Gute Nachrichten für den Radverkehr: Stadtrat gibt grünes Licht für neue Ost-West-Tangente in der Nordstadt

Weit und breit kein Weg fürs Rad; hier: Treibstraße, Richtung Sunderweg/Unionstraße. Foto: Thomas Engel

Der Dortmunder Rat hat für einen weiteren Schritt Richtung Verkehrswende die Weichen gestellt. Zur schnellen Querung von West nach Ost am südlichen Rande der nördlichen Innenstadt soll ein bidirektionaler Radweg entstehen. Damit wird eine alte Forderung aus der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord aufgenommen. Die Realisierung des Projektes wird definitiv Folgen für den motorisierten Individualverkehr haben: in beide Richtungen wird er eine Spur verlieren und kommt daher keineswegs ungeschoren davon. Die Planer*innen aus der Stadtverwaltung verhehlen dies nicht, glauben aber auch nicht an signifikante Beeinträchtigungen jenseits der Stoßzeiten.

Nordstadt-Tangente wird ein integraler Bestandteil des zukünftigen Dortmunder Radwegenetzes

Geplanter Radweg, von West nach Ost. Quelle: Stadt Do

Letzte Sitzung vor der Sommerpause in der vergangenen Woche: der Dortmunder Stadtrat beschließt mehrheitlich – gegen die Stimmen der Fraktionen von CDU und AfD – grundsätzlich „die Schaffung von Radverkehrsanlagen durch Markierung von Radfahrstreifen im Straßenzug Treibstraße, Grüne Straße, Steinstraße, Heiligegartenstraße, Jägerstraße und Gronaustraße (bis Bleichmärsch), indem er die Verwaltung beauftragt, in die weitergehende Planung einzusteigen“. ___STEADY_PAYWALL___

Dafür ist eine zusätzliche verkehrstechnische Untersuchung vonnöten, die vom Dortmunder Tiefbauamt durchgeführt werden wird und ab sofort Teil von dessen Jahresarbeitsprogramm 2022 ist.

Bis zur Realisierung des Gesamtprojektes wird es mithin noch ein wenig dauern – aber immerhin, es wurde auf den Weg gebracht. Bedeutsam aus zwei naheliegenden Gründen.

Im Entwurf des Zielnetzes für den Radverkehr, der in der zweiten Jahreshälfte 2021 als Teil des Masterplans Mobilität in die politische Beratung gehen soll, ist die etwa zwei Kilometer lange Ost-West-Strecke als Hauptroute ausgewiesen und daher nicht irgendein vergnüglicher Radelweg.

Sondern integraler Bestandteil des zukünftigen Dortmunder Radwegenetzes im Zuge der angestrebten und aus Gründen des Klimaschutzes längst überfälligen Verkehrswende.

Im Streckenverlauf sollen die Radfahrstreifen überwiegend eine Breite von drei Metern erhalten und als sogenannte „gesicherte Radwege“ baulich abgegrenzt werden zur Straße. Dem motorisierten Individualverkehr stünde künftig nur noch je eine Richtungsfahrbahn zur Verfügung; außer, es kommen Abbiegespuren vor Ampelanlagen dazu.

Verdichtung und Ertüchtigung der Netze für alternative Fortbewegungsweisen

Im Weiteren reicht ein Blick auf den gegenwärtigen Ist-Zustand in den fraglichen Straßenzügen. Zwei, manchmal – bei Linksabbiegern – drei Spuren fürs liebe Auto, der Radverkehr geht leer aus.

„Ghost Bikes“ erinnern an unverschuldet getötete RadfahrerInnen. Foto: Leopold Achilles
Ohne Worte. Foto: Leopold Achilles

Mit naheliegenden Folgen: es ist seine Unattraktivität, am Ende auch die Gefährdung schwächerer Verkehrsteilnehmer*innen durch harte Blechkarosserien auf den Straßen, fatal sichtbar an den Ghost-Bices in Dortmund.

Das alles hat sich in der Stadtgesellschaft mittlerweile rumgesprochen – und deswegen ist für eine politische Mehrheit Schluss mit lustig. Es wird ernst und geht für den Autoverkehr an seine Privilegien, die über Jahrzehnte Bestand hatten. Indem zu seinen Ungunsten umweltfreundliche alternative Fortbewegungsweisen durch Verdichtung und Ertüchtigung der entsprechenden Netze gefördert werden.

Es betrifft den Fußverkehr, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), schließlich auch den Ausbau der Radwegeinfrastruktur. Im Zweifelsfall werden hier Straßen, die wegen der baulichen Gegebenheiten nicht breiter werden können, schmaler für Autos. Ganz einfach: Fahrstreifen fallen weg, wo die Motorisierten bisher kraft ihrer Stärke nahezu Exklusivität beanspruchen konnten. Das tut weh, aber ist unvermeidlich. Was sich in den politischen Debatten der Kommune widerspiegelt.

