungenen Schicksale der Beteiligten.

    Ludger Fittkau studierte Sozialpädagogik und war ab Mitte der 1980er-Jahre in der offenen Jugendarbeit in Essen und Oberhausen tätig. Er arbeitet als freier journalistischer Mitarbeiter u.a. für den WDR und den Deutschlandfunk. Seit 2013 berichtet er als Landeskorrespondent aus Hessen für den Deutschlandfunk. Die Deutsch-Französin Marie-Christine Werner studierte Komparatistik, Italianistik, Völker- und Europarecht in Saarbrücken. Seit 2000 arbeitet sie als Redakteurin und Moderatorin beim SWR in Mainz. Als Autorin auch längerer Sendungen hat sie sich immer wieder mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt.

  3. Sonntagsführungen in der Steinwache :Die Mahn- und Gedenkstätte bietet am Sonntag zwei Führungen an (PM)Nordstadtblogger-Redaktion

    Sonntagsführungen in der Steinwache

    Die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache bietet am Sonntag, 13. Juli um 14 Uhr zwei Führungen an.

    In der Gedenkstätte selbst gibt es eine Einführung in die Geschichte des Hauses sowie in die Dauerausstellung. Anschließend kann die Ausstellung besucht werden, und die Mitarbeiter*innen stehen als Ansprechpartner*innen zur Verfügung. Eine klassische Führung durchs Haus ist derzeit aufgrund der geringen Raumgröße der ehemaligen Zellen nicht möglich.

    Parallel beginnt im Hof der Steinwache eine öffentliche Führung für zehn Teilnehmende, die an unterschiedliche Orte in der Innenstadt führt und deren NS-Geschichte vorstellt. Thematisiert werden dabei die „Machtergreifung“ in Dortmund, der blutige Terror der Nationalsozialisten 1933, Krieg, Holocaust und Zwangsarbeit.

    Beide Veranstaltungen dauern etwa 90 Minuten. Vorab müssen sich die Teilnehmenden in Listen eintragen, um ggf. Infektionsketten nachvollziehbar zu machen.

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