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Ausstellung zur „Aktion Reinhardt“ in der Steinwache – Vier interessante Vorträge über Täter, Opfer und Kollaborateure

Mehr als eine Million Menschen wurden von den Nazis allein in Auschwitz-Birkenau ermordet. Die Ausstellung „Aktion Reinhardt“ beleuchtet den Vernichtungsprozess im gesamten polnischen Besatzungsgebiet. Foto: Alex Völkel

Seit Anfang Oktober ist in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache am Dortmunder Hauptbahnhof eine Sonderausstellung zu den sogenannten „Säuberungsaktionen“ der Deutschen im besetzten Polen zu sehen. Vor 76 Jahren startete die „Aktion Reinhardt“: So bezeichnete man später die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung im besetzten Polen. Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder wurden aus den Ghettos in die eigens eingerichteten Mordlager Treblinka, Sobibór und Belzec verschleppt. 

Ingrid Strobl spricht über die Rolle der Frauen im Widerstand gegen den Holocaust und die Besatzung

Die Ausstellungseröffnung Anfang Oktober war bereits gut besucht. Foto: Arnd Lülfing

Doch anders als Auschwitz, dem internationalen Symbol für den Holocaust, sind diese Tatorte heute nur wenigen ein Begriff. Das zu ändern ist das Anliegen der Ausstellung “Aktion Reinhardt‘ – Sie kamen ins Ghetto…Sie gingen ins Unbekannte“. Noch bis zum 10. November ist sie in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in der Steinstraße 50 zu sehen. Zusätzlich wird die Ausstellung von vier interessanten Vorträgen begleitet.

Am morgigen Donnerstag, den 18. Oktober, spricht Ingrid Strobl unter dem Titel „Wir wollten etwas tun“ über den jüdischen Widerstand im besetzten Polen. Die österreichische Journalistin promovierte zum Thema Rhetorik im Dritten Reich, machte sich später einen Namen bei der Erforschung der Beteiligung von Frauen am Widerstand gegen den Holocaust und die deutsche Besatzung. 

Anfang der 90er wurde Strobl medial bekannter, da sie auf Grund des Vorwurfs der Unterstützung einer terroristischen Organisation zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Das Urteil wurde kurz darauf vom Bundesgerichtshof aufgehoben. Außerdem ist sie vielen Menschen als langjährige Redakteurin der Zeitschrift Emma bekannt. Die Veranstaltung wird um 19 Uhr beginnen und der Eintritt ist frei.

Über die Verwaltung des Terrors und den verzweifelten Mut zum Widerstand

Im Dortmunder Stadtgebiet erinnern die Stolpersteine an deportierte jüdische MitbürgerInnen. Foto: Klaus Hartmann

Am Donnerstag, den 25. Oktober, referiert ebenfalls um 19 Uhr, Dr. Steffen Hänschen über „Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust. Die Deportationen in den Distrikt Lublin im Frühsommer 1942“. Hänschen, Mitarbeiter des Bildungswerks Stanisław Hantz e.V., rekonstruiert, was in Izbica geschah, wie es den Überlebenden nach dem Krieg erging und verfolgt die Nachkriegsverfahren gegen deutsche Täter und polnische Kollaborateure. Auch an diesem Abend ist der Eintritt kostenlos.

Dr. Stefan Klemp und Andreas Jahrs sprechen am Donnerstag, den 1. November, um 19 Uhr über die sogenannte „Aktion Erntefest“, das Ende der „Aktion Reinhardt“. Polizisten und SS-Angehörige im Distrikt Lublin erschossen am 3. und 4. November 1943 die letzten überlebenden Juden in den Lagern Majdanek, Trawniki und Poniatowa – insgesamt mehr als 40.000 Menschen.

Klemp, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und Jahrs vom Bildungswerk Stanisław Hantz e.V. stellen die Ergebnisse ihrer Forschungen vor. Grundlage sind vor allem die Aussagen von Tätern und den wenigen überlebenden Opfern, aber auch Ergebnisse der später teilweise angestrengten Ermittlungsverfahren. Der Eintritt ist kostenlos.

Forschung befreit die Geschichtsschreibung von Mythen und Legenden

Noch bis zum 10. November kann die Ausstellung in der Steinwache besucht werden. Foto: Arnd Lülfing

Den Abschluss bildet der Vortrag „Hunderte solcher Helden“ von Dr. Franziska Bruder am Donnerstag, den 8. November, um 19 Uhr. Der Aufstand der Juden in Sobibór ist eines der eindringlichsten Beispiele gegen die These, Juden hätten sich wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen.

Dr. Franziska Bruder, die vor allem zu Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in Polen und der Ukraine sowie zu jüdischem Widerstand gearbeitet hat, geht in ihrem Vortrag unter anderem der Frage nach, wer die Akteure des Aufstands waren: Woher kamen sie? Verfügten sie über politische, organisatorische oder konspirative Erfahrungen? Welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Zeit nach dem Aufstand bis zur Befreiung überleben zu können? Auch an diesem Abend ist der Eintritt kostenlos.

Die Ausstellung „Aktion Reinhardt“ besteht aus 20 Tafeln, auf denen das Geschehen, Opfer und Täter, Orte und der Verlauf dieser beispiellosen Massenmordaktion nachzuvollziehen sind. Die Ausstellung wurde 2013 von der Gedenkstätte Majdanek anlässlich des 70. Jahrestages der „Aktion Reinhardt“ erstellt. Sie kann dienstags bis sonntags in der Zeit zwischen 10 und 17 Uhr kostenlos besichtigt werden.

Weitere Informationen:

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Ein Gedanke zu “Ausstellung zur „Aktion Reinhardt“ in der Steinwache – Vier interessante Vorträge über Täter, Opfer und Kollaborateure

  1. Mahn- und Gedenkstätte Steinwache (Pressemitteilung) Beitrags Autor

    „Hunderte solcher Helden“: Vortrag über jüdischen Aufstand im NS-Vernichtungslager Sobibór

    „Hunderte solcher Helden“ ist der Titel eines Vortrags am Donnerstag, 8. November, 19 Uhr in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache (Steinstr. 50): Dr. Franziska Bruder spricht dort über den Aufstand jüdischer Gefangener im NS-Vernichtungslager Sobibór.

    Dort wurden etwa 170.000 Menschen ermordet, in ihrer überwältigenden Mehrheit europäische Juden. Sobibór war ein reines Vernichtungslager, die Menschen wurden nach der Ankunft direkt in die Gaskammer geführt. Lediglich 550-600 Gefangene wurden für Arbeiten im Lager und rund um den Vernichtungsvorgang selektiert. Der Aufstand der Juden in Sobibór ist eines der eindringlichsten Beispiele gegen die These, Juden hätten sich „wie Lämmer zur Schlachtbank“ führen lassen.

    Dr. Franziska Bruder, die vor allem zu Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in Polen und der Ukraine sowie zu jüdischem Widerstand gearbeitet hat, geht in ihrem Vortrag unter anderem der Frage nach, wer die Akteure des Aufstands waren: Woher kamen sie? Verfügten sie über politische, organisatorische oder konspirative Erfahrungen? Welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Zeit nach dem Aufstand bis zur Befreiung überleben zu können?

    Der Eintritt ist frei. Der Vortrag gehört zum Begleitprogramm der Ausstellung „‘Aktion Reinhardt‘ – Sie kamen ins Ghetto…Sie gingen ins Unbekannte“ (bis 10. November) in der Steinwache.

    http://www.steinwache.dortmund.de

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