Beträchtlicher Unmut in der Dortmunder Nordstadt wegen fehlender Radwege

Den geplanten Ost-West-Achsen-Radweg von der Treibstraße bis zur Einmündung in die Bleichmärschstraße im Visier, der nun vom Stadtrat auf den Weg gebracht wurde, offerieren die Dortmunder Stadtplaner*innen gleichwohl keine neue Idee.

An solchen Lagen für Radwege soll und muss sich in ganz Dortmund etwas ändern. Foto: Karsten Wickern

Sie entstand vor über vier Jahren als Forderung in der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord, versandete aber darauf „irgendwie“. Sehr zum Unmut des Gremiums und vieler Bewohner*innen aus der Nordstadt.

Nicht umsonst stellte SPD-Sprecherin Carla Neumann-Lieven in der vergangenen Woche im Rat fest: Was sich für die Nordstädter*innen an Radwegen auftäte: sie seien häufig im Regen stehengelassen worden. Und mahnt: „Ich bitte die Verwaltung daher ausdrücklich, diese Bereiche [Straßenzüge – d.R.] schnellstens auch umzusetzen, damit die Nordstädter sehen: Ja, wir tun auch eine Menge für sie.“

Auch die Stellungnahmen der anderen Fraktionen zu dem Thema waren knapp. Ihre Positionen hatten sich bereits im Vorfeld bei den Beratungen in den zuständigen Fachausschüssen geklärt. Danach musste die abschließende Zustimmung des Stadtrates zur Ost-West-Tangente als sicher gelten.

Pop-up-Radwege in Dortmund: Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach …

Pop-up-Radwege – wie hier Grüne Straße – erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Die Stadtverwaltung mag sie weniger. Foto: Klaus Hartmann

Utz Kowalewski bekräftigt für Die Linke+: Zustimmung, gerade auch im Zusammenhang mit der Verkehrsplanung im Bahnhofsbereich (Wallumbau, Neugestaltung des nördlichen Bahnhofsumfeldes). Um jetzt zu sagen, wo der Radverkehr dort später geführt werden solle.

Matthias Dudde erklärt für Bündnis 90/Die Grünen: Auch sie gehen mit. Das sei bei dem Thema Nahverkehr mit dieser nun geplanten Verbindung immerhin „ein erster Schritt“, aber sicher nicht die „optimale Lösung“. So haben die Grünen etwa als kurzfristige Maßnahme sog. Pop-up-Radwege im Sinn, da könne noch einiges ausprobiert werden, so der Grünen-Politiker.

Doch bei der Verwaltung stößt dies bisher auf wenig Gegenliebe, wie Planungsdezernent Ludger Wilde in den Diskussionen der letzten Monate wiederholt deutlich machte. Aber besser den Spatz in der Hand: „Aber wir wollen dem jetzt erst einmal nicht im Wege stehen und unterstützen diese Vorlage“, so Dudde.

Sorge um den motorisierten Verkehrsfluss: Dortmunder CDU steht Radweg kritisch gegenüber

Der planungspolitische Sprecher der CDU, Uwe Waßmann, bekräftigt die Ablehnung der Beschlussvorlage seitens seiner Fraktion. Diese hatte bei den Beratungen zur Sache im Ausschuss für Klimaschutz kurzfristig noch einen Ergänzungsantrag eingebracht, der dort in entscheidenden Punkten mehrheitlich abgelehnt worden war. Denn er lief im Endeffekt darauf hinaus, das gesamte Vorhaben auf den Prüfstand zu stellen und hätte so dessen Realisierung weiter verzögert (wir berichteten, s. den ersten Link unten).

Ein Aufschub, der wohl im Sinne der CDU gewesen wäre: Problematisch ist für die an dem von der Verwaltung vorgelegten Konzept offenbar vor allem die darin vorgesehene „Verringerung der Fahrspuren aufgrund des hohen motorisierten Verkehrsaufkommens“ in den entsprechenden Straßenzügen, konkretisiert etwa ihr Sprecher Reinhard Frank bei den Beratungen im Fachausschuss für Mobilität.

Das wiederum sehen die Planer*innen aus der Stadtverwaltung etwas anders, gleichwohl sie nicht verhehlen, dass es wegen der Fahrbahnverringerung für den motorisierten Privatverkehr zu Stoßzeiten etwaig zu Beeinträchtigungen kommen könnte. Die Verkehrswende gibt es halt nicht für umsonst. So weh es auch tut, es ist vorbei. Für eine Mehrheit in der Stadt ist das Klima wichtiger. Und die Sicherheit schwächerer Verkehrsteilnehmer*innen.

Weitere Informationen:

  • Beschluss des Dortmunder Stadtrates zur Ost-West-Tangente im Wortlaut; hier:
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