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Helden oder Kriminelle? Podiumsdiskussion mit Seenotrettern im DKH und offener Brief an Kanzlerin Angela Merkel

Der gemeinsame Kampf gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung und die Abschottungspolitik Europas vereint auch in Dortmund die unterschiedlichsten AktivistInnen und Organisationen. Fotos: Alex Völkel

Das Sterben im Mittelmeer, die Abschottung Europas und die Kriminalisierung der Helferinnen und Helfer der Organisationen – das sind die Themen einer Podiumsdiskussion beim nächsten Abend in der Reihe „KulturellLeben“ im Dietrich-Keuning-Haus. Am Dienstag, 9. April, 19 Uhr kommen an der Leopoldstraße 50 in der Nordstadt drei Akteurinnen und Akteure der Organisationen Sea-Watch, Sea-Eye und Mission Lifeline zu Wort. Der Eintritt ist frei.

Kampf gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung und europäische Abschottungspolitik

Es moderiert bodo-Redakteur Bastian Pütter. Menschen versuchen aus purer Verzweiflung, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Viele bezahlen die riskante Überfahrt mit ihrem Leben, auch weil die EU und ihre Mitgliedsstaaten nicht helfen oder retten.

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Mehrere zivile Organisationen haben sich der Seenotrettung auf dem Mittelmeer verschrieben. Obwohl nach internationalem Seerecht verpflichtend, gerät die Seenotrettung mehr und mehr in die Kritik: Das Engagement für die Rettung von Menschenleben entspricht nicht mehr der europäischen Politik der Abschottung und Abschreckung. Seenotrettung wird kriminalisiert und mit dem Vorwurf der Unterstützung von Schleusern konfrontiert.

Wie die Akteurinnen und Akteure damit umgehen, inwiefern sie an der Rettung von Menschen in Not gehindert werden, ist Thema der Diskussion. Diane Glossop (55) ist Krankenschwester und seit 2017 Aktivistin bei Sea-Eye.

Erfahrene AktivistInnen berichten über ihre Erlebnisse und klären auf

Im Mai 2017 fuhr sie ihre erste Mission als Paramedic mit, bei der 664 Menschen gerettet wurden. Im Sommer 2018 fuhr sie ihre vorletzte Mission mit dem Schiff Seefuchs. 119 Menschen wurden gerettet. Ihr letzter Einsatz war die Odyssee während der Weihnachtsmission Ende 2018 mit dem Schiff Professor Albrecht Penck.

Der 30-jährige Till Klein ist Assistenzarzt an der Uniklinik in Aachen, nebenberuflich leitender Druckkammer-Arzt der GTÜM e.V. und am Druckkammer-Zentrum in Aachen als Taucher- und Druckkammerarzt zuständig. Außerdem arbeitet er als Notarzt und Flugarzt sowie ehrenamtlich für Sea-Watch.

Claus-Peter Reisch, 58, ist gelernter Kfz-Mechatroniker. Bekannt wurde er als Schiffsführer der Mission Lifeline, die Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer aufgegriffen und in europäische Häfen gebracht hat.

Netzwerk Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe appelliert an die humanitäre Verantwortung

Der frühere Superintendent Paul-Gerhard Stamm ist Sprecher der Ehrenamtlichen in der Dortmunder Flüchtlingshilfe.

Paul-Gerhard Stamm ist Sprecher der Ehrenamtlichen in der Dortmunder Flüchtlingshilfe. Foto: Alex Völkel

Unabhängig von der Veranstaltung hat sich das Dortmunder Netzwerk ehrenamtlicher FlüchtlingshelferInnen mit einem offen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewandt. In ihm wenden sich mehr als 250 zivilgesellschaftliche Organisationen angesichts des Sterbens auf dem Mittelmeer und der katastrophalen Lage in Libyen an Angela Merkel.

PRO ASYL, Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International, Sea-Watch, Seebrücke, Diakonie, Caritas, Brot für die Welt, Misereor, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die vielen weiteren unterzeichnenden Organisationen kritisieren: 

„Wir sind erschüttert angesichts der gegenwärtigen europäischen Politik, die immer stärker auf Abschottung und Abschreckung setzt – und dabei tausendfaches Sterben billigend in Kauf nimmt. All diese Menschen haben Schutz und eine menschenwürdige Zukunft für sich und ihre Familien gesucht. Die Pflicht zur Seenotrettung ist Völkerrecht und das Recht auf Leben nicht verhandelbar.“

Forderungen: Notfallplan für Bootsflüchtlinge, sichere Häfen und Rückführungsverbot nach Libyen

Die Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen, Seenotrettungsorganisationen, Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Gewerkschaften und Jugendverbände, fordern eine Neuausrichtung der deutschen und europäischen Politik. Im Mittelpunkt stehen die drei Forderungen nach einem Notfallplan für Bootsflüchtlinge, der Möglichkeit von „Sicheren Häfen“ und dem Rückführungsverbot nach Libyen. 

Diese Maßnahmen seien „Wege aus der derzeitigen humanitären Katastrophe und der politischen Krise.“ Aufnahmebereite Mitgliedsstaaten sollen, so der offene Brief, aus Seenot gerettete und in EU-Mittelmeeranrainerstaaten gestrandete Schutzsuchende aufnehmen. Den Kommunen, die sich bereit erklärt haben, Geflüchtete aufzunehmen, müsse eine Möglichkeit geschaffen werden, freiwillig zusätzliche Schutzssuchende aufzunehmen.

Nach Libyen zurückgebrachte Flüchtlinge seien systematisch Folter, Versklavung und Gewalt ausgesetzt. Jede Unterstützung und Ausbildung der sogenannten libyschen Küstenwache soll eingestellt werden.

Generell fordern die UnterzeichnerInnen des offenen Briefs die Beendigung der aktuellen Politik. „Sie bedroht nicht nur das Leben von Menschen, sie setzt auch unsere eigene Humanität und unsere Werte aufs Spiel.“ Die zivilgesellschaftlichen Organisationen betonen, sich auch künftig für politische Lösungen einzusetzen, „die von Humanität geleitet sind.“ Der offene Brief ist am 3. April der Bundeskanzlerin übergeben worden. Der gesamte Brief kann als pdf-Datei im Anhang des Artikels eingesehen oder heruntergeladen werden.

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Weitere Informationen:

Mit der Dortmunder Reihe KulturellLeben laden das Multikulturelle Forum e.V., das Dietrich-Keuning-Haus und der Planerladen e.V. regelmäßig mit Lesungen, Gesprächen oder Filmabenden dazu ein, die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft und der Stadt kennen und schätzen zu lernen. In dieser Veranstaltung zur Seenotrettung kooperieren außerdem Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW, bodo e.V., Train of Hope e.V., Seebrücke-Dortmund und Flüchtlingspaten Dortmund e.V.

